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ThemenZeitgeist und Bibel

Pippi Langstrumpf und die „Homo-Ehe“

Ehe und Familie sind keine Modeerscheinung, sondern Gottes Schöpfung. Deswegen kann es genau genommen auch keine „Homo-Ehe“ geben. Mit dem Missbrauch des Begriffs wird die Ehe selber angegriffen. Wir haben einen Auftrag zu einem klaren liebevollen Zeugnis in der sich verändernden Gesellschaft.

Pippi Langstrumpf wird 70 Jahre.1

Conchita Wurst eröffnet einen Sängerwettbewerb in Wien.

Miss Piggy erhält eine Auszeichnung eines amerikanischen Feministenverbandes.2

Mehr als 60% stimmen bei einem Volksentscheid in Irland für die Einführung einer „Homo-Ehe“.

Diese Nachrichten aus dem Mai 2015 haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint.

Es ist nicht nur so, dass bei Pippi Langstrumpf „zwei mal drei gleich vier“ ist. Sie ist es auch, die sich die ganze Welt so macht, wie es ihr gefällt. Und sie lädt ein, das alles von ihr zu erlernen. Der „Erfolg“, den Pippi Langstrumpf damit in 70 Jahren hatte, ist nicht von der Hand zu weisen. Es ist modern geworden, sich die Welt zurechtzumachen, wie es gerade gefällt. Dabei kommt vielen zu Gute, dass von immer mehr Zusammenhängen behauptet wird, sie seien eine „soziale Konstruktion“. Und weil fast alles nur eine gesellschaftliche Konstruktion ist, gibt es natürlich auch keinen Hinderungsgrund, etwas daran umzukonstruieren. Ehe und Familie – nur eine soziale Konstruktion. Das Wort „Familie“ gebe es doch erst seit dem 18. Jahrhundert, sagt man. Mannsein und Frausein – nur eine Konstruktion der Gesell­schaft, behaupten mehr als 200 Gender-Professorinnen in Deutsch­land. Darum könne man sein Geschlecht frei bestimmen.

Conchita trägt die Botschaft publikumswirksam in die Welt, dass das eh Wurscht ist. Deswegen erscheint es auch kaum jemandem widersinnig, dass die Bevölkerung eines Landes gewissermaßen darüber abstimmen soll, was eine Ehe ist. Wenn dann die Mehrheit der „katholischen“ Iren sagt, dass es für eine Ehe nicht auf das Geschlecht der Ehepartner ankommt, dann solle das weltoffene Deutschland nicht dahinter zurückstehen.

Ist es Absicht oder eine Ironie dieser Ereignisse, dass dabei vielen nicht mehr aufzufallen scheint, dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen einer literarischen Figur, einer Kunstfigur und einer wirklichen Person gibt?

Ist es Absicht oder eine Ironie dieser Ereignisse, dass dabei vielen nicht mehr aufzufallen scheint, dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen einer literarischen Figur, einer Kunstfigur und einer wirklichen Person gibt? Pippi Langstrumpf wurde und wird nämlich niemals 70 Jahre alt. Zwar ist das erste Kinderbuch über Pippi 1945 erschienen. Aber in diesem Buch war die Romanfigur bereits 9 Jahre alt und ist in den folgenden Büchern auch nur wenig gealtert. Denn ihr Spruch lautet in der deutschen Übersetzung: „Liebe kleine Krumelus, niemals will ich werden gruß“3.

Wenn dem Schaumstoff-Schwein Miss Piggy eine Auszeichnung für ihren Feminismus verliehen wird, dann könnte auch James Bond den Friedensnobelpreis erhalten – so oft, wie er die Welt schon gerettet hat.

Und Conchita Wurst ist die Kunstfigur, die der Österreicher Thomas Neuwirth erfunden hat und die er seit 2011 auch selber spielt, ohne sich mit ihr zu identifizieren. Conchita Wurst steht in dieser Hinsicht auf einer Stufe mit Miss Piggy, Donald Duck oder James Bond. Ich habe nicht wahrgenommen, dass Sean Connery oder Daniel Craig, die James Bond gespielt haben, öffentlich mit ihm verwechselt werden. Bei Thomas Neuwirth und Conchita Wurst scheint das an der Tagesordnung. Und wenn dem Schaumstoff-Schwein Miss Piggy eine Auszeichnung für ihren Feminismus verliehen wird, dann könnte auch James Bond den Friedensnobelpreis erhalten – so oft, wie er die Welt schon gerettet hat.

