LiteraturBuchbesprechungen

Führt Bibeltreue in die Sackgasse? Zu einer Streitschrift von Michael Diener

Michael Diener war Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes (2009-2020) und Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz (2012-2016). Weil sich im Laufe der Jahre einiger seiner Überzeugungen änderten und die Verbände eine Kursänderung nicht mitgehen wollten, entschied er sich zur Trennung. Seitdem hat er sein „Sabbatjahr“ dazu genutzt, mit dem „konservativen“ Teil der evangelikalen Bewegung abzurechnen. Einen Ausweg aus der „Sackgasse“ für diese Christen sieht er nur, wenn sie ihr Bibelverständnis ändern. Nach welchen Maßstäben sich ein neues Bibelverständnis richten soll, bleibt angesichts der Vorwürfe unklar, außer dass es zur Anpassung an gesellschaftliche Strömungen befähigen soll.

Wenn Michael Diener, langjähriger Präses des Gnadauer Verbands und Mitglied des Rats der EKD sich für eine Reform des Pietismus und eine Umkehr der evangelikalen Welt starkmacht, dann ist ihm Aufmerksamkeit gewiss. Schließlich identifiziert er „toxischen“ Glauben innerhalb des evangelikalen Lagers, Überzeugungen und Haltungen, die weder dem Evangelium entsprechen noch lebensförderlich sind. Die „Sackgasse“, aus der Diener die Evangelikalen herausführen möchte, formuliert er in Anlehnung an einen Politikberater Bill Clintons wie folgt: „Es ist die Bibel und die Kultur, du Dummkopf!“. Das Problem: eine „eher fundamentalistische oder biblizistische Lesart“ der Bibel, die das „Ankommen“ in einer bestimmten Zeit oder Kultur erschwert oder unmöglich macht. Es geht ihm darum, dass aus der eigenen Schriftauslegung gewonnene Glaubensüberzeugungen so verabsolutiert werden, dass Spaltungen unvermeidlich sind. Diener möchte stattdessen Grundlagen und Haltungen benennen, die aus dem lebendigen Evangelium gewonnen werden und das Leben der Christen prägen können. Wie sieht das im Einzelnen aus?

Das Buch beginnt mit einer kurzen Bestandsaufnahme der evangelikalen Bewegung, die oft „bewusst verzerrt und undifferenziert an den Pranger gestellt wird“, zum Teil aber zu Recht kritisiert werde. Genannt wird Olaf Latzel, der unter anderem religiöse Inhalte anderer Religionen diskriminiert habe. Auch die Unterstützung konservativer Staatschefs wie Bolsonaro oder Trump durch Evangelikale trage zu deren Ablehnung bei. Diener gesteht aber zu, dass die Evangelikalen in Deutschland deutlich unpolitischer auftreten als in den USA. Zu Recht werden Machtkonflikte und Sippenwirtschaft kritisiert, die die Bewegung insgesamt diskreditieren, auch wenn es sich nur um Einzelfälle handelt. Aus dieser Sackgasse kämen die Evangelikalen nur heraus, wenn sich „hermeneutisch, im Ansatz des Bibelverständnisses, etwas ändert und deshalb glaubwürdige Pluralität gerade auch in ethischen und gesellschaftspolitischen Fragen einkehrt“. Ein zukunftsfähiger Glaube dürfe „Frömmigkeit und Gesellschaftsbezug nicht gegeneinander ausspielen“.

