Zu allen Zeiten gab es Menschen, die vom Glauben abfielen und sich wie Demas der Welt zuwandten. Neu ist, dass viele dieser Menschen sich öffentlich zu einer Bewegung zusammengeschlossen haben und sich etwa als „Ex-Evangelikale“ bezeichnen, die sich der Agenda widmen, den überlieferten Glauben jetzt anzuzweifeln und ihn bewusst zu zersetzen. Ihr jetziges, von vielen biblischen Standpunkten losgelöstes Leben bezeichnen sie dann groteskerweise als „befreiend“.
Ziel der Autoren ist es, „das Phänomen der Dekonstruktion zu untersuchen und eine biblische Analyse und Kritik ihrer Methoden, Strömungen, Botschaften und Auswirkungen auf die christliche Gemeinde zu liefern“ (S. 22).
In den ersten vier Kapiteln erfährt der Leser Grundlegendes über die Bewegung, die wahrscheinlich auch hierzulande mehr und mehr Einfluss gewinnen wird. Childers und Barnett zeigen auf, warum der Begriff der Dekonstruktion nicht „‚getauft‘, geläutert oder als etwas Gesundes oder Positives umgedeutet oder christianisiert werden sollte“ (S. 33). Tragisch ist, wie viele bekannte und einflussreiche Persönlichkeiten sich mittlerweile zu den Ex-Evangelikalen zählen (z.B. Joshua Harris, Autor von Ungeküsst und doch kein Frosch, Kevin Max (DC Talk), Derek Webb (Caedmon’s Call), Marty Simpson (Hillsong)). Bedenkenswert sind die vorgestellten fünf Punkte des sog. Evangelikalismus, die diese Menschen hinter sich lassen wollten: „1. ein wörtliches Verständnis der Bibel, 2. der Glaube, dass Frauen sich ihren Männern unterordnen sollen, 3. der Glaube an die Heiligkeit der Heterosexualität bzw. deren Normativität und die Ablehnung von Homosexualität als Sünde, 4. die Annahme, dass der American Way of Life am besten ist, 5. die Identifikation und Verbundenheit mit dem politischen und sozialen Konservatismus“ (S. 47f.). Schon hier merkt man, dass eine differenzierte Betrachtung wichtig ist und dass manche Punkte einen Angriff auf verschiedene biblische Standpunkte bilden, andere dagegen kulturbedingte Ablehnungen sind, über die man durchaus kontrovers diskutieren kann und die nicht die Frage fundamentaler Glaubensüberzeugungen berühren. Wichtig und gelungen ist der Verweis der Autoren auf den Ursprung der Dekonstruktion: Satan! (S. 57ff.)
Childers, Alisa u. Barnett, Tim: Die Dekonstruktion des christlichen Glaubens. Worum es geht, was zerstört wird und wie wir darauf reagieren. Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft 2026. 282 S. Paperback: 22,90 €. ISBN: 978-3-98963-035-2
Der zweite Teil mit den folgenden sechs Kapiteln bildet das Herzstück des Buches. Die Autoren zeigen u.a. auf, wie Dekonstruktion funktioniert und in welchen Etappen sie stattfindet. Wohltuend ist wie im gesamten Werk die differenzierte Analyse. Nicht alle Fragen sind gleichzeitig Absagen an den Glauben, sondern: „Ein ungeprüfter Glaube ist nicht glaubenswert. Ein geprüfter Glaube ist ein gesunder Glaube“ (S. 130). Lesenswert sind besonders die Ausführungen zur objektiven und subjektiven Wahrheit (S. 109ff.). Childers und Barnett machen deutlich, dass und warum biblische Wahrheiten unabhängig von jemandes Überzeugungen und Wünschen sind. Wer sie verlässt, verlässt auch den Glauben. Später zeigen sie mit Bibelstellen wie 2Tim 3,14; 4,7; Jud 3; 1Joh 1,1-3 auf, dass dieser Glaube eine objektive Größe ist (S. 173f.) Das Evangelium sei auch nicht sozial konstruiert, sondern von Gott offenbart (S. 166).
Im letzten Teil werben die Autoren für einen gewissenhaften, liebevollen und sorgfältigen Umgang mit Menschen, die sich als Dekonstruierer verstehen. Bemerkenswert ist, dass viele der Ex-Evangelikalen offenbar in ihren Gemeinden keinen Raum für ihre Fragen bekamen, was an der Art der „Stunden“ und der Gemeindekultur lag. Müsste hier nicht die Gemeinde Jesu umdenken bzw. nachjustieren? Etwas zu positiv war mir persönlich die Darstellung über den Zweifel (S. 229ff.). Ja, Jesus konnte mit dem Zweifel Johannes‘ des Täufers umgehen. Aber an anderen Stellen wird Zweifel sehr wohl vom Herrn scharf kritisiert (z.B. Mt 14,31).
Fazit: Leider wird sich die Gemeinde Jesu dem Phänomen, dass immer wieder Menschen ihren Glauben abschütteln, stellen müssen. Das Buch ist trotz der ein oder anderen Länge eine gute Hilfe, die Problematik zu verstehen und die Gemeinde zu schützen sowie den Zweifelnden in Liebe zu begegnen.