LiteraturBibelverständnis, Buchbesprechungen

„Und der Herr erhörte Hiskia …“

Heutzutage scheint es manchmal zum guten Ton zu gehören, die historische Aussagekraft alttestamentlicher Texte grundsätzlich in Frage zu stellen. Um sich der Fragestellung der historischen Belastbarkeit alttestamentlicher Texte zu nähern, reicht es nicht, diese Texte losgelöst von ihrem historischen und kulturellen Kontext zu betrachten. Eine solche Blickverengung allein auf den biblischen Text führt häufig zu Zirkelschlüssen. Der Autor, Andreas Späth, schlägt daher vor, wie ein Kriminalist vorzugehen, indem er Fragen an jedes noch so kleine Detail im Text stellt, die mithilfe aktueller wissenschaftlicher Forschungsliteratur auf ihre historische Glaubwürdigkeit überprüft werden.

In dem hier vorgestellten Buch konzentriert er sich dabei auf die Ereignisse, die uns aus der Regierungszeit des Königs Hiskia berichtet werden. Die außerbiblische Beleglage aus dieser Zeit ist besonders gut und verheißt somit einige Aussicht auf Erfolg. Um sein Ziel zu erreichen, hat Späth, zuvor eine äußerst umfangreiche Literaturrecherche durchgeführt. Dann hat er die Ergebnisse seiner Recherche mit den Aussagen im biblischen Text verglichen, um die von ihm an den Bibeltext gestellten Fragen so gut wie möglich beantworten zu können. Das Ergebnis dieses Vergleiches hat er in kurzen, gut lesbaren Kapiteln mit hoher Informationsdichte zusammengefasst.

Späth, Andreas: „Und der Herr erhörte Hiskia …“. Eine biblisch-archäologische Zusammenschau. Ansbach/Windsbach: Logos Editions 2022. 192 S. Hardcover: 19,95 €. ISBN: 978-3-945818-33-6

Späth beginnt seine Zusammenschau im ersten Kapitel mit methodischen Vorüberlegungen, die er anstelle eines Vorworts an den Anfang stellt. Nachdem er kurz auf Ernst Troeltschs Grundlagen des historisch-kritischen Arbeitens in der Theologie eingegangen ist und auf deren methodische Problematik hingewiesen hat, nimmt er einen kleinen Umweg über die Frage der Datierung der Josefsgeschichte in der Wissenschaft und resümiert: „Fazit: Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Wissenschaftlichkeit und daher Untersuchungsmaterial, also auswertbare Spuren. Das bedeutet ein Weniger an weltbildbedingten Voraussetzungen und ein Mehr an Suche nach eben diesen Spuren. Das bedeutet ein weg von nur behaupteter Objektivität und ein hin zu den Objekten selbst, die es dann zu untersuchen gilt.“1 An dieser Stelle hätte es sinnvoll sein können, etwas konkreter auf die von ihm kritisierte Literatur einzugehen, auch wenn das Buch eigentlich auf die Sammlung und Auswertung historischer Quellen abzielt. Im weiteren Verlauf beschreibt er die Methodik des Detektivs Sherlock Holmes, dem er den Dreiklang „Ansprechen, beurteilen, folgern!“2 in den Mund legt und in welchem er den Vorläufer der modernen Kriminalistik sieht. Im letzten Abschnitt des Kapitels wendet er nun diese Methodik auf die Erforschung des Bibeltextes an. Er sieht das Problem dabei nicht darin, „dass kein Wissen vorhanden ist, sondern, dass es oft nicht zusammengeführt wird.“3 Eine solche Zusammenführung möchte er nun in seinem Buch vornehmen, wobei er mahnt, bei historischen Fragestellungen im Bereich des Beweises nur mit Wahrscheinlichkeiten zu operieren. Neben dem Beweis führt er noch den Widerspruch an, der zum Ausschluss gewisser Optionen führt und somit auch einen Erkenntnisgewinn darstellt.

Im zweiten Kapitel seines Buches steigt Andreas Späth direkt mit dem Elternhaus Hiskias ein, indem er die chaotischen und gottlosen Umstände unter dessen Vater Ahas schildert. Er zeigt, wie Ahas sich anstatt an Gott an den assyrischen König Tiglatpileser III. mit der Bitte um Hilfe wendet. Mit dem Eingreifen Tiglatpilesers III. beginnt der Niedergang des Nordreiches und die Abhängigkeit des Südreiches von Assyrien. Das Ahas und sein Hohepriester den Tempelkult der Assyrer übernehmen, kommentiert der Autor mit einem kernigen „Vom geistlichen Amt zur Hofschranze ist der Weg oft erstaunlich kurz.“4

In Kapitel 3 wird die Reformation Hiskias vorgestellt, die dieser nach seiner Inthronisation vornahm, um „mit dem Götzendienst seines Vaters zu brechen.“5 Hinweise auf diese Reformation, die außerbiblisch nachweisbar sind, werden diskutiert.

