Ein Gott entfremdetes Leben
Eine übergeordnete Botschaft der Bibel lautet: Wir stehen jeden Moment unseres Daseins vor dem Einen, der Lenker und Zuschauer ist. Wie hat sich unsere Sichtweise durch den Ausschluss Gottes aus den Denk- und Lebensgewohnheiten verändert? Den Begriff «Säkularismus» verwende ich genau in diesem Sinn. Ich bezeichne damit die kollektive Gewohnheit, Gott aus dem Denken und dem Handeln auszuschließen.
An diese Sichtweise sind wir von klein auf gewöhnt. Es ist die gesellschaftliche Luft, die wir jeden Tag einatmen. Die Lebensweise der Menschen um uns herum bringt zum Ausdruck, dass wir – mit und ohne Worte – von einem Leben ohne Gott ausgehen. Das wirkt sich auf unser Dasein aus. Zuerst gilt festzuhalten, dass dies jeden Lebensbereich betrifft. Für uns ist es üblich, in unterschiedlichen Lebensbereichen bzw. Aufenthaltsorten zu denken. Wir sehen uns zu Hause, in der Schule, an der Arbeit, unterwegs, im Urlaub, in der Kirche, am Wochenende in einem Restaurant oder einem Kinosaal. An diesen unterschiedlichen Schauplätzen spielt sich jeweils ein Teil unseres Lebens ab. Die Technologie der virtuellen Vernetzung verstärkt den Effekt, dass die verschiedenen Schauplätze mit ganz unterschiedlichen Gefühlen, unterschiedlichen Verhaltensweisen und manchmal sogar unterschiedlichen Identitäten gefüllt werden. Gott scheint dabei nur in festen Grenzen seinen Platz zu haben und spielt oft keine Rolle.
Zum Beispiel: Bildung ohne Gott
Greifen wir uns die Bildung als einen Lebensbereich heraus.
Die gesamte Phase der Ausbildung eines heranwachsenden Menschen vollzieht sich ohne Einbezug eines persönlich-unendlichen Gottes, denn sie geschieht unter der Prämisse etsi Deus non daretur, d.h. so als ob es keinen Gott gibt. Ich beobachte eine maßgebliche Auswirkung: Der Jugendliche lernt, den Anspruch auf die Sinnhaftigkeit auf die Befriedigung im Moment zu beziehen. Es geht darum, die Arbeit zu minimieren und den Spaß zu optimieren.
In einer späteren Lebensphase gesellt sich das Anliegen, ein möglichst sicheres und sorgenfreies Leben zu führen, dazu. Es müssen stets genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Um den eigenen Interessen nachzugehen und augenblickliche Bedürfnisse stillen zu können, müssen wir zweckgebunden bestimmte Dinge lernen, zum Beispiel bei einer beruflichen Weiterbildung.
Bildung ist also nicht mehr in erster Linie auf den Einen Zuschauer gerichtet und darauf, die von Ihm verliehenen Gaben einzusetzen und die Aufgaben zu Seiner Ehre erfüllen zu können. Es geht um die Selbstoptimierung, später um die Erzielung oder Gewinnung möglichst vieler Ressourcen zur Erfüllung des Lusterlebens. Das ist, wie wir es aus christlicher Sicht beurteilen können, eine drastische Verringerung der ursprünglichen Absicht. Die gelebte Zielsetzung bleibt weitgehend auf das eigene Selbst beschränkt.
Ich gehe nun modellhaft vor, um aufzuzeigen, wie Gott wieder ins gesamte Leben einbezogen werden kann. Es handelt sich dabei nicht um einen nachträglichen, künstlichen „Einbau”. Wir lernen Ihn als Hauptakteur erkennen, vor dem unser ganzes Leben stattfindet.
Transzendenz und Immanenz
Gott steht zugleich außerhalb der von ihm geschaffenen Welt und greift beständig als Erhalter und Lenker ein.
