LiteraturApologetik, Buchbesprechungen

Begründung des Glaubens: Heilsgeschichte und Heilige Schrift

Der Verlag Verbum Medien beginnt mit diesem Titel eine neue Reihe mit theologischen Klassikern, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. Herman Ridderbos hatte 1955 seine Schrift zuerst auf Niederländisch veröffentlicht, die begründet, warum das Neue Testament selber Offenbarung Gottes ist und insofern zur Heilsgeschichte Gottes mit dieser Welt gehört. Schon vor 70 Jahren war üblich geworden, was heute selbst von Konservativen nur noch selten hinterfragt wird: Die Bibel gilt nur als Ausdruck oder „Niederschlag“ der Offenbarung Gottes, sie sei es aber nicht selbst. Offenbarung stellt man sich als das menschliche Erlebnis irgendeiner Art von Gottesbegegnung vor. Das kann genauso ein Naturerleben sein wie die Begegnung mit Jesus Christus, die als besonders bewegend wahrgenommen wurde. Das hätte dann später zum literarischen „Niederschlag“ geführt, den wir in den Evangelien und Briefen vorfinden. Ridderbos widerspricht dieser Ansicht nicht nur, weil sie die Autorität der Bibel beschneidet. Er begründet auch, warum insbesondere das Neue Testament nicht nur ein Ergebnis einer Sammlung von religiösen Schriften sein kann, die irgendwann von der Kirche als Heilige Schrift festgelegt wurden. Die Entstehung des Neuen Testaments als Sammlung bestimmter feststehender Schriften muss als Gottes eigenes Handeln in der Geschichte angesehen werden. Damit ist das NT, genauso wie es Jesus Christus für das AT festgestellt hat, selber Offenbarung, die uns zum Heil von Gott gegeben wurde.

Ridderbos zeigt zuerst, dass trotz der Bestreitung des neutestamentlichen Kanons als Gottes Offenbarung die Theo­logie irgendwie am tatsächlichen Kanon festhalten will, um überhaupt noch christliche Theologie zu bleiben. Allerdings sind die Argumente dafür so subjektiv, dass kein wirkliches Fundament entsteht. Die 70 Jahre seit Erscheinen der Erstauflage unterstreichen diesen Befund. Das Besondere an Ridderbos‘ Argumentation ist, dass er darauf aufmerksam macht, dass die Autorität des NT mit seinem Kanon nicht allein aus geschichtlichen Gründen, aus dem Zeugnis der Kirche oder aus der Gewissheit des Glaubenden abgeleitet werden kann. Es ist vielmehr so, dass der neutestamentliche Kanon von Gott die Aufgabe erhalten hat, das Evangelium – das Heil in Christus – vollständig zu vermitteln. Das NT ist wie das AT von Gott mit Absicht gegeben: Christus und die ewige Errettung müssen auf zuverlässige Weise offenbar gemacht werden. Das wird auch zum Maß für den Kanon.

„Die Bedeutung der Schrift und die Eigenart ihrer Autorität lassen sich nicht aus ihr selbst erklären, sondern nur aus dem Heilshandeln Gottes, dem sie entspringen.“ (51)

Ridderbos, Herman: Begründung des Glaubens: Heilsgeschichte und Heilige Schrift. Verbum Medien 2025. 250 S. 12,90 €. ISBN 978-398665-087-3

Ridderbos stellt die Verbindung des Kanons zur Heilsgeschichte zuerst über die Apostel und ihr Amt her: Sie sind insbesondere berufen, um die Botschaft von Christus an die Welt weiterzugeben. Später galt, dass sich jede neutestamentliche Schrift auf einen Apostel zurückführen lassen muss. Weiter gehört zum Charakter des Evangeliums, dass es – ob mündlich oder schriftlich – „über­liefert“ werden muss, und zwar zuver­lässig von seiner Quelle aus von Bote zu Bote zu einem Empfänger, der wieder Bote wird. Dabei erhält die schriftliche Überlieferung eine Aufgabe als Garant spätestens, nachdem die Apostel nicht mehr selbst für sie garantieren können. Dass die Schriften des NT der Garant sind, zeigt sich auch daran, dass die Gläubigen zum Prüfen von aktuellen Prophetien und Auslegungen aufgerufen sind, aber nie als Geistbegabte die Schrift selber prüfen sollen. Anhand eines Blicks in die Geschichte der Kanonentwicklung zeigt Ridderbos, dass nicht allein äußere Gründe für die Autorität der 27 Bücher des NT angeführt werden können. Der vom Heiligen Geist gewirkte Glaube ist dafür ebenso notwendig, und zwar in der Art, dass der Glaube das Evangelium im Ganzen des Kanons wahrnimmt. Beides darf nicht getrennt werden, aber das Evangelium geht dem Glauben immer voran.

„Denn Christus ist nicht nur selbst der Kanon, durch den Gott der Welt begegnet und sich der Welt als der Heilige gegenüberstellt, sondern er setzt auch den Kanon ein und gibt diesem die konkrete geschichtliche Gestalt.“ (121)

Der zweite Teil des Buches, der ungefähr ein Drittel des Umfangs ausmacht, wendet sich der Autorität des NT zu. Folgerichtig leitet er die Autorität der Bibel von ihrer Botschaft und dem Urheber ihrer Botschaft ab: Das sind Christus und das Evangelium, das auf vielfältige Weise verkündet wird: als Predigt, persönliches Zeugnis oder Lehrinhalt, aber das eben auch in schriftlicher Form im NT.

„Es gibt keine verhängnisvollere Zer­störung dieses Zeugnisses, als wenn sein historischer Gehalt zu einer Idee verflüchtigt oder in seiner Bedeutung für den Glauben hier und heute aufgeht. Was sich in der Geschichte ereignet, ist unabhängig davon gültig, ob es geglaubt wird oder nicht.“ (203)

Das kleine Buch hat auch 70 Jahre nach seinem ersten Erscheinen nichts an Aktualität verloren. Es ist einerseits hilfreich, um inzwischen selbstverständlich gewordene theologische Irrwege im Hinblick auf die Bibel zu durchschauen. Andererseits hilft es, Zuversicht zu vermitteln, dass das Fundament des Wortes Gottes für den Glauben wirklich tragfähig ist.