LiteraturBuchbesprechungen

Prak­­tische Theologie. Ein Grundriss für Studium und Gemeinde

Der vorliegende Grundriss der Praktischen Theologie wurde aus evangelisch-freikirchlicher Perspektive geschrieben.

  • Im ersten Teil werden die methodischen Grundlagen der Praktischen Theologie behandelt.
  • Im zweiten Teil wird der Kontext analysiert, in dem Gemeindebau jetzt und in Zukunft erfolgen soll.
  • In einem dritten Teil werden die einzelnen Felder des praktisch-theologischen Handelns entfaltet.

Ich versuche das, was diese Praktische Theologie im Einzelnen entfaltet, jeweils kurz zusammenzufassen.

Stadelmann, Helge; Schweyer, Stefan, Prak­­tische Theologie. Ein Grundriss für Studium und Gemeinde, Giessen: Brunnen 2017, 508 S., 50 Euro, ISBN: 978-3-7655-9568-4.

Teil 1: Grundlagen

Jedes der nun folgenden Kapitel beginnt mit einer Übersicht der Schwerpunkte, die ausgeführt werden. Zudem wird auf die wichtigste Standardliteratur hingewiesen. Jedes Kapitel schließt mit Repetitionsfragen und einer ausführlichen Literaturliste.

Im ersten Kapitel wird dargelegt, was unter Praktischer Theologie zu verstehen ist und welches ihre eigentlichen Aufgaben sind. Es wird dann ein ausgezeichneter und sehr beachtenswerter Aufbau der Praktischen Theologie vorgestellt, der den Aufbau des vorliegenden Buches maßgeblich prägt (S. 9).

Im zweiten Kapitel werden dann die Entwicklungslinien der neueren Prak­ti­schen Theologie aufgezeigt. In Kapitel drei geht es um die praktisch-theologische Methodik. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, wie die Praktische Theologie mit ihren Referenz­wissenschaften, wie z.B. Psychologie, Soziologie usw., umgehen soll.

In Kapitel fünf werden die hermeneutischen Grundentscheidungen entfaltet. Das Ziel ist es, an der äußeren Klarheit der Heiligen Schrift anknüpfend das Gemeinte so eindeutig wie nur möglich zu verstehen und auch zu kommunizieren (S. 65).

Das sechste Kapitel zeigt, wie im Anschluss an die systematisch-theologische Ekklesiologie eine Theorie der Kirche entwickelt werden kann. Die entfaltete Kirchentheorie nimmt eine Mittel­stellung zwischen Systematischer und Praktischer Theologie ein (S. 74).

Teil 2: Kontext

In Kapitel sieben werden religiöse und gesellschaftliche Entwicklungen näher betrachtet. Es wird aufgezeigt, dass unsere Gesellschaft immer mehr von der Säkularisierung, der Privatisierung, der Entkirchlichung, der Individualisierung, der Entchristlichung und der Synkre­tisierung geprägt wird (S. 91-93).

Im achten Kapitel wird ausgeführt, welche Bedeutung die Kirchen in der nachchristlichen Gesellschaft haben.

Kapitel neun beschäftigt sich mit der Bevölkerungsprognose. Einerseits haben wir eine Bevölkerungsexplosion in der südöstlichen Hemisphäre. Auf der anderen Seite zeichnet sich in Westeuropa ein deutlicher Schrumpfungsprozess ab. Dadurch kommt es zu einer Überalterung der Gesellschaft. Es wird dann aus praktisch-theologischer Sicht darauf hingewiesen, warum die Gemeinden der Zukunft einerseits kinder- und jugendfreundlich und andererseits altenfreundlich sein sollten (S. 125-126). Zudem sollten sie auch den Missionsauftrag sehr ernst nehmen, um den wachsenden Gemeinden im südöstlichen Bereich auf dieser Erde zu helfen (S. 127-129).

Teil 3: Entfaltung

A: Gemeinde aufbauen

In Kapitel zehn wird der Fachbereich Oikodomik vorgestellt. Es werden die neutestamentlichen Leitlinien im Blick auf den Bau der Gemeinde entfaltet. Dazu gehören Evangelium und Konversion, Gottesdienst und Lehre, Charisma und Mitarbeit, Leitung und Struktur, Diakonie und Präsenz (S. 149-152). Das elfte Kapitel befasst sich mit der Kybernetik, dem zielbewussten Leiten einer Gemeinde. Grundsätzlich geht es in einer Gemeinde um eine geistliche Leitung. Trotz der vielen guten und wertvollen Ausführungen in der Oikodomik und Kybernetik bleibt letztlich unklar, wie die Leitungsstrukturen innerhalb einer sich an der Bibel orientierenden Freikirche aussehen sollten.