Zunächst unterscheide ich zwischen der göttlichen Transzendenz (dem Übersteigen des Geschaffenen) und seiner Immanenz (dem Innewohnen in dem Geschaffenen). Gottes Macht geht über die geschaffene Welt hinaus. Das bedeutet jedoch nicht, dass Er von Seiner Schöpfung getrennt oder losgelöst wäre. Er greift beständig in sie ein. Sehr deutlich wird dies in Jesaja 40. Dort stellt Er sich zunächst als derjenige vor, der alle Völker in Seiner Hand hält. Sie sind wie kleine Tropfen am Eimer (Vers 15). Die größte soziale Einheit, nämlich ein Volk, ist winzig im Vergleich zum Weltenherrscher. Auf der anderen Seite wird Gott als ein Hirte vorgestellt, der die Lämmer sorgsam auf Seine Arme hebt und sie trägt (Vers 11). Wenn wir diese beiden Bilder nebeneinanderstellen, beschreiben sie die beiden Grunddimensionen, nämlich Seine Größe (Distanz) und Seine Anwesenheit (Nähe). Er unterscheidet sich von dem, was Er geschaffen hat, ohne den Zugriff darauf zu verlieren.
Jesus stellt in einer seiner Reden klar, dass uns kein Haar vom Kopf fällt, ohne dass dies dem Willen Gottes entsprochen hätte (Matthäus 10,29). Was für das Leben der Völker gilt – Er hat jedem einzelnen deren Grenzen zugeteilt (5Mose 32,8) – hat für den Einzelnen dieselbe Wirkkraft. Es betrifft selbst das unscheinbarste Detail unseres Lebens. Jesaja trifft übrigens im gleichen Abschnitt, in dem er die überragende Größe Jahwes feststellt, für die Einzelperson eine ähnliche Aussage. Er verheißt, dass derjenige, der sich Ihm anvertraut, neue Kraft gewinnt und sich wie ein Adler aufschwingen kann (Jes 40,29-31).
Wie wirkt es sich aus, wenn wir wiederum von einem offenen Universum mit dem Schöpfer ausgehen? Ich beleuchte drei Aspekte, die uns dabei helfen können:
1. Das offene Universum
Zuerst einmal ist Er ursprünglich in alles involviert. Von der zeitlichen Abfolge her ist Er der Erste, der Ursprüngliche. Er ist derjenige, der die Bedingungen definiert hat. Ebenso wie Er uns selbst modelliert hat. Er ist deshalb ursprünglich immer schon eingeschlossen in allem, was in unserem Leben stattfindet.
In unserer säkularen Gewöhnung machen wir uns zu Göttern, denen Gott dann auf unserer Lebensbühne zu Diensten stehen soll.
Zweitens Er ist ursächlich. Er ist die Ursache dafür, dass ich überhaupt existiere. Oftmals drehen wir uns durch unsere säkulare Gewöhnung nur um uns selbst. Wir sind Götter. Gott hat uns als Akteur auf unserer Lebensbühne zu Diensten zu stehen. Die Bibel sagt jedoch (z. B. in Jesaja 43,7 oder Offenbarung 4,11), dass wir zu seiner Ehre geschaffen sind. Wir sind für Ihn da – und nicht umgekehrt!
Drittens ist Er prioritär. Er hat Vorrang vor uns. Ihm gehört der Vorzug. Es geht um das Erreichen Seiner Ehre sowie Seines Plans. Alles läuft zielgerichtet im Hinblick auf die Erfüllung seines Willens (Epheser 1,11). Es läuft alles nach Seinem Wohlgefallen. Es geht also weder in unserem Leben noch im Leben von Völkern oder in der gesamten Menschheitsgeschichte um ein zielloses oder gar zyklisches, sich ständig wiederholendes sinnloses Geschehen. Es ist alles zielgerichtet, wenn auch für uns längst nicht immer erschließbar.