Man könnte das alles für den „ganz normalen Wahnsinn“ halten. Aber die Verwirrung erreicht zunehmend auch Christen, und es wird für sie immer schwerer, früher ganz Selbstverständliches überzeugt und überzeugend zu vertreten. Das müsste dann nicht alarmierend sein, wenn es dazu beiträgt, dass bisher „nur“ Selbst­verständliches nach guter Prüfung zu einer biblisch begründeten Überzeugung wird. Allerdings ist vielfach das andere zu beobachten: selbst erfahrene Christen, die sich zur Verbindlichkeit des Wortes Gottes erklären, gleiten in Beliebigkeit ab und übernehmen Begriffe und Überzeugungen, die mit der Bibel nicht vereinbar sind. Ich will hier auf ein paar seltsame Argumente in der Debatte aufmerksam machen. Das hilft hoffentlich, sich nicht so leicht manipulieren zu lassen.

Mitgefühl erlaubt alles?

Bin ich nur gegen die Einführung einer „Homo-Ehe“, weil sich kein Schwuler unter meinen Freunden findet? Dieses Argument konnte man in verschiedener Ausprägung zu hören bekommen. So wurde behauptet, dass in dem kleinen Irland4, wo doch jeder jeden kenne, auch jeder einen Homosexuellen unter den Bekannten und Freunden habe. Und deswegen wollte die Mehrheit der Iren ihren Freunden und Bekannten nicht die Rechte der Eheschließung verwehren5. Auch der emeritierte Theologieprofessor Siegfried Zimmer, der regelmäßig auf Allianzveranstaltungen6 eingeladen ist, behauptet in einem Vortrag7, dass manche Ablehnung der Homosexualität nur daher rühre, dass Schwule und Lesben unbekannt sind. Jeder, der erst mal gleichgeschlechtliche Paare kennengelernt hat, wird keine negative Haltung mehr dazu haben.

Wer jetzt feststellt, dass er auch zu den Menschen gehört, die keinen Schwulen im Freundeskreis haben, und sich deswegen Gedanken macht, ob er einfach nur weltfremd ist und nach dem Sprichwort handelt: „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht!“, der sollte folgendes bedenken. Es ist nichts Ungewöhnliches, keinen Schwulen oder eine gleichgeschlechtliche Part­ner­schaft persönlich zu kennen. In der letzten Zählung des Statistischen Bundes­amtes von 2013 gab es rund 35.000 eingetragene Lebens­partner­schaften in Deutschland und etwa noch mal so viele, die ohne standesamtliche Ein­tragung zusammenlebten. Gleich­zeitig bestanden rund 18 Millionen Ehen. Es sind also nur rund 2 Promille aller verbindlich zusammenlebenden Paare, die homosexuell sind. Dass man ein getrenntes oder in Scheidung lebendes Ehepaar kennt, ist vielfach (35x) wahrscheinlicher, denn davon gibt es rund 1,2 Millionen. Trotzdem fällt mir gerade nur eines in meinem Umfeld ein. Alle einigermaßen verlässlichen anonymen Befragungen zur Häufigkeit homosexueller Lebens­praxis deuten auf eine Verbreitung von 1 bis 2 % hin8. Unter Männern ist Pädophilie beinahe genauso weit verbreitet9. Und damit erweist sich das Argument auch in zweiter Hinsicht als Scheinargument.

Meine Liebe zu persönlich bekannten Menschen, die ihre Ehe gebrochen, Steuern hinterzogen, Kinder missbraucht, abgetrieben oder betrogen haben, ändert nichts an meiner strikten Ablehnung ihrer Taten.

