ThemenBibelverständnis, Buchbesprechungen

Weiterglauben – doch nicht so

  • Die Debatte, die Thorsten Dietz mit seinem Buch angestoßen hat, ist wichtig, seine Antworten aber sollten hinterfragt werden.
  • Polarisierungen in der Christenheit werden am besten mit einer liebevollen Streitkultur, aber nicht mit einem neuen Glauben überwunden.
  • Bibelkritik führt weder zu einem besseren Verständnis der Bibel noch zu einem besseren christlichen Leben.

Kaum war das neue Buch von Thorsten Dietz Weiterglauben: Warum man einen großen Gott nicht klein denken kann auf dem Markt, da wird auch schon darüber diskutiert. Jürgen Mette empfiehlt es überschwänglich1 . Markus Till bespricht es in seinem Blog kritisch2 . Ulrich Parzany empfiehlt diese kritische Besprechung bei Bibel und Bekenntnis, woraufhin Dietz auf dem Blog von Tobias Faix antwortet. Was hat es mit dem Buch auf sich und warum ist es eine so aufregende Lektüre?

Thorsten Dietz, Weiterglauben: warum man einen großen Gott nicht klein denken kann. Moers: Brendow 2018.

Thorsten Dietz will mit seinem Buch drei Probleme lösen. Zuerst einmal will er Polarisierungen im Christentum überwinden. Die gehen für Dietz offenbar vor allem von „fundamentalistisch“ denkenden Christen aus, die dann auch noch andere Christen kritisierten, die sich in ihrem Glauben „weiterentwickelt“ haben. Wenn nun die fundamentalistischen Christen, die Dietz vereinzelt auch auf Seiten liberaler Bibelkritik sieht, vor allem aber bei den Bibeltreuen, aufhörten, eng zu glauben und anfingen, weit zu glauben, würde eine positive Streitkultur gefördert. Zweitens könnte ein weiter Glaube dazu führen, dass sich weniger junge Christen, die einmal zu evan­gelikalen Ge­mein­den gehörten, später von diesen abwendeten. Sie müssten nur den engen Glauben hinter sich lassen und könnten dann trotzdem weiterglauben. Drittens erscheint Dietz dieser von Weite geprägte Glaube am besten zu den Herausforderungen einer unübersichtlichen Welt zu passen, denen sich dann eine geeinte Christenheit jenseits aller Lagerbildungen widmen könnte.3

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Den fundamentalistischen Christen will Dietz zur Überwindung ihres Denkens mit Verständnis begegnen, ihnen die Gründe für ihre Enge erklären und den Weg hinaus zeigen. Sie sollen erkennen, dass ihr Fundamentalismus nur eine Reaktion auf Verunsicherung ist, aber der wahre christliche Glauben ein Glaube ohne Sicherheiten sein kann (Kap 1-3). Dass Dietz bei aller Äquidistanz doch vor allem die konservativen evan­gelikalen Christen im Blick hat, zeigt sich daran, dass er die engen Gläubigen überzeugen will, ihre Bibelhaltung zu ändern und anzuerkennen, dass die Bibel vorallem insofern „Gotteswort im Menschenwort“ ist, dass wir uns von ihr angesprochen fühlen (Kap 4). Deswegen sollen sie damit aufhören, sich auf eine Historizität des in der Bibel Erzählten zu stützen, die es vielfach nicht gebe, sondern die symbolisch erzählte Botschaft erkennen. Die biblischen Texte sollen eher als kunstvolle Bilder gedeutet werden, die eine Wahrheit unhistorisch abbilden, dabei aber eine „Begegnung mit Jesus Christus“ ermöglichen (Kap 5). Der neue, weite Glaube ist für Dietz deswegen auch ein mystischer Glaube. Natürlich seien auch theologische Fragen wichtig, aber es gehe vor allem um eine „Frömmigkeit als innerer Erfahrung“, die im Gefühl der Ergriffenheit von einem unbegreiflichen Gott besteht (Kap 8). Auf dieser Grundlage sieht er in einer unübersichtlichen Zeit eine Zukunft für den christlichen Glauben und eine Wirkung der Gemeinschaft der Christen auf die Welt (Kap 9).

Das Buch will Polarisierungen in der Christenheit dadurch überwinden, dass es für einen christlichen Glauben wirbt, der eher mystisch und weniger bibelgebunden lebt.

Das Ganze ist an keiner Stelle eine neue Botschaft. Wer die Theologiegeschichte der vergangenen 100 Jahre überschaut, weiß dass die Art von Glauben, für die Thorsten Dietz wirbt, der Glaube ist, der nach dem Siegeszug der historisch-kritischen Theologie aufgerichtet wurde und dessen Spitze darin liegt, dass man an die Auf­erstehung glauben will, auch wenn der Körper von Jesus Christus im Grab geblieben ist. Nur kommt die Werbung jetzt von einem Professor der Evangelischen Hoch­schule Tabor, die über Jahr­zehnte für ein kon­servatives bibel­orientiertes Christ­sein stand und Missionare und Prediger für die Gemeinschafts­bewegung ausgebildet hat. Thorsten Dietz trägt sein Anliegen mit erfrischender Offenheit vor. Er steht zum Projekt „Universitäts­theologie für Evangelikale“4 . Seine Einbindung in dieses Unter­nehmen von „Worthaus“ hebt er an vielen Stellen im Buch hervor, die Vorträge dort sieht er als eine „wesentliche Hilfe“ für den „Glaubensweg“ vieler (9). Die Ehrlichkeit und der um Verständnis bemühte Ton machen das Buch sympathisch. Nur sollte das niemanden darüber täuschen, dass hier nicht „die Brücken, die Übergänge und Verbindungstunnel zwischen den Lagern“ „gepflegt“ und „gestärkt“ werden (11). Das Ziel ist letztlich die Überwindung eines „prämodernen“, bibelgebundenen Kinderglaubens, der auf das historische Heilshandeln Gottes aufbaut, wie es in der Bibel bezeugt ist, hin zu einer aufgeklärt mystischen Frömmigkeit als einem postmodernen „Glaubensstil“. Der kann dann glauben, selbst wenn die Bindung an historische Tatsachen, wie sie etwa im Glaubensbekenntnis zum Ausdruck kommen, entfällt, weil die Ereignisse gar nicht stattgefunden haben, sondern reine „Glaubenssätze“ sind. Das ohne „Polarisierung“ zu bewirken, kann ein frommer Wunsch sein, wäre aber nur durch stille Anpassung einer Seite erreichbar. Dass eine solche Anpassung im Gang ist, sollte umso mehr zu einer kritischen Auseinandersetzung ermutigen.

Notwendige und überflüssige Polarisierungen

Thorsten Dietz beklagt die Polarisierungen in der Christenheit, die dazu führten, dass viele Fragen „in vielen christlichen Kreisen“ „schlicht tabu“ sind. Wer seine Zweifel an der bisherigen Frömmigkeit äußere, gehöre nicht mehr dazu und dürfe nicht mehr mitarbeiten. Wer sich zu einem neuen Glauben weiterentwickelt hat, bekomme keinen Raum mehr in seiner Gemeinde (20). Nun vermag ich nicht zu beurteilen, ob Thorsten Hebel, dessen Weg Dietz als Beispiel wählt, nach seiner „Entkehrung“, die er in seinem Buch Freischwimmer verteidigt hat, immer liebevoll und christlich behandelt wurde. Ich habe das aber in meinem Umfeld so erlebt. Es war mehr Trauer und Mitleid als Verurteilung zu bemerken. Er ist auch nicht der erste Evangelist, dessen Predigten ich dankbar zugehört habe, der dem Glauben (oder nur einem bestimmten Glaubensstil?) den Rücken gekehrt hat.

Wenn aber jemand, der in der evangelikalen Öffentlichkeit einen Namen hat, einen neuen Weg gehen will und sich zu einem eher deistischen Glaubensverständnis wendet, dann ist eine Debatte naheliegend, insbesondere wenn das Ganze von ihm selbst nicht nur auf seelsorgerlicher Ebene behandelt wird.

Es gibt Polarisierungen, die sind unvermeidbar, weil es um den wahren Glauben geht. Aber auch die sollen in christlicher Liebe ausgetragen werden.