2. Der Mensch findet sich in drei Verhältnissen vor
Der niederländische Theologe, Staatsmann und Journalist Abraham Kuyper (1837-1921) hat in seiner berühmten Rede Vorlesungen über den Calvinismus über die verschiedenen Möglichkeiten einer Sicht auf Welt und Leben gesprochen. Er unterscheidet zwischen drei Perspektiven. Es gibt drei prinzipielle Verhältnisse allen menschlichen Lebens, nämlich unser Verhältnis zu Gott, unser Verhältnis zum Menschen und unser Verhältnis zur übrigen geschaffenen Welt. Zum ersten Verhältnis zu Gott schreibt er:
Voran steht also die Forderung, dass solch eine Bestrebung ihren Ausgangspunkt in einer bestimmten Auffassung unseres Verhältnisses zu Gott finde. Das ist nicht zufällig, das muss so, kann nicht anders sein. Soll wirklich solch eine Bestrebung auf unser ganzes Leben ihren Stempel drücken, dann muss sie von dem Punkt unseres Bewusstseins ausgehen, wo unser Leben noch ungeteilt geblieben ist und noch in seiner Einheit zusammengefasst liegt, nicht von seinen ausgebreiteten Zweigen, sondern von der Wurzel, aus der alle Äste und Zweige aufschossen. Und dieser Punkt nun kann nirgends anders liegen als in dem Gegensatz alles Endlichen in unserem menschlichen Leben zu dem Unendlichen, was dahinter liegt. Da allein ist der gemeinschaftliche Born, von wo aus die verschiedenen Ströme unseres menschlichen Lebens hervorgehen und sich verteilen. Persönlich erfahren wir denn auch andauernd, wie in dem Tiefsten unseres Gemütes, an dem Punkt, wo dies Gemüt sich vor dem Ewigen erschliesst, alle Strahlen unseres Lebens wie in einem Brennpunkt zusammenfallen und allein da die Harmonie wieder gewinnen, die sie im Leben so oft und so schmerzlich verlieren. Im Gebet liegt nicht nur unsere Einheit mit Gott sondern auch die Einheit unseres persönlichen Lebens.
Kuyper bestätigt dieses ursprüngliche, erste Verhältnis jedes Geschöpfs zum Schöpfer. Dieser drückt dem gesamten Leben seinen Stempel auf.
Das zweite Verhältnis betrifft den Menschen und die Menschen untereinander. Wenn sich unser ganzes menschliches Leben unmittelbar vor Gott abspielt,
dann folgt daraus, dass alle, ob Mann oder Frau, ob arm oder reich, ob schwach oder stark, ob tätig oder tatenlos als Gottes Geschöpfe und als verlorene Sünder nichts, schlechterdings nichts von einander zu beanspruchen haben. Dass wir vor Gott und auch untereinander als Menschen und Volk gleich stehen und dass kein anderer Unterschied zwischen Menschen bestehen darf, auch insofern Gott dem einen Ansehen über den anderen verliehen hat oder auch dem einen mehr Gaben schenkte, damit er den anderen und an den anderen seinem Gott mehr diene.
Jeder Mensch unabhängig seines Ranges steht demnach als Sünder vor Gott. Was heißt dies bezüglich Verteilung von Begabung und Mittel? Wenn jemand hierarchisch höher gestellt ist dann nur darum, „dass er dies mehr nicht für sich und seine eigene Größe rauben sondern für Gott in seiner Welt verwenden will.”
Das dritte Verhältnis betrifft den Menschen zur übrigen Natur. Wir wissen vom Anfang der Bibel, dass Gott den Menschen als seinen Stellvertreter zum Bewahren und Entwickeln seiner Schöpfung geschaffen hat (1Mose 1,26-28; 2,15). Er steht in einer hierarchisch übergeordneten Stellung zur übrigen Schöpfung.
