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Warum christlicher Glaube keine Religion ist und Wissenschaft nicht als Ersatzreligion taugt

Wir beobachten, wie parallel zum Zurückdrängen des christlichen Glaubens in der Gesellschaft, Ideologien religiöse Züge annehmen und andere Religionen Achtung finden, obwohl sie offensichtlich kritische Elemente enthalten. Die Antwort des Glaubens sollte aber nicht die Betonung des Christentums als Religion sein. Wir sollten einerseits zeigen, dass alle Ersatzreligionen nicht leisten, was sie versprechen und andererseits deutlich machen, dass der Glaube an Christus keine Religion ist.

Dietrich Bonhoeffer hat in der Zeit seines Gefäng­nis­auf­ent­haltes 1944 in Briefen die Idee eines „religionslosen Christentums“ bewegt. Was er genau damit gemeint hat, ist nicht ganz klar, und er konnte es nicht ausführen. Was ihn aber an der damaligen protestantischen Kirche vor und während des Nationalsozialismus störte, war, dass sie für ihre Verkündigung darauf baute, dass der Mensch immer religiös ist und man ihm das Christentum als Antwort auf seine religiösen Fragen und Sehnsüchte anbot. Wenn Menschen also bewegt sind von den Fragen nach dem Woher, Wohin und Warum, dann sagt man ihnen: „Der christliche Glaube bietet dir tragfähige Antworten.“ Bonhoeffer betonte ein Verständnis von Glaube als innerer Verbundenheit mit Christus und wollte nicht, dass die Botschaft von Christus und der Erlösung zu einem Produkt auf dem Markt des Religiösen wird. Im damaligen Deutschland konkurrierte die christliche Botschaft vor allem mit dem Nationalsozialismus, der wie eine Religion andere Religionen verdrängen wollte.

Der Nationalsozialismus war nicht nur eine politische Bewegung. Er bot sich als Religion an, für die man leben und sterben sollte. Der Mensch sollte sich als Teil einer geschichtlichen Entwicklung sehen, in der die besten Rassen die anderen be­herrschen. Der Einfluss „minderwertiger“ Menschen sollte zum Wohl aller bekämpft werden. Hitler konnte als „Geschenk des Himmels“ gesehen werden, den „das Schicksal“ dazu bestimmt hatte, das „arische“ Volk der Deutschen anzuführen, um diese Mission zu erfüllen. Es gibt zahlreiche Belege, dass die Führer im Nationalsozialismus das bewusst so geglaubt haben und die religiöse Dimension keineswegs versteckt war. In einer Rede an Landjugendführer hieß es ausdrücklich: „Der Nationalsozialismus ist eine Religion, geboren aus Blut und Rasse, nicht eine politische Weltanschauung. Sie ist die neue, allein wahre Religion, geboren aus nordischem Geiste und arischer Seele; die noch bestehenden Religionen müssen schnellstens verschwinden …“ Kindern brachte man Gebete bei, die sich an Hitler richteten:

„Führer, mein Führer, von Gott mir gegeben, beschütz und erhalte noch lange mein Leben. Hast Deutschland gerettet aus tiefer Not, dir danke ich heute für mein täglich Brot. Bleib lang noch bei mir, verlass mich nicht. Führer, mein Führer, mein Glaube, mein Licht.“1

Bonhoeffer empfand zu Recht, dass es eine Entwürdigung des christlichen Glaubens ist, wenn er vor allem als Religion gesehen wird und nicht als das Geheimnis des „Christus in euch“. Außerdem würden für eine Beurteilung und Wahl der besten Religion nur Maßstäbe angelegt, die der Mensch sich selber gesucht hat, z.B. das Recht des Stärkeren oder der Vorrang des menschlich Vernünftigen.

