LiteraturBuchbesprechungen

Die Bibel im „Spiegel“

Was passiert, wenn man versucht, anderen zu erklären, wovon man selbst nichts verstanden hat, das kann man an einem SPIEGEL Geschichte Heft mehr als deutlich erkennen.

Spiegel-die BibelDER SPIEGEL: GESCHICHTE. Die Bibel. Das mächtigste Buch der Welt. Hamburg: November 2014. 146 S. 7,80 €.

Was kann man als bibelgläubiger Mensch erwarten, wenn Redakteure des SPIEGEL GESCHICHTE über die Bibel schreiben? Man erwartet eigentlich, dass sie sich möglichst gut informieren und nimmt hin, dass sie ihre Ergebnisse im Spiegel-Stil präsentieren. Immerhin sind sie überhaupt auf die Idee gekommen, die Bibel in einem eigenen Heft darzustellen. Aber für sie ist es eben nur ein umfangreiches Stück interessanter antiker Literatur. Selbstverständlich fragen sie skeptisch und kritisch nach, was denn an den uralten Geschichten stimmt, und finden sich bald in einem „Dschungel aus theologischen Debatten, archäologischer Spurensuche und jeder Menge heikler Textanalysen wieder“ (S. 3). Orientierung holen sie sich von Fachleuten, natürlich Theologen. Leider geraten sie dabei immer an solche, die selbst der Bibel kritisch gegenüberstehen. Das Ergebnis ist entsprechend.

Gewiss finden sich einige Basisinformationen in dem Heft: ein paar Stichworte zu jedem Bibelbuch, einige Landkarten zur Welt des Alten und Neuen Testaments, einige Fotos biblischer Landschaften, viele Illustrationen und Gemälde aus nachbiblischer Zeit, wenige archäologische Stücke. Einige biblische Personen werden ausführlicher dargestellt wie Mose, David, Salomo und die Königin von Saba, natürlich Jesus Christus und Paulus.

Johannes Salzwedel, der das ganze Heft konzipiert hat, gibt zunächst einen Überblick über das, was in der Bibel steht, wie sie unsere Sprache bis heute prägt und wie Menschen mit ihr umgegangen sind. Er scheint nur etwas gegen Kleintiere mit Flügeln und vier Füßen zu haben, die Biologen angeblich nicht kennen würden. Anscheinend hat er noch nie etwas von Tetrapoden gehört oder ein Tagpfauenauge genauer angesehen, dessen Vorderbeine nur Stummel sind und das deshalb auf vier Beinen läuft.

Haarsträubend ist, was der „Bibelwissenschaftler“ Prof. E.A. Knauf aus der Schweiz über die Entstehung der Bibel in einem mehrseitigen Interview von sich gibt: „Zum historischen Kern wurde einfach hinzugedichtet“ oder: „Die biblischen Autoren wollten nie Tatsachen referieren.“ Von der Schöpfung bis Josua ist für Knauf alles mehr oder weniger Legende. Er weiß auch, dass Johannes „massiv judenfeindlich“ war. Aber immerhin zeigt er eine gewisse Einsicht: „Vorsicht, Geschichte ist immer hypothetisch!“

Christina Maroldt über die Heilige Schrift der Juden: „Das Alte Testament wollte niemals ein Kompendium der Geschichte Palästinas sein.“ Oder: „Allzu genau nahmen es die Verfasser der Bibel mit der Wirklichkeit offenbar nicht.“ Während und nach der babylonischen Gefangenschaft hätten die Israeliten ein Werk geschaffen, das ihnen erlaubte, Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Sie zitiert einen anderen „Bibelwissenschaftler“, der die Theorie vertritt, die „Schriften“, der dritte Teil des jüdischen AT, wäre erst nach dem Jahr 70 nach Christus entstanden. Offensichtliches Fazit: Nichts Genaues weiß man nicht.