Ich kenne Männer, die zur Pädophilie neigen und andere, die Kinder missbraucht haben, Frauen, die ihr Baby abgetrieben haben, Betrüger, die ins Gefängnis gewandert sind. Ich kenne sie nicht nur aus der Presse, sondern aus nächster Nähe. Ich empfinde Herzenswärme, wenn ich an sie denke. Das gilt auch für Leute, die ihre Ehe gebrochen, Steuern hinterzogen, sich prostituiert oder einen Raub begangen haben, genauso für andere, die an Alkohol und Drogen gebunden oder gewalttätig geworden sind. Aber es ist deutlich, dass mein Mitgefühl und sogar meine Zuneigung zu ihnen nicht dazu führen kann, dass ich ihre Taten für richtig halte oder sogar dafür plädiere, dass Raub, Betrug oder Vergewaltigung zu gesellschaftlicher Anerkennung kommen sollten. Meine Liebe zu diesen Menschen ändert nichts an meiner strikten Ablehnung ihrer Taten.

Was falsch oder richtig ist, bestimmt nicht die Mehrheit und nicht die Prominenz, nicht Sympathie und nicht Mitleid.

Damit in Zusammenhang steht ein dritter Aspekt dieser Verwirrung. Selbst wenn ich etwa aus Sympathie für einen pädophil empfindenden Freund, der keine sexuelle Befriedigung mit einer Frau empfinden kann, für eine öffentliche Gleichstellung seiner sexuellen Neigungen plädieren würde, wie es in der Partei der Grünen in den 70er und 80er Jahren vielfach geschehen ist, bliebe das falsch. Dass irgendein Verhalten eine mehrheitliche Zustimmung in einer Bevölkerung findet, sagt nichts darüber aus, ob dieses Verhalten richtig oder falsch ist. Sonst wäre zwischen 1934 und 44 auch die nationalsozialistische Ideologie richtig gewesen, denn in dieser Zeit hatte sie eine Mehrheit in der deutschen Bevölkerung. Die Mehrheit plädierte gegenüber Aaron für die Verehrung eines goldenen Kalbes. Die Mehrheit wandte sich zur Zeit Elias den Götzen Baal und Aschera zu. Es gibt wohl kaum etwas, für das nicht schon in irgendeiner Gruppe zu irgendeiner Zeit eine Mehrheit gefunden wurde. Wenn es nicht die Mehrheit ist, dann reicht es vielleicht, dass „prominente Christen“, wie der Musiker Xavier Naidoo oder die evangelischen Theologen Heinrich Bedform-Strohm und Margot Käßmann oder Katrin Göring-Eckhardt für etwas eintreten?! In diesem Fall haben sie Stellung für die Einführung einer „Homo-Ehe“ genommen, ebenso wie einige andere Personen des öffentlichen Lebens (DER SPIEGEL 23/2015 vom 30.5.2015).

Sozial oder von Gott konstruiert?

Es kursiert die Behauptung, dass es sich bei dem, was man unter normaler Sexualität, einer Ehe oder einer Familie versteht, nur um gesellschaftliche Konstruktionen handelt. Wäre die Geschichte der Entwicklung von Kultur anders gelaufen, würden wir unter Ehe und Familie etwas ganz anderes verstehen. Homosexuelle Verpartnerung oder die Ehe zwischen Personen gleichen Geschlechts wären etwas ganz Normales. Selbst­verständlich hätten solche Beziehungen auch Kinder. Wenn sich die Kultur also jetzt dahin entwickelt, muss nur noch unser Gefühl nachkommen, das auch als normal zu empfinden.

Soziale Konstruktion ist schon für beinahe alles behauptet worden: Geschlecht, Amerika, Quarks, Frauen, Zorn, Freude, Serienkiller, Mathematik und so weiter10. Es geht immer nach dem Muster, dass etwas nicht so existieren müsste, wie es gegenwärtig da ist. Nicht das Wesen der Dinge, sondern nur irgendeine (zufällige) historische Entwicklung hat es bestimmt. Es ist nicht unvermeidlich. Meistens geht mit dieser Behauptung einher, dass das so konstruierte besser abgeschafft oder umgestaltet werden müsste.