Karl Barth argumentierte später, dass der christliche Glaube gar keine Religion wie andere Religionen ist:

„Das Christentum aber wurde immer von Grund auf missverstanden, wo es als … eine Religion verstanden wurde, wohl auch sich selber so verstehen und erklären wollte. Das Christentum ist keine Religion. Alles nämlich, was an ihm menschlich ist, alle seine Lebensäußerungen, in denen es einer Religion ähnlich erscheinen mag, sind doch nur das Echo oder der Reflex einer nicht vom Menschen ausgehenden und von ihm auszuführenden, sondern dem Menschen nur eben widerfahrenden, von ihm nur eben zu beantwortenden Bewegung… Einsam inmitten aller Religionen ist das Christentum wesentlich ein einziger, nach rückwärts und nach vorwärts und beidemale in die Höhe zeigender Hinweis auf diese von aller Religion verschiedene, allen menschlichen Übergriffen und Überbauten, ja aller Religion geradezu entgegengesetzte Bewegung dieses andern Subjektes [Gottes].“2

Barth stellte heraus, dass Religion der menschliche Versuch ist, seine religiösen Fragen zu beantworten und seine religiösen Sehnsüchte zu stillen, während die christliche Botschaft die umgekehrte Richtung zur Grundlage hat: Gott, der uns als abhängige Wesen geschaffen hat, kommt zum Menschen und schenkt ihm, was er wirklich braucht. Das sind aber nicht einfach Antworten auf seine Fragen, sondern in Christus gibt sich Gott selbst dem Menschen und will mit ihm in Gemeinschaft leben. Man könnte sogar sagen, dass es im christlichen Glauben keine persönlichen Antworten gibt ohne die Einheit mit Christus. Barth hat zugleich unterstrichen, dass jeder Mensch religiös ist. Aber diese Religiosität wird ihn eher zum Götzendienst führen, weil er ohne den Glauben an den wahren Gott anderes zum Ersatzgott machen wird. Der Platz, den Christus bei uns einnehmen soll, kann nicht leer bleiben. Er wird besetzt von Ersatzgöttern.

„Wir sind hier nämlich außer dem, dass wir wohl Christen sein und uns nennen möchten, alle auch religiös, z. T. sogar schrecklich religiös. Es gibt ja auch als Wissenschaft, Kunst und Politik, als Technik, Sport und Mode verkleidete Religionen: unter aller zur Schau getragenen Säkularität verborgen, aber umso rüstiger vollzogene Übergriffe und Überbauten in irgendein Jenseits hinein, Verehrungen der verschiedensten Götter und Götzen: Mammon, das Geld, die mächtigste dieser verborgenen, aber sehr reellen Gottheiten!“ (Ebd.)

Es scheint zumindest vorübergehend ein gewisses Bewusstsein dafür vorhanden gewesen zu sein, dass auch politische Ideologien religiösen Charakter annehmen können und fast immer annehmen.

Es scheint zumindest vorübergehend ein gewisses Bewusstsein dafür vorhanden gewesen zu sein, dass politische Ideologien religiösen Charakter annehmen können und fast immer annehmen. Allerdings erscheint heute vielen ein Bereich davon frei zu sein, obwohl Barth auch schon von der „als Wissenschaft verkleideten Religion“ sprach. Er dachte dabei vielleicht an den „wissenschaftlichen Sozialismus“ seiner Zeit. Der wollte – entsprechend den physikalischen Naturgesetzen – gesellschaftliche Naturgesetze formulieren und zeigen, dass sich Gesellschaften in eine bestimmte Richtung entwickeln – nach Auffassung von Karl Marx hin zum Sozialismus mit Rechtfertigung von Gewalt. Genau besehen trägt diese „Wissenschaftlichkeit“ alle Züge einer Religion.

