LiteraturBibelverständnis, Buchbesprechungen, Themen der Bibel

Heilsgeschichte verstehen

Welche Bedeutung hat das mosaische Gesetz für den Christen des NT? Ist er verpflichtet, den Sabbat zu halten? Gibt es unterschiedliche heilsgeschichtliche Etappen mit unterschiedlichen Verheißungen und ggf. Verpflichtungen? Welche Bedeutung haben die Evangelien für die Gemeinde Jesu, wenn diese nach Überzeugung vieler doch erst zu Pfingsten entstanden ist? Gibt es für das irdische Volk Israel eine Zukunft?

Diese und viele andere Fragen werden in dem anspruchsvollen und bereichernden Werk eingeordnet und mit einer heilsgeschichtlichen Perspektive beantwortet.

In dem ersten Kapitel zeigt Stadelmann anhand verschiedener praktischer wie zeitkritischer Beispiele auf, wie heilsgeschichtliches Denken vor Missverständnissen bewahrt, indem es konsequent den heilsgeschichtli­chen Kontext berücksichtigt.

Kapitel 2 zeichnet ein Bild verschiedener heilsgeschichtlicher Etappen (so z.B. „Die Zeit des Gesetzes“, „Der Abrahambund“, „Die Zeit der Gemeinde“, „Das messianische Friedensreich“). Heilsgeschichte hat demnach „mit der ganzen Vielfalt der fortschreitenden Offenbarung Gottes zu tun, die zum Heil des Menschen und der Schöpfung geschieht, infolge von Sünde aber auch die Kehrseite, nämlich Unheil und göttliches Gericht, annehmen kann“ (S. 45). Stadelmann ist in diesem Kapitel dem sog. progressiven Dispensationalismus nah, der „die Gottesherrschaft des künftigen Zeitalters mit seinem [d.i. Jesu; Anm. d. Rezensenten] Kommen mitten im gegenwärtigen Zeitalter schon angebrochen, aber noch nicht vollendet“ ansieht. Hier hätte der Rezensent verschiedene Rückfragen im Detail, da diese als alternativlos vorgestellte komplementäre Sicht (S. 64) auch Probleme (u.a. hinsichtlich einer einheitlichen Hermeneutik bei dem Reich-Gottes-Begriff) mit sich bringt. Dennoch ist die Zielrichtung wohltuend.

Berthold Schwarz zeigt im dritten Kapitel auf, wie in der Kirchengeschichte heilsgeschichtlich gedacht wurde und welche Entwicklungen es im Laufe der Jahrhunderte gab. Das Kapitel mündet in die aktuelle dispensationalistische Schau und den Erkennungszeichen des heutigen Dispensationalismus.

Stadelmann, Helge u. Schwarz, Berthold: Heilsgeschichte verstehen. Warum man heilsgeschichtlich denken sollte, wenn man die Bibel nicht missverstehen will. 3. überarbeitete Auflage Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft 2025, 318 S. Hardcover: 14,90 €. ISBN: 978-3-86353-927-6

Teil des vierten Kapitels ist u.a. eine Ant­wort auf die Kritik der Bundestheologie (S. 174ff.), eine Skizze des heilsgeschichtlichen Panoramas, die Einordnung der Evangelien sowie ein Überblick über die Epochen der Heilsgeschichte. Dieses lesenswerte Kapitel befasst sich mit einigen immer wieder diskutierten Fragestellungen wie zum Reich Gottes oder zum Verhältnis der Evangelien oder der Bergpredigt zur Gemeinde. Schwarz positioniert sich hier klar: „Die Evangelien gelten uneingeschränkt für die Gemeinde“ (S. 221). Allerdings sei das „Wie“ der Anwendung entscheidend (ebd.).

Das fünfte Kapitel leitet Folgerungen aus den bisherigen Kapiteln ab und gibt praktische Leitlinien für eine heilsgeschichtliche Auslegung und Anwendung, um Miss­ver­stän­dnisse zu vermeiden und der eigentlichen Bedeutung des jeweiligen Textes nahezukommen.

Als Anhang (auf dem Buchrücken als sechstes Kapitel bezeichnet) wurde ein Plädoyer der Autoren für die Notwendigkeit heilsgeschichtlicher Theologie aufgenommen, das angesichts einer immer stärkeren Ablehnung bzw. einer Neudefinition heilsgeschichtlichen Denkens nur unterstützt werden kann.

Fazit: Insgesamt ein lohnendes Werk, das dabei hilft, die Bibel heilsgeschichtlich zu lesen und mit Bedacht auszulegen, indem es vor allem auf den jeweiligen heilsgeschichtlichen Standort als eine Art Startpunkt der Bibelauslegung aufmerksam macht. Keine leichte Kost, aber kostbar. Im Detail ergeben sich einige Fragen (das Reich Gottes als eine vollkommen zukünftige Realität zu verstehen, hat als Alternative durchaus eine Tradition und Plausibilität), die aber durchaus aufzeigen, dass unser aller Erkenntnis Stückwerk bleibt und lediglich Gott das Puzzle zusammenfügt.