3. Gott ausgeschlossen: Der Reduktionismus
Durch den mit Abraham Kuyper vertrauten und bekannten Denker Herman Bavinck (1854-1921) wurde ich nach der prinzipiellen Unterscheidung einen Schritt weitergeführt. Was ereignet sich, wenn Er grundsätzlich aus dieser Weltsicht ausgeschlossen wird? Dies hat zur Folge, dass im Prinzip nur noch zwei Einsatzmöglichkeiten übrigbleiben. Entweder konzentriert sich der gefallene Mensch schwerpunktmäßig als Ersatz für Gott auf den Menschen oder aber auf die übrige Schöpfung. Etwas vereinfacht gesagt findet dies in den beiden Denkbewegungen des Rationalismus und des Empirismus seinen Niederschlag. Der erste nimmt den Verstand des Menschen zum Ausgangspunkt, der zweite die wahrnehmbaren Erfahrungen der Außenwelt (also der Umgebung).
Wenn Gott aus unserer Weltsicht ausgeschlossen wird, dann konzentrieren wir uns als Ersatz auf die anderen Menschen oder auf die übrige Schöpfung.
Das hat zur Folge, dass entweder das Denken der Menschen vergöttert oder aber die Umgebung in Form von physisch wahrnehmbaren Gesetzen absolut gesetzt wird. Herman Bavinck gibt zu bedenken, dass erst die spezielle Offenbarung der Heiligen Schrift die allgemeine Offenbarung, also die allen Menschen zugängliche Natur, richtig erschliesst. Diese allgemeine Offenbarung rückt alles ins richtige Licht. Wir können die Schöpfung erst durch die Linse der Heiligen Schrift umfassend bzw. aus der richtigen Perspektive wahrnehmen.
In seinem Buch „Philosophie der Offenbarung“ im ersten Kapitel zeigt Bavinck die Beziehung zwischen der allgemeinen und speziellen Offenbarung auf.
Die besondere Offenbarung ist nicht lediglich auf die allgemeine Offenbarung gegründet, sondern nahm auch manche Elemente aus ihr in sich auf.1
Darum ist auch die Heilsgeschichte der Bibel mit der Geschichte der Welt verwoben:
Jedes Wort Gottes ist in besonderer Offenbarung verkündigt und auf historischem Wege zu unserer Erkenntnis gebracht.
Die besondere Offenbarung ist Ausgangspunkt der Theologie:
Der Glaube an diese besondere Offenbarung ist der Ausgangspunkt und die Grundlage der christlichen Theologie. Wie die Wissenschaft niemals dem Leben vorauseilt, sondern ihm immer nachfolgt und aus ihm hervorgeht, so ist auch die Wissenschaft der Erkenntnis Gottes auf die Realität seiner Offenbarung gegründet. Wenn Gott nicht besteht oder wenn er sich nicht offenbart hat und daher nicht erkennbar ist, dann ist alle Religion ein Wahn und alle Theologie ein Hirngespinst.
Von dem Standpunkt der besonderen Offenbarung sucht sie die Verbindung zu den Werken der Schöpfung. So
… sucht diese Philosophie der Offenbarung die Weisheit, die sie in der Offenbarung findet, mit der Weisheit, die ihr aus der Welt zuströmt, in Verbindung zu setzen.
Wer Gott als seinen Vater erkannt hat, wird ihn auch als Schöpfer bestätigt finden.
Die ganze Welt selbst ruht in der Offenbarung; Offenbarung ist die Voraussetzung, die Grundlage, das Geheimnis der ganzen Schöpfung und aller ihrer Bildungen. Je tiefer die Wissenschaft gräbt, desto klarer bestätigt sie die Offenbarung als das Fundament, auf dem die ganze Schöpfung gegründet ist. In jedem Moment der Zeit schlägt der Pulsschlag der Ewigkeit. Das kleinste Atom im Raum ist von Gottes Allgegenwart erfüllt; das Endliche wird getragen von dem Unendlichen, und alles Werden wurzelt in dem Sein.
