Gelegentlich erinnern konservative Politiker an das „christliche Abendland“, in dem wir leben. Manche berufen sich auf das „christliche Menschenbild“, das sie verteidigen wollen. Aber wenn es konkret wird, dann können Politiker kaum sagen, was sie damit meinen. Manchmal wird noch die Gleichberechtigung von Frauen genannt. Selbst vielen Theologen scheint es schwerzufallen, darzulegen, was das eigentlich ausmacht1. Spötter verweisen dann gelegentlich auf die „typisch deutsche“ Kultur des Oktoberfestes mit Besäufnissen und den regelmäßigen sexuell motivierten Angriffen auf Frauen. Steht das für die westliche Kultur, die mindestens geschichtlich auf dem christlichen Glauben gebildet wurde? Oder sind es öffentliche Paraden, auf denen Menschen ihre sexuellen Vorlieben darstellen? Weil die meisten spüren, dass zwar die Freiheit zur westlichen Kultur gehört – und sie es wert ist, sogar gegen ihre eigenen Auswüchse verteidigt zu werden –, aber das nicht der Wesenskern sein kann, gibt es in den letzten Jahren vermehrt Überlegungen dazu. Sie stammen nach meiner Beobachtung nur teilweise von Christen wie dem aus Indien stammenden Vishal Mangalwadi, der in mehreren Büchern auf die Bedeutung der Bibel und christlicher Wert- und Lebensvorstellung für den Westen hingewiesen hat.2 Auch einzelne konservative römisch-katholische Denker haben sich an der Diskussion mit ähnlichen Ergebnissen beteiligt.
Die Symptome der Krise des Westens sind unverkennbar, aber nur wenige nehmen wahr, dass diese Krise durch den Verlust der christlichen Wurzeln ausgelöst und befeuert wurde.
Derzeit ist die Frage nach den Wurzeln des Westens in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem bei Historikern, Kulturwissenschaftlern, Philosophen und Psychologen, die sich teilweise als Atheisten verstehen, virulent. Das hängt damit zusammen, dass sie Verfallserscheinungen wahrnehmen und sich angesichts der „Krise des Westens“ auf sein Fundament besinnen wollen. Dabei sind zwei Fragen leitend: Was hat das christliche Abendland bzw. „den Westen“ zu einem so erfolgreichen Modell werden lassen? Inwiefern sind diese Faktoren gefährdet, und wo zeichnet sich der Niedergang des „Westens“ vielleicht schon unabwendbar ab? Ausgelöst sind diese Fragen dadurch, dass das, was lange selbstverständlich schien, in eine Krise geraten ist. Meistens will man den „Wertewesten“ erhalten und ihn nicht durch eine „Autokratie“ oder ein „Kalifat“ eintauschen, die als Alternativmodelle auftauchen. Nur die Idee einer sozialistischen Gesellschaftsform scheint sich bei nicht wenigen trotz ihres vielfachen Scheiterns weiter zu erhalten.
Dabei sind Symptome einer Krise unverkennbar. Auf der einen Seite wird im Namen der Freiheit alles infrage gestellt: Selbst das Geschlecht soll nicht mehr zum Wesen des Menschen gehören. Dazu kommen extreme Widersprüche, wenn z.B. im Namen der Freiheit ein System von Unfreiheit und Kontrolle gerechtfertigt wird. Auf der anderen Seite wollen andere die „alten“ Werte ebenso durch die Unfreiheit eines autokratischen Systems retten und bewundern Diktatoren. Am meisten beunruhigt aber wohl, dass so etwas wie ein stiller grundlegender Konsens, den es selbst bei Meinungsverschiedenheiten gab, nicht mehr vorhanden ist oder mindestens bröckelt. Das geht einher damit, dass Gesellschaften insgesamt weniger homogen erscheinen, was aber wohl vor allem daran liegt, dass entsprechende Gruppen sich deutlicher bemerkbar machen. Diese Symptome deuten auch darauf hin, dass die eigentlich christlichen Werte, die das Fundament des Westens ausmachen, weithin unbekannt geworden sind. Wo man sie vereinzelt erkennt, werden sie aus Gründen angeblicher Toleranz nicht vertreten. Da ist es bedauerlich, dass selbst vielen Christen nicht mehr bewusst ist, wie stark und auf welche Weise der christliche Glaube die westlichen Gesellschaften geprägt hat.
