Michael Wieck (1928-2021) wurde in eine Königsberger Musikerfamilie hineingeboren. Sein Vater war Deutscher, die Mutter Jüdin, somit waren die Kinder ebenfalls jüdisch. Wieck zählt zu den ganz wenigen Juden, die nicht nur die Nazizeit in Königsberg überlebten, sondern auch die ab 1945 folgende sowjetische Besatzung.
Zunächst beschreibt der Autor seine Schulzeit in der jüdischen Schule, seine Barmizwa, das Leben mit dem gelben Stern und die stetig zunehmende Diskriminierung der Juden. Immer mehr Juden verschwinden. Durch glückliche Umstände, die er selbst nicht erklären kann, bleiben er und seine Mutter von Deportationen in die Vernichtungslager verschont. Doch mit den zunehmenden Bombenangriffen der Alliierten und mit der Belagerung von Königsberg durch die Rote Armee wird das Leben auch dort zur Hölle. Russische Soldaten ziehen plündernd, vergewaltigend und mordend durch die Straßen Königsbergs. Stalins Aufforderung „Nehmt euch die blonden deutschen Frauen, sie sind euer!“ setzen die oft alkoholisierten Soldaten auf brutalste Weise um. Die einst schöne Universitätsstadt ist im April 1945 weitgehend zerbombt und die Einwohnerschaft stark dezimiert. Die wenigen Überlebenden hausen in Kellern und kämpfen jeden Tag aufs Neue ums Überleben. Es wird immer schwieriger, Essbares aufzutreiben. Kadaver toter Pferde werden verzehrt, Hunde wandern in die Kochtöpfe, selbst Kannibalismus kommt vor. Die russischen Besatzer nehmen keine Rücksicht auf Juden, die zuvor von den Nazis verfolgt worden waren. Alles Deutsche wird gehasst, weil die Deutschen auch über die Russen unendliches Leid gebracht hatten. Wieck selbst kommt mehrfach dem Tode nahe; er stiehlt Lebensmittel aus russischen Haushalten und entkommt nur knapp den Schüssen seiner Verfolger. Drei Jahre müssen er und seine Eltern unter russischer Herrschaft unglaubliche Entbehrungen ertragen. Dann, 1948, wird ihr Ausreiseantrag genehmigt. In Berlin beginnt Wieck eine musikalische Ausbildung. Die Geige ist sein Lieblingsinstrument. Er übt wie besessen, um die Jahre nachzuholen, die ihm gestohlen wurden. Aufgrund seiner Begabung darf er bald im RIAS-Symphonie-Orchester in Berlin spielen; später wird er Mitglied des Radio-Sinfonierochesters Stuttgart und Erster Konzertmeister im Stuttgarter Kammerorchester.
Wieck, Michael: Zeugnis vom Untergang Königsbergs. Ein „Geltungsjude“ berichtet. München: C. H. Beck 2009. 404 S. Pb: 14,95 €. ISBN: 978-3-406-59599-8
Immer wieder schreibt Wieck von seinem Ringen mit dem jüdischen Glauben angesichts des unendlichen Leids, das ihm begegnet ist. Er bekennt offen, dass ihm der Glaube an einen persönlichen Gott schwerfällt; eher neigt er Spinozas pantheistischen Vorstellungen zu. Zugleich ist er entsetzt, auch nach dem Holocaust noch so häufig auf Antisemitismus zu stoßen. Selbst in Neuseeland, wohin er mit seiner Familie für einige Jahre auswanderte, trifft er auf antisemitische Verhaltensweisen.
Wiecks Buch stellt ein eindrucksvolles Dokument über Judenverfolgung in der Nazizeit und den Untergang einer der schönsten deutschen Städte dar, dem man viele Leser, gerade auch aus der jüngeren Generation, wünscht. Es zeigt, dass es keine schlimmeren Katastrophen auf Erden gibt als Kriege. Zugleich warnt es vor jeder Art von Rassismus, der in den Köpfen beginnt und sich im Alltag in Hass entlädt.