Heute fühlt man sich bei der Wissenschaftlichkeit jedoch auf der sicheren Seite. Hier sei man allein von Fakten geleitet, Ideologie und religiöses Denken hätten keinen Raum. Sehr deutlich wird diese Überzeugung in der preisgekrönten Rede, die der Mediziner und Virologe Christian Drosten 2025 beim DIW hielt3. Drosten war einer der Hauptberater der Bundesregierung während der Coronakrise und wurde damals von vielen als vertrauenswürdige Stimme angesehen. In seiner Rede ist keinerlei Selbstkritik zu hören. Er ist weiter der Überzeugung, dass er 2020 rein faktenbasiert Entscheidungen angestoßen habe. Drosten leitet eine Verpflichtung für Wissenschaftler ab, aktivistisch in das politische Geschehen einzugreifen, weil sowohl Politiker als auch die Allgemeinbevölkerung nicht in der Lage und willens seien, Fakten­wissen von Fake-News zu unterscheiden. Da müssten dann die Wissenschaftler aushelfen und für Klarheit sorgen.

Drosten meint, dass die ganze Gesellschaft „das Bewusstsein für Fakten verloren“ habe. Daran seien vor allem Politiker schuld, die sich mit Argumentationen an Menschen wenden, die ohne „Realitätsbezug“ seien und sich nicht mehr an Fakten orientierten. Man könne nicht einmal mehr sagen, ob die Argumente richtig oder falsch seien, so weit seien sie von der Wirklichkeit entfernt. So hätten die Menschen einerseits das „Gefühl“ für richtig und falsch verloren und andererseits seien sie auch zu faul, um sich die Mühe zu machen, bestimmten Zusammenhängen auf den Grund zu gehen. Die Rettung sieht er bei seinen Kollegen:

„Was der Gesellschaft vielmehr fehlt, sind Wissenschaftler. Personen, die die Realität der Forschung kennengelernt haben – und mit ihr die Demut vor der Wirklichkeit.“

Er ist der Überzeugung, dass der Wissenschaftler diese Wirk­lichkeit letztlich richtig erfasst, weil sich die Wirklichkeit am Ende gegen alle falschen Theorien durchsetzen werde. Er sieht bei seinen Kollegen deswegen eine zwangsläufige „Bereitschaft zur Selbst­korrektur“:

„Die Bereitschaft zur Selbstkorrektur entsteht also nicht, weil man irgendwie unsicher ist oder besonders offen durch die Welt geht, sondern einfach aus Berufserfahrung, weil man gelernt hat, dass es angesichts von Naturphänomenen nichts nützt, ein Narrativ zu setzen oder ein anderes zu bekämpfen.“

Diese Erkenntnis der wahren Fakten zeichnet für Christian Drosten Wissenschaftler aus. Das macht sie zu den berufenen Rettern in einer unübersichtlichen Lage. Und er zieht auch selber eine Linie zur Religion:

„Die Religion als handlungsleitende Instanz ist weitgehend verloren gegangen. Wo erkennen wir also den Respekt vor einer Instanz, die größer ist als die Meinungsmacht oder die Deutungs­hoheit? Ich will mich hier nicht dazu hinreißen lassen, zu sagen: ‚In der Wissenschaft‘, denn so einfach ist es nicht.“

Drosten sieht zwar die Wissenschaft noch nicht an der Stelle der Religion, aber offenbar hätte er sie dort gern. Die Wissenschaft soll handlungsleitende Instanz sein. Sie sei „die vielleicht letzte Bastion gegen die alternativen Fakten, die unsere Gesellschaft zerstören“. Christian Drosten nennt fast keine konkreten Beispiele für Irreleitung bzw. für die richtige Leitung der Gesellschaft. Ausnahmen sind die „Wissenschaftsfeindlichkeit“, die er in der US-amerikanischen Politik entdeckt haben will und positiv seine eigene Beratung in Sachen Umgang mit dem Coronavirus.