Bavinck beschreibt dies als einen wechselseitigen Prozess des Erkennens:
Die allgemeine Offenbarung führt zur besonderen hin, diese weist auf jene zurück. Die eine bedarf der anderen und ist ohne sie unvollkommen und unverständlich. Vereint verkünden sie die unermeßliche Weisheit, die Gott in Schöpfung und Erlösung entfaltet hat.
Es geht also um diese doppelte Offenbarung Gottes. Wir gewinnen durch das Wort Gottes einen neuen erweiterten Zugang auf diese Schöpfung und auf dieses gesamte Leben.
Versuchen wir diese Überlegungen mit unseren Lebensbezügen in Zusammenhang zu bringen.
Der fünffache Bezug des Menschen
Ich unterscheide zunächst fünf Akteure und überlege jeweils besonders, in welcher Beziehung diese zum Schöpfer stehen.
- ER
Ich beginne mit Gott selbst (ich bezeichne ihn als den “Er”). Ich habe Ihn bereits als den ursprünglichen, ursächlichen, prioritären und zielgerichteten Gott beschrieben, der über diese Schöpfung hinaus besteht und gleichzeitig in sie eingreift.
- ICH
Das zweite Element ist das Ich. Jeder lebt mit seinem eigenen Bewusstsein. Dieses Bewusstsein ist der einzige Wahrnehmungskanal für sämtliche Sinneseindrücke. Sämtliche Impulse aus Gottes geschaffener Natur, aber auch von Gottes Wort dringen über unsere Wahrnehmung und unsere Sinne ein. Dort treffen sie nicht auf einen unberührten Grund, sondern auf eine von Gott bereits wunderbar gestaltete genetische Prädisposition.
- DU
Den einzelnen Menschen sehen wir danach in seinem Verhältnis zum anderen Menschen. Das erste Du im Leben eines Menschen ist die Mutter, dann der Vater und allfällige Geschwister. Mit zunehmendem Hineinwachsen in die Gesellschaft erweitert sich der Erfahrungshorizont auf die erweiterte Familie, die Kirchgemeinde, die Schule, die Stadt, die Region, das Land, den Kontinent.
- WIR
Dieser Bezugsrahmen erweitert sich laufend. Damit sind wir bei der vierten Beziehung angelangt. Der Mensch hat auf der einen Seite jeweils mit einzelnen Menschen Kontakt. Dies trifft vor allem in der ersten Lebensphase mit der eigenen Familie, Eltern und Geschwistern, zu. Zudem hält sich ein Kind häufig innerhalb einer Vergleichsgruppe von Gleichaltrigen und erwachsenen Betreuern außerhalb der Familie auf.
Er erlebt ein Wir, wenn er sich in der Familie, einem Klassenverband oder einer Kirchgemeinde aufhält. Damit ist er in eine Vielzahl von Personen eingebettet, die in einer Vielzahl von Beziehungen zueinanderstehen.
- ES
Dann gibt es fünftens noch das Es. In einer Familie lebt beispielsweise die Katze; außerhalb des Gebäudes gibt es Pflanzen und Landschaften. Es gibt ebenso eine Vielzahl von Gegenständen entweder aus der Natur, wie ein Baum, sowie von Menschen hervorgebrachte oder bearbeitete Gegenstände in Form von Werkzeugen oder Möbeln.
Zu den bisher genannten Akteuren gibt es eine weitere, zunehmend wichtig werdende Ebene. Dies beginnt mit dem eigenen Denken über Menschen und Gegenstände (Ideen). Diese Gedanken bezieht der Einzelne zunehmend auf eine virtuelle, das heißt nicht gegenständliche Welt.
Die Beziehung zu Gott steht nicht neben der Beziehung zum Ich, Du, Wir und Es, sondern umgreift und durchdringt jeweils alle.
