LiteraturBuchbesprechungen

Wort, Wahrheit, Wirklichkeit

Dietz, Thorsten & Schmidt, Norbert (Hrsg.). Wort, Wahrheit, Wirklichkeit. Beiträge zum Gespräch mit Heinzpeter Hempelmann. Gießen: Brunnen Verlag 2015 436 S. Paperback: 30,00 €. ISBN: 978-3-7655-9251-5.

Zweifelsfrei gehört Heinzpeter Hempelmann, der mit dieser Festschrift geehrt wird, zu den bedeutendsten deutschsprachigen evan­geli­kalen Theologen der Postmoderne. In Bibel und Gemeinde wurden insbesondere seine Ansätze zur sogenannten Hermeneutik der Demut einer kritischen Würdigung unterzogen.

Die Festschrift enthält die anlässlich seines 60. Geburtstages im Rahmen eines Symposiums gehaltenen Vorträge sowie weitere Studien. Die Beiträge von namhaften Theologen wie beispielsweise Gerhard Maier, Rolf Hille, Thomas Schirrmacher, Rainer Riesner, Michael Diener oder Christoph Morgner sind den Rubriken „Bibel und Hermeneutik“ (S. 15ff.), „Wahrheit und Wissenschaft“ (S. 183ff.) sowie „Kirche und Kultur“ (S. 281ff.) zugeordnet. Hempelmann selbst kommt in einem abschließenden Responsio (S. 405ff.) zu Wort.

Für den an theologischen Detailfragen interessierten Leser bieten viele Artikel interessante Einsichten, so z. B. zur Frage der Sklaverei im Alten und Neuen Testament (Thomas Schirrmacher; S. 87ff.), zur Frage, wie man im zunehmenden Individualismus Gemeinschaft leben kann (Christoph Morgner; S. 319), oder zur Frage, inwieweit Hempelmann von Nietzsche beeinflusst wurde (S. 228ff.).

Verständlicherweise erfolgt im Rahmen einer Festschrift keine Entgeg­nung auf kritikwürdige Thesen des zu ehrenden Theologen, so auch hier nicht. Hempelmanns Ansätze zur Hermeneutik der Demut bleiben unwidersprochen. Vielmehr nutzt Hempelmann in seinem Responsio die Gelegenheit, „fromme“ Bibelkritik zu kritisieren, die einen „rationalistischen, letztlich heidnischen Wahrheitsbegriff in die biblisch-theologische Bestimmung dessen, was die Bibel über sich sagt“, eintrage (S. 406). Resultat sei „die elende Debatte um die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift“ sowie die zwingend notwendige Annahme einer Schöpfung in 6 x 24 Stunden. In beiden Fällen gewönne „der christliche Glaube nicht an Attraktivität und Glaubwürdigkeit“ (S. 407). Für den Rezensenten stellen sich bei diesen Thesen viele Fragen: Warum ist der Kampf um die Irrtumslosigkeit der Schrift eine elende Debatte? Warum wird die Annahme einer 6 x 24-Stunden-Schöpfung in die rationalistische Ecke gestellt? Muss christlicher Glaube zwingend attraktiv aus menschlicher Perspektive sein? Betreibe ich nicht eine Honig-ums-Maul-Theologie, wenn ich biblische Positionen oder zumindest streitbare Positionen hin zu der Seite auflöse, die dem Rezipienten gefällt?

Gleichermaßen finden sich in vielen Artikeln Positionen wieder, die der Rezensent mindestens fragwürdig findet. Neben der Befürwortung der Kindertaufe (S. 35) fällt insbesondere der Beitrag von Martin Brändl zur Kontextualisierung des Evangeliums (S. 183ff.) auf. Brändl setzt sich in keiner Weise kritisch mit dem inkarnatorischen Modell von Peter Enns auseinander, obwohl man durchaus den Vergleich zur Inkarnation Jesu in Abrede stellen kann. Ebenso merkwürdig muten die Beispiele für Kontextualisierungen an, etwa ein (christlicher) Fanclub des VfB Stuttgart. Dem Rezensenten kam die Frage, ob hier die Evangeliumsverkündigung noch den Platz hat, den sie biblisch einnehmen soll, wenngleich das redliche Bemühen und Ringen um die Seelen nicht in Abrede gestellt wird.

Es würde hier den Rahmen sprengen, auf weitere fragwürdige Thesen einzugehen, doch sei an dieser Stelle positiv der lesenswerte Artikel von Volker Gäckle erwähnt, der deutlich aufzeigt, dass „der christliche Glaube aus guten Gründen gegenüber der Frage nach der Nützlichkeit und Funktionalität eigentümlich spröde und sperrig erweist“ (S.275) und damit utilitaristischen bzw. pragmatischen Wunschvorstellungen eine Absage erteilt.

Fazit: Eine Festschrift mit einigen interessanten Thesen und theologischen Erträgen, aber gleichermaßen mit fragwürdigen Positionen. Die Sorge, dass sich Bibelkritik mehr und mehr in evangelikale Gewänder kleidet und damit attraktiv bzw. glaubwürdig erscheinen will, ist dem Rezensenten nach dieser Festschrift jedenfalls nicht genommen worden.