LiteraturAufsatzband, Buchbesprechungen

Die Pharisäer. Geschichte und Bedeutung

Dieses Buch ist eine Sammlung von insgesamt 23 Aufsätzen unterschiedlicher Forscher, die sich verschiedenen Fragestellungen zu den Pharisäern widmen. Das Buch gliedert sich in drei Teile: In einem ersten Teil sind Aufsätze zusammengestellt, die die Herkunft, den Namen und die Positionen der Pharisäer anhand der Darstellung in biblischen und außerbiblischen Quellen thematisieren. Dies ist zugleich der interessanteste Teil des Buches, weil er auch für ein besseres Verständnis der Pharisäer im Neuen Testament relevant ist. In einem zweiten Teil folgen schließlich Aufsätze, die sich mit der Rezeptionsgeschichte der Pharisäer befassen. Ein dritter und sehr kurzer Teil reflektiert, in welcher Weise Pharisäer in theologischen oder populären Darstellungen bis in die Gegenwart vorkommen.

Der Band ist ein Desiderat von For­schungs­arbeiten aus den letzten Jahr­zehnten, die ein zunehmend differenzierteres Bild der häufig klischeehaft wahr­genommenen Pharisäer zeichnen. Wich­tige Erkenntnisse sind, dass frühere Ableitungen des Namens der Pharisäer (z.B. gedeutet als „Abgesonderte“) sich als nicht haltbar erwiesen haben und auch keine Rückschlüsse auf Herkunft oder Posi­tionierung der Pharisäer erlauben. Es gehört ferner zu den Stärken des Bandes, ein differenziertes Bild der Pharisäer zur Zeit Jesu zu zeichnen und auch durch die Auslegungsgeschichte hindurch aufzuzeigen, wie es zu dem sehr einseitigen heutigen Phari­säerbild kam. Leider überschneiden sich die Aufsätze inhaltlich an einigen Stellen und wirken damit etwas redundant (etwa dann, wenn die Herkunft des Namens der Pharisäer, ihre Herkunft, die Auswertung der Texte von Josephus oder die Frage nach der Kon­ti­nuität zwischen Phari­säern und rabbinischem Judentum jeweils in unterschiedlichen Aufsätzen mit teils divergierenden Ansichten thematisiert werden).

Sievers, Joseph; Levine, Amy-Jill; Schröter, Jens (Hrsg.): Die Pharisäer. Geschichte und Bedeutung. Freiburg: Herder 2024. 488 S. Gebunden: 42,00 €. ISBN: 978-3-451-39459-1

Deutliche Schwachpunkte weist der Sammelband darin auf, dass die Evan­ge­lientexte trotz einiger wertvoller Beiträge insgesamt nur wenig besprochen werden und in manchen Aufsätzen sogar als polemische Einseitigkeit abgetan werden. So wird in zwei Aufsätzen etwa behauptet, dass man Jesus mit den Maßstäben seiner eigenen Bergpredigt für die „Verunglimpfungen von Mt 23“ kritisieren könne (190) oder man das Matthäusevangelium in Bezug auf die Pharisäer als „Zeugnis zurückweisen“ könne (308). Auch die Be­handlung von Paulus geschieht stellenweise in einer Einseitigkeit, die der aktuellen Paulusforschung nicht gerecht wird. So wird etwa Paulus aufgrund einer Neuübersetzung von Phil 3,2-9 in einem Aufsatz als lebenslanger Pharisäer dargestellt, der bewusst nicht von einer „Bekehrung“ spreche und von seinem Selbstbild früher Tadellosigkeit nicht abgewichen sei (135-145). Auch wenn die genannten Beispiele nicht repräsentativ für alle Aufsätze des Bandes sind, wird deutlich, wie groß die Bandbreite der vertretenen Positionen im Sammelband ist.

Der Band hinterlässt daher ein zwiespältiges Bild. In der großen Anzahl von Aufsätzen stehen die wertvollen Aspekte für bibelwissenschaftliche Fragestellungen nach Ansicht des Rezensenten zu sehr im Hintergrund und werden zu stark von redun­danten, divergierenden und bibel­kritischen Ausführungen verdeckt.