Eine Annäherung durch Geschichte
Dabei stoßen Denker aus unterschiedlichen Richtungen immer wieder auf die Bedeutung des Christentums, wie z.B. die Analyse von Thomas Assheuer in DIE ZEIT (23-2025 vom 28.5.2025) deutlich werden lässt, in der er fragt: „Was macht den Westen aus?“ Er ist „auf der Suche nach einer großen Idee“. Es gelingt ihm allerdings nur ansatzweise, seine Frage zu beantworten. Wahrscheinlich liegt das auch an einem Pessimismus, der darin mündet, dass die Zeit des Westens wohl zu Ende geht und am Horizont mit der wirtschaftlichen Macht Chinas ein neues Zeitalter des Ostens beginnt.3 Interessant ist aber, dass auch Assheuer im Anschluss an mehrere Historiker das, was den Westen ausmacht, vor allem mit christlichen Wurzeln in Verbindung bringt. Entscheidend ist für ihn „der Gang nach Cannossa“, wo sich Kaiser Heinrich IV. 1077 dem Papsttum in der Person von Gregor VII. beugen musste. Hier habe die Kirche gezeigt, dass sie kein Anhang des Staates sei und unter der weltlichen Macht stehe. Assheuer sieht den Grundstein für die Trennung von Kirche und Staat gelegt. Er fragt aber nicht, warum die Kirche an dieser Stelle eine solche Macht entfalten konnte, auch wenn er richtig erkennt, dass sich in diesem Ereignis zeigt, dass die Zeit des vererbbaren Gott-Königtums zu Ende gegangen war.4
„Für Gregor VII. war die Bibel der heilige Maßstab, an dem sich der profane Alltag messen lassen musste.“
Das ist für den obersten Bischof einer christlichen Kirche eigentlich noch nichts Besonderes. Das Besondere lag darin, dass er nicht nur solche Sätze wie diesen sagen konnte:
„Wer wüsste nicht, dass die Könige und Fürsten von gottfernen Menschen abstammen, die sich durch Stolz, Plünderung, Verrat und Mord – kurz, durch jede Art von Verbrechen – über ihre Mitmenschen erhoben, angestachelt vom Teufel, dem Fürsten dieser Welt; Menschen blind vor Gier und von unerträglichem Übermut?“5
Die Gesellschaft war auf allen Ebenen bereits so weit christlich durchdrungen, dass ein solcher Satz Wirkung entfalten konnte. Damals brachte die Aussage Gregor Respekt ein, heute würde die gleiche biblische Wahrheit aus dem Mund eines evangelischen Bischofs oder des römischen Papstes wohl als respektlose Anmaßung verstanden. Diesen Unterschied einer vorangegangenen Bewusstseinsbildung übersieht Assheuer weithin.
Richtig erkennt er aber, dass in das Herrschaftsrecht „jüdisch-christliche Gerechtigkeitsideen nach und nach Eingang“ gefunden hatten. Im Sachsenspiegel, einem wichtigen Gesetzestext von 1220, konnte es von dem biblisch-christlichen Gott heißen: „Gott selbst ist das Recht“. Es hieß nicht mehr, dass wer Macht hat, über das Recht bestimmt. Immer stärker wurde durch den Einfluss des Christentums das Bewusstsein, dass alle Menschen nach Gottes Ebenbild geschaffen wurden und deswegen nicht einfach durch ihre Abstammung von „adligem Blut“ höhere Rechte haben. Nur auf dieser Grundlage kann es allgemeine „Menschenrechte“ geben. Die „Zwölf Artikel“, die Streitschrift der Bauern am Anfang der Bauernkriege 1525, beriefen sich sogar darauf, dass alle Menschen gleichermaßen durch dasselbe Werk Christi erlöst sind und dass deswegen nicht ein Mensch aufgrund eines niedrigeren Standes der Besitz eines anderen Menschen sein kann. Nicht dass irgendjemand so etwas aufschreibt, ist erstaunlich, sondern dass viele Menschen bereits wenige Jahre nach der Reformation dieses Argument verstanden und teilten. Die „Zwölf Artikel“ verbreiteten sich schnell durch ganz Deutschland, ihre Argumente wurden offen diskutiert und keineswegs als Spinnerei abgetan. Es geht weitgehend auf das Konto von Scharfmachern auf beiden Seiten, dass die sich abzeichnende Gesellschaftsreform mit der Abschaffung der Leibeigenschaft erst über 200 Jahre später vollzogen wurde.