Ich frage mich nur, wie eine Polarisierung vermieden werden kann, wenn die einen das nun als Abfall vom rechten Glauben deuten und die anderen das Gleiche für eine Weiterentwicklung zu einem erwachsenen Glauben halten. Wie soll eine Debatte darüber ohne Polarisierung auskommen? Für empfindliche Gemüter ist das unangenehm, aber unvermeidbar. Es kommt dann darauf an, dass wir diese Debatte mit christlicher Liebe und gutem Umgang führen, aber umgehen können wir sie nicht. Kann aber deswegen niemand mehr offen über seine Zweifel reden und gibt es jetzt ein Klima der Angst und Unterdrückung? Ich nehme das nicht wahr. Zu mir kommen auch regelmäßig Menschen, die ernste Glaubenszweifel haben oder die ihren Frömmigkeitsstil hinterfragen oder die durch ihr Verhalten in ernste Probleme geraten sind. Aber es gibt unterschiedliche Wege damit umzugehen. So weit ich sehe, wird selten jemand wegen Glaubenskrisen oder Nöten oder Irrwegen geächtet. Damit sind auch die seltenen Fälle nicht entschuldigt, hier haben Christen und Gemeinden Schuld auf sich geladen. Die Debatte entsteht aber nicht deswegen, sondern weil Krisen oder Nöte gerechtfertigt oder gar als neuer Weg des Glaubens dargestellt werden. In einer Gesellschaft, die alles gern zu einem Teil der Identität erklärt und wo jedes Coming-out bejubelt wird, steht der christliche Weg als altmodisch dar. Es sind zwei Welten, ob jemand im seelsorgerlichen Gespräch sagt: „Ich habe abgetrieben“, oder sich auf einem Stern-Cover abdrucken lässt und das Gleiche sagt. In einem Fall gibt es keine Polarisierung, im anderen Fall schon. Christliche Gemeinden haben immer auch homosexuell empfindende Männer begleitet. Die Polarisierung begann, als das auch von Christen zu einer Identität erklärt wurde, die als normale christliche Lebensform angesehen werden müsse.

Genau das ist auch schon in der Bibel zu beobachten und zieht sich durch die ganze Kirchengeschichte. Wer diese Art von Polarisierung nicht will, der muss entweder einen Pluralismus einführen, der alles und jedes als möglichen Glaubensweg toleriert (das will Dietz offenbar nicht), oder er richtet eine Meinungsdiktatur auf, in der dann vielleicht die konservativen oder „fundamentalisch“ denkenden Christen ausgeschlossen werden (das will er wohl auch nicht). Ich höre die Mahnung zu einer Auseinander­set­zung, die Liebe und Respekt nicht vergisst. Aber können wir die Vermeidung von Polarisierungen zum Maßstab machen, wenn wir es mit gegenteiligen Überzeugungen zu tun haben? Insofern unterstreiche ich die Wendung am Ende des ersten Kapitels bei Dietz:

„Besser streiten lernen, darum muss es heute in vielen christlichen Kreisen gehen. Zwischen radikaler Totalkritik der jeweils anderen und großer Gleichgültigkeit bzw. Kontaktvermeidung gibt es einen weiten Raum, in dem Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Voraussetzungen Fragen stellen und diskutieren können“ (32).

Ich nehme es Thorsten Dietz auch ab, dass er ehrlich „ringen und diskutieren, aufeinander hören und voneinander lernen“ will. Leider machen Teile des Buches, das einerseits ständig zur Bescheidenheit angesichts der eigenen begrenzten Erkenntnis mahnt und im nächsten Atemzug diese Erkenntnis als alternativlos darstellt, keine große Hoffnung. Auch scheint das Lächerlichmachen von Andersdenkenden zum Stil von Worthaus zu gehören5 . Davon hebt sich allerdings der Ton in diesem Buch fast überall wohltuend ab.

Auf dem Weg zur Gelassenheit

Indem wir lernen, unsere Glaubensinhalte als relativ zum wahren Gott zu sehen, sollen wir „einen etwas gelasseneren Umgang mit Glaubensunterschieden gewinnen“ (33). Thorsten Dietz entfaltet in guter Exegese von Bibelabschnitten, dass der Gott der Bibel sich zugleich offenbart und doch der unsichtbare Gott bleibt. (Diese Seiten waren für mich beim Lesen sehr wertvoll.)

„Gott ist größer als alle unsere Gedanken über ihn, er entzieht sich all unserem Begreifen – und zugleich kommt er uns ganz nah. Im Grunde ist das unstrittig“ (46).

Wo aber fängt dann die eigentliche Herausforderung an? Dietz meint, dass das in der „produktiven Spannung zwischen dem Gegebenen und seiner persönlichen Verarbeitung“ liegt (47). „Reifer Glaube“ sei dann der, der sich mit der eigenen Tradition und „den überlieferten Geschichten der eigenen Erzählgemeinschaft“ bewusst auseinandersetzen könne. Das Problem entstünde immer da, „wo erwachsene Gläubige ihre Gottesvorstellungen mit Gott selbst verwechseln“ und sie ihre Einsichten nicht mehr als Stückwerk ansähen (49).

Wo bleibt der fröhliche Dank für die wörtlichen Formulierungen, die uns Gott zur Erkenntnis des Reichtums seiner Geheimnisse durch die Bibel gegeben hat?

Man könnte dem vorbehaltlos zustimmen, wenn nicht im Anschluss an Johannes Hartls Dissertation offenbar die „wortwörtliche Wahrheit der Bibel“ auch irgendwie unter die Gottesvorstellungen gerechnet würde. Wenn die entscheidende Einsicht sein soll, „dass man von Gott gar nicht anders reden kann als metaphorisch oder symbolisch und dass solche Rede von Gott ganz und gar biblisch und angemessen ist“ (48), dann schwingt dabei auch ein gewisser Vorbehalt gegen die Offenbarung Gottes im Wort der Bibel mit. Ich vermisse den fröhlichen Dank über den Reichtum der Erkenntnis Gottes, die Christus ermöglicht hat. Ich vermisse die Freude an genau den wörtlichen Formulierungen, die uns Gott zur überfließenden Erkenntnis seiner Geheimnisse gegeben hat und die uns zugleich in unsere Schranken weisen, nicht darüber hinauszugehen. Stattdessen sei „eine wesentliche Erkenntnis, die viele Christenmenschen dringend nötig haben“, „dass alle unsere Worte zu kurz greifen, dass all unsere Einsicht nur eine Annäherung an das Geheimnis Gottes ist“ (49). Richtig ist, dass unsere Gotteserkenntnis beschränkt ist und wir den Wunsch haben mögen „Zeige uns den Vater!“. Aber wenn Jesus sagt: „Wer mich sieht, der sieht den Vater!“, dann macht er gerade damit den Reichtum deutlich, den wir im biblischen Evangelium haben. Eine darüberhinausgehende Gotteserkenntnis und Nähe zu Gott ist erst in der Herrlichkeit möglich und bis dahin für den sündigen Menschen auch nicht erstrebenswert.

Dass wir nur eine begrenzte Erkenntnis über Gott besitzen, nötigt nicht dazu, die Wahrheit der biblischen Aussagen in Zweifel zu ziehen.

Das durchaus erhellende Referat über Wahrheit und Wahrheitserkenntnis gipfelt bei Dietz in dem Satz:

„Darin liegt die Besonderheit des biblischen Begriffs von Wahrheit, er verkörpert ein relationales oder dialogisches Wahrheitsverständnis“ (64).

Einerseits habe die Bibel „nicht einfach einen ganz anderen Wahrheitsbegriff“ (61), andererseits habe der christliche Wahrheitsbegriff besondere Aspekte, die in der Begegnung mit Jesus, in einem wachsenden Erkenntnisprozess, in der dadurch bewirkten Veränderung des Menschen und im Handeln lägen. Dies führt Dietz mehrfach dazu, wahre Aussagen oder sogar richtiges Denken nicht als Wahrheit im christlichen Sinne bezeichnen zu wollen.

„Wir finden die Wahrheit über Gott nicht einfach in der Bibel im Sinne von richtigen Sätzen, die sich aufschreiben und auswendig lernen lassen“ (65).

Sinnvoll erscheint mir das nicht.

