LiteraturBuchbesprechungen

Handbuch Evangelische Spiritualität. Band 3: Praxis

Peter Zimmerling ist Professor für Praktische Theologie in Leipzig und legt den dritten und letzten Band des Handbuchs für Evangelische Spiritualität vor, der einen Überblick über die grundlegenden Formen geben soll, in denen evangelische Spiritualität heute gelebt wird. Allein dieser Anspruch zeigt, weshalb das Werk so umfangreich ausfällt. Das Buch ist in fünf Teile untergliedert und bespricht unter den Stichworten Kirche und Gemeinde, Gottesdienst und liturgisches Leben, Gebet und Bibellese, Seelsorge und Begleitung, Lebenswelt und Bildung, in nach Themen eingeteilten Kapiteln, die verschiedenen Erscheinungsformen evangelischer Fröm­migkeit.
Unter dem Stichwort „Kirche und Gemeinde“ werden etwa Jugendarbeit, Kirchentage, Kommunitäten, übergemeindliche Institutionen und Hauskreise besprochen. Letztere werden als „Stück kirchlicher Zukunft mit neutestamentlicher Herkunft“ bezeichnet. Zum Thema „Gottesdienst“ werden neben Predigt, Taufe und Abendmahl auch Kasualien, Segen, Salbung und Lieder thematisiert. Bezüglich des Themenfeldes „Spiritualität und Lied“ hätte man sich eine ausführliche Beschäftigung mit der „Generation Worship“ gewünscht. Der Autor bewertet insofern vor allem die musikalische, weniger die geistliche Dimension. Er stellt fest, dass heute viele Formen und Techniken „auf körperlich-ekstatische Selbstvergessenheit“ abzielen. „Sound und Beat“ seien vorrangig, die Bedeutung der Textebene trete zurück. Zudem führe die allgemeine Ver­fügbarkeit technisch perfekt produzierter Musik dazu, dass es als peinlich empfunden werde, selber mitzusingen. Die Kritik an diesem Trend ist unüberhörbar.

Das Kapitel über die Predigt zeigt zwar die zentrale Bedeutung der Verkündigung für den evangelischen Gottesdienst auf (leider ausgerechnet im „Gender-Deutsch“: Predigtperson, Predigende, Predigerinnen und Prediger), bleibt aber für ein „Praxis“-Handbuch recht theoretisch. Hier hätte der Rezensent sich noch Ausführungen über die tatsächliche Handhabung erwartet: worüber, zu wem und wie lange wird heute in der evangelischen Praxis gepredigt? Ob dann das Thema „Lichterbäume“ wirklich ein eigenes Kapitel benötigt hätte („Brücke zu agnostischer Spiritualität“), darf bezweifelt werden.

Peter Zimmerling (Hrsg.). Handbuch Evangelische Spiritualität. Band 3: Praxis. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020. 926 S., gebunden: 60,- €. ISBN: 978-3525564608.

Gebet und Bibellese werden im dritten Teil besprochen, wobei die „Stille Zeit“ (recht knapp), Schweigen und Meditation und auch die Herrnhuter Losungen in eigenen Kapiteln behandelt werden. Im Seelsorge-Teil werden unter anderem Beichte, Enneagramm, Exerzitien und sogar der Exorzismus, vor allem in Verbindung mit der Taufe, diskutiert. Der letzte Teil wird mit einem bedenkenswerten Kapitel über die Familie als Ort der Spiritualität eingeleitet, beschäftigt sich aber auch mit Freizeiten, Pilgerreisen, der Bedeutung der Arbeit und der Rolle der Medien. Es dürfte damit klar geworden sein, dass der eigene Anspruch, die wesentlichen Formen evangelischer Frömmigkeit abzubilden, erfüllt wird.

Auch wenn aus evangelikaler Sicht Schwerpunkte zum Teil etwas anders hätten gesetzt werden können, bietet das Handbuch einen umfangreichen Überblick über die evangelische Frömmigkeitspraxis. Besonders erhellend ist dabei die Einleitung des Herausgebers. Zimmerling beschreibt, wie die starke Erlebnisorientierung der modernen Gesellschaft auch die Gemeinden vor neue Herausforderun­gen stellt. Auch seine Ausführungen zu einer evangelischen „Formen-Phobie“, der Ablehnung geprägter Symbole und Rituale, ist durchaus bedenkenswert. Rituale müssen nicht zwangsläufig aus einer „toten Form“ bestehen. Mit Luther fordert er zudem eine Wiederentdeckung der Glaubensübung. Die geistliche Übung stelle einen unverzichtbaren Aspekt für die Gestaltwerdung des Glaubens dar. Die gegenwärtige volkskirchliche Praxis beschreibt der Autor kritisch. Er macht „Weihnachtsspiritualität statt Kirchenjahr“, „Festtagsspiritualität statt Sonntagsheiligung“, „Losungsspiritualität statt Bibellese“ als Problemfelder aus und fordert, evangelische Frömmigkeit dürfe den Charakter einer „Schwarzbrot-Spiritualität“ nicht aufgeben. Während also das Handbuch für alle, die ein kompetentes Nachschlagewerk zur gegenwärtigen Praxis evangelischer Frömmigkeit suchen, durchaus zu empfehlen ist, sollte die Einleitung von Zimmerling sogar zur Pflichtlektüre von Pastoren und Kirchenleitungen werden.


Hier geht es zur Besprechung des 1. Bandes des Handbuchs Spiritualität