LiteraturBuchbesprechungen

Evangelikale Bibelhermeneutik

Wolfgang-Michael Klein hat evangelische Theologie in Berlin, Glasgow und Heidelberg studiert. Heute ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für systematische Theologie und Ethik der Universität Heidelberg. Dort hat er auch seine Doktorarbeit zum Thema der evangelikalen Bibelhermeneutik unter der Leitung von Prof. Klaus Tanner geschrieben.

Nachdem Klein im ersten Kapitel einige Begriffserklärungen (evangelikal, fundamentalistisch usw.) vorgenommen hat, analysiert er im zweiten Kapitel evangelikale Institutionen in Deut­schland wie die Evangelische Allianz, den Gnadauer Gemeinschaftsverband, die Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten und den Bibelbund, in deren Gremien evangelikale Theologie Gestalt gewinnt. Im dritten Kapitel führt er drei protestantische Theologen (Semler, Troeltsch und Bultmann) an, mit deren hermeneutischen Konzepten sich evangelikale Theologen seit Jahrzehnten kritisch auseinandersetzen. Hier geht er auch besonders darauf ein, wie Bultmann von den Evangelikalen rezipiert worden ist.

In Kapitel vier werden unter dem Titel „Subjekt der Auslegung“ sechs evangelikale Theologen aus dem Hochschulbereich vorgestellt, die sich alle in ihren Publikationen mehr oder weniger umfangreich zu hermeneutischen Fragen geäußert haben: Gerhard Maier, Armin Sierszyn, Heinzpeter Hempelmann, Jacob Thiessen, Helge Stadelmann und Christoph Raedel. Klein kommt zu dem Ergebnis, dass sich diese evangelikalen Theologen in ihrer Auslegungspraxis zu wenig selbstkritisch im Blick auf ihre eigenen kulturellen Prägungen und Vorannahmen hinterfragen.

In Kapitel fünf, dem umfangreichsten der insgesamt sieben Kapitel, geht es um den „Gegenstand der Auslegung“. Hier wird erörtert, wie biblische Texte verstanden werden, „welche Geltung ihnen zugeschrieben und welcher Grad der Verbindlichkeit ihnen für Denken und Leben zuerkannt wird.“ (S. 209) Wieder werden die genannten sechs Theologen in derselben Reihenfolge analysiert, wobei hier als siebter noch Thorsten Dietz hinzukommt. Klein erkennt, dass für evangelikale Theologen u. a. die Inspiration der Bibel, die geistgewirkte Erleuchtung des gläubigen und demütigen Auslegers sowie das Konzept der Heilsgeschichte wichtige Aspekte bei der Auslegung darstellen.

Klein, Wolfgang-Michael: Evangelikale Bibelhermeneutik. Zentrale Entwürfe von Hochschullehrern im deutschsprachigen Raum. Bielefeld: transcript Verlag 2025. 392 S. Pb: 58 €. ISBN: 978-3-8376-7986-1

In Kapitel sechs fragt Klein danach, welche Rolle der hermeneutische Ansatz eines evangelikalen Theologen für sein Verständnis von Homosexualität spielt. Hier werden nur noch vier Theologen untersucht: Hempelmann, Thiessen, Raedel und Dietz. Klein gibt gleich zu Beginn dieses Kapitels zu erkennen, dass er „in biblischen Texten keine direkten Aussagen zum Umgang mit Homosexualität finden“ kann (S. 297), eine Aussage, die kein evangelikaler Theologe teilen wird. Während Hempel­mann, Thiessen und Raedel mit ihren hermeneutischen Ansätzen zu der traditionellen Überzeugung gelangen, dass praktizierte Homosexualität dem Willen Gottes widerspricht, vertritt der post-evangelikale Theologe Dietz die Meinung, dass Bibelstellen, die das Thema Homosexualität tangieren, nichts mit der heutigen, angeblich völlig anderen Realität homosexueller Partnerschaften zu tun haben. Klein grenzt sich unmissverständlich von den Überzeugungen Hempelmanns, Thiessens und Raedels ab. Er tritt als Verteidiger homosexueller Lebensweise auf und behauptet, jene Stellen, die praktizierte Homosexualität verbieten (Lev 18,22 und 20,13), seien so zu verstehen, dass hier „Formen von Ehebruch, also Taten verheirateter Männer“ (S. 297), verboten würden. Doch wer die beiden Bibelstellen unvoreingenommen liest, erkennt sofort, dass es hier um ein generelles Verbot praktizierter Homosexualität geht, was im Übrigen auch 2000 Jahre lang von den Auslegern so gesehen worden ist.

Im abschließenden Kapitel sieben kommt Klein zu dem Ergebnis, dass evangelikale Hermeneutiken nicht das Niveau von universitären Hermeneutiken haben und somit „die vom Wissenschaftsrat geforderte grundsätzliche Gleichwertigkeit nicht erreicht wird.“ (S. 358)

Wolfgang-Michael Klein gibt sich Mühe, die evangelikalen Positionen fair darzustellen. Als nicht evangelikaler Theologe weist er zurecht auf die eine und andere Schwachstelle innerhalb evangelikaler Argumentationen hin. Allerdings ist er durch die vielen Jahre Theologiestudium an bibelkritischen Fakultäten in seiner Sichtweise gefangen und kann weder dem biblischen Verständnis von Sexualität noch dem biblischen Rollenverständnis von Mann und Frau, wie es etwa in Eph 5,21ff. zum Ausdruck kommt und wie es evangelikale Theologen vertreten, etwas abgewinnen. Dadurch wird seine Beurteilung evangelikaler Hermeneutik beinträchtigt.

Auf einige Fehler und Unschärfen soll noch hingewiesen werden, damit diese in einer zweiten Auflage nicht mehr erscheinen:

  • Zunächst ist es unverständlich, dass mehr als 150 Tippfehler in dieser Dok­tor­arbeit vorkommen. Haben die beiden Gutachter nicht sorgfältig gelesen?
  • Die „gendergerechte“ Sprache hindert den Lesefluss.
  • Auf Seite 34 hat Klein vergessen, Bebbingtons Definition von Evan­geli­kalismus abzudrucken. Diese ist aber nötig, um die Ausführungen auf dieser Seite zu verstehen.
  • Befremdlich ist, dass der Haltung des Bibelbundes zum Nationalsozialismus so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird (9 Seiten), obwohl dies mit dem Thema wenig zu tun hat.
  • Die Behauptung auf S. 101, die Konferenz bibeltreuer Aus­bil­dungs­stätten würde sich nicht zur Unfehl­barkeit der Bibel bekennen, stimmt nicht.
  • Auch die Behauptung, evangelikale Hochschullehrer hätten bisher keine Dogmatiken verfasst (S. 28+357), stimmt nicht. Sowohl Jakob Thiessen als auch sein Kollege an der STH, Erich Mauerhofer, haben Dogmatiken verfasst.