In Sachen Ehe, Familie und Geschlechtlichkeit geht es also um die Frage, ob sie Teil der von Gott „konstruierten“ und geschaffenen Wirklichkeit sind oder ob hier nur eine Laune der Geschichte und der gesellschaftlichen Entwicklungen zu Gange war. Siegfried Zimmer deutet das im Hinblick auf Homosexualität an, wenn er behauptet, die gesellschaftlichen Gründe für die Entwicklung zur Ablehnung im alten Israel gefunden zu haben: Angst vor Mangel an Spermien, Übermacht von Machos, Frem­den­feindlichkeit, Kampf gegen sexuelle Gewalt etc.. Die Orien­tierungshilfe der EKD zur Familie legt nahe, dass unser Bild von Familie eine Erfindung des Biedermeier sei. Und die jetzige Form der Ehe scheint durch den Kirchenkampf und die Einführung des Standesamts gegeben zu sein. Da bleibt auch den konservativen Verteidigern der Ehe zwischen Mann und Frau als Argument nur noch, dass die Ehe die Möglichkeit der Zeugung von Kindern mit sich bringe. Das kann schnell gekontert werden, indem man auf die kinderlosen Ehen und die unehelichen Kinder verweist.

Sind wir alle so denkfaul geworden, dass uns eine Unter­scheidung zwischen gesellschaftlichen Normen und geschöpflichen Konstanten nicht mehr möglich ist?

Unsere Straßenverkehrs­ordnung ist eine Konvention, eine soziale Konstruktion. Dass die Höchstgeschwindigkeit innerorts auf 50 km/h festgelegt ist, ist willkürlich.11 Es könnten genauso gut 47 oder 51 km/h sein. Es gibt die Geschwindig­keits­beschrän­kungen auch noch nicht lange, denn für Kutschen war ein solches Gebot gar nicht notwendig. Sind die 50 km/h deswegen unsinnig und gehörten abgeschafft? Oder könnten wir auch 100 km/h in der Stadt zulassen?

Es gibt aber offenbar natürliche Gegebenheiten, die zu den Regelungen geführt haben. Die Straßen in den Städten sind für eine sichere Fahrt mit hohen Geschwindigkeiten nicht geeignet. Fußgänger könnten die Straßen nicht mehr ohne Lebensgefahr überqueren. Das wiederum liegt daran, dass der menschliche Körper keine Zusammenstöße mit PKWs verträgt. Trotz rein menschlicher Vereinbarungen, die auch geändert werden könnten, und obwohl die weit überwiegende Mehrheit die Geschwindig­keits­beschränkungen regelmäßig bricht, besteht offenbar kein Grund sie abzuschaffen. Dass der Autoscooter auf dem Jahrmarkt mit bedeutend weniger Vorschriften auskommt, liegt nicht an der Fort­­schrittlichkeit der Betreiber, sondern an der Bauweise des Fahrgeschäftes mit Gummipuffern und geringer Ge­schwindigkeit.

Es ist für die Botschaft der Bibel von den ersten Seiten an unzweifelhaft, dass der Mensch als Mann und Frau geschaffen ist.

Es ist für die Botschaft der Bibel von den ersten Seiten an unzweifelhaft, dass der Mensch als Mann und Frau geschaffen ist. Daraus folgt eine spannungsvolle Bezogenheit von Mann und Frau aufeinander. Ihre sexuelle Anziehung und das sexuelle Leben haben offenbar einerseits den Sinn der Festigung der Beziehung und andererseits schenken sie dem Menschen die Fruchtbarkeit, die zur Gründung von Familie führt. Die Gebote, die die Bibel in diesem Zusammenhang nennt, beschreiben offenbar keine soziale Konstruktion, sondern zeigen die Grenzen des Verhaltens an, das die geschöpfliche Gabe bedrohen oder zerstören könnte.

Was eine Ehe ist, ist nicht zuerst durch menschliche Definition bestimmt, sondern durch geschöpfliche Wirklichkeit. Offenbar ist das auch ohne die biblische Offenbarung erkennbar, denn jede menschliche Kultur kennt Ehe und damit auch Ehebruch. Selbst wenn offenbar noch andere Verhältnisse bekannt sind, wird das eine nicht mit dem anderen verwechselt. Das wäre mindestens verwunderlich, wenn Ehe und Familie nur eine soziale Konstruktion darstellten, die ersetzbar wäre, etwa durch die Definition „Familie ist, wo Kinder sind“ oder „Ehe ist jedes dauerhafte Verhältnis, in dem Menschen Verantwortung füreinander übernehmen“.