Thomas Assheuer benennt einige Brüche in diesen Entwicklungen richtig. Die Sklaverei z.B. wurde im Westen selbst von denen noch lange weitergeführt, die erkannt hatten, dass sie aufgrund christlicher Grundüberzeugungen verwerflich war. Trotzdem waren die christlichen Werte so stark, dass diese Heuchelei nach und nach erkannt wurde. Der Westen wollte nun seine Ausbeutung überwinden und keine Sklaverei mehr tolerieren. In anderen Teilen der Welt ist Sklaverei bis heute an der Tagesordnung; es gibt keine Scham darüber; sie wird gerechtfertigt, etwa in Form der Sexsklavinnen für die „Gotteskämpfer“ des islamischen Kalifats oder der Versklavung von Frauen und Kindern in Teilen Afrikas. Auch von deutschen Gerichten wurden Menschen, die an dieser Sklaverei als Kämpfer für den IS beteiligten, verurteilt. Verstörend und auch Teil der Krise des Westens ist es, dass heute die Geiselnahmen und Vergewaltigungen der Hamas von linken Denkern im Westen als Teil des Befreiungskampfes der Palästinenser gerechtfertigt werden können.
An das westliche Israel werden andere Maßstäbe angelegt als an die nichtwestliche Hamas. Sie darf sich sogar mit der Folterung und Vergewaltigung von Zivilisten brüsten.
Was den Westen ausmacht, hat Assheuer m.E. auch da nur ansatzweise erkannt, wenn er als „Sündenfall“ des Westens den Beginn des 2. Irakkrieges aufgrund von Lügen über irakische Massenvernichtungswaffen benennt oder die hohe Anzahl von getöteten Palästinensern im gegenwärtigen Krieg im Gazastreifen zwischen den palästinensischen Terrortruppen und der israelischen Armee. Die Iraklüge und gleichermaßen die Lüge, die dem Eintritt Amerikas in den Vietnamkrieg voranging, zeigen aber, dass der Westen nicht einfach aus Rachegelüsten oder zur Bereicherung Krieg führen kann. Er muss eine „gute“ Begründung vorbringen und wenn sie auch erlogen ist. Der nicht-westlichen Hamas lassen Intellektuelle ihren offenen Hass auf Juden und ihren schlichten Vernichtungswillen durchgehen, den sie sogar in ihrer Charta verbrieft hat. Israel als westlichem Staat wird abverlangt, sich so rücksichtsvoll zu verteidigen, dass möglichst kein Zivilist zu Schaden kommt. Die Armee soll die palästinensische Bevölkerung, die ihre Kämpfer in Zivil auf sie hetzt und Jugendliche zu Attentätern ausbildet, mit Lebensmitteln versorgen und ihr nach dem von ihr gewollten Krieg das Land wieder aufbauen. Wir sollten nicht vergessen, dass diese Forderungen ihren Grund in christlichen Überzeugungen der Barmherzigkeit und der Feindesliebe haben, die in Menschenrechten niedergelegt sind, und sich nicht an arabische Staaten, sondern an den Westen richten.
Die Verankerung der Werte im Bewusstsein
Ich möchte im Folgenden einige der Werte benennen, die m.E. den Westen ausmachen. Sie bestimmen die westliche Welt noch, auch wenn sie nach und nach verdrängt werden. Das geschieht einerseits dadurch, dass sie von ihren Wurzeln getrennt werden und so an Kraft verlieren. Andererseits werden sie aus ihrem Zusammenhang gelöst und überhöht. Das sieht man z.B. am Individualismus, der seine Wurzeln in der Betonung der persönlichen Gottesbeziehung und Zuwendung Gottes hat, aber ohne Gott zur Selbstvergötterung des Einzelnen verkommt.