Diese einzelnen Ebenen können dazu verleiten, die Ebenen isoliert von der ursprünglichen Beziehung zu sehen. Die Beziehung zu Gott steht nicht neben der Beziehung zum Ich, Du, Wir und Es, sondern umgreift jeweils alle. Meine Beziehung zu mir ist coram deo immer eine Beziehung zu dritt. Ich kann mich nicht sehen noch begreifen ohne Gott, schon weil ich aus Seinem Lebensodem lebe. Auch in meiner Beziehung zum Du steht Gott immer dazwischen. Er ist die Brücke: das Geschöpf steht dem Geschöpf gegenüber und schon als solche ist Gott, der Schöpfer, dabei. Die Beziehung zum Du kann von daher nur gesund sein, wenn ein Dritter im Bunde ist. Auch das Wir verstehen wir nicht recht und finden auch unseren Platz so lange nicht, wenn wir die Gruppe, sei es Familie, Gemeinde oder Volk, nicht auch als Gottes Schöpfung begreifen und uns als Teil durch Gott sehen. Ich bin beispielsweise nicht ohne Familie, weil Gott mich im Leib meiner Mutter werden ließ.
Elemente der Beziehungsgestaltung
Ziehen wir diese einzelnen Überlegungen nun zusammen.
Der Mensch befindet sich ursprünglich mit sich selbst vor Gott. Dann steht er im Austausch mit einem anderen Menschen innerhalb einer bestimmten Gruppe, zudem in steter Beziehung zu bestimmten Gegenständen.
Die Bibel verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff des Bundes (siehe z. B. 1Mose 9,9ff nach der Sintflut; 15,18 und 17,2ff mit Abraham). Heute denken wir dabei vor allem an den rechtlichen Aspekt. Im biblischen Sinn geht es jedoch ursprünglich um die Beziehungsgestaltung. Innerhalb des Beziehungsgeflechts ist Gott der initial Handelnde. Er ist derjenige, der diese Beziehung stiftet und die Kriterien derselben auch definiert. Es gibt, wenn man das jetzt nochmals auf einer übergeordneten Ebene betrachtet, in dieser Beziehungsgestaltung unterschiedliche Elemente.
Es beginnt mit der Anfrage. Gott fragt mich an. Ich frage einen anderen Menschen an oder ein Tier oder einen Gegenstand an bzw. stelle einen Bezug her.
Dann gibt es zumindest bei den belebten Wesen eine Antwort. Diese Reaktion wird durch bewusste Gedanken in Form einer Bewertung gesteuert.
Das dritte Element besteht also aus einer Bewertung. Der Mensch kann sich Gedanken darüber machen, auf welche Art er reagiert. Er handelt nicht nur instinktiv, sondern kann diese in verschiedene Richtungen steuern.
So sehen wir den Menschen als Beziehungswesen, geschaffen in einem stetigen Beziehungsgeflecht. Er sendet bzw. unternimmt ununterbrochen Antworten auf Anfragen, nachdem er eine innere Bewertung vorgenommen hat.
Formen der Beziehungen
Nachdem wir uns mit den verschiedenen Akteuren und der Reaktionsweise des Menschen auseinandergesetzt haben, erläutere ich kurz die Form der Beziehungen.
Weil jede Lebensäußerung vor Gott stattfindet und ohne ihn nicht sein kann, leben wir entweder im Gehorsam oder in der Rebellion Gott gegenüber.
Zuerst richtet sich jede Lebensäußerung und Kraft auf Gott. Jede Lebensäußerung, ja unser ganzes Leben findet vor Ihm statt (Apg 17,28). Es gibt nur zwei Möglichkeiten der Reaktion: Gehorsam oder Rebellion. Auch der rebellische Mensch verwendet seine Kraft im Widerstand zu seinem Schöpfer. Im Leben äußert sich diese Gegnerschaft im Sinne eines Reduktionismus, indem zum Beispiel Bildung völlig von Gott losgelöst gedacht und gelebt wird. Der Reformator Martin Luther nannte dies nicht Reduktionismus, sondern „Verkrümmung”. Durch die Sünde ist der Mensch in sich selbst verkrümmt. Er erkennt sich nicht mehr, wie es von Gott im ursprünglichen Zustand vorgedacht war. Er bewegt sich nicht mehr frei. Dieses Vakuum kann sich psychisch und manchmal auch körperlich ausdrücken. Es geht um eine Art Phantomschmerzen, unter denen er in der Ablösung von diesem persönlichen unendlichen Gott dauerhaft leidet.