Kali Richter: „Die Geschichte der Sintflut zeigt beispielhaft, wie mesopotamische Sagen von den Judäern übernommen wurden.“ Wenn man allerdings glaubt, die biblische Geschichte sei erst so spät aufgeschrieben worden, wie oben genannt, kommt man auf solche Ideen. Wenn die Sintflut aber wirklich zur Zeit Noahs über die Erde kam, dann stammen auch die vielen außerbiblischen Sintflut-Überlieferungen, die in der ganzen Welt verbreitet sind, von dem tatsächlichen Geschehen.

Matthias Schreiber: „Mose war wohl nie in Ägypten, und er hat auch die zehn Gebote nicht geschrieben. Doch als Gesetzgeber ist er die überragende Gestalt der Bibel.“ – Man fragt sich, woher er das alles weiß.

Bettina Musall räumt ein: Es mag die legendären Helden (wie David und Salomo) einige Jahrhunderte vor Beginn der Bibelaufzeichnung wirklich gegeben haben – auch wenn die schriftliche Überlieferung mit Sicherheit vieles übertreibt.

Die Informationen über Qumran und die Geschichte zwischen den Testamenten ist ein bisschen seriöser geraten.

Und so geht es immer weiter. Die Informationen über Qumran und die Geschichte zwischen den Testamenten ist ein bisschen seriöser geraten. Aber dann kommen gleich die Evangelien an die Reihe.

Jan Puhl behauptet: „Es gibt über 50 Evangelien insgesamt. Aber nur vier haben es in das Neue Testament geschafft.“ Ja, so manipuliert man den Leser, wenn man alle erdenklichen Fälschungen aus späteren Jahrhunderten zusammenzählt. Matthäus habe übrigens über weite Strecken fast wörtlich bei Markus abgeschrieben. „Auch Lukas hat Markus und die Logienquelle verwendet.“ – Die so genannte Logienquelle ist allerdings weiter nichts als eine Erfindung von Theologen. – Dann meint Puhl auch noch, dass die Gleichnisse die Kerntexte des Neuen Testaments seien. Deshalb scheint es ihm „schwer verständlich, wie sich darauf ein dogmatisches Gebäude wie das der katholischen Kirche errichten ließ“. Die Botschaft vom Kreuz scheint ihm nicht wichtig zu sein.

Annette Bruhns wundert sich über „logische Brüche in den unter Paulus´ Namen verbreiteten Vorstellungen.“ Sie kann sich nicht erklären, warum der Apostel alle Menschen für erlösungsbedürftige Sünder hielt, also auch diejenigen, die sich an die zehn Gebote hielten. – Offenbar hat auch sie nichts vom Evangelium verstanden.

Michael Sontheimer stellt Maria als die weibliche Hauptfigur des Christentums dar und wundert sich, dass „von dieser enormen Bedeutung Marias im Neuen Testament wenig zu finden“ ist. Hier hat er allerdings Recht. Die Mariendogmen haben nichts mit der Bibel zu tun.

Die folgenden kirchengeschichtlichen Artikel sind einigermaßen zu ertragen, obwohl man an fast allen Personen etwas zu bekritteln findet.

Das Heft endet mit der skurrilen Geschichte der amerikanischen Christin Rachel Evans, die versucht hatte, ein Jahr nach der Bibel zu leben. Fiona Ehlers, die das aufgeschrieben hat, kann es sich nicht verkneifen, ein paar Seitenhiebe auf das „fundamentalistische Milieu“ auszuteilen, aus dem sie stamme, und auf die dort zu findenden christlichen Gegner des Darwinismus.

Dann kommen noch ein bisschen Psychoanalyse und die Behauptung, dass Abraham der „Brückenbauer“ zwischen Juden, Christen und Muslimen sei und am Schluss ein Glossar: Bibel in Stichworten. Dort wird zu „Israel“ erklärt: „Das hebräische Wort bezeichnet die Streiter des kanaanäischen Gottes El, der später mit Jahwe gleichgesetzt wird.“ Doch alles Märchen – oder was?

Das Heft geht völlig am Evangelium und der Kern­bot­schaft der Bibel vorbei. Ein Atheist hätte das alles den Journalisten kaum besser erklären können. So hat der SPIEGEL seinen Lesern wieder einmal einen Bärendienst erwiesen.