Wer allein die Logik des Lebenspartnerschaftsgesetzes näher betrachtet, der kann sich verwundert fragen, warum die eingetragene Lebenspartnerschaft allein als Quasi-Ehe für homosexuelle Paare konstruiert wurde. Es wurden damit exklusive Wünsche einer besonderen Gruppe befriedigt. Warum wurde das Gesetz nicht so breit angelegt, dass sich in der Lebenspartnerschaft Menschen dauerhafte Partnerschaft zusagen, woraus Versorgungs- und Beistandspflichten abgeleitet werden, aber auch etwa bestimmte steuerliche Rechte? Dann hätte auch eine ehelose Tochter in einer Lebenspartnerschaft ihre Mutter pflegen können – oder sogar ihre Eltern – und dafür den Splittingtarif des Steuerrechts in Anspruch nehmen können. Warum sollte die Lebens­partnerschaft auf zwei Personen begrenzt sein? Es könnten auch mehrere Personen in einer Lebensgemeinschaft sein. Ob und welchen sexuellen Umgang diese Menschen miteinander haben, müsste den Staat gar nichts angehen. So hätten auch Mit­glieder einer christlichen Lebensgemeinschaft dauerhaft bestimmte Rechte und Pflichten füreinander übernehmen können.

Dass der Staat diesen Weg nicht gegangen ist, ist nachvollziehbar, wenn man überlegt, was solche Regelungen nach sich gezogen hätte. Ein paar Beispiele: Eine deutsche Frau hätte mit einer Reihe von Einwanderern eine Lebenspartnerschaft begründen können und diesen damit ein Aufent­haltsrecht und nach drei Jahren ein Recht auf Einbürgerung verschaffen. Ein Vater hätte mit seiner (volljährigen) Tochter eine Lebenspartnerschaft eingehen können und das zugleich mit anderen Frauen. Wer keine Polygamie oder Inzest erlauben will, der muss Quasi-Ehen schaffen, die auf homosexuelles Begehren ausgerichtet sind. Damit macht er zugleich etwas zur Norm, was er nur für ein überholbares gesellschaftliches Konstrukt hält. Und diese Norm wird für Menschen gemacht, die die Ehe im ursprünglichen Sinn oft eher gering schätzen. Oder geht es im Grunde um das Adoptionsrecht? Damit 2013 knapp 3800 Adoptionen in Deutschland durchgeführt werden konnten, mussten noch fast 300 Kinder aus dem Ausland geholt werden. Wollte man eingetragenen Lebenspartner­schaften adoptierbare Kinder entsprechend ihrem Anteil an allen Ehen zuteilen, dann würde das, um nur 20% der Lebens­part­ner­schaften zu bedienen, mehr als 700 Jahre dauern.

Wer das von Gott gegebene Wesen von Ehe und Familie durch eine eigene Schöpfung ersetzen möchte, der wird die Erfahrung machen, dass die geschöpfliche Institution sich nicht verbessern lässt, sondern nur selbstzerstörerische Verwirrung entsteht.

Wer die „Ehe für alle“ fordert und dabei die Beschränkung der Ehe auf die lebenslange Gemeinschaft eines Mannes mit einer Frau auflösen will, der läuft gegen Gottes Schöpfung an. Was Ehe und Familie ist, weiß jedes Kind. Das zu ändern, schafft nur Verwirrung. Zwangsläufig wird auch ein Großteil des Familien­rechts unsicher. Er müssten immer neue Gesetze geschaffen werden, wenn z. B. Polygamie oder Inzest verhindert werden soll. Wer das von Gott gegebene Wesen von Ehe und Familie durch eine eigene Schöpfung ersetzen möchte, der wird die Erfahrung machen, dass die geschöpfliche Institution sich nicht verbessern lässt, sondern nur selbstzerstörerische Verwirrung entsteht.

Was Ehe, Familie und Geschlechtlichkeit ist, kann nicht Moden unterliegen. Dass Gesellschaften und Kulturen sich ändern, steht außer Frage. Aber das Wasser wird immer und überall bergab fließen. Christen müssen darauf achten, dass sie den biblischen Vorgaben Gottes treu bleiben und sich nicht von jedem Wind hin und her blasen lassen.

Wenn die Wahrheit mit der Mode gehen soll

Ein Aspekt in diesem „ganz normalen Wahnsinn“ betrifft auch die Theologie, weil sie sich weithin von der Wahrheit der Bibel verabschiedet hat, um mit den jeweiligen Moden zu gehen. Das wird seit Langem an den Verlautbarungen der evangelischen Kirchen deutlich und zunehmend auch an Äußerungen aus dem evangelikalen Lager. Im Unterschied zu den ersten wird hier immer wieder betont, dass man der Bibel treu sein wolle und dass die Bibel Gottes Wort und Richtschnur sei. Im Ergebnis aber unterliegt die Wahrheit hier wie dort oft dem „Wind der Lehre“.