Es gibt für Diener aber auch eine Grenze des „Brückenbauens“. Nicht mehr einheitsfähig seien die Christen, die „von der absoluten Fehler- und Irrtumslosigkeit der Bibel ausgehen“ und „deshalb“ deren Aussagen ungebrochen auf die heutige Zeit übertragen. Unklar ist, was hier mit „ungebrochen“ gemeint sein soll. Wird hier suggeriert, dass Christen, für die die Bibel das fehlerlose Wort Gottes ist, alle deren Aussagen „automatisch“ unreflektiert in die Gegenwart übertragen? Dem ist keineswegs so. Es ist durchaus möglich, die Bibel für irrtumslos zu halten und anzuerkennen, dass sie zahlreiche Aussagen macht, die heute überholt sind und ausschließlich für eine konkrete Situation in der Vergangenheit bestimmt waren. Und wieso sollen eigentlich Christen, die in der Bibel Fehler und Irrtümer zuhauf finden, „einheitsfähiger“ sein als solche, die „Dein Wort ist die Wahrheit“ bekennen? Diener fordert immer wieder, Pluralität zuzulassen, aber ausgerechnet diejenigen, die der Bibel uneingeschränkt Vertrauen schenken, scheinen da nicht mit eingeschlossen zu sein.

Michael Diener. Raus aus der Sackgasse! Wie die pietistische und evangelikale Bewegung neu an Glaubwürdigkeit gewinnt. Asslar: adeo Verlag 2021 240 S., gebunden, 20,00 € ISBN: 9783863343125

Im Kapitel „Streit um die Bibel“ wird dieses Thema ausführlicher bearbeitet. Für Diener ist die Bibel „Ur-Kunde von Gottes Handeln in dieser Welt“, die „nicht vom Himmel gefallen“ sei (was vermutlich noch nie irgendjemand behauptet hat). „Bis auf wenige Stellen“ (!) beanspruche sie auch nicht, durch göttliches Diktat entstanden zu sein. Man kann aus all dem nur schließen, dass Diener, wie mittlerweile auch die EKD, die Bibel nicht mehr für Gottes Wort hält. Die „wenigen (?) Stellen“ in der Bibel, die genau das behaupten, hält er offenbar nicht für entscheidend. Es sei vielmehr ein Missbrauch, durch biblische Sätze „die Unfehlbarkeit und Ewigkeit biblischer Erkenntnisse“ beweisen zu wollen. Man muss hier ganz deutlich machen, dass die Alternative zu Unfehlbarkeit und Ewigkeit schlicht und einfach Fehlerhaftigkeit und Vergänglichkeit ist. Das wird natürlich so deutlich nicht gesagt, denn dann würden wohl die meisten merken, dass sich Diener mit seiner Bibelhaltung vom historischen Verständnis der Gemeinde (und übrigens auch vom Bibelverständnis Jesu) ziemlich weit entfernt.  Gleichwohl möchte er der Bibel aber eine wesentliche Rolle zugestehen: „An ihr richtet sich aus und entscheidet sich, was Christen glauben und wie sie leben. Die Bibel hat eine aufklärende und korrigierende Funktion gegenüber allen anderen Erkenntnissen des Glaubens“.

Kultur gegen Bibel?

Nun kommt Diener auf den Einfluss der Kultur zu sprechen. Er hält es für falsch, „in der Bibel beschriebene kulturelle Gegebenheiten zu verabsolutieren“, wiederum eine Kritik, die nahezu niemand trifft, da dies kaum jemand tun will. Dieners Beispiel von der Leviratsehe (Heirat einer kinderlosen Witwe mit dem Bruder ihres verstorbenen Mannes) macht das deutlich. Es dürfte schwer fallen, einen „biblizistischen“ Theologen zu finden, der für die Einführung der Leviratsehe plädiert. Problematisch wird es, wenn Diener daraus schließen will, dass man überhaupt keine Gegebenheit der Bibel verabsolutieren dürfe. Die Leviratsehe ist eine völlig andere Einrichtung als das „Geschlechter- und Eheverständnis“, das Diener als nächstes Beispiel anspricht. Verantwortliche Auslegung muss eben gerade unterscheiden zwischen zeit- und kulturbedingten Regelungen, zwischen der deskriptiven Schilderung bestimmter Zustände und deren normativer Anordnung. Wenn Diener aus der Antiquiertheit der Leviratsehe die Antiquiertheit des Geschlechter- und Eheverständnisses schließen will, dann macht er sich genau der Undifferenziertheit schuldig, die er Biblizisten vorwirft. Es ist richtig, dass „biblisch 1“ (etwas, das in der Bibel steht), „biblisch 2“ (eine Aussage, die am Ganzen der Schrift und an Christus als Mitte der Schrift gewonnen wurde) und „biblisch 3“ (die Bedeutung für heute) unterschieden werden müssen. Genausowenig wie ein Zusammenhang zwischen „biblisch 1 oder 2“ und „biblisch 3“ pauschal angenommen werden darf, darf er aber pauschal abgelehnt werden. Natürlich ist es falsch, biblische Normen unreflektiert in unsere heutige Zeit zu übertragen, es ist aber genauso falsch, sie unreflektiert einfach als „gestrig“ abzutun.