B: Gemeinde sammeln

Im zwölften Kapitel wird der Fachbereich Liturgik entfaltet. Zunächst werden geschichtliche Aspekte zur Gottesdienstgestaltung ausgeführt. Die Bibel nennt uns die Elemente, die zu einem Gottesdienst gehören (S. 197-198). Anschließend wird auf die Grundstrukturen eines Gottesdienstes hingewiesen.

Das dreizehnte Kapitel befasst sich mit dem Fachbereich Homiletik. Zuerst werden einige Grundgedanken zur Homiletik ausgeführt. Es wird u.a. darauf hingewiesen, dass die christliche Predigt konstitutiv für das Christsein und den Aufbau der Gemeinde ist (S. 228-229). Sie ist weiter nicht irgendeine Kanzelrede, sondern Auslegungspredigt, die letztlich trinitarisch begründet ist. Jede Predigt hat demzufolge einen schöpfungstheologischen, christologischen und pneumatologischen Schwerpunkt (S. 231-234). Gerade im Blick auf die Textwahl ist es wichtig, die Hörer mit ihren Bedürfnissen ins Auge zu fassen.

In Kapitel vierzehn geht es um die Kasualien. Kapitel fünfzehn erläutert, was unter Aszetik zu verstehen ist. Es geht bei der Aszetik um gelebte christliche Spiritualität. Im sechzehnten Kapitel geht es um das Fach Poimenik. Zuerst wird eine Annäherung an den Seelsorgebegriff vorgenommen. Es wird dann auf die geistlichen Angebote in der Seelsorge hingewiesen. Dazu gehören Gebet, Beichte, Segen und Gemeinschaft (S. 303). Weiter wird ausgeführt, warum Seelsorger empirisch-psychologische Erkenntnisse brauchen. Anschließend werden noch die ethischen und rechtlichen Aspekte der Seelsorge angesprochen. Dazu gehört vor allem das Berufsgeheimnis (S. 306-307). Schließlich werden die Praxisfelder der Seelsorge vorgestellt. Zuerst geht es immer wieder darum, Hilfen zum Glauben zu geben. Weiter gilt es, Ehepaaren und Familien beizustehen. Auch in seelischen Krisen, Depressionen, Angstzuständen, Sucht­erkrankungen usw. soll geholfen werden. Es sollen zudem Kranke, Sterbende und Trauernde begleitet werden. Abschließend wird auf das Spannungsfeld von Seelsorge und Psychotherapie hingewiesen.

Das siebzehnte Kapitel beschäftigt sich mit den Angeboten für die Kinder und Jugendlichen in der Gemeinde (Gemeindepädagogik). Jede Gemeinde sollte altersgerechte Angebote für die nachwachsende Jugend konzipieren. Auf Seite 342 werden solche Angebote in einem beachtenswerten Überblick vorgestellt. Es werden dann grundsätzliche Gedanken zur Sonntagsschule/Kindergottesdienst, zu Kinderbibelwochen, zur kindermusikalischen Arbeit, zu Freizeiten, zum Konfirmanden- oder Bibelunterricht, zur missionarischen und diakonischen Jugendarbeit entfaltet.

Im achtzehnten Kapitel geht es darum, wie Erwachsene im Glauben gefördert werden können. Dieses Kapitel wird mit Gemeindepädagogik II überschrieben. Es werden dann die Bereiche, die zur Erwachsenenbildung des gemeinde­pädagogischen Curriculums gehören, auf­gezählt. Dies sind: Eheförderung, Fami­lienförderung, Mitarbeiterförderung, Tauf­kurse und Glaubensgrundkurse, zu denen auch Evangelisationsgrundkurse gehören (S. 367-372).

C: Gemeinde senden

Kapitel neunzehn wendet sich dem Fachbereich Evangelistik zu. In diesem Fach wird die Frage erörtert, wie im nachchristlichen Europa das Evangelium kommuniziert werden soll. Eigentlich sollte nach Auffassung der beiden Autoren Evangelisation das Herzensanliegen einer jeden Gemeinde sein. Und bei Evan­gelisationen soll die Botschaft vom Erlösungswerk Jesu im Zentrum stehen. Die Hörer werden an einer Evangelisation aufgefordert, sich zu bekehren. Zugleich werden sie auch in die Nachfolge Jesu gerufen. Abschließend wird darauf hingewiesen, dass Evangelisationen in Gegenden, wo es noch keine Gemeinden gibt, zu Gemeinde­gründungen führen können und sollen (S. 395-396).

