Psychologie pro Glauben?!

„Für die Psychotherapie war Religion lange Zeit gleichbedeutend mit Aberglauben.“, heißt es im Editorial der Fachzeitschrift „Psychologie heute“.1 Dieser Satz lässt aufhorchen. Galt das doch als unumstößliche Grundannahme im Lager der diversen Psychologenschulen. Kann es wirklich sein, dass eine Wissenschaft umdenkt und auch noch an einem zentralen Punkt? Natürlich möchte man wissen, wodurch die neuen Ansichten ausgelöst wurden.

In einigen Beiträgen äußern sich Fachleute zum traditionellen Spannungsfeld von Psychologie und Religion. Dabei beziehen sie aktuelle Untersuchungsergebnissen in ihre Äußerungen ein. Ihr Tenor: Man könne einfach die früheren Behauptungen nicht mehr aufrechterhalten, heutige Forschungs- und Beobachtungsergebnisse ließen das nicht mehr zu.

Vorgang und Resultat sind ungewöhnlich: Da schneiden nicht etwa Fromme an den Zöpfen der Psychologie, sondern deren eigenen Zöglinge. Psychologie, eine Wissenschaft der Beobachtung und Wahrnehmung, sieht und bewertet die gleichen Verhältnisse heute anders. Natürlich schließen sich nicht alle der neuen Sichtweise an. Aber immerhin äußert sich eine recht große Anzahl von Psychologen mit beachtenswerter Gewissheit in diesem Sinn. Das gilt für Amerika stärker noch als für Europa.

Sollte das für uns Christen von Bedeutung sein? Aber sicher! Denn dahinter steht die Frage, ob etwa christlicher Glauben krank macht. In der Vergangenheit galt das durchweg als ausgemacht – für jede Religiosität ohne Unterschied und Ausnahme.

Natürlich ließen sich für diese Überzeugung tatsächlich Beweise finden und anführen. Außerhalb des Christentums gibt es sie – und leider auch in ihm. Man denkt etwa an bestimmte Psychosekten und kommt natürlich zu dem Resultat: von Religion geht krankmachender Einfluss aus. Man betrachtet im Fernsehen eine wogende, schreiende und extrem aufgeputschte Menschenmenge in einem der islamischen Länder und findet, dass so viel Religion (Fanatismus) krank macht. Oder man trifft im Bekanntenkreis auf einen Christen, der irgendwie auffällt. Über die Ursache ist man sich bald klar: er stand von Kind an unter großen gesetzlichen Zwang und Druck. Er ist von daher geprägt. Innerlich und äußerlich verkrampft, leidet er. Fazit: Religion, auch christliche, kann durchaus krank machen.

Kann und darf man überhaupt von einem krankmachenden Einfluss christlichen Glaubens reden? Mancher empfindet diese Frage als gotteslästerlich und würde sie selbstverständlich entrüstet zurückweisen. Andere schütteln einfach nur den Kopf, wenn sie an all die positiven Veränderungen denken, die durch den Glauben an Jesus Christus in ihr Leben kamen. Redet doch die Heilige Schrift vom Heil durch den Messias Jesus, der heilend seinen Weg ging und das große Heil versprach. Für Christen steht unverrückbar fest, dass Christus weder Lügner noch Phantast war.

Was für Christen undenkbar ist, das war für Psychologen ausgemachte Sache. Jedenfalls galt Religion bisher als schädlich.

Inzwischen wurde der Einfluss von Glauben neu untersucht und bewertet:

  • In wissenschaftlich Studien wird beispielsweise die Wirkung von Gebeten studiert.
  • Die Erfolge der Anonymen Alkoholiker beruhen unter anderem auf der Anerkennung einer „höheren Macht“. Sie sind religiös. Dass sie von Suchttherapeuten (wegen ihres unwissenschaftlichen Konzeptes) und auch von Christen (wegen ihres verschwommenen Begriffes „höhere Macht“) beargwöhnt werden, zeigt jedoch ein gewisses Dilemma.

Inzwischen steht fest: Religion wird in der Psychotherapie toleriert: „wer glauben kann, soll’s kräftig tun, denn es hilft“2.

Dabei schien das Dogma über Religion in der Vergangenheit unverrückbar festzustehen. Alles Nachdenken bewegte sich in psychoanalytischen Bahnen.