Zu einfach ist es auch, den Hinweis auf den jahrtausendealten Konsens der Gemeinde in bestimmten Fragen mit dem Hinweis auf die Sklaverei oder das Frauenwahlrecht abzutun. Diener erkennt natürlich, dass er sich hier auf ganz dünnem Eis bewegt, weil er diesen Konsens aufkündigt und diejenigen, die an diesem Konsens festhalten wollen, als nicht mehr einheitsfähige Fundamentalisten qualifizieren möchte. Um davon abzulenken wählt er emotional besetzte Themen, bei denen ihm Zustimmung sicher ist, die aber nie zum jahrtausendealten Konsens der Gemeinde gehörten. Auch sein Hinweis auf den Heiligen Geist, der heute noch „neue Wege“ führen könne, trägt nicht, es sei denn man wollte annehmen, dass der Heilige Geist Wege beschreitet, die in der Heiligen Schrift als Irrwege benannt werden. „Schluss mit der Sackgasse, die das eigene Bibelverständnis zum allein wahren und richtigen erheben will!“, wird dann fettgedruckt gefordert, und man fragt sich, was Diener gerade anderes getan hat. Der durchschaubare Versuch, sich selbst als tolerant darzustellen, muss scheitern. Diener hält sein eigenes Bibelverständnis ganz offenbar ebenfalls für wahr und richtig – und das der „Biblizisten“ für falsch.

Richtend gegen den Richtgeist

Kommen wir zur Abwechslung zu einem Thema, bei dem Diener zuzustimmen ist: „Vom Urteil über den Glauben“. Er kritisiert die in einigen Teilen der evangelikalen Bewegung vorherrschende Neigung, ein grundlegendes Urteil über den geistlichen Stand anderer Menschen zu fällen. Die notwendige Überprüfung von Lehre ist etwas anderes als jemand die Beziehung zu Gott abzusprechen. In der Tat ist hier äußerste Zurückhaltung angebracht, jeder steht und fällt seinem Herrn. Es ist allerdings dann auch wenig hilfreich, wenn Diener spekuliert, den Fundamentalisten fehle womöglich „die Gebrochenheit“ oder gar „eine Kreuzeserfahrung“. Die Warnung vor geistlichem Hochmut sollten wir alle immer wieder hören. Bedenkenswert ist auch der Hinweis, dass der „Christusschatz“ des Nächsten nicht unbedingt dem Meinigen entsprechen muss. Der Hinweis, man müsse die Begrenztheit der eigenen Erkenntnis ernstnehmen, wirkt vor dem Hintergrund, dass Diener seine eigene Erkenntnis der gesamten evangelikalen Welt als Weg aus der Sackgasse anpreist, nicht wirklich glaubwürdig. Auch der Hinweis auf den Unterschied zwischen „der Wahrheit“ und der „eigenen Wahrheit“ klingt postmodern-relativer als der Anspruch des Buches.