Viele Ideen habe ich dem Buch des amerikanischen Psychologen Joseph Henrich entlehnt, das kürzlich in deutscher Übersetzung erschien: „Die seltsamsten Menschen der Welt: wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde“.6 Henrich ist Atheist, der auch die Entstehung aller Religion als Ergebnis der Evolution darstellt. Aber er erkennt in seiner Untersuchung an, wie stark der christliche Glaube nicht nur die Institutionen, sondern auch die Psychologie der Menschen des Westens beeinflusst hat. Das Buch ist vor allem deswegen sehr hilfreich, weil die Frage der Grundlagen und Werte nicht wie eine Ideengeschichte abgehandelt wird, wie das oft geschieht. In der Wirklichkeit ist es selten ausreichend, eine noch so gute Idee öffentlich zu verbreiten. Sie wird nicht prägend, nur weil sie plausibel oder Erfolg versprechend ist. Sie muss aufgenommen, verinnerlicht und in ihren Konsequenzen im Leben etabliert werden. Wenn das Kultur prägend werden soll, muss es über mehrere Generationen geschehen. So sind nach der These von Henrich die Menschen des Westens „seltsam“ geworden. Das ist einerseits wörtlich gemeint, geht aber zugleich auf ein Akronym (engl. weird) zurück, das Henrich aus westlich, gebildet (educated), industrialisiert, reich und demokratisch geformt hat.
Die Moderne entstand nicht durch die Bibel- und Kirchenkritik, sondern durch die feste Etablierung biblischer Normen.
Henrich benennt zwar hier und da die Macht der Kirche als zusätzliche treibende Kraft für die Bildung des seltsamen Bewusstseins der Menschen des Westens, aber letztlich wäre diese Durchsetzung und Verankerung ohne die innere Überzeugungskraft der Werte kaum möglich gewesen. Damit einher gehen Entwicklungsschritte christlich geprägter Gesellschaften, die schließlich zur festen Etablierung bestimmter Erscheinungen führen. Ich halte das Buch aus der Feder eines Nicht-Christen für sehr hilfreich, auch um Christen das „christliche Abendland“ zu erklären. Henrich widerspricht der verbreiteten Idee der Aufklärung, dass der Siegeszug der Moderne durch die Überwindung der Macht der Kirche und den Einzug der Vernunft in eine von rückständigen religiösen Ideen bestimmte Welt ausgelöst wurde. Nicht die Bibelkritik war für den erfolgreichen Westen entscheidend, sondern eine Entwicklung zu einer „sonderbaren Psychologie“, die ihre Ursachen in der Etablierung vieler christlicher Normen hat.
Viele haben geglaubt – und einige tun es immer noch –, dass (eine bestimmte Variante des) Protestantismus das ist, was eben herauskommt, wenn man die Vernunft auf die in der Bibel formulierten Wahrheiten anwendet und korrupte kirchliche Traditionen verwirft. Ich möchte dagegen den anhaltenden psychologischen Veränderungsprozessen eine zentrale Rolle einräumen, die von der kulturellen Evolution des Mittelalters hervorgerufen worden sind. (554)
Zu den Faktoren zählt Henrich die Ablösung der „verwandtschaftsbasierten Institutionen“ d.h. das Ende des vorherrschenden Stammes- oder Clan-Denkens. Weiter sieht er die Entwicklung eines „gruppenübergreifenden Wettbewerbs“, der den eigenen Vorteil nicht auf Ausbeutung gründet, sondern auch den Vorteil des Partners im Blick hat. Er nennt die Entwicklung eines Rechtssystems, das alle Menschen gleichbehandeln will. Er sieht die wachsende Arbeitsteilung, die nur auf der Grundlage von Vertrauen und Miteinander in der Wertschätzung des Gewinns bei gegenseitiger Ergänzung gedeihen konnte. Er erkennt in der Idee vom Beruf als einer Berufung, in der der Mensch Gott dient und darin Erfüllung findet, einen wichtigen Faktor nach der Reformation. Henrich sieht das alles – und damit auch die zugrunde liegenden Werte – in einem „unerbittlichen Wettbewerb“ stehend, damit es sich etablieren konnte. Als wichtige Aspekte der „sonderbaren Psychologie“ benennt er vier, die sich alle leicht auf die Ausbreitung des christlichen Denkens zurückführen lassen:
- Das „analytische Denken“, das Zusammenhänge aufgrund von Eigenschaften erkennt und Widersprüche wahrnimmt und möglichst überwinden will;
- die Bedeutung innerer Werte, Überzeugungen und Absichten von einzelnen Personen inklusive der Annahme, dass eine Person persönliche Rechte haben kann;
- drittens die „Unabhängigkeit und Nonkonformität“, die Menschen dazu führt, sich nicht einfach anzupassen und in Gruppen und Systeme einzupassen, sogar wenn sie sich dabei selbst überschätzen;
- viertens die Achtung von unparteiischen Regeln und allgemeinen Gesetzen, die nicht nur für bestimmte Personen gelten, sondern für alle gleichermaßen (555-557).