In der Erkenntnistheorie6 spricht man in diesem Zusammenhang von propositionalem Wissen und nicht-propositionalem Wissen, also solches Wissen, das in Aussagesätzen gefasst werden kann und solches, bei dem das schwer oder unmöglich ist. Beides muss aber notwendig auf Wahrheit beruhen, wenn es Wissen oder Erkenntnis genannt werden soll. Natürlich gibt es in der Bibel zahlreiche Wahrheitssätze über Gott und die sind und bleiben auch wahr, wenn wir sie aufschreiben und aussagen. Aber weil Gott eine Person ist, die mit uns in Beziehung tritt, kann – wie in jeder personalen Beziehung – das nicht auf Satzwahrheiten beschränkt bleiben. Es gibt, wenn ich sage „Ich kenne meine Frau“ vieles, was sich dabei nicht leicht oder gar nicht in Aussagesätze fassen lässt. Muss aber darum jeder Satz der Art: „Meine Frau mag blaue Blumen“ prinzipiell ohne Wahrheit sein, nur weil die Aussage meine Frau nicht umfassend beschreibt und das begrifflich schwer Fassbare darin nicht enthalten ist? Das ist weder notwendig noch sinnvoll. Dass in der Erkenntnis von Personen nicht-propositionales Wissen enthalten ist, ist weder im täglichen Leben noch im Hinblick auf einen persönlichen Gott eine Über­raschung. Der besondere Wahr­heits­anspruch Jesu liegt gerade darin, dass er den Menschen die Möglichkeit abspricht „in der Wahrheit“ zu leben, ohne eine Glaubensbeziehung zu ihm zu haben. Dass es keine wahre Gotteserkenntnis ohne Glaubensbeziehung zu Jesus gibt, bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, dass man keine wahren Aussagen über Gott, sein Wesen und seinen Willen machen kann. Wir finden davon viele in der Bibel. Weil sie sich auf eine Person beziehen, die noch dazu weit über jeder geschöpflichen Person steht, überrascht es nicht, dass die wahren Aussagen über Gott komplex sind, was als Widerspruch erscheinen kann, aber – wie auch Dietz betont – nicht als solcher aufgefasst werden soll.

Am Beispiel der Lehre vom Kreuz Christi will Dietz die Konsequenzen aus seiner Definition des christlichen Wahrheitsbegriffes darlegen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass man die Glau­bens­wahrheit festhalten müsse, aber dass man die Aus­drucks­formen dafür immer wieder anpassen sollte. Er will dabei keineswegs die vielen „Begriffe, Bilder und Symbole, die manchen Christen noch lieb und vertraut sind, vielen anderen nichtssagend“ (74), einfach über Bord werfen. Aber er warnt auch:

„Wer aus Angst vor Irrtümern alle neuen Gedanken und Formulierungen radikal ablehnt und sich krampfhaft klammert an die Worte und Bilder, mit denen er selbst den Glauben kennengelernt hat, darf sich nicht wundern, wenn er eines Tages nicht einmal seinen eigenen Kindern erklären kann, was er glaubt“ (75).

Die interessante Frage, bei der es leider bei Andeutungen bleibt, wäre meines Erachtens, ob wir im Hinblick auf die Bedeutung des Sterbens Jesu an die zahlreichen biblischen Verdeutlichungen gebunden sind oder in welchen Grenzen wir es wagen dürfen, darüber hinaus zu gehen. Wäre es schon die „merkwürdige Fixierung auf ganz bestimmte Formeln und Begriffe“ (74), wenn man mit Luther meint, dass „es gar gefährlich ist, von Gottes Sachen anders reden, oder mit andern Worten, denn Gott selbst gebraucht“ (An die Ratherren). Das hängt mit der Frage zusammen, ob es möglich ist, die Glaubenswahrheit der biblischen Sprache zu entkleiden, sie sozusagen nackt zu bewahren und dann jeweils wieder neu einzukleiden. Ich halte das für eine Illusion, Dietz scheint es nicht auszuschließen. Ich glaube deswegen, dass wir für die theologische Rede von der Erlösung durch das Kreuz an die biblische Sprache und ihre Bilder gebunden sind, was nicht heißt, dass wir in der Verkündigung nicht anderes zur Veranschaulichung heranziehen dürfen.

Streitfall Schriftverständnis

Thorsten Dietz sieht, dass viele Diskussionen in der christlichen Welt auf den „Streitfall Schriftverständnis“ hinauslaufen und will die Frage beantworten: Ist die Bibel Gottes Wort? (77-98). Sein Ergebnis ist, dass man an der Formel „Gotteswort im Menschenwort“ festhalten und sich im Übrigen mit dem „Staunen vor dem Unerklärlichen“ und dem „Ereignis“ des Angesprochenseins durch einen unverfügbaren Gott zufriedengeben soll.

Dietz vermischt dazu zuerst die Frage nach dem Schriftverständnis mit der Frage nach der rechten Auslegung der Schrift.7 Er sieht das in manchen Argumentationen vorgegeben, die die Hoffnung vermittelten, dass das rechte Schriftverständnis als Grundlage auch zu einer einheitlichen Auslegung führen würde. Es gebe aber, ob das Schriftverständnis nun von der orthodoxen Inspirationslehre oder von der historisch-kritischen Methode bestimmt sei, selbst innerhalb der Lager keine übereinstimmende Auslegung.

In einem zweiten Schritt problematisiert er den Satz „Die Bibel ist Gottes Wort“ so, dass der am Ende als irgendwie falsch erscheint und darum durch die Formel „Gotteswort im Menschenwort“ ersetzt werden solle. Erstens rede Gott im eigentlichen Sinn gar nicht:

Dass Gott redet, müsse symbolisch verstanden werden. Im eigentlichen Sinn rede Gott gar nicht.

„Natürlich ist klar, dass ‚Reden‘, wie jedes Wort, das wir auf Gott beziehen, metaphorisch bzw. symbolisch gemeint ist“ (79).

Zweitens rede die Bibel differenziert vom Wort Gottes und darum könne das nicht, ohne mindestens zu verkürzen, auf die Bibel als Ganze angewendet werden, auch wenn „die neutestamentlichen Autoren […] ganz offensichtlich die Schriften des Alten Testaments als Gottes Wort gelesen (haben), genauso wie die allermeisten Christen in der Kirchengeschichte“ (80). Drittens sei nicht die Bibel „das“ Wort Gottes, sondern das sei Jesus Christus und darum sollen und können viele biblische Texte „gar nicht ‚geglaubt‘ werden“. Man glaube nur an Jesus und dieser Glaube werde allein durch das Evangelium von Jesus Christus bewirkt, nicht aber durch die ganze Bibel.

In einem dritten Schritt schließlich entfaltet Dietz eine Geschichte des Schrift­verständnisses von der Reformation bis zum Neupietismus, die für ihn organisch auf „die dritten Wege der Schriftauslegung“ zuläuft, die er selbst auch für das angemessene Schriftverständnis hält. Es gebe keine „Sicherheit von Lehrüber­zeugungen“, sondern nur eine „Gewissheit des Glaubens“ (93-94). Die Rede von der Irrtumslosigkeit der Bibel sei aus dem Sicherheits­bedürfnis geboren, das sich etwas wünsche, worauf man sich noch verlassen kann. „Manche Christen wünschen sich im Blick auf ihre Bibel eine Eindeutigkeit, die die biblischen Texte selbst in grundsätzlichen Fragen verweigern“ (95). Dass Dietz verbunden mit der Forderung nach „ein wenig mehr Bescheidenheit und Demut“ mal wieder das Strohmann-Argument einer „Inspirationstheorie, die das Wirken des Heiligen Geistes als Ausschluss des Menschen aus der Abfassung der Schrift versteht“ (97), bemüht, kann ich nur als Fehlgriff deuten, denn es wird ihm schwer gelingen, jemanden zu finden, der eine solche Theorie ernsthaft vertritt und begründet. Der richtige Umgang mit der Bibel beachte das Stückwerk in allem Erkennen, er achte, dass in jeder Offenbarung Gottes doch immer „dieser Schleier“ bleibt. Gott rühre an und bleibe doch ungreifbar.

„Zum Bibellesen gehört die Einsicht, dass ich nicht festhalten kann, was mich ergreift. Die For­mu­lierung ‚Got­tes­wort in Men­schen­wort‘ ist eine Erinnerung an dieses Geheimnis“ (98).