„Mit Sigmund Freud gehen viele von dem Verdacht aus, Religiosität sei grundsätzlich eine ‚universelle Zwangsneurose‘ sowie der regressive3 Wunsch nach dem Schutz eines allmächtigen Vaters.“4

Freud trug seine These ohne ein einziges Fallbeispiel vor. Seine Behauptung gewann auch ohne den Schimmer eines Beweises immer mehr Anhänger. Vor allem seit dem Buch „Gottesvergiftung“ von Tilmann Moser, der mit einer engen pietistischen Erziehung abrechnete, galt die These als gesichert.

In einem weiteren Aufsatz wendet sich der Autor Bernhard Grom einer Ausdehnung psychoanalytischen Denkens auf den christlichen Bereich zu. Mit „ekklesiogene Neurose“5 schuf Eberhard Schaetzing einen Begriff, durch den er vor den Folgen sexueller Prüderie warnen wollte. Rasch verselbständigte sich der Begriff und gab ein universelles Deutungsmuster für Homosexualität, Frigidität und Impotenz usw. ab. „Ekklesiogene Neurosen“ ließen sich seiner Meinung nach zurückführen auf leibfeindliche Erziehung und schamhaftes Schweigen über Sexualität. Klaus Thomas,6 Arzt, Theologe und gleichfalls Psychoanalytiker dehnte den Begriff auf Störungen wie Masochismus, Sadismus und Zwangsneurosen aus. Er bezeichnete sogar das Leiden von Seelsorgern an der Enge kirchlicher Regelungen und Vorgesetzten als „ekklesiogene Neurosen“. Bei einer so weit gefassten Definition ergibt sich zwangsläufig eine hohe „Trefferquote“: in 75% der von ihm besuchten Pfarrhäuser herrschten „ekklesiogene Neurosen“. Grom:

„Ein Rekord. Denn wahrscheinlich hat nie ein Autor eine ganze Berufsgruppe so pauschal – und im Widerspruch zu allen später durchgeführten empirischen Studien – für neurotisch erklärt.“7

Nun soll nicht etwa der Verdacht aufkommen, dass die Beobachtungen von Thomas wegdiskutiert werden sollen, als könnten derartige üble Dinge unter Christen, zumal unter Pfarrern, überhaupt nicht eintreten. Ein solches Interesse kann man dem Autor Grom gewiss nicht unterstellen. Gewichtige Fragen bleiben aber allemal: Wieso ließ sich bei späteren Untersuchungen nicht einmal annähernd der gleiche Tatbestand ermitteln? Und selbst wenn er identisch gewesen wäre, dann bliebe ja immer noch die Frage nach der korrekten Deutung offen. Das heißt: lassen sich wahrgenommene Störungen nicht auch durch andere Erklärungen, andere Ursachen plausibel erklären? Man kommt zu der Vermutung, dass ein vorgefasstes Erklärungsschema korrektes Vorgehen verhindert.

Grom erläutert:

„Auch wenn nicht zu leugnen ist, dass viele Menschen unter dem (nicht nur) in kirchlichen Kreisen einst verbreiteten Puritanismus gelitten haben, käme heute doch niemand mehr auf den Gedanken, Sexualstörungen und Homosexualität ‚ekklesiogen‘ zu erklären.“

So ist das also: was damals nahe lag, fällt heute niemanden mehr ein.

Worauf ist der Wandel zurückzuführen? Er hat etwas mit einer zunehmend kritischeren Bewertung der Psychoanalyse zu tun. In der Tat äußert man sich sehr offen:

„… ist sie nicht selbst ein quasi-religiöses, auf Mythen gründendes Glaubenssystem, das Orthodoxie und blinde Hingabe verlangt? Der Psychologie-Kritiker Thomas Szasz meint: ‚Jede Psychotherapie beschäftigt sich damit, wie ein Mensch leben sollte, wie er sein Familien- und Sexualleben ordnet, und mit dem Sinn des Lebens – all das ist auch das Thema der Religion. Freud war ein getarnter Rabbi.‘“8

Ein anderer Wind weht in der Psychologie. Dort ist man weniger festgelegt und kann unbekümmerter von den positiven Wirkungen des Glaubens reden. „Wer an einen gütigen Gott oder eine andere positive transzendente Kraft oder auch „nur“ an einen tieferen Sinn des Lebens glaubt,

  • bewältigt Lebenskrisen, Stress und psychosoziale Konflikte leichter: Glauben begünstigt effektive „Coping“-Strategien,9
  • ist deshalbweniger anfällig für stressbedingte und psychosomatische Krankheiten: Glauben wirkt präventiv,
  • bringt, falls er dennoch einmal erkrankt, mehr Vertrauen auf den Heilungsprozeß auf und fördert ihn so: Glauben begünstigt die Genesung,
  • konsumiert weniger Alkohol, Zigaretten und andere Drogen als Nicht-Gläubige und ist entsprechend weniger durch Sucht oder andere negative Folgen dieses Konsums gefährdet: Glauben beeinflußt den Lebensstil im Sinne von gesünderen Gewohnheiten,
  • kann das Sterben leichter akzeptieren und erlebt die letzte Lebensphase weniger angstvoll und verzweifelt.“10