Was im Westen sozialisierten Menschen „normal“ vorkommt, ist es tatsächlich im weltweiten kulturübergreifenden Vergleich betrachtet keineswegs. Henrich macht die allgemeinen Prinzipien an vielen konkreten Entwicklungen fest, von denen ich einzelne genauer beschreibe und auf die biblischen Wurzeln verweise.
A. Vom Leben in Clans zur modernen Gesellschaft
Es war das christliche Verständnis von Gemeinde als Familie Gottes mit Gott als gemeinsamen Vater und der Gemeinschaft der Glaubensgeschwister, das im Westen nach und nach das Clan-Denken überwunden hat. Institutionen und soziales Leben sind im Westen nicht mehr vor allem auf Verwandtschaft basiert, wie das in großen Teilen des Orients oder Afrikas bis heute der Fall ist. Geschichtlich lässt sich das an vielen Entwicklungen im Mittelalter festmachen. Seinen inneren Grund hatte es in einer christlichen Wahrheit. Jesus verlangte, dass wir ihn und seine Botschaft des Evangeliums höher schätzen als unsere eigenen Familien (Mat 10,37): „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, mein Jünger zu sein. Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, mein Jünger zu sein.“
Henrich stellt fest, dass das durch das gesamte Mittelalter, besonders zwischen 400 und 1200, deutlich sichtbar wird:
„Die intensiv verwandschaftsbasierten Institutionen vieler europäischer Stammesvölker (wurden) langsam zersetzt, demontiert und schließlich zerstört, und zwar von einem Zweig des Christentums…“. (228)
Henrich misst dieser Entwicklung von der „Auflösung intensiv verschwandschaftsbasierter Institutionen“ zur „allmählichen Schaffung unabhängiger monogamer Kernfamilien“ die Bedeutung zu, die ein Stein haben kann, „der die Lawine der modernen Welt in Europa ins Rollen brachte“ (228). Auch wenn er meint, die Lawine sei „versehentlich“ durch die Kirche ausgelöst, wird doch deutlich, dass alle Elemente biblisch-christlichen Ursprungs sind.
Warum soll man nicht der eigenen Verwandtschaft den Vorzug geben, wie es viele Menschen auf der Welt tun? Warum ist „Vetternwirtschaft“ etwas Negatives?
Christen stellen fremde Menschen über die eigenen Angehörigen. Sie sehen sich mit ihnen aber auf geheimnisvolle Weise durch den Heiligen Geist verbunden. Er hat ihnen den gleichen Glauben an den gleichen Herrn geschenkt. Von außen betrachtet, ist das seltsam. Warum soll man nicht der eigenen großen Verwandtschaft den Vorzug geben, wie es viele Menschen auf der Welt tun? Auch bei der Beurteilung von Recht und Unrecht, von Wahrheit und Lüge stehen im Clan-Denken immer die eigenen Verwandten näher. Das Unrecht und die Lüge fremder Menschen wiegt für sie schwerer als das Unrecht und die Lüge der eigenen Leute, die entschuldigt oder gedeckt werden. Das Denken ist nicht fremd, wie an dem Vorwurf deutlich wird, ein „Nestbeschmutzer“ zu sein, wenn man die eigene Familie, Firma oder Institution kritisiert. Aber warum sollte „Vetternwirtschaft“ negativ sein, wenn doch ein Familienmitglied, das Macht hat, dafür sorgt, dass möglichst viele Verwandte davon profitieren? Überall, wo Clan-Denken vorherrscht, ist das normal: Man sorgt für die Verwandten, wenn man kann. Im „Vitamin B“, also den guten Beziehungen, die weiterhelfen, findet sich im Westen noch etwas davon. Aber es ist im Allgemeinen nicht mehr bestimmend. Wo es aber wieder bestimmend wird, dass man den „eigenen Leuten“ Vorteile verschafft, indem man ihnen z.B. einen Arbeitsplatz oder einen Auftrag gibt, obwohl es qualifiziertere gäbe, da erweist sich solches Handeln meistens als längerfristig negativ.