Die Orientierungshilfe der EKD „Mit Spannungen leben“ von 1996 wirkt heute geradezu konservativ, obwohl sie doch die Tür für eine breite Akzeptanz ausgelebter Homosexualität öffnen wollte12. Was dort aber über die biblischen Aussagen zum Thema steht, ist klar. Heute kann das alles mit einem Wisch beiseite gefegt werden, was nicht nur in der Orientierungshilfe zu Ehe und Familie von 2013 deutlich wird, sondern auch an den jüngsten Äußerungen leitender Personen der Kirchen. 2001 war der Leitung der sächsischen Landeskirche klar:

„Die Segnung homosexueller Partnerschaften kommt in unserer Landeskirche mit Blick auf das biblische Zeugnis nicht in Betracht“. „Eine homosexuelle Beziehung (wird) nicht im Pfarrhaus gelebt und nicht zum Inhalt der Verkündigung gemacht.“

Heute will man davon nichts mehr wissen.

Und auch unter den Evangelikalen sind die Positionen längst weich, beweglich und dem Zeitgeist angepasst. Man muss kaum überrascht sein, dass ein langjähriger Theologieprofessor einer deutschen Hochschule, wie es Siegfried Zimmer ist, sich radikal positiv zur homosexuellen Lebenspraxis stellt. Man muss sich aber darüber wundern, dass es im Raum der Deutschen Evangelischen Allianz, wo er in den letzten Jahren regelmäßig Gastreferent war, scheinbar kaum Widerspruch gibt13.

Die Leitung des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) empfiehlt seit 2013 gelebte Homosexualität insofern zu akzeptieren, dass Menschen mit homosexueller Orientierung zur ehrenamtlichen Mitarbeit zugelassen werden sollen. Warum eine Anstellung ausgeschlossen bleibt, erscheint allerdings willkürlich. Im Rahmen eines Forums zu Homosexualität auf der Bundes­ratstagung des BEFG im Mai 2015 in Kassel blieben die Aussagen so offen, dass am Ende jede Gemeinde eingeladen wurde, selber zu entscheiden, welche Regelungen sie für Menschen mit „homosexueller Orientierung“ treffen wolle. Nur Hochzeiten zwischen Personen gleichen Geschlechts wurden ausgeschlossen.

Hatte nicht der frühere Präses des Gnadauer Gemein­schaftsverbandes Kurt Heimbucher (1971-88) angekündigt, die Gemein­schafts­bewegung werde sich von den evangelischen Kirchen lösen, wenn es zur Segnung Homosexueller kommen würde?14 Jetzt kann Jürgen Mette in der Gnadauer Zeitschrift wir – gemeinsam unterwegs (4/2015: S. 30) dafür werben, alle ablehnenden Argumente neu zu prüfen, „Fachleute“ entscheiden zu lassen und „Schutzräume“ für homosexuell Lebende zu schaffen. Was genau er meint, bleibt offen. Aber deutlich ist, dass sein „Weg zur Barmherzigkeit“ damit einhergeht, dass er eine klare Positionierung lieber nicht mehr aussprechen will, seit er von einem Selbstmord eines jungen homosexuellen Mannes erfuhr, den er seelsorgerlich begleitet hatte. Präses Michael Diener öffnet dafür die Tür: Man wolle beim Thema Toleranz „unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen lassen“. Das sei als „Ermutigung“ gedacht, einen eigenen Standpunkt „reflektiert und überlegt einzunehmen“ (wir 4/2015: 3). Man fragt sich, wie ein Heft zu Süchten aussehen würde. Wird dann auch jemand über die Bewusstseinserweiterung einiger Drogen schreiben, die sogar das Empfinden für die Nähe Gottes steigern? Alles natürlich zur Ermutigung, seinen eigenen Standpunkt zu überdenken.

Fällt denn niemandem auf, dass eine solche Argumentation nicht christlich und nicht biblisch ist, sondern einfach nur postmodern?