Um den Fragen nach den Grenzen nicht auszuweichen, verweist der Autor auf die Grundsubstanz christlichen Glaubens, wie sie sich in den altkirchlichen Bekenntnissen findet. Nicht nachvollziehbar ist aber die Behauptung, dass gestern meist mit dem Vorwurf der Irrlehre begonnen habe, was heute die Kirchen reformiere. Hier wird suggeriert, dass die Kirche im Lauf der Geschichte ihre Haltung in wesentlichen theologischen Fragen geändert habe, was schlicht nicht zutrifft. Selbst die Reformation war weniger Erneuerung als Rückkehr zu den biblischen Wurzeln des christlichen Glaubens. Diener wirft hier eine Nebelkerze, um seinen eigenen Entwurf, der sich von der christlichen Überlieferung entfernt, in die Nähe vergangener Reformbewegungen zu rücken, die aber genau zu dieser Überlieferung zurückwollten.

Richtig ist der Hinweis, dass die Spaltungshäufigkeit zunimmt, je eindeutiger die Lehre festgeschrieben wird – und dass im Zuge permanenter Trennungen die grundlegende Orientierung an Christus oft auf der Strecke bleibt. Diese berechtigte Mahnung muss dazu führen, genau zu prüfen, ob die Gründe für eine Trennung tatsächlich tragen – oder ob hier Nebensächlichkeiten, Egoismen und persönliche Eitelkeit im Spiel sind. Es ist auch richtig, dass von einem gemeinsamen Christusbekenntnis her vielerlei Unterschiede ausgehalten werden müssen. Es gibt aber auch Grenzen. Die Bibel selbst erkennt an, dass Trennungen manchmal unvermeidlich sind (1. Korinther 11,19). Eine Trennung aus theologischen Gründen setzt natürlich eine Klarheit der Schrift voraus, die Diener ihr abspricht. Wer behaupte, die Bibel äußere sich zu einer Frage klar, der erkläre damit nur, „dass die eigene Erkenntnis als die biblisch fundierte zu betrachten sei“. Aber ist es wirklich undenkbar, dass dem tatsächlich so ist? Dass sich die Bibel klar äußert – und die Aussagen von manchen Theologen biblisch fundiert sind, diejenigen von anderen nicht? Wie soll die Bibel die ihr auch von Diener zugesprochene „korrigierende Funktion“ haben, wenn sie sich nie klar äußert? Wie soll erkannt werden, was die Bibel sagt, wenn niemand beurteilen darf, welche Position biblisch fundiert ist? Oder wenn auch gegensätzliche Positionen gleichermaßen fundiert sein sollen?

In einem weiteren Kapitel geht es um das Verhältnis von Glauben und Denken. Hier ist dem Autor in vielen Punkten zuzustimmen. Den eigenen Glauben zu hinterfragen und nachvollziehbar Rechenschaft darüber ablegen zu können ist wünschenswert. „Du musst das einfach glauben“ ist in der Tat keine ausreichende Antwort auf die intellektuellen Zweifel, denen Menschen auf ihrem Glaubensweg begegnen. Es ist richtig, die durchaus positive Rolle der Vernunft zu betonen, ohne deren Grenzen aus dem Blick zu verlieren. Auch der Hinweis, dass es bei Wahrheit nie nur um die Sache, sondern auch um das Gegenüber geht, ist berechtigt. Ein liebloses Referieren an sich korrekter Lehrsätze geht ebenso an der Sache vorbei wie das freundliche Vortragen von Irrlehre. Sehr schön ist in diesem Zusammenhang der Hinweis, dass „mit der ehrlichen und ernstgemeinten Fürbitte für jemanden auch die Liebe entsteht“.

Mission ohne Wahrheitsanspruch?