Die christliche Gemeinschaft hat die Gesetze verwandtschaftsbasierter Institutionen und Wertesysteme offenbar nicht einfach auf sich übertragen. Sonst wäre aus der Kirche eine Art christlicher Mafiafamilie geworden. Das hat es alles vereinzelt gegeben, aber es konnte sich nicht durchsetzen. Die Verbindung der Christen untereinander funktioniert durch den Heiligen Geist so, dass sie immer zugleich mit Gott und Christus und mit den Glaubensgeschwistern verbunden sind. Sie bleiben jederzeit Gott verantwortlich. So regiert sein Wort und Gebot in dieser neuen Familie. Es entsteht eine prägende Mischung aus persönlicher Verantwortung vor Gott und liebender Verbindung zu anderen Christen sogar über Sprach-, Kultur- und Nationengrenzen hinweg. Das hat die westlichen Gesellschaften aufgrund des Christentums in ihrer Organisation und im allgemeinen Denken bestimmt.
Wer mit Menschen aus dem Orient Verbindung hat, der bemerkt die Hochschätzung von Familie, die bei uns sehr gelitten hat. Aber er sieht bei näherem Hinschauen auch die Macht der Großfamilie. Die Großfamilie hilft in Not, ist Kreditgeber, vermittelt Ehepartner aus dem weiten Kreis der Verwandten, erweist einen Gefallen und fordert einen Gefallen ein. Für den Einzelnen entsteht positiv eine Schutzgemeinschaft und zugleich negativ eine große Abhängigkeit mit zahlreichen Verpflichtungen, denen er sich kaum entziehen kann. Wenn er es doch tut, werden andere nahe Verwandte darunter leiden, weil es so etwas wie Sippenhaft gibt. Die sogenannten „Ehrenmorde“, meist an Frauen, die dem Clan entkommen wollen, sind selten Taten einzelner Familienangehöriger, wie es vor unseren Gerichten erscheint. Eine Kernfamilie kann unter einen so großen Druck durch die verzweigte Großfamilie von leicht 150 Personen kommen, dass sie sich verpflichtet fühlt, eine Tochter, die „die Ehre verletzt“ hat, zu bedrohen oder sogar zu töten. Im Westen verankerten Menschen erscheint das System von Großfamilien seltsam, es ist aber weiter verbreitet als unsere Denkweise.
Dem christlichen Glauben ist es gelungen, der Familie einen anderen Stellenwert zu geben, ohne sie dabei zu zerstören, wie es gegenwärtig passiert.
Gehört nun zum christlichen Westen, dass die leibliche Familie nicht geachtet wird? Das war – anders als im Kommunismus – keineswegs der Fall. Außerdem achten biblische Gebote darauf, dass die Ehebeziehung und die gegenseitige Verantwortung in der Familie gewahrt bleiben, auch wenn sie hinter der Beziehung zu Gott und den Glaubensgeschwistern zurückstehen. Aber z.B. das Recht sollte allgemein gelten, auch wenn das Urteil ein Familienmitglied trifft. Der Wahrheit ist man prinzipiell auch Fremden gegenüber verpflichtet.7 Er ist genauso Geschöpf Gottes und verdient Achtung.
Was passiert aber, wenn die christlichen Wesenszüge dieser neuen Familie im Glauben wegfallen? Die Gesellschaft kann nicht mehr zurück zum Clan-Denken, wo die Scham vor den Familienmitgliedern bestimmt, was man tut oder