Es erscheint mir erschreckend, dass ein in seinem Fach renommierter Mediziner sich zu einem derart positivistischen Entwurf hinreißen lässt, der die selbst eingeforderte Demut vermissen lässt. Eine Kritik an dieser Überhöhung „der Wissenschaft“ zum Religionsersatz war kaum zu hören. Wer die Geschichte der Medizin als Wissenschaft kennt, weiß, dass Überzeugungen, die felsenfest richtig und mit der Wirklichkeit übereinstimmend schienen, sich 30 Jahre später als falsch herausstellten. Die Medizin ist auch keineswegs unabhängig von wechselnden Ideologien. Bis 1990 konnte Homosexualität noch offiziell als Sexualstörung und Krankheit angesehen werden. Heute wird ein Arzt mit Strafe bedroht, der einen Menschen behandeln will, der unter seiner homosexuellen Neigung leidet. Die Fakten haben sich jedoch nicht geändert, sondern nur die Einstellung dazu.

Dabei ist längst klar, dass keine Wissenschaft die Wirklichkeit erfassen kann. Sie kann nur mehr oder weniger passende Modelle und Theorien über die Wirklichkeit entwickeln. Viele Modelle, zu denen die Urknalltheorie genauso gehört wie die Evolutionstheorie, sind nach den Kriterien von Thomas Kuhn gar keine Wissenschaft, weil sie nicht falsifizierbar sind, d.h. man kann prinzipiell nicht beweisen, dass sie falsch sein können.

Damit soll keineswegs der Wissenschaftsfeindlichkeit das Wort geredet werden. Jeder Mensch profitiert in jedem Moment seines Alltagslebens von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die z.B. in viele technische Hilfen eingeflossen sind. Wir essen fast ausschließlich gezüchtete Lebensmittel, die auf Erkenntnissen der Vererbung und Kreuzung beruhen und zunehmend auch auf der Funktion der Erbinformation in Pflanzen. Trotz aller Grenzen der Medizin profitieren wir von ihren Errungenschaften. Krankheiten wie Pest oder Pocken müssen wir nicht fürchten. Tuberkulose ist selten geworden und lässt sich bei uns fast immer heilen. Niemand muss mehr an einem Beinbruch sterben, wie das vor 200 Jahren nicht selten war. Aber es gibt viele Gründe, warum Wissenschaft nicht zum Religionsersatz taugt und sogar gefährlich wird, wenn sie dazu gemacht wird. In einem Interview sagte 2025 rückblickend Michael Odent, der Arzt, der für viele Fortschritte in der Geburtsmedizin verantwortlich ist und so das Überleben vieler Frauen und Kinder ermöglicht hat, dass er das nicht mehr für richtig halte. Es hätten so Frauen und Kinder überlebt, die eigentlich nicht geeignet gewesen wären. Nun würden mit ihnen „schlechte“ Eigenschaften weitervererbt. Auch das ist „Wissenschaft“.

Eine echte „handlungsleitende Instanz“ muss festlegen, was gut und was böse ist. Das kann Wissenschaft prinzipiell nicht. Gut und Böse lassen sich auch nicht aus der Umwelt ableiten. Es gilt, was Gott durch den Propheten Micha zusammengefasst sagt: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Dabei ist die auslegende Übersetzung von Martin Luther „Gottes Wort halten“ für „das Rechte tun“ durchaus treffend, denn was „das Rechte“ ist, wissen wir mithilfe von Gottes Wort aus der Bibel und nicht allein aus uns selbst oder den Errungenschaften der Wissenschaft.


  1. Zitiert nach Thomas Schirrmacher. Säkulare Religionen: Aufsätze zum religiösen Charakter von Nationalsozialismus und Kommunismus. VKW: Bonn, 2002. Schirrmacher stellt heraus: „Wer den Nationalsozialismus begreifen will, kann ihn nur als Religion begreifen“.  

  2. Karl Barth, „Das Christentum und die Religion“, Junge Kirche 24 (1963), 436-438. 

  3. Dokumentiert unter: https://www.diw.de/de/diw_01.c.932545.de/100_jahre_diw/wissenschaft_ist_freiheit_und_pflicht.html