Zweitens gibt es die Beziehung des Ichs zu sich selbst. Ich habe bereits ausgeführt, dass ich meine Reaktionen mit inneren Bewertungen verknüpft habe. Selbstverständlich überlege ich nicht bei jeder Handlung, wie ich reagiere. Deshalb bin ich durch Gewohnheiten bestimmt. Diese sind jedoch veränderbar. Dies rückt den Aspekt der Selbstbeherrschung in den Vordergrund. Es geht darum, die eigene Reaktion zu überdenken und gegebenenfalls anzupassen und zu ändern. Hier spricht auch das Neue Testament von der Frucht der Selbstbeherrschung (Galater 5,23).
Der Mensch steht drittens in einer Beziehung zu einem anderen Menschen. Hier hebe ich zwei Elemente heraus, nämlich Gnade und Wahrheit. Sie sind die beiden Flügel der zwischenmenschlichen Beziehung. Durch die Sünde neigen wir stets zu einer Verkürzung, nämlich entweder zu Gleichgültigkeit (Gnade ohne Wahrheit) oder zur Härte (Wahrheit ohne Gnade). Deshalb leiden Beziehungen auf die eine oder andere Weise Schiffbruch.
Jeder Mensch hat eine Beziehung zur übrigen Schöpfung. Er hat die Aufgabe, sie zu bewahren, zu verwalten und zu entwickeln. Umgekehrt wird er von seiner Umgebung versorgt. Er bezieht seine gesamte Nahrung von den Tieren und von den Pflanzen seiner Umwelt. Er ist auf diese hin geschaffen worden. Es besteht deshalb eine Passung.
Übrigens steht auch die übrige Schöpfung in einer Beziehung zum Schöpfer. Er erhält diese gesamte Schöpfung. Umgekehrt widerspiegelt auch die geschaffene nicht belebte Welt wie die Pflanzen und alle weiteren Gegenstände Gottes Herrlichkeit (Psalm 147+148). Sie verkündigen seine Größe.
Schematisch abgebildet sieht das so aus:

Nochmals: Bildung mit Gott
Greifen wir nochmals auf das Beispiel der Bildung zurück.
Der Mensch, der bewusst vor seinem Schöpfer lebt, versteht den Lernprozess als eine göttliche Idee. Er weiß, dass es bei jeder Erkenntnis von Wahrheit über das Geschaffene auch um den Schöpfer und sein Handeln geht. Das gilt für theoretische Erkenntnisse genauso wie für praktische Fertigkeiten, die im Rahmen der Möglichkeiten und Grenzen der Schöpfung ausgeübt werden (vgl. Jes 28,23-28). Jede Anstrengung zu lernen versteht er so als Ausdruck, Ihn zu ehren. Er lernt ja eigentlich von Gott, wie seine Werke beschaffen sind und wir mit ihnen umgehen können.
Das Lernen wird dann auch zu einem erstrangigen Übungsfeld für die Selbstbeherrschung und des Bemühens, in der Beziehung mit anderen Menschen durch die Kraft des Heiligen Geistes weder Gleichgültigkeit noch Härte walten zu lassen.
Als Stellvertreter und Haushalter Gottes gewinnt der Mensch durch die ihm verliehenen und entwickelten Gaben Anteil an der Bewahrung und Weiterentwicklung der Schöpfung.
Herman Bavinck. Philosophie der Offenbarung: Vorlesungen für das Jahr 1908 gehalten in Princeton. Heidelberg 1909: 1-22 für alle folgenden Zitate. ↩