Das zwanzigste Kapitel entfaltet den Fachbereich Diakonik. Zuerst wird geklärt, was unter Diakonie zu verstehen ist. Bei Diakonie geht es um ein soziales Handeln, das aber als gelebtes Evangelium erkennbar bleiben sollte (S. 405). Es folgt dann eine ausführliche biblische Begründung für das diakonische Handeln. Es wird zudem ausgeführt, dass sich diese Liebestätigkeit der Gemeinde sowohl nach innen als auch nach außen richtet (S. 409). Es wird auf die Diakonie an Kindern und Jugendlichen, auf die Ehe- und Familienberatung und Altenhilfe eingegangen. Es folgen weiter Ausführungen über die Diakonie an Kranken, Sterbenden, Suchtkranken, Behinderten, Arbeitslosen, Obdachlosen und Flüchtlingen.

Das einundzwanzigste Kapitel beschäftigt sich mit dem Fachbereich Religionspädagogik. Es geht in der Religionspädagogik um die christliche Bildungsarbeit an öffentlichen und privaten Schulen. Die Autoren stellen gängige religionspädagogische Konzeptionen vor. Dazu gehörendie liberale Religionspädagogik, die Evangelische Unterweisung, die hermeneutische Religionspädagogik und die thematisch-problemorientierte Religionspädagogik. Schließlich werden noch religionsdidaktische Aspekte entfaltet.

Ich habe mich gefragt, ob der Auftrag der Gemeinde an den öffentlichen und den freien christlichen Schulen nicht in den Bereich der Gemeindepädagogik gehört.

Das letzte Kapitel Publizistik zeigt, wie Medien für die Kommunikation des Evangeliums eingesetzt werden können. Die Praktische Theologie ist im 21. Jh. herausgefordert, über den Einsatz der Medien nachzudenken. Gerade Medienschaffende können zu Impulsgebern im Blick auf den Einsatz der Medien werden. Es wird auf Praxisfelder für den Einsatz der Medien hingewiesen und auf die Wichtigkeit der Printmedien eingegangen (S. 471). Es wird weiter auf die Möglichkeiten des Radios und des Fernsehens aufmerksam gemacht. Eine ganz besondere Mög­lich­keit ist das Internet, da dieses geradezu unbegrenzteInformations- und Kom­munikationsmöglichkeiten bietet (S. 474-476). Abschließend werden noch kurz einige journalistische Arbeitsformen erwähnt. Dazu gehören die Recherche, die Pressemeldung, der Kommentar, die Re­por­tage, das Portrait und das Interview (S. 476-481).

Ich halte den Aufbau dieser vorliegenden Praktischen Theologie für gut durchdacht. Die einzelnen Kapitel sind übersichtlich aufgebaut. Bei der Entfaltung der verschiedenen Fachbereiche werden die wesentlichen Schwerpunkte sorgfältig herausgearbeitet. Sehr positiv finde ich, dass der Gemeindepädagogik eine besondere Beachtung geschenkt wird.

Trotz all dieser positiven Aspekte finde ich schade, dass letztlich nicht klar wird, welche Stellung einem Verkündiger in einer freikirchlichen Gemeinde zukommt. Zudem bestätigen die vorliegenden Ausführungen, worauf Michael Klessmann hinweist, dass man nämlich im Studium im Bereich der Praktischen Theologie tendenziell zu einem mit allen Kompetenzen ausgerüsteten Einzelkämpfer ausgebildet wird (vgl. Klessmann, M., Das Pfarramt. Einführung in die Grundfragen der Pastoraltheologie, Neukirchener Verlag, 2012, S. 281).

Es wird meines Erachtens zu wenig deutlich darauf eingegangen, dass der Verkündiger in all seinen Bemühungen im Blick auf den Bau der Gemeinde die Unterstützung durch andere fähige, leitungsbegabte Gemeindeglieder braucht. Es sollte meiner Meinung nach in verschiedenen Fachbereichen darauf hingewiesen werden, wie er als Verkündiger später die Unterstützung durch begabte Gemeindeglieder annehmen und sogar fördern kann.

Zu viele junge, gut ausgebildete und begabte Pastoren, scheiden überfordert aus ihrem Dienst aus, weil es ihnen nicht gelingt, eine tragende Zusammenarbeit mit fähigen Gemeindegliedern aufzubauen (Vgl. Der beste Job der Welt. Theologen, Pfarrer und Pastoren über ihre Berufung, hg. v. F. Peyer-Müller, Schwarzenfeld: Neufeld Verlag, 2015, S. 7).

Trotz der genannten Schwachstelle ist die vorliegende Praktische Theologie eine gut durchdachte Arbeit und sehr wertvoll. Ich danke Prof. Dr. Helge Stadelmann und Prof. Dr. Stefan Schweyer für diese ausgezeichnete Arbeit.

Eine ausführlichere Fassung der Buchbesprechung können Sie sich hier herunterladen.

Rezension der Praktischen Theologie von H. Stadelmann und St. Schweyer