LiteraturBuchbesprechungen

Hier stehe ich, es war ganz anders – Irrtümer über Luther

Mit unbestrittenem Erzähltalent und spitzer Feder nimmt sich der Autor einzelne Irrtümer über die Reformation vor. Allerdings leistet er sich selber einige Fehler und Ungenauigkeiten und will auch in diesem Buch unbedingt eine bibeltreue Haltung kritisieren.

Malessa, Andreas. Hier stehe ich, es war ganz anders. Irrtümer über Luther. Holzgerlingen: SCM 2015 188 S. Hardcover: 14,95 €. ISBN: 978-3-7751-5610-3.

Nun hat sich auch Hör­funk- und TV-Jour­nalist Andreas Malessa in die Reihe der Autoren eingereiht, die sich angesichts des kommenden Reformationsjubi­lä­ums mit Martin Luther beschäftigen. Der gewählte Ansatz ist dabei durchaus originell, schreibt Malessa doch keine Biographie, sondern möchte Irrtümer über Luther korrigieren.

Die Themen sind vielfältig: War Luther abergläubisch? Pflanzte er ein Apfelbäumchen? Trank er viel? War er ein Kriegshetzer? Und sagte er wirklich: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders?“ Warf er ein Tintenfass nach dem Teufel? Die Themen sind gut gewählt, vielleicht mit Ausnahme der Frage, ob Luther „Zuschauer beim Sex“ hatte, bei der es sich wohl kaum um einen verbreiteten Irrtum über Luther handeln dürfte. Auch die Wertungen des Autors sind differenziert und entsprechen dem Forschungsstand. Wo der Klappentext etwa plakativ von „fröhlichem Unsinn“ redet, urteilt Malessa treffender „wahrscheinlich nicht“ (etwa im Hinblick auf das Tintenfass oder das Luther zugeschriebene Zitat auf dem Wormser Reichstag). Auch die kon­troverse Haltung Luthers zum Bauernkrieg wird zunächst ausgewogen besprochen. Malessa spricht Luther vom Vorwurf der Kriegshetzerei frei, bemerkt dann aber etwas voreilig, dass Luther auf die politischen Forderungen der Bauern kaum eingegangen sei. In seiner „Ermahnung zum Frieden“ richtet sich Luther an die Fürsten, bezeichnet sie als „tyrannische und tobende Obrigkeit“ und erklärt über die Artikel der Bauern, von diesen seien „etliche billig und recht“. Dass Luther „dumpfes Duldertum entrechteter Arbeiter geistlich begründet“ (S. 112) hätte, ist ein unangebrachter Vorwurf.

Auf ähnliche Weise ließen sich noch andere Darstellungen des Autors hinterfragen. Dass die Bannandrohungsbulle von Eck im „Juni 1519“ zur Leipziger Disputation mitgebracht wurde (S. 131), ist beispielsweise schlicht nicht richtig, wurde sie doch erst am 15. Juni 1520 erlassen und im September 1520 in Kursachsen bekannt gegeben. Sie war gerade die Folge der Berichte Ecks an den Papst über die Leipziger Disputation. Dass Luther auf dem Reichstag in Augsburg „antanzte“, um bei Kardinal Cajetan seine Thesen zu verteidigen, ist falsch. Der Reichstag war vielmehr bereits beendet, der Kaiser und Friedrich der Weise abgereist, als Luther dort im Oktober 1518 erschien. Auch dass Luther dem Kardinal angedeutet habe, weiter diskutieren zu wollen, ihn damit hingehalten und somit „getrickst“ habe, um „abzuhauen“, darf bezweifelt werden. Zwar verließ Luther die Stadt einigermaßen fluchtartig, verabschiedete sich aber zuvor brieflich von Cajetan. Nachdem er ohnehin an den Papst appelliert hatte, hielt ihn auch nichts mehr in Augsburg.

Von solchen kleineren Ungenauig­keiten abgesehen liest sich „Hier stehe ich, es war ganz anders“ flüssig und angenehm. Erzähltalent kann man dem Autor nicht absprechen. Schade ist aber, dass sich Malessa mit Kritik an einer bibeltreuen Haltung offenbar nicht zurückhalten kann. „Fundamentalisten“ sind für ihn „Menschen, die nur dann Christus vertrauen wollen, wenn jede Vokabel der Bibel ‚irrtumslos und widerspruchsfrei verbalinspiriert‘ von Gott diktiert wurde, wie US-Amerikaner in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts meinten“ (S. 118). Die Berichte des Neuen Testaments sind laut Malessa von „70 Jüngerinnen und Jüngern (!)“ mündlich weitererzählt worden, bevor die Apostel diese Berichte „notiert und aus dem Gedächtnis übersetzt“ hätten. „Mindestens 300 Jahre lang“ hätten in den christlichen Gemeinden „unterschiedliche Evangelien, Briefe, Jesusgeschichten, Märtyrerakten und Heiligenlegenden“ kursiert, und was für dogmatisch verbindlich gehalten wurde, sei „regional verschieden“ gewesen. Solche unnötigen Verzerrungen stören das Lesevergnügen doch ziemlich.