Ein amerikanischer Psychologe untersuchte alle Berichte von zwei führenden Fachjournalen aus der Zeit zwischen 1978 und 1989. Er wertete systematisch Zusammenhänge zwischen Glauben und psychischer Gesundheit aus. Sein Ergebnis: Religiosität wirkt sich in 84 Prozent der Fälle positiv aus, in 13 Prozent neutral und nur bei 3 Prozent erwies sich Gläubigkeit als gesundheitsabträglich.

Immerhin lässt sich angesichts dieser und anderer Untersuchungen die Behauptung von einer krankmachenden Religiosität nicht länger aufrecht erhalten. Sie rückte von ihrer, der Aufklärung verpflichteten, Tradition ab. Andererseits klingt dies noch recht inhaltsneutral. Es scheint belanglos, was jemand glaubt. Hauptsache, man glaubt überhaupt.

Nun darf man von der Wissenschaft der Psychologie auch nicht zu viel erwarten. Es wäre bestimmt zu viel, wenn sie noch einen Glaubwürdigkeitsbeweis für den christlichen Glaubens im Vergleich mit allen anderen Religionen liefern sollte – etwa dadurch, dass der christliche Glaube in statistischen Erhebungen eine höhere Wirksamkeit zeigen würde. Die Wahrheitsfrage wird auf diesem Wege nicht geklärt und bleibt auf wissenschaftlicher Ebene offen.

Aber auf zwei sehr wesentliche Aspekte weisen die Untersuchungen dennoch hin:

  1. Nicht jede Form von Glauben leistet einen positiven Beitrag zur Gesundung oder Gesunderhaltung. Ein berechnender Glaube mit forderndem Charakter verfehlt das erhoffte Ziel. Wer hingegen eher „passiv-akzeptierend“ glaubt, wer loslassen und sein Schicksal vertrauensvoll in die Hand Gottes legen kann, profitiert von der gesundheitsfördernden Macht des Glaubens. Typisch für diese Haltung sind Gebete der Art „Dein Wille geschehe“. Echtes Vertrauen ist gefragt und muss den Glaubenstyp prägen.
  2. Auf die Frage, worauf die positive Wirkung des Glaubens beruhe, werden folgende Elemente angeführt: wohltuend wirkt eine Kombination von sozialer Unterstützung, Lebenssinn, dem Gefühl, mit einer höheren Macht verbunden zu sein und stressreduzierenden Gebetspraktiken.
  3. Auf eindrückliche Weise erhalten wir eine Würdigung dessen, wofür der wache Christ seinem Gott dankt: für Gemeinde und Gemeinschaft, für Hoffnung, für Gemeinschaft mit Gott in Jesus Christus. Zunehmende Individualisierung hingegen und Oberflächlichkeit in den Beziehungen zu Gott und Menschen, der Verlust von Ruhe vor Gott, bringen Unheil. Dies schließt neben geistlichen Schäden zugleich negative Gesundheitseinflüsse für Leib und Seele ein.

Wir haben es mit einem wahrlich unerwartetem Wechsel in einer Wissenschaft zu tun, die uns Christen vor allem im Bereich der therapeutischen Konzepte manches Problem beschert. Andererseits bietet sie uns Hinweise zur inneren und äußeren Gesundheit, die uns aus der Heiligen Schrift eigentlich bekannt sind, aber vielleicht nicht ausreichend und dankbar geachtet werden.


  1. Psychologie heute, Juni 1997. 

  2. Psychologie heute, Juni 1997, S. 3. 

  3. D. h. zurückgreifende. 

  4. A.a.O., S. 23. 

  5. Durch die Kirche oder Religion entstanden, durch sie verursacht. 

  6. Nach seinen Ausführungen Mitautor des Begriffes „ekklesiogene Neurosen“; vgl. dazu idea-Dokumentation 7/89, S. 21. 

  7. Nach seinen Ausführungen Mitautor des Begriffes „ekklesiogene Neurosen“; vgl. dazu idea-Dokumentation 7/89, S. 21. 

  8. Psychologie heute, Juni 1997, S. 3. 

  9. D. h. wirksame Verfahren zur Problemlösung (engl. to cope – „mit etwas fertigwerden“). 

  10. Psychologie heute, Juni 1997, S. 21.