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Ehescheidung und Wiederverheiratung

Marco H. Kälin stellte in seiner pastoralen Praxis als Pastor in den Niederlanden fest, dass er überkommene Positionen zum Thema „Scheidung und Wiederheirat“ unreflektiert übernommen hatte. Auch angesichts der seelsorgerlichen Herausforderungen in seiner Gemeinde griff er das Thema deshalb in einer Dissertation auf, die er an der konservativen Liberty University in den USA einreichte und aus der dieses Buch entstanden ist.

Seine Hauptthese und -sicht lässt sich folgendermaßen umreißen: Er betrachtet Ehe als eine freiwillige Vertragsbeziehung zwischen einem Mann und einer Frau, geschlossen unter den Bedingungen von ehelicher Treue, gegenseitiger Versorgung mit Nahrung und Kleidung sowie ehelicher Liebe. Wenn ein Partner diese Bedingungen nicht erfüllt, könne der andere biblisch legitim die Ehe beenden und wieder neu heiraten. Die zentrale Bibelstelle für seine Argumentation stellt das Gesetz in 2Mose 21,10-11 dar: Hier wird ein Israelit verpflichtet, in die Scheidung von einer Sklavin einzuwilligen, der er nicht das gibt, was ihr an Nahrung, Kleidung und ehelichem Recht zusteht. Kälin folgert, dass, wenn dieser Schutz schon Sklavinnen zustand, er auf alle anderen bezogen werden kann.

In seiner Hermeneutik ist es Kälin wichtig – wie der Untertitel schon sagt –, die Bibel in ihrem Kontext zu verstehen. Dafür bezieht er sich insbesondere auf rabbinische Quellen, aber auch auf andere außerbiblische Texte, hauptsächlich aus zwischentestamentarischer oder neutestamentlicher Zeit. Marco Kälin arbeitet aus rabbinischen Quellen heraus, dass die Ehepflichten aus 2Mose 21 Allgemeingut waren und zeigt auch, wie Gott sie in der Metapher als Ehemann Israels treu erfüllt hat – im Gegensatz zu seinem Volk. Auch bei ihm habe die Untreue des Volkes in einer Scheidung gemündet.

Im Neuen Testament sieht Marco Kälin dieses Allgemeingut bei Jesus und bei Paulus vorausgesetzt. So lehne Jesus nicht Wiederverheiratung generell ab, sondern nur nach einer illegitimen Scheidung. Genauso fordere später Paulus Versöhnung mit dem vorherigen Partner nur nach einer unrechtmäßigen Scheidung. Wenn ein ungläubiger Partner sich vom Gläubigen trennt, sei der Gläubige wieder frei zu heiraten.

Kälin schließt sein Buch, indem er skizziert, wie die Ehebedingungen praktisch aussehen können, und spielt an fiktiven Beispielen durch, was sein Ansatz für die Praxis bedeutet.

Die rabbinischen Texte sind sehr anschaulich. Allerdings ist es zeitweise beim Alten Testament irritierend, dass der Autor sie zur Deu-tung von Texten heran­zieht, die rund 1500 Jahre früher entstanden sind.

Wenn Kälin Gott als Vorbild für Scheidung ins Spiel bringt, so übersieht er, dass der Scheidung von Israel eine Versöhnung und Wiederannahme folgt.

Marco H. Kälin: Ehescheidung und Wiederverheiratung. Ein biblisch-kontextueller Ansatz. Selbstverlag 2025, 199 S. 19,90 €. ISBN: 978-90-836048-8-6

Bei den neutestamentlichen Texten ist die Frage, ob die für Jesus und Paulus ange­nommenen Denkvoraussetzungen wirklich zum neutestamentlichen Text­zu­sam­menhang passen. Bei Jesus stellt sich die Frage angesichts des Schocks der Jünger über die Lehre Jesu. Hier meint Kälin interessanterweise, dass die Jünger erschrecken, weil Jesus nur „Unzucht“ als Scheidungsgrund nennt (die anderen sonst von ihm genannten Gründe, führt Kälin hier nicht an). Bei Paulus erodiere laut Kälin der im 1. Korintherbrief so allgemein formulierte Aufruf für Geschiedene zu Versöhnung oder Enthaltsamkeit (1Kor 7,11). Die von Kälin formulierte Freiheit zur Wiederheirat für Christen, deren ungläubiger Partner sich von ihnen getrennt hat, überrascht angesichts der Ablehnung von Wiederheirat bei Jesus und Paulus.

In der Praxis mag man fragen, ob mit Kälins Ansatz nicht jede Person, deren Partner ausgezogen ist, frei ist für eine Wiederheirat. Schließlich hält der andere so nicht mehr seine Eheversprechen. Es tut sich eine Kluft auf zwischen den rigorosen Forderungen des Neuen Testaments und dem, worauf es bei Kälin hinauszulaufen scheint.

Insgesamt ist zu begrüßen, dass Kälin mit 2Mose 21,10-11 eine – wie er selbst feststellt – vernachlässigte Bibelstelle in die Diskussion einbezieht. Es erscheint mir jedoch fraglich, ob seine Gewichtung dieser Eheverpflichtungen dem Anliegen des Neuen Testaments und seiner Radikalität gerecht wird.