Keine Antwort auch eine Antwort?

Statt die in der Kapitelüberschrift gestellte Frage zu beantworten, führt Dietz seine Leser konsequent weiter zu seinem mystischen Glaubensverständnis. Brauchen wir wirklich keine Inspirationslehre, weil die nicht zu einer einheitlichen Auslegung führen kann? Für die Formel „Gotteswort in Menschenwort“ würde das Gleiche gelten. Die kann zwar von vielen geteilt werden, aber nur deswegen, weil sie beinahe beliebige Interpretationen zulässt.

Ein schriftgemäßes Inspirations­ver­ständnis hat aber eine andere Aufgabe als eine schriftgemäße Exegeselehre und sollte darum nicht vermischt werden. Beim Schriftverständnis geht es um die Frage nach der Autorität der Bibel. Warum hat sie einen Vorrang? Warum ist sie ein Heilsmittel und kann mir Christus so vor die Augen malen, dass sie Glauben schafft, der auf ewig rettet? Um die Sicherung einer einheitlichen Auslegung der Bibel geht es hier noch nicht. Aber ohne eine fundierte Antwort auf die Inspirationsfrage ist offen, warum sich die Auslegung überhaupt soviel Mühe geben soll, herauszufinden, was wirklich dasteht. Wenn es nur auf das Ereignis des Angesprochenseins ankommt, das ganz unverfügbar bleibt, wäre das alles Zeitverschwendung. Kein Buch der Welt hat so viel Lebenszeit in Anspruch genommen, zu verstehen und nachzusprechen, was in ihm ausgesagt wird. Ganze Bibliotheken füllt das Mühen um jedes Wort, jeden Satz, jeden Zusammenhang. Gerechtfertigt erscheint das nur, wenn die Bibel in einer gewissen Exklusivität Gottes Wort ist und wenn es deswegen darum geht, genau zu verstehen, was der wahre Gott uns mitteilen wollte. Auch das Buch von Thorsten Dietz lebt von dieser Frage: Kann es uns mitteilen, wie wir nach Gottes Willen richtig glauben sollen oder handelt es sich nur um irgendwelche Ideen eines zweifellos klugen Menschen, die plausibel sein mögen oder nicht? Warum sollen wir denn dem Menschen- und Gottesbild der Sintflutgeschichte den Vorzug geben vor dem Gilgamesch-Epos, wie es auch Dietz tun will, nachdem er beides im Hinblick auf die Inspiration auf eine Stufe gestellt hat? Nur weil uns das eine mehr anspricht als das andere? Nur weil es zur Tradition der christlichen Kirche gehört, auf die Bibel zu hören? Nur weil viele Menschen gute Erfahrungen mit dem Bibellesen gemacht haben? Oder weil die Bibel den Zugang zu Gott und seinem Willen darstellt?

Ohne ein Inspirations­verständnis ist offen, warum wir uns mit der Auslegung der Bibel überhaupt soviel Mühe machen sollen.

Wir sollten auch das Ringen um die rechte Auslegung nicht geringachten, selbst wenn es uns nicht zu einer Meinung führt. Genau an diesem Streit um das rechte Verständnis, den wir in Liebe zu den Mitchristen führen wollen, zeigt sich doch, dass wir die Bibel als Gottes Mitteilung schätzen. Wenn es in ihr nur um menschliche Meinungen und Erlebnisse ginge, mögen sie bewegen. Wenn es aber um Gottes Meinung geht, nicht nur um die von Paulus oder Petrus, nicht um die von Luther oder Calvin, nicht nur um die von Thorsten oder Thomas, dann geht es um mehr, um die Frage nach dem ewigen Leben nämlich. Die Inspirationslehre beantwortet die Frage, ob Gottes Meinung überhaupt in der Bibel steht und warum diese Wörter ein Weg zur Errettung sein sollen. Die Auslegung untersucht, welche Meinung das genau ist. Der Sprung zum Ergriffensein verschiebt die Ausgangsfrage „Ist die Bibel Gottes Wort?“ konsequent auf die Ebene des Menschen, so dass die Antwort lauten würde: „Immer dann, wenn ich mich angesprochen fühle.“ Dagegen macht die Bibel mit ihrem „Heute so ihr seine Stimme höret, verstocket eure Herzen nicht!“ deutlich, dass Gott redet, auch wenn der Mensch weghört. Gott hat geredet durch den Sohn, auch als seine Rede als Gotteslästerung abgelehnt wurde.

Es ist eine richtige und wichtige Feststellung, dass man nicht die richtige Inspirationslehre vertreten muss, um gerettet zu werden8 . Aber es ist doch der rechte Glaube, der rettet und der wird – wie Dietz feststellt – vom Evangelium gewirkt, das wiederum nirgendwo anders zu finden ist, als im Wort Gottes, das wir in der Bibel lesen und aus der Bibel hören. Die schöne Differenzierung dessen, was mit „Gottes Wort“ in der Bibel alles gemeint ist (79), ist wichtig, auch wenn sie mal wieder mit einer Haltung vorgetragen wird, als ob das in allen Jahrhunderten der Christenheit übersehen worden sei. Sie sollte aber mit dem Bewusstsein gelesen werden, dass uns jeder einzelne Punkt nicht von der Bibel unabhängig macht, sondern uns an sie weist. „Gottes Selbstmitteilung in Jesus Christus“ ist nicht unabhängig von der Bibel zu haben. Oder meint Dietz, dass er in der Mystik einen unabhängigen Zugang zu Jesus gefunden hat? Das „Evangelium von Jesus Christus“ ist nicht eine Formel, sondern eine facettenreiche Botschaft, die in der ganzen Bibel entfaltet wird („nach der Schrift“ 1Kor 15,1-5). Oder meint Dietz, wir hätten das Evangelium ohne die beständige Bindung an die Schrift? Seine Warnung vor Selbstsicherheit wäre auch hier angebracht. Auch kann ich mir nicht vorstellen, dass er „Verkündigung“ ohne die Bindung an die inhaltlichen Aussagen der Bibel als Gottes Wort bezeichnen will. Offenbar war das selbst den Aposteln wichtig.

Es gibt oft eine erstaunliche Überein­stimmung im ersten Schritt der Auslegung der Bibeltexte. Erst in der Frage der Autorität der biblischen Aussagen gehen die Meinungen weit auseinander.

Verwundert es da, dass wir immer wieder bei der Frage nach dem richtigen Schriftverständnis landen? Leider hat Dietz auch die Auseinandersetzungen in einigen Auslegungsfragen (er benennt beispielhaft die Trauung homosexueller Paare) nicht genau genug analysiert. Wenn diese auf die Frage nach dem Schriftverständnis hinausgelaufen sind, dann hatte das nicht den Grund, dass sich nicht alle Seiten darüber klar und einig sind, was in der Bibel steht. Dieser Teil der Exegese ist weitgehend unstrittig. Auch die historisch-kritische Methode führt (beispielhaft nachzulesen in der EKD-Ver­lautbarung von 1996 „Mit Span­nungen leben“9 ) zu einem Ergebnis, dem Konservative weitgehend zustimmen können. Dann aber kamen Schritte, die diesem Ergebnis letztlich keine Autorität für kirchliches Handeln zumessen wollten.10 Und weil Thorsten Dietz der Frage nach der Autorität des Wortes Gottes, wie wir es aus der Bibel kennen, wieder nur ausweicht, täuscht er mit seiner Formel seine Leser. Oder ist keine Antwort auch eine Antwort? Dann wäre das geschriebene Gotteswort ohne eigene Autorität, weil es nur symbolisches Menschenwort ist, und es erhielte eine nur individuelle Autorität als Gotteswort für jeden, der sich davon ergriffen fühlt. Das würde natürlich auch bedeuten, dass die Kirche der Welt nicht mehr Gottes Willen mitteilen könnte, sondern nur eigene Meinungen und vielleicht die Meinungen von antiken Menschen, aber nur soweit diese mit einem Mainstream harmonieren.

