LiteraturBuchbesprechungen

Täufer: Von der Reformation ins 21. Jahrhundert

Als Leiterin der Mennonitischen Forschungsstelle in Weierhof und Privatdozentin am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Universität Regensburg ist Astrid von Schlachta geradezu prädestiniert, um eine Geschichte der Täufer zu schreiben. Sie hat ihr Werk in neun große Kapitel gegliedert. Zunächst beleuchtet sie die Entstehung der Täufer in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts und stellt dar, welche Einflüsse die ersten Täufer geprägt haben.

Ihre schnelle Ausbreitung und bald einsetzende Verfolgung durch Staat und Volkskirchen erschüttert den heutigen Leser noch immer. Wie konnten bloß Menschen, die sich Christen nennen, andere Christen so grausam verfolgen? – Kapitel zwei thematisiert die dunkle Episode des Täuferreichs von Münster 1534/35 mit seinen für die ganze Täuferbewegung negativen Auswirkungen sowie die von den Hutterern, einem Flügel der Täufer, praktizierte Gütergemeinschaft in Mähren. – In Kapitel drei werden zentrale theologische Themen der Täufer erörtert: das Verhältnis von Gnade und Werken, das Taufverständnis, Wehrlosigkeit und Gewalt sowie die Haltung gegenüber der Obrigkeit.

Im nächsten Abschnitt zeigt die Autorin auf, dass die gesellschaftliche Duldung der Täufer bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht gesichert war. Zwar gab es schon im 16. Jahrhundert einzelne Stimmen, die Gewissens- und Glaubensfreiheit für alle forderten. Doch erst im 19. Jahrhundert kamen Verfassungen auf, die das gleiche Recht für alle Bürger – egal welcher Konfession – festschrieben. – In Kapitel fünf werden die Hauptsiedlungsgebiete der Mennoniten, wie die Täufer heute meistens genannt werden, dargestellt sowie ihre Migrationsbewegungen nach Russland und Nordamerika. – Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit Entstehung und Verbreitung der Amischen, einer Abspaltung von den Täufern, beleuchtet die Kontakte der Mennoniten zu Pietisten und Herrnhutern und beschreibt den wirtschaftlichen Erfolg und wachsenden Wohlstand der Mennoniten, die als Experten für Landwirtschaft von Fürsten und anderen Herrschern geschätzt wurden.

Kapitel sieben zeigt auf, wie sich einzelne mennonitische Gemeinden – besonders jene in Städten – ganz pragmatisch den durch Aufklärung und Rationalismus veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anpassten, während andere, die sogenannten „old order“-Mennoniten, die alten Traditionen festzuhalten versuchten. Auch begannen sich die Mennoniten im 19. Jahrhundert mehr und mehr für überkonfessionelle Kontakte zu öffnen und arbeiteten bei Bibel- und Missionsgesellschaften und in der Evangelischen Allianz mit. – Kapitel sieben beschreibt auch die weitere Ausbreitung und Zersplitterung der Mennoniten in Nordamerika sowie ihre Entwicklung in Russland. Bereits im 18. Jahrhundert waren auf Einladung der Zarin Katharina der Großen Mennoniten in die Ukraine ausgewandert. Im 19. Jahrhundert folgten weitere, so dass Anfang des 20. Jahrhunderts rund 120.000 Mennoniten deutschen Ursprungs in Russland lebten. Mitte des 19. Jahrhunderts kam es unter den Mennoniten in Russland zu einer Erweckung und in der Folge zu einer Spaltung: 1860 entstehen die Mennoniten-Brüdergemeinden, die durch eine stärker erwecklich geprägte Frömmigkeit gekennzeichnet sind und von denen es bis heute zahlreiche Gemeinden in Deutschland gibt, nachdem diese in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts teilweise geschlossen nach Deutschland ausgewandert waren.

Astrid von Schlachta. Täufer.Von der Reformation ins 21. Jahrhundert. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag 2020. 431 S. Paperback: 26,90 Euro. ISBN: 978-3-8252-5336-3

Kapitel acht beschreibt, wie die Machtübernahme der Kommunisten in Russland das religiöse Leben der Mennoniten erheblich erschwerte und zu Verfolgung, Enteignung und Deportationen führte. Daher entschlossen sich viele Mennoniten, die Sowjetunion zu verlassen. Zwischen 1923 und 1930 verließen über 20.000 Russland und siedelten sich in Deutschland, Kanada oder Paraguay an. Auch in Uruguay, Bolivien und Mexiko gibt es heute kleinere mennonitische Siedlungen. Gegenüber dem Nationalsozialismus verhielten sich die Mennoniten ähnlich wie andere Freikirchen auch: Es gab keinen großen Widerstand. Einzelne jedoch erkannten den dämonischen Charakter des Naziregimes und widersetzten sich. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg war die Lage für die in der Sowjetunion verbliebenen Mennoniten äußerst schwierig. Als Deutsche wurden sie von den Russen natürlich zu den Faschisten gezählt und sahen sich zahlreichen Repressionen ausgesetzt. Nach Stalins Tod 1953 entspannte sich die Lage ein wenig; doch erst in der von Glasnost und Perestroika geprägten Gorbatschow-Ära konnten die Russlanddeutschen – und darunter auch viele Mennoniten – in großer Zahl die Länder der früheren Sowjetunion verlassen und nach Deutschland auswandern.

Im letzten Kapitel erörtert die Autorin zunächst die Frage, wie die Täufer in der Geschichtsschreibung dargestellt werden und diskutiert anschließend, ob die Täufer wirklich auf dem Boden der protestantischen Reformation stehen. Die Meinungen dazu gehen auseinander, doch eine Mehrheit der Forscher hält die Täufer für einen Teil der Reformation und deshalb auch die Bezeichnung „dritter Flügel der Reformation“ (neben Lutheranern und Reformierten) für berechtigt.

Wer Interesse an der Geschichte der Mennoniten hat, wird diese Monographie schätzen. Sie ist gut lesbar geschrieben, enthält interessante Hintergrundinformationen, ist durch ausgewählte Gemälde und Fotographien aufgelockert und hat ein ausführliches Literaturverzeichnis, das zu weitergehenden Studien anregt.