In Kapitel 4 wird geschildert, wie das Nordreich untergeht und wie zur Zeit des Regierungswechsels zwischen Salmanassar V. und Sargon II. die Israeliten deportiert und andere Völker in Samaria angesiedelt werden. In diesem Kontext stellt Andreas Späth das dreistufige Hegemonialsystem der Assyrer vor, welches die systematische Struktur hinter den historischen Ereignissen darstellt.

Bevor der Autor nun zu dem zentralen Konflikt zwischen Sanherib und Hiskia kommt, wird in Kapitel 5 zuerst einmal der assyrische König Sanherib in Form eines kurzen biografischen Abrisses vorgestellt.

Es folgt in Kapitel 6 ein Überblick über die Ereignisse, die auf Hiskias Seite dem eigentlichen Konflikt vorausgingen: die Einstellung der Tributzahlungen, die Krankheit und Genesung Hiskias und der Besuch der Gesandtschaft des babylonischen Königs Merodach-Baladan II., der in den Unruhen bei der Thronübernahme Sanheribs den babylonischen Thron (wieder einmal) besteigen kann, um sich gegen die Assyrer aufzulehnen.

In dem nun folgenden Kapitel 7 werden diese Ereignisse eingehender betrachtet und gezeigt, wie diese und die Annäherung Hiskias an Ägypten zu einer antiassyrischen Allianz führen. Im Bewusstsein der obligatorischen Reaktion der Assyrer baut Hiskia nun Jerusalem so aus, dass es einer Belagerung standhalten können sollte. Teile der Befestigungsmaßnahmen können bis heute in Jerusalem besichtig werden.

Nach der Vorstellung der wichtigsten Protagonisten und der Vorgeschichte beginnt nun der eigentliche Konflikt zwischen Sanherib und Hiskia. Zuerst wird in Kapitel 8 geschildert, wie Sanherib seinen Kriegszug durch die Levante auf dem Weg zu Hiskia in seinen Annalen beschreibt.

Kapitel 9 nimmt die Schlacht gegen Lachisch in den Fokus, über die nicht nur Texte, sondern auch ein beeindruckend detailliertes Relief aus dem Palast Sanheribs erhalten sind. Wie bezeichnend es ist, dass Sanherib gerade diese Schlacht so medienwirksam ausschlachtet und nicht die Eroberung Jerusalems, wird in den folgenden Kapiteln zu sehen sein.

Der Eroberung von Lachisch folgt in Kapitel 10 eine Vorstellung einerseits der Beamten, die Sanherib nach Jerusalem schickt und andererseits der Beamten von Hiskia, die diesen entgegentreten. Es wird sehr anschaulich dargestellt, dass über viele dieser Beamten auch außerbiblische Erkenntnisse vorliegen.

Dieser Vorstellung folgt in den Kapiteln 11 und 12 die erste Phase der direkten Konfrontation, die Verhandlung der beiden Delegationen. Dabei wird gezeigt, dass die rhetorischen Elemente der Rede des Rabschake gut zu dem aus assyrischen Quellen bekannten Sprachgebrauch passen. Dabei werden im gleichen Zug aber auch die Schwächen der assyrischen Denkweise entlarvt, die den Gott Israels für genauso machtlos wie die Götter der bereits besiegten Völker halten.

In Kapitel 13 schildert der Autor nun die Reaktion Hiskias, der Buße tut und sich an Jesaja mit der Bitte wendet, sich vor Gott für das Volk zu verwenden. Die Antwort Gottes ist positiv: Sanherib wird Jerusalem nicht nur nicht einnehmen, sondern er wird aufgrund eines Gerüchtes abziehen und selbst durch das Schwert fallen.

Nun folgt ein kurzes Intermezzo. Die assyrischen Gesandten kehren zu ihrem König zurück, der seinerseits den Ägyptern entgegenzieht, die als Bündnispartner Hiskias gegen die Assyrer vorrücken. In Kapitel 14 werden die Hintergründe des ägyptischen Pharaos Tirhaka beleuchtet.

Trotz der Auseinandersetzung mit Tirhaka vergisst Sanherib Jerusalem nicht und sendet seine Boten ein weiteres Mal dorthin. Diesmal richtet sich die Botschaft – neben einem Brief an Hiskia – in Kapitel 15 an das gesamte Volk. Den Brief breitet Hiskia vor Gott aus, der seinerseits eine Prophetie gegen Sanherib ausspricht, die mit Bildern angereichert ist, welche direkt auf assyrische Standardphrasen abzielen. Alles passt zu dem kulturellen Kontext.

Mit Kapitel 16 kommt der Höhepunkt: die schwer greifbaren Ereignisse, aufgrund derer 185.000 Assyrer in einer Nacht sterben und die feindliche Armee daraufhin nach Assyrien zurückkehrt. Der Autor geht der Frage nach, ob die Zahlen glaubwürdig sind und zeigt, dass die assyrischen Darstellungen der Ereignisse in Sanheribs Annalen indirekt die Botschaft der Bibel bestätigen: Jerusalem wird nicht eingenommen. Anstatt dessen wird Sanheribs Palast von einem Relief geschmückt, welches den Sieg über Lachisch rühmt.