Bliebe noch die Behauptung, dass der Wunsch nach klaren Ansagen, die auch die Bibel nicht anbiete, einem Sicherheitsbedürfnis einiger Menschen in einer unübersichtlichen Zeit entspringt: Fundamentalismus als Reaktion auf Globalisierung, ein „Aufstand gegen die Moderne“ (28). Diese psychologische Deutung trifft meines Erachtens im Hinblick auf Teile des Fundamentalismus als gesellschaftlichem Phänomen durchaus zu11 . Es scheint mir nur weitgehend fehl am Platz in der Inspirationsdebatte12 . Sonst müsste man Martin Luther zum Fundamentalisten stempeln, weil er Erasmus gegenüber auf das Recht des Christen auf feste Behauptungen bestand und diese zum Wesensgehalt des christlichen Glaubens zählte. Aber vielleicht will Dietz das. Immerhin dichtet er Luther einen „Schock“ über die These von Kopernikus an (85), dass sich die Erde um die Sonne drehe13 . Er dichtet den Menschen damals auch eine Verunsicherung über die Entdeckung Amerikas an, weil sie sich bis dahin angeblich auf einer „kreisförmigen Scheibe“ wähnten14 . Australien bedeutete auch nicht das Ende einer „bibelbegründeten Geographie“, wovon angeblich alle so verunsichert waren, dass Isaac de La Peyrère15  mit seiner Präadamitentheorie „so viel wie möglich von der biblischen Urgeschichte zu retten“ versuchte (86). Es kann nicht gut gehen, wenn man am liebsten die ganze Geistesgeschichte mit nur einer Schablone erklären will: Hier die Verunsicherung alter Gewissheiten durch die Wissenschaften, dort die falsche Flucht in fundamentalistische Sicherheit, aber es gibt noch die „dritten Wege“ einer Gewissheit ohne Fundamente16 . Die Geschichte der Schriftauslegung ließe sich auch ganz anders darstellen, dann wäre eine bibelkritische Haltung nicht die Spitze einer Evolution, sondern vielleicht – wie in der Deutung von Francis Schaeffer – ein Teil der „Preisgabe der Vernunft“.

Es passt auch nicht gut zu dem Vorhaben, Polarisierungen zu überwinden, wenn man in seinem Gegenüber einen eigentlich therapiebedürftigen Zeitgenossen sieht, dem man zwar mit Verständnis begegnet, weil seine Meinungen ein „Seismograph“ „für die problematischen Seiten der Moderne“ seien (27-28), aber letztlich nur in einem Glauben, der auf alle Gewissheiten verzichtet, die Lösung sieht. Ein solcher Glaube ist ein Ziel der Mystik in allen Religionen, aber nicht eigentlich ein christlicher Glaube. Dabei will ich Dietz insoweit zustimmen, dass der christliche Glaube eine mystische Dimension besitzt und behalten muss. Wenn er nur eine „objektivistische Engführung“ bekämpfen will, dann ist ihm Recht zu geben. Ich vermisse aber das Plädoyer für den starken Zusammenhalt der mystischen mit der rationalen Dimension des Glaubens, die nach den klaren Aussagen aus der Bibel fragt und auf diese baut. Dazu gehört dann auch die handelnde Dimension des Glaubens, die im Gehorsam tun will, was sie als Wille Gottes erkannt hat. Es war immer ein Irrweg das zu zerreißen. Wenn es also um das richtige Zueinander der Dimensionen geht, dann ist Dietz Anliegen berechtigt. Allerdings würde an dieser Zuordnung auch schnell klar, wie wichtig dafür das Miteinander von Wort und Glaube ist. Denn letztlich ist auch die mystische Einheit mit Christus durch das Wort Gottes inspiriert.

Ist der Angriff auf die historische Wahrheit der Bibeltexte notwendig?

Zu Thorsten Dietz‘ Schriftverständnis gehört es offenbar notwendig, dass er die historische Wahrheit der biblischen Erzähltexte einschränken muss. Am Beispiel der Sintflutgeschichte macht er deutlich, dass es Gründe gebe, die für ihn zwangsläufig zu einer Deutung als Mythos führen müssen. Auch wenn dies nicht ausgeführt wird, gibt es doch Andeutungen, die klar machen, dass das nicht auf die Sintflutgeschichte beschränkt ist, sondern sich auch auf die gesamte Urgeschichte bezieht. Inwieweit auch die weitere Geschichtsschreibung betroffen ist und nach welchem Prinzip Grenzen gezogen werden sollen, wird nicht klar.17

Will die Sintflut­erzählung unhistorisch verstanden werden?

Eine Gruppe von Argumenten erkennt er im „Buch der Natur“. Wenn es keine naturwissenschaftlichen Belege für die Sintflut gebe, dann könne man nicht „gegen sehr viele Beobachtungen und Messungen von Biologen, Genetikern und Historikern in aller Welt, die ein historisches Verstehen der Sintflut in den letzten 5000 Jahren ausschließen […], anglauben“ (107). Wenn alles gegen die Historizität spreche, dann solle man die Auslegung der Bibel entsprechend anpassen. Das andere Argument ist, dass eben die biblische Geschichte von der Rettung Noahs selber so gelesen werden wolle, dass es keine Wiedergabe eines historischen Ereignisses sei. Irgendeinen Beleg dafür sucht man allerdings vergeblich.18 Nun gehört es gerade deswegen schon immer zur Auslegung der Bibel, dass sie innerhalb der Gesetze der realen Welt verstanden wird, weil sie von Gottes Handeln in eben dieser Wirklichkeit spricht. Der Gott der Bibel handelt in dem Raum und der Zeit unserer Lebenswelt durch konkrete Ereignisse, die ein Datum haben und nicht nur zu einer mythischen Überwelt oder allein zum Inneren des Menschen gehören, sondern Spuren in der Geschichte hinterließen. Die Bibel stellt offenbar die Behauptung auf, dass Noah und seine Familie so real waren, dass sie die tatsächlichen Vorfahren der heute lebenden Menschen sind. Dietz verneint das. Die Bibel beschreibt die Auferstehung von Jesus Christus als so real, dass die Jünger mit Jesus gegessen haben und ihn anfassen konnten. Theologen, die zusammen mit Thorsten Dietz bei Worthaus mitarbeiten, verneinen das19 . Er selbst scheint hier nicht so radikal, sondern teilt die Haltung von Christoph Markschies:

„Ostern ist etwas passiert, was ich nicht erklären kann. Ich bin nicht so töricht, dass ich, nur weil ich es nicht erklären kann, nicht daran glaube. Lieber staune ich darüber, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern das Leben den Sieg behält“ (96).

Man muss Thorsten Dietz recht geben: Wenn schlüssig bewiesen werden könnte, dass die Sintflut nicht stattgefunden haben kann, dann wäre eine symbolische Auslegung dieser Geschichte und in der Folge vieler anderer in der Bibel vielleicht am sinnvollsten. Aber stehen wir an dieser Stelle? Richtig ist – und das wird etwa auch von den mit Wort und Wissen zusammenarbeitenden Wissenschaftlern gesagt –, dass die geologischen Daten am besten zu einem Langzeitszenario der Entstehung von Schichten passen20 . Die Erde macht den Eindruck eines sehr hohen Alters. Die Bibel geht dagegen von einer jungen Erde aus, wobei es nicht darauf ankommt, ob wir dabei von 6.000 oder von 20.000 Jahren reden. Allerdings scheint mir Dietz zu wenig zu beachten, dass sein Plädoyer für Demut im Bezug auf unser Wissen über Gott, auch in Hinsicht auf unser Wissen über die Welt angebracht wäre. Es ist ja nicht so, dass die Geologie über ein gesichertes Wissen über die Entstehung der Gesteine verfügt, in dem nur noch mehr oder weniger Detailfragen offen sind. Dietz meint: „Noch so viele offene Fragen ändern nichts daran, dass die Annahme einer jungen Erde so unhaltbar geworden ist wie die einer flachen Erde“ (105). Die Geologie arbeitet mit einem Modell, das von bestimmten Grundannahmen ausgeht und in das sich möglichst viele Beobachtungen einfügen lassen. Aber dieses Modell erklärt eben gerade nicht die Entstehung aller beobachtbaren Gesteinsformationen. Es hat sich als in Teilen brauchbares Modell erwiesen, das gilt, bis es von einem besseren abgelöst wird. Ich lehne es nicht grundsätzlich ab, wenn Christen versuchen, die biblischen Texte mit den gegenwärtigen Modellen der Erdentstehung zu harmonisieren. Ich sehe derzeit nur kaum eine Möglichkeit, ohne dabei wesentliche Glaubensinhalte aufzugeben, die ihren Grund in der biblischen Botschaft haben.