Fällt denn niemandem auf, dass eine solche Argumentation nicht christlich und nicht biblisch ist, sondern einfach nur postmodern? Die postmoderne Skepsis will keine klaren Urteile fällen. Man kann ja alles so und so sehen. Jede „Wahrheit“ geht nur bis zur „Wahrheit“, die ein anderer vertritt. Stimmt es wirklich, dass die Aussagen der Bibel zu Ehe, Familie und Sexualität so undeutlich und widersprüchlich sind, dass nun jeder sehen muss, wie er es damit halten will? Dann aber sollte man konsequent sein: die Aussagen zur Monogamie sind viel schwächer, die zum Alkoholismus ebenso. Beim letzten gilt übrigens auch das gern gebrauchte Schein-Argument: Jesus hat nichts dazu gesagt.

Angesichts einer modeartigen Argumen­tation sollte sich jeder daran erinnern, dass die biblischen Aussagen sich nicht geändert haben. Es gibt keine neu gefundenen Hand­schriften, die eine Korrektur fordern. Es gibt keine bahnbrechenden Erkennt­nisse aus der antiken Kultur, die (weg)erklären, warum ausgerechnet die Bibel so klar gegen homosexuelle Praktiken spricht, während andere alte Kulturen dieser Art Sexualität zu leben z.T. sogar besondere Achtung entgegenbrach­ten.

Es ist nach biblischer Lehre auch unausweichlich, davon zu reden, dass das Begehren nach etwas Verbotenem genauso Sünde ist, wie das Verbotene zu erreichen und zu genießen.

Es ist nach biblischer Lehre auch unausweichlich, davon zu reden, dass das Begehren nach etwas Verbotenem genauso Sünde ist, wie das Verbotene zu erreichen und zu genießen. Das gilt auch für das sexuelle Begehren nach der verheirateten Frau, nach einem Menschen gleichen Geschlechts oder nach einem Kind. Es ist auch immer noch so, dass die Bibel den Christen nicht haltlos seinen Begierden ausgeliefert sieht. Der Mensch kann und soll sein sexuelles Begehren zügeln, muss weder eine begehrenswerte Frau vergewaltigen, noch jeder sexuellen Werbung nachgeben. Genauso wenig wie er einen schönen Gegenstand, der seine finanziellen Möglichkeiten überschreitet, stehlen muss. Es ist eine Entwürdigung des Menschen, wenn so getan wird, als müsse homosexuelles Begehren unausweichlich befriedigt werden.

Es gibt nach wie vor keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die auf eine erbliche Veranlagung zur Homosexualität schließen ließen. Und es gibt auch keine variable Geschlechtlichkeit, wie sie die Gender-Ideologie behauptet. Damit ist auch die Behauptung, dass es sich bei der Vielzahl der Geschlechter um Schöpfungs­varianten handelt, unsinnig. Und selbst wenn es einen genetischen Faktor bei der Homosexualität geben sollte, dann zwingt der nicht zu einem besonderen Verhalten. Auch eine genetische Disposition zum Alkoholismus, wie sie verschiedentlich angenommen wird, zwingt nicht dazu, Alkoholiker zu werden. Und wenn man es geworden ist, ist man nicht gezwungen, als solcher zu leben. Der Mensch ist kein triebgesteuertes Wesen.

Ich frage mich, warum nicht die theologische Mühe, die aufgewandt wird, um zu begründen, dass die Bibel nichts gegen Homosexualität sage, dafür investiert wird, um homosexuell empfindenden Menschen seelsorgerlich beizustehen. Für die Begleitung von Abhängigen haben Christen mit viel Liebe, Leiden­schaft und Sachverstand Hilfsmöglichkeiten erarbeitet. Die wenigen Hilfsangebote für sexuelle Störungen werden dagegen z.T. sogar mit Misstrauen betrachtet und zwar vor allem, weil sie immer wieder als gefährliche „Konversionstherapie“ gebrandmarkt werden. Bei der Hilfe für pädophil empfindende Männer sind Angebote inzwischen geachtet, obwohl Psychotherapeuten auch hier davon ausgehen, dass nur in wenigen Fällen eine „Heilung“ erreicht werden kann.