Sehr ausführlich wird dann auf das Thema „Mission und Nachfolge“ eingegangen. Es ist durchaus bedenkenswert, das Missionsmotiv „ewige Verdammnis“ zu hinterfragen und stattdessen auf die Liebe abzustellen. Dieser Ansatz ist durchaus paulinisch (2. Korinther 5,14). Die Lust zur Mission folgt daraus, dass man „schlichtweg nicht schweigen kann von der großen Liebe Gottes, die jedem Menschen gilt und jedes Leben verändern und reich machen kann“. Diener macht auch deutlich, dass sich die Gottesbilder der großen Weltreligionen eben nicht gleichen und Mission daher notwendig bleibt. Seine „differenzierte Sicht auf andere Religionen“, bei der er „das Wahre und Heilige“ in anderen Religionen mit dem Zweiten Vaticanum „bewusst anerkennen“ möchte, ist allerdings fraglich. Er zitiert zustimmend die EKD, nach der „auch in anderen Formen der Religion überzeugende Ausdrucksformen humanen Selbstverständnisses, authentische Formen der Spiritualität und verantwortliche Gestaltungen ethischer Überzeugungen zu finden sind“ – als käme es darauf an. Äußerst bedenklich erscheint auch das Zitat des tschechischen Soziologen Halik, zur Ethik des Dialogs gehöre es, „auf das Monopol auf die Wahrheit zu verzichten“, „auf den Anspruch zu verzichten, das einzige wahre Begreifen Gottes zu besitzen“. Hätten die Apostel mit dieser Haltung missioniert, gäbe es vermutlich keine Gemeinde. Völlig relativistisch wird es, wenn betont wird, auch Andersgläubige hätten „zumeist gute Gründe für ihren Glauben“ und „keiner von uns“ (!) könne „verbindlich, ‚mit Überblick‘ sagen, was nun richtig oder falsch ist“. Auf eine biblische Fundierung solcher Äußerungen wird wohl nicht zufällig verzichtet. Dem Hinweis, das Evangelium dürfe keineswegs „mit Gewalt, Manipulation, Hochmut oder Verunglimpfung“, sondern nur freundlich und vertrauensvoll weitergegeben werden, kann man dann nur zustimmen. Es dürfte kaum einen Christen geben, der das anders sieht.

Umstrittene Ethik

Zuletzt wird dann der hermeneutische Ansatz Dieners auf „umkämpfte ethische Themenfelder“ angewendet. Er verteidigt zunächst und durchaus zutreffend die Ansicht, dass der christliche Glaube und eine erneuerte Gottesbeziehung auch das Leben der Menschen untereinander und miteinander verändern kann und soll. Es geht also in der Tat um Heil und Wohl des Menschen. Diener erkennt auch an, dass sich die evangelikale Bewegung ausdauernd um das Wohl der Menschen sorgt, meint aber, dass eine Konzentration auf das individuelle Seelenheil der biblischen Botschaft nicht gerecht wird. Theologisch hergeleitet wird das nicht. Tatsächlich ist biblisch gesehen das Wohl des Menschen nicht ohne sein Heil zu denken. Gesellschaftsrelevantes Christsein soll sich dann an der „transformativen Ethik“ von Dietz und Faix orientieren, die mehr an der gesellschaftlichen Wirklichkeit interessiert ist als an der Bibel (Thomas Jeising hat das jüngst zutreffend kritisiert: „Dauernder Wandel oder überdauernde Werte?“, Bibel und Gemeinde 121, Band 3 (2021), Seite 26-40).

Diener schließt sich diesem Ethikentwurf „vollumfänglich an“, weil er zutiefst davon überzeugt ist, dass wir den „tiefgreifenden kulturellen Wandel berücksichtigen müssen, durch den sich die Rahmenbedingungen des Lebens weitreichend verändert haben“. Nicht die Bibel ist hier der Maßstab, an dem sich dieser kulturelle Wandel messen lassen muss – die Kultur ist der Maßstab, nach dem sich die Bibelauslegung zu richten hat. Da verwundert es dann wenig, dass die Bibel nichts als Zustimmung kennt zu allem, was heutzutage als modern gilt. Zur Abtreibung äußert sich Diener noch vorsichtig ablehnend, im Übrigen aber brechen alle Dämme. Das sechste Gebot sichert für ihn „den Fortbestand der Sippe“ und ist „Ausdruck der damaligen Sozial- und Wirtschaftsordnung“, weshalb „verantwortlich gelebte Sexualität“ ihren Rahmen auch durchaus außerhalb der Ehe finden kann. Immerhin wird das ehrlich zum Ausdruck gebracht, so dass zumindest diejenigen, denen ein Mindestmaß an biblischer Urteilsfähigkeit verblieben ist, gewarnt sein können. Auch Genderfragen (es wimmelt in dem Buch von Christ*innen, Leser*innen und Multiplikator*innen, obwohl selbst die Bundesjustizministerin diesen sprachlichen Unfug mittlerweile verbieten will), Feminismus, Quoten und Diversität werden positiv beurteilt. Eine biblische Herleitung sucht man natürlich auch hier vergebens. Es zeigt sich eben doch zunehmend, dass die Bibel für Dieners ethische Urteile keinerlei Rolle spielt. Allein bedenkenswert ist das Plädoyer für einen besseren Umgang mit Flüchtlingen. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus dürfen in der christlichen Gemeinde keinen Platz haben.