Der Unterschied im Ansatz wird vielleicht am besten deutlich, wenn man sich klar macht, dass die Bibel bezeugt, dass Gott einerseits innerhalb der Gesetze seiner eigenen Schöpfung und innerhalb der Geschichte handelt, dass aber zu seinem Handeln auch Wunder gehören, die die physikalischen, chemischen und auch die räumlichen und zeitlichen Gesetze durchbrechen können. Wunder Gottes haben selbstverständlich keinen Platz in einem Physikbuch und auch nicht in einem geologischen Modell. Aber die Physik und die Geologie sind trotzdem keine geschlossenen Systeme, innerhalb der Gott nicht Wunder tun kann. Was die Sintflut angeht, so halte ich beides für möglich: Entweder Gott hat innerhalb geologischer Gegebenheiten gehandelt. Das passt zugegebenermaßen nicht in die derzeit gebrauchten Modelle, die sich aber ändern können. Oder die Sintflut ist als ganzes Ereignis ein Wunder Gottes. Dann müsste man es nicht in der Geologie oder der Physik oder der Chemie unterbringen. Kein Mediziner muss im Studium etwas über Totenauferweckung lernen. Gott hat es trotzdem in der Geschichte mehrfach getan. Kein Chemiker soll die Verwandlung von Wasser in Wein erforschen, das Thema hat auch im Chemiebuch nichts zu suchen. Aber Jesus hat trotzdem große Mengen Wein erschaffen, dessen Alkoholgehalt dann m.E. mit einer gängigen Öchslewaage hätte bestimmt werden können. Kein Meteorologe muss eine mögliche Sturmstillung per Befehl in die Wettervorhersage einbauen, aber Jesus hat das trotzdem getan. Aber vielleicht hält Dietz die Wundergeschichten auch nur für Bilder, die von Ereignissen gemalt wurden, die in der Realität ganz anders waren (vgl. 118-122). Er legt sich nicht fest, wo er zwischen der Alternative, einer Ablehnung aller Wunder und der historischen Wirklichkeit der Wundererzählungen stehen will.

Darum frage ich mich wieder, worin die von Dietz problematisierte Polarisierung liegt. Langzeitszenarien für die Schöpfung der Welt werden auch von Christen vertreten, die an der Irrtumslosigkeit der Schrift und der Historizität von Adam und Noah festhalten.21 Ich sehe aber in ihnen nicht die verunsicherten und deswegen in den Fundamentalismus geflohenen Christen, die dann auch noch den anderen das Leben schwer machen. Die gibt es und vielleicht hat auch Thorsten Dietz unter einzelnen von ihnen im Umfeld von Tabor zu leiden. Aber selbst dort kann er offenbar, ohne um seine Anstellung fürchten zu müssen, nicht nur seine persönlichen Zweifel äußern, sondern für eine längst nicht mehr gemäßigte Bibelkritik Werbung machen. Ich frage mich, ob die Polarisierung nicht doch mehr von denen ausgeht, die den Christen, die an einem konservativen Bibelverständnis festhalten wollen, unterstellen, sie hätten einen unreifen, engen Glauben, der dem wirksamen Zeugnis von Jesus in der heutigen Welt im Wege steht. Ich halte das für eine fragwürdige Haltung der Überlegenheit gegenüber einem großen Teil der Weltchristenheit.

Die versprochene 3D-Ansicht fehlt

Das Interesse an den historischen Hintergründen der Bibel gibt es nicht erst durch die historisch-kritische Bibel­forschung und wird auch von Bibeltreuen gepflegt.

Nun hat aber Thorsten Dietz noch ein positives Anliegen. Er will mit der Einbeziehung der historischen Bibelforschung den Bibeltexten mehr Tiefe verleihen. Christen sollen durch die Erkenntnisse der historisch-kritischen Bibelauslegung den Text endlich in „3D“ sehen. „Historische Forschung macht Texte dadurch verständlicher, dass der historische Kontext mit seinen kulturellen Besonderheiten mit präsent wird“ (100). Man fragt sich nur, welche bibeltreuen Christen Dietz vor Augen hat, die ihre Bibel angeblich nur durch die „Brille ihrer Gemeindeprägung“ lesen wollen und an historischen Hintergründen kein Interesse haben. Das am meisten verbreitete Bibellexikon wurde nicht nur unter der Leitung von Fritz Rienecker herausgegeben, der die Irrtumslosigkeit der Schrift vertrat, es wird auch seit Jahrzehnten von Christen studiert, die an historischen Hintergründen interessiert sind. Die Herausgeber der Wuppertaler Studienbibel bekennen sich dazu, dass die Bibel Gottes Wort ist. Zugleich wollen sie theologisch Christus in die Mitte stellen und historische Hintergründe beleuchten. Dietz tut so, als sei beides nur mit der von ihm vertretenen Bibelhaltung möglich.

Die historische Erforschung der Bibel ist nicht mit der historisch-kritischen Methode erfunden worden, sondern eine Disziplin, die in vielen Bibelkommentaren aus fast allen Jahrhunderten der Kirchengeschichte geübt wurde. Dietz wird Recht haben, dass „manche Christen […] das ‚allein die Bibel‘ bisweilen so (verstehen), als wären auch alle außerbiblischen Texte und Beobachtungen überflüssig“22 . Aber welche Vertreter der Irrtumslosigkeit und welche Kritiker der historisch-kritischen Bibelauslegung verteidigen so etwas? Die Behauptung, dass die Vertreter des „klassischen Fundamentalismus“ das „Zeugnis von Jesus Christus“ in der Schriftauslegung vernachlässigen und die biblischen Texte nicht „historisch verantwortungsbewusst als Texte der Antike auslegen“ (ebd.), stimmt so einfach nicht. Es ist im Gegenteil so, dass gerade das in Gefahr ist, wenn die Spitze der „Bibellektüre“ im persönlichen Angesprochensein behauptet wird: „Offenheit für das Ereignis; dass ich lese und lese und dabei die Erfahrung mache, gelesen zu werden; dass ich verstehen möchte und mich durch Verständnis beschenkt sehe“ (97).

Mit dem systematischen Zweifel daran, dass die Bibel ohne die heutige Universitäts­theologie richtig gelesen werden kann, wird den Glaubenden die Bibel genommen.

Aber es gibt hier noch etwas zu bedenken. Die Reformation hatte der Gemeinde und dem einzelnen Gläubigen die Bibel in die Hand gegeben. Das war von der doppelten Gewissheit geprägt, dass die Bibel sowohl eine äußere Klarheit besitzt, die sie grundsätzlich verständlich sein lässt, als auch, dass sie sich selbst auslegt und so ausreichend sichergestellt ist, dass sie nicht falsch verstanden wird. Trotz abenteuerlicher Sekten, die sich auf die Bibel berufen haben, hatte die Reformation das nicht zurückgenommen. Die römische Kirche hat ihre Gläubigen erst 1965 zum Lesen der Bibel ermutigt. Mit dem systematischen Zweifel daran, dass die Bibel ohne die Erkenntnisse der Theologie richtig gelesen werden kann, wird den Glaubenden letztlich die Bibel genommen. Sie können angeblich ohne die Kenntnisse antiker Texte und Gegebenheiten nur zweidimensional sehen. Sie verfehlen die Christuserkenntnis und lesen die Texte überhaupt nicht so, wie sie als antike Texte verstanden werden wollen. Um die Sintflutgeschichte nicht versehentlich wie Gene­rationen von Christen historisch zu lesen, brauchen sie die Hilfe der Theologen. Bei aller Hochschätzung der Theo­logie und aller nüchternen Wahrnehmung von falschen Auslegungen: Ich halte das für einen Hochmut und ein mangelndes Vertrauen, dass uns Gott die Bibel so gegeben hat, dass sie auch ohne Theologiestudium richtig gelesen werden kann.