Doch damit nicht genug. In Kapitel 17 geht es um die Erfüllung der Vorhersage Gottes, dass Sanherib selbst durch das Schwert fallen werde. Sowohl die Bibel als auch assyrische Quellen berichten, dass Sanherib im Tempel von seinen Söhnen ermordet wird. Späth untersucht akribisch alle außerbiblischen direkten und indirekten Bezüge auf dieses Ereignis. Auch hier sieht er die biblische Darstellung bestätigt.

Bevor der Autor zu seiner Schlussbemerkung kommt, führt er in Kapitel 18 die dem Buch zugrundeliegenden Belege noch einmal in einer Übersicht auf. Zuerst zählt er die beteiligten Personen und ihre Belegstellen auf. Dann legt er die kulturellen Auffälligkeiten dar, die zeigen, dass der biblische Text fest in der Kultur seiner Zeit verankert war. In demselben Stil folgen sprachliche Besonderheiten, wichtige Ortsangaben und archäologische Funde, zu denen auch bildliche Darstellungen, Siegelabdrücke, Krughenkel, Prismen, Stelen, Zerstörungshorizonte und sonstige Inschriften zählen. Außerdem führt er Belege aus antiken Textquellen auf. Die meisten der Einträge sind mit kurzen Abschnitten versehen, die einen schnellen Überblick über die Bedeutsamkeit der Belege vermitteln. Den Belegen folgt eine recht ausführliche Zeitleiste mit synchron dargestellten Ereignissen in den jeweiligen Regionen. Erst nach dieser umfangreichen Auflistung beschließt der Autor den Hauptteil mit einem Schlussplädoyer, in dem er die Befundlage zusammenfasst, ihre Bedeutung für die historische Glaubwürdigkeit des biblischen Textes hervorhebt und mit den Worten endet: „Es sei die Frage gestattet, ob nicht angesichts dieser Lage Grundannahmen bezüglich der historischen Genauigkeit biblischer Texte neu zu gewichten wären.“6

In Kapitel 19 folgen einige Anhänge, in denen die Funde von Siegelabdrücken Hiskias und eines Jesajas durch Elat Mazar auf dem Ophel vorgestellt und gemeinsam mit Pieter Gert van der Veen diskutiert werden. Es folgen Indizes zu Abkürzungen (Kapitel 20), Bibliographie (Kapitel 21), Orts- und Völkerregister (Kapitel 22), Personenregister (Kapitel 23), Sachregister (Kapitel 24), Bibeltext mit Bezug zu König Hiskia (Kapitel 25) und ein Bibelstellengregister (Kapitel 26). Dieser Anhang ist vielleicht etwas zu umfangreich geraten, da anstatt von Verweisen auf die entsprechenden Stellen im Buch, häufig ganze Absätze wörtlich wiederholt werden. Hier wäre weniger mehr gewesen, da der Anhang dadurch unübersichtlich wird, was einer schnellen Suche abträglich ist. Außerdem ist dem Autor ein kleiner Schnitzer unterlaufen, indem er Assurnasirpal II. an verschiedenen Stellen „Assurbanipal II.“ nennt. Letzteren gibt es gar nicht, weshalb er vom Leser immer mit Assurnasirpal II. ersetzt werden sollte. Da dieser Herrscher hier jedoch eine eher marginale Rolle spielt, ist dies dem Inhalt der Arbeit nicht abträglich. Anzumerken ist weiterhin, dass die Transkriptionen oft sehr uneinheitlich sind, was der Tatsache geschuldet ist, dass der Autor als interessierter Laie auf den behandelten Fachgebieten die jeweiligen Transkriptionen der zitierten Publikationen übernommen hat. In den Indizes sind jedoch alle Varianten aufgeführt und es wird jeweils auf die anderen Schreibungen verwiesen, sodass dies der Schlagwortsuche keinen Abbruch tut.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Ergebnis sich sehen lassen kann: das Buch ist für eine große Bandbreite an Lesern sehr nützlich. Der Laie bekommt mit dem Fließtext die bereits im Titel verheißene Zusammenschau der Ereignisse. Der Text ist dabei so formuliert, dass er auch ohne Fußnoten für sich allein zu stehen vermag. Dabei nimmt der Autor im Text durchaus Wertungen aus christlicher Sicht vor und hilft auf diese Weise dem Leser, die Informationen im Rahmen des biblischen Glaubens richtig einzuordnen.

Der tiefergehend interessierte Leser kann über die Fußnoten beliebig tief in die Thematik eindringen. Viele weiterführenden Informationen sind in den Fußnoten direkt ausformuliert. In anderen Fällen wird auf die umfangreiche Literatur verwiesen. Der äußerst gut ausgebaute Anhang mit Indizes verschiedener Art ermöglicht es dem Leser seinerseits, das Buch zur gezielten Recherche bestimmter Themen zu nutzen und so mit minimalem Zeitaufwand jegliche Information mit der dazugehörigen Literatur zu finden.

Insofern ist das Buch sowohl als Lektüre als auch als Arbeitsmittel und Startpunkt für jegliche Beschäftigung mit Hiskia gut geeignet.


  1. Seite 2. 

  2. Ebd. 

  3. Seite 4. 

  4. Seite 11. 

  5. Seite 15. 

  6. Seite 130.