Fazit

Insgesamt dürfte deutlich geworden sein, dass der hermeneutische, „kultursensible“ Ansatz Dieners nicht „raus“, sondern geradewegs in die Sackgasse hineinführt. Die Bibel dient hier allenfalls noch als Steinbruch, aus dem man sich Begriffe wie „Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit“ borgt, um sich mit diesen Begriffen eine Begründung für alles zusammenzuklauben, was gerade en vogue ist. Gemeinde hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass sie Ekklesia, Herausgerufene, war. Die Christen wurden nicht dadurch „glaubwürdig“, dass sie kultursensibel waren – sondern ganz im Gegenteil dadurch, dass sie sich nicht in das „wüste und unordentliche Treiben“ ihrer Umwelt gestürzt haben (1. Petrus 4,4). Sie waren nicht dafür bekannt, mit Götzendienern Dialoge auf Augenhöhe zu führen und dabei auf das Monopol der Wahrheit zu verzichten – sondern dafür, überall das Ärgernis des gekreuzigten Jesus zu verkünden, in dessen Namen allein das Heil ist. Und sie haben sich auch nicht durch politisches Engagement ausgezeichnet, sondern durch aufopferungsvollen Dienst an den Armen und Schwachen.

Abgesehen von den inhaltlichen Defiziten des „kultursensiblen“ Ansatzes ist es auch nicht zu übersehen, dass Diener letztlich genau das tut, was er bei „Fundamentalisten“ kritisiert, nämlich die „aus der eigenen Schriftauslegung gewonnenen Glaubensüberzeugungen zu verabsolutieren“. Er möchte die Heilige Schrift „befreien“ von der falschen Lesart der Biblizisten – ist das nicht ein „zerstörerischer Ansatz, der die eigene Lesart für die einzig richtige hält“ – und die der anderen für falsch? Wenn es sich laut Diener bei der Berufung auf Bibeltreue „jedes Mal“ (!) um „nichts anderes handelt als um eine „sehr subjektive, aus einer bestimmten Frömmigkeitstradition gespeiste Sicht auf die Bibel“, wie kommt er dann auf den Gedanken, dass es ausgerechnet seine eigene subjektive Sicht sein soll, der die Evangelikalen folgen müssen? Grenzt Diener nicht Andersdenkende aus und wertet sie konsequent ab, wenn er ihnen Rückständigkeit, Engstirnigkeit und zerstörerische Schriftauslegung vorwirft? Wieso ist Dieners Haltung, die den einzig wahren Weg aus der Sackgasse darin sieht, dass alle sich seiner Hermeneutik anschließen, nicht „exklusive, intolerante Bibelauslegung“? Es ist ganz wesentlich, hier die Trennlinie korrekt zu verorten. Es geht nicht um „Toleranz“ gegen „Intoleranz“, sondern schlichtweg um das Gegeneinander zweier verschiedener Auslegungsansätze. Welcher dieser Ansätze zur Bibel hin, welcher von ihr wegführt, ist nicht schwer zu erkennen.