Bleibt die Frage, ob Thorsten Dietz mit seiner Auslegung der Sintflutgeschichte nun die versprochene „3D“-Ansicht bietet. Offenbar hält er das babylonische Gilagamesch-Epos für das dreidimensionale Sehen der Noahgeschichte für notwendig, weil es dort „verblüffende Parallelen“ gebe (111). Die Behauptung steht im Raum, dass in Israel „die Menschen diese Erzählung von vornherein als eine Variante einer in ihrer gesamten kulturellen Umwelt bekannten Geschichte“ lasen oder hörten (112). Mit diesem Blick sieht Dietz in der Sintfluterzählung die Geschichte von einem sich wandelnden Gott, der die Schöpfung „zurücknehmen“ wolle. Die Botschaft sei: „Er bleibt sich darin treu, dass er sich wandelt, er ist der Ewige in steter Bewegung“ (114). Warum das erst durch die Kenntnis des Gilgamesch-Epos mit seinen streitenden, eifersüchtigen und sich gegenseitig bekämpfenden und betrügenden Göttern deutlich wird, bleibt ein Geheimnis. Andererseits ist das auch nicht die Botschaft der ganzen Geschichte, sondern kann von Dietz nur aus der Einleitung gefolgert werden. Aber er liest hier auch nicht eine Geschichte, sondern „zwei verschiedene Erzählungen“, die „am Ende nicht harmonisiert“ wurden, weil die „Endredaktoren“ keine „stimmige Geschichte der Sintflut vorlegen (wollten), sondern die Verstehensbemühungen der Erzähler sichtbar machen“ (111). Diese Erkenntnis stammt aber wieder nicht aus der Bibel und auch nicht aus irgendwelchen antiken Texten über die damalige Erzählkultur, sondern sei „Konsens der Exegese“23 . Weiter liest Dietz nun, dass die Schöpfung von Anfang an „ambivalent“ gewesen sei. Der Mensch sei immer Gottes Ebenbild gewesen und schon immer „böse von Jugend auf“. Man solle die Sündenfallgeschichte nicht als Umbruch lesen, durch den die Herrschaft der Sünde in die Welt kam. „Eine solche Schwarz-weiß-Zeichnung kann sich nicht auf die Urgeschichte berufen“ (115). Aber steht das nicht in der Bibel und haben nicht die antiken Leser genau das gelesen, wenn sie daraus auch zu Recht keine Urstandslehre über die Wesenseigenschaften von Adam vor dem Sündenfall abgeleitet haben? Das Gilgamesch-Epos kennt keine gute Schöpfung, sondern nur die Intrigen der Götter, die aus den Leichenteilen einer Göttin Erde und Himmel formen. Utnapischtim, der Noah im Epos, belügt und betrügt die Menschen, um seine Haut zu retten. Wirft das das notwendige Licht auf die biblische Geschichte, um richtig darauf zu hören, dass Noah Gnade bei Gott gefunden hat? Braucht man es, um „eine radikale Verneinung der Verdienstfrömmigkeit“ zu erkennen (116)? Dietz liest aus Noahs Bau der Arche schließlich einen Auftrag zum Umweltschutz. Dass das keine „historisch verantwortungsbewusste“ Auslegung antiker Texte ist, ist ihm wohl selber klar. Darum bemüht er jetzt auch die „Mehrheit der Weltchristenheit“ und die letzte Hollywood-Verfilmung des Noah für seinen „3D“ Blick. Dabei hätten gerade hier der antike Hintergrund und das Gilgamesch-Epos hilfreich sein können. Denn für den modernen Menschen ist die Dimension der unzähmbaren Naturkräfte, die das Leben bedrohen, vielfach aus dem Blick geraten. Hier enthält die Sintflutgeschichte gerade die Botschaft, dass Gott, der Schöpfer, auch in jeder Hinsicht der Herr der Naturgewalten ist.

Beim Worthaus-Projekt mit seiner Betonung auf einer Bibelauslegung, die die Bibel in ihrem historischen Kontext besonders ernst nehmen will, fällt ein erschreckender Umgang mit eben diesem Kontext auf. Einerseits leistet man sich zahlreiche Behauptungen über die Geschichte, die schlicht nicht stimmen24 und andererseits werden die historischen Hintergründe in einer recht eigenwilligen Weise zur Auslegung eingesetzt, die am Ende nicht zu einem lebendigen dreidimensionalen Sehen führt, sondern zu einer Verzerrung dessen führt, was wirklich da steht.

Nach dem kräftigen Auftritt bleiben die übrigen Kapitel des Buches etwas farblos. Welche Autorität die Bibel in ethischen Fragen haben soll, will Dietz mit einem Durchgang durch Luthers Umgang mit Ehefragen beantworten. Das Problem daran ist, dass Dietz ethische Aussagen Luthers mit seinem Handeln in seelsorgerlichen Fällen vermischt. Dabei hat Luther selbst viel Wert darauf gelegt, dass es sein kann, dass er einen seelsorgerlichen Rat gibt, der keinesfalls zur ethischen Richtlinie werden darf.25 Aber genau das tut Dietz, wenn er behauptet, die Bibel kenne keine „überzeitlichen“ Normen und Gebote. Die Normen und Gebote hätten für uns nur eine „erhellende und orientierende Kraft“ (143), um dann in jeder aktuellen Situation zu entscheiden. Das aber ist das Gegenteil von dem, was Luther wichtig war. Die überzeitlichen Normen der Bibel müssen als ethische Norm verkündigt werden. Die jeweilige Situation ist dann die Herausforderung, wie sie recht angewendet werden können. Aus der Situation ergibt sich aber nie eine Norm. Dietz mahnt noch, dass diejenigen, die sich aus „Evangelikalien“ verabschiedet haben, nicht jegliche Gemeinschaft mit Christen aufgeben sollen. Und er macht denen, die unter der Unübersichtlichkeit der Moderne leiden, mit dem Bild vom Flussdelta Mut, dass auch viel Positives daraus werden kann.

Fazit

Thorsten Dietz spricht einige Fragen an, die es wert sind, offen und streitbar diskutiert zu werden. Ja, dazu sollten wir besser streiten lernen. Er tut das auch weithin in einem Ton, der zum Nachdenken und zur Diskussion einlädt. Der Schwerpunkt des Buches liegt dann aber nicht auf der Forderung nach mehr Liebe und vielleicht gesunden Regeln für das Argumentieren. Das Buch ist vielmehr weithin ein Plädoyer, einen weiten Glauben in einer größeren Unabhängigkeit von der Bibel zu pflegen. Wenn Paulus von einem weiten und starken Glauben spricht, dann steht für ihn die Fähigkeit zur Annahme der Glaubensgeschwister und zur Rück­sichtnahme im Fokus, nicht aber eine losere Bindung an Glaubenswahrheiten.

Man muss sich vor Augen halten, dass hier kein Vermittler spricht, sondern jemand, der für Bibelkritik wirbt und einen eher mystischen Glauben, in größerer Freiheit von biblischen Grenzen, für die Zukunft der Christenheit hält, wenn man das Angebot zum Gespräch annimmt. Wir sollten aber auch bedenken, dass Francis Schaeffer den Weg in die Mystik bereits vor über 40 Jahren als Schritt über die Linie der Verzweiflung charakterisiert hatte, der dem Abschied von der historischen Wahrheit christlicher Glaubensinhalte folgte. Er rief die Christen dazu auf, sich angesichts der Probleme nicht anzupassen, sondern ganz auf die biblischen Wahrheiten zu stützen, diese dann aber auch in Liebe zu leben und sich nicht in Rechthaberei zu verkämpfen26 . Das scheint mir auch heute der bessere Weg zu einem weitherzigen Glauben.


  1. https://www.pro-medienmagazin.de/kultur/buecher/2018/06/08/gestandene-christen-bekennen-sich-zu-ihren-zweifeln/ 

  2. http://blog.aigg.de/?p=4130 

  3. Dieses Anliegen unterstreicht Dietz stärker als im Buch, wo das im letzten Kapitel im Bild vom Flussdelta verschwimmt, in seiner Antwort auf die Rezension von Markus Till. http://tobiasfaix.de/2018/06/weiterglauben-im-gespraech-eine-antwort-auf-die-kritik-von-markus-till-von-thorsten-dietz-ein-gastbeitrag 

  4. vgl. https://bibelbund.de/2017/12/worthaus-universitaetstheologie-fuer-evangelikale/ 

  5. vgl. die Besprechung eines Vortrages durch Michael Kotsch https://bibelbund.de/2015/05/diffamierung-als-bestes-argument/ 

  6. Ich sehe mich zu diesem Ausflug ermutigt, weil Dietz für seine Argumentation auch auf Begriffe aus der Erkenntnistheorie zurückgreift. 