Die Theologie hat auch heute unverändert die Aufgabe, die biblische Wahrheit Gottes ihrer Zeit und Gesellschaft zu sagen. Sie verfehlt ihren Auftrag, wenn sie versucht, die biblische Wahrheit der jeweiligen Zeit anzupassen.


  1. http://www.stern.de/familie/leben/pippi-langstrumpf-wird-70-7-dinge-die-wir-von-ihr-gelernt-haben-2195581.html 

  2. http://www.spiegel.de/panorama/miss-piggy-muppet-erhaelt-renommierten-frauenrechtspreis-a-1031384.html 

  3. Krumelus ist die Zauberpille, die das Erwachsenwerden verhindert. 

  4. Das „kleine“ Irland hatte bei der letzten Zählung 2013 immerhin fast 4,6 Millionen Einwohner. Im kleinen Berlin leben nur knapp 3,5 Millionen. Ob die sich alle kennen? 

  5. Was hier von Andrea Diener etwas herablassend daher kommt, ist ganz ernst gemeint und war auch sonst oft zu lesen: „Allerdings kennen die meisten Iren jemanden in ihrem Freundeskreis oder in ihrer Familie, der schwul oder lesbisch ist. Und dass die niemanden liebhaben dürfen und alleine bleiben sollen, das halten die Iren für eine schlimme Strafe. Deshalb haben sie entschieden: Alles Unsinn, was die Kirche sagt, und auf den Papst haben wir nun die längste Zeit gehört! Dass es unseren Freunden gut geht,  ist uns wichtiger.“ http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/familie/wie-erklaere-ich-s-meinem-kind/homo-ehe-in-deutschland-warum-manche-dagegen-sind-13617464.html 

  6. So auf der Blankenburger Konferenz 2012 oder beim Ferienfestival Spring, wie auch zuletzt im Frühjahr 2015. 

  7. Siegfried Zimmer: Die schwule Frage – Die Bibel, die Christen und das Homosexuelle, http://worthaus.org/mediathek/die-schwule-frage-die-bibel-die-christen-und-das-homosexuelle-5-1-1/, 11.4.2015. Eine ausführliche Besprechung von Michael Kotsch finden Sie unter https://bibelbund.de/2015/05/diffamierung-als-bestes-argument

  8. https://www.thomasschirrmacher.info/blog/der-prozentsatz-der-homosexuellen-ist-in-110-jahren-nicht-gestiegen/ 

  9. http://www.hr-online.de/website/specials/wissen/index.jsp?rubrik=68539&key=standard_document_5547679

  10. vgl. Ian Hacking, Was heißt „soziale Konstruktion“? Zur Konjunktur einer Kampfvokabel in den Wissenschaften, Frankfurt: Fischer, 1999. 

  11. Erst im September 1957 wurde diese Geschwindigkeitsbeschränkung eingeführt. Davor gab es auch in Städten kein Tempolimit. 

  12. Dort heißt es zum Beispiel: „Nach den Aussagen der Bibel ist der Mensch ein konstitutiv leibhaftes und in seiner Leibhaftigkeit ein konstitutiv sexuelles Wesen. Er ist von Gott erschaffen als Mann und Frau. Diese Polarität wird in den biblischen Schöpfungsberichten unmittelbar in Beziehung gesetzt zu den beiden Grundelementen der Sexualität: der Weitergabe von Leben (Gen 1,27) sowie der lustvollen Zuwendung und Vereinigung (Gen 2,24 sowie die beeindruckenden Texte des Hohen Lieds). Von dieser Geschlechtergemeinschaft zwischen Mann und Frau kommt alles menschliche Leben her. Von ihr stammt jeder Mensch ab. In ihr findet menschliche Sexualität ihre Erfüllung.“ http://www.ekd.de/familie/spannungen_1996_2.html 

  13. IDEA berichtet am 22. April 2015 über die Kritik des katholischen Theologen Johannes Hartl an Zimmers Vortrag und am 1. Mai von Zimmers Antwort darauf: „Was die Wertschätzung der Bibel betrifft, bin ich ein Schüler Martin Luthers. Für mich ist die Bibel in geistlichen Dingen die höchste Autorität auf Erden.“ 

  14. Sein Nachfolger Christoph Morgner hat sich ähnlich geäußert, nur dass es da nicht mehr um die Segnung von Homosexuellen ging, sondern um die Homosexualität im Pfarrhaus.