  7. Das ist Absicht und er verteidigt dieses Vorgehen auch gegen die Kritik von Markus Till. 

  8. Das kann man sogar in der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel nachlesen; CE Art. XIX 

  9. https://www.ekd.de/spannungen_1996_1.html; vgl. 2.2 Biblische Aussagen zur Sexualität; Hier wird allerdings auch der etwas seltsame Gedanke vertreten, dass zwar die homosexuelle Praxis in der Bibel ethisch abgelehnt wird, aber die Gestaltung einer (verbotenen) homosexuellen Lebensweise dem Gebot der Liebe unterliege. Wenn sie dann nach dem Gebot der Liebe gestaltet ist, scheint man sie nicht mehr (völlig) ablehnen zu müssen. 

  10. Siegfried Zimmer hat es in seinem Worthaus-Vortrag zur Homosexualität in der Auslegung der betreffenden Bibelstellen im Grunde nicht anders gemacht. „Exegese“ scheint bei ihm darin zu bestehen, dass er die Autorität des in der Bibel Ausgesagten mit weitgehend erfundenen „Fakten“ aus der Antike relativiert. 

  11. Man sollte aber auch die Grenzen dieser Deutung sehen. Es erschließt sich nämlich nicht, warum eine junge Frau aus Verunsicherung über die unübersichtliche Moderne einem IS-Fundamentalisten in den unübersichtlichen Krieg nach Syrien folgen sollte. Da spielt z.B. psychologisch auch die Suche nach Sinn und einer Bedeutung des Lebens eine Rolle. Für andere mag die Hinwendung zum Fundamentalismus eine Art Verzweiflungstat angesichts völliger Perspektivlosigkeit sein. 

  12. Wer etwa in Eckhard Schnabels „Inspiration und Offenbarung: Die Lehre vom Ursprung und Wesen der Bibel“ (Wuppertal: 1997) den ersten Teil „Die Lehre von der Inspiration in der Theologiegeschichte“ studiert, wird dieses Motiv weder beim Autor finden, noch in den geschilderten Diskussionen. Wenn etwa der Begründer des Pietismus P. J. Spener von „falscher Sicherheit“ sprach, meinte er die „fleischliche Einbildung eines Glaubens“, der keiner ist, aber nicht dass sich der Christ auf die Zuverlässigkeit biblischer Aussagen verlässt (Pia Desideria, 49). 

  13. Die angeblichen Aussagen Luthers sind eine Geschichtsfälschung. Nur Melanchthon hat sich belegbar zum Thema geäußert und hielt die Sache für einen alten Hut, den er schon aus antiken Schriften des Archimedes kannte. Vgl. Andreas Kleinert: „Eine handgreifliche Geschichtslüge. Wie Martin Luther zum Gegner des copernicanischen Weltsystems gemacht wurde.“ Berichte zur Wissenschaftsgeschichte. 26 (2003), S.101–111. 

  14. Die Mär vom verbreiteten Glauben an die Erde als Scheibe, die erst durch Kolumbus beendet wurde, hat es zwar sogar in viele Schulbücher geschafft, ist aber eine Legende, die in der Zeit der Aufklärung erfunden wurde und nachweislich falsch ist. Vor 1830 hat niemand dem mittelalterlichen Menschen diese Ansicht unterstellt und das ist auch seit mindestens 20 Jahren bekannt. Vgl. Jeffrey Burton Russell. Inventing the Flat Earth: Columbus and Modern Historians, 1997. 

  15. Die Motive von La Peyrère waren so vielschichtig, dass schon seine Zeitgenossen darüber rätselten. Nur was Dietz behauptet, war sicher nicht dabei, denn La Peyrère las zwei Schöpfungsberichte und hielt Adam und Eva allein für die Ureltern der Juden, während alle anderen Völker aus der Menschenschöpfung des ersten Berichtes hervorgegangen seien. Es ist auch völlig verfehlt, ihn zu einem Galileo der frühen Bibelkritik zu machen, der dann unter Druck zum Katholizismus konvertierte, ohne die politischen Verwicklungen zu beachten, in die er sich begeben hatte. Vgl. Andreas Nikolaus Pietsch. Isaac La Peyrère: Bibelkritik, Philosemitismus und Patronage in der Gelehrtenrepublik des 17. Jahrhunderts. DeGruyter, 2012. 

  16. Dass Dietz den gesamten Pietismus als Stütze für seine „dritten Wege“ in Anspruch nimmt, ist vielleicht nur eine Vereinfachung. Oder hier wird auch ein Mythos geformt, um Christen aus dieser Tradition zu überzeugen. Tatsächlich hat es nicht nur am Anfang des Pietismus, sondern ebenso im Neupietismus und bis heute namhafte Vertreter gegeben, die zwar das persönliche Element beim Bibelstudium betonten, aber deswegen weiter die Inspiration der Schrift vertraten und teilweise auch ausdrücklich ihre Irrtumslosigkeit. 

  17. In seinem Blogbeitrag als Antwort auf Markus Till macht er aber klar, dass er das von den jeweils zu der Zeit geltenden Standards der Geschichtsschreibung abhängig machen will. Das Gilgamesch-Epos ist für ihn der Standard für die Urgeschichte, spätere Texte müssen sich dann an Herodot, Hesiod oder Homer messen lassen. Die Apostelgeschichte könne wegen Thukydides auch als historische Geschichtsschreibung gedeutet werden. 

  18. Weil er das nicht belegen kann und sogar mehrfach zugibt, dass die Bibel selbst das Gegenteil sagt, will ich nicht näher darauf eingehen. Seine rein spekulative Behauptung läuft auf Folgendes hinaus: Wenn es die heutige Auseinandersetzung um die Historizität damals gegeben hätte, hätten die Autoren auch geäußert, dass sie es nicht historisch meinen. vgl. 106-107. 

  19. Vgl. Fußnote 5 in https://bibelbund.de/2017/12/worthaus-universitaetstheologie-für-evangelikale/ 

  20. Den gegenwärtigen Stand aus Sicht derer, die von einer historischen Sintflut ausgehen, gibt am besten wieder: Manfred Stephan (Hrsg.), Sintflut und Geologie, 4. Aufl. Hänssler, 2015. Stephan scheut sich auch nicht, die Fehler von manchen Kreationisten in ihrer Argumentation zu benennen. Dietz stellt auch die Behauptung auf, dass es unmöglich sei, dass die heutige Erdbevölkerung von einer Familie abstammen kann und dass das heutige Genom der Aborigines beweise, dass sie nicht von Noah abstammen könnten. Beides ist Spekulation ohne Beweiskraft. 

  21. Als prominentes Beispiel erwähnt Dietz Tim Keller. Er hätte auch noch andere aufzählen können. Selbst ein „Hardliner“ in Sachen Irrtumslosigkeit der Schrift, wie Norman Geisler, macht die Überzeugung von einer jungen Erde nicht zum Kriterium für Bibeltreue. 

  22. So im Blogbeitrag als Antwort auf Markus Till, der an manchen Stellen pointierter ist als das Buch. 

  23. Es kann nur eine Auswahl aus der historisch-kritischen Exegese gemeint sein, denn ich besitze auch Kommentare, die die Geschichte für ein harmonisches Ganzes halten. 

  24. Sehr detailliert geht Armin Baum in einem Beitrag für das Weiße Kreuz auf die Behauptungen von Siegfried Zimmer zur antiken Sexualethik ein und zeigt, dass davon nur wenig stimmt. Vgl. http://www.armin-baum.de/?p=2798 

  25. Einen sehr hilfreichen Einblick bietet in dieser Hinsicht Gerhard Ebeling. Luthers Seelsorge – an seinen Briefen dargestellt. Mohr, 1997. Zur Eheseelsorge S. 78-142. 

  26. Vgl. Die große Anpassung: der Zeitgeist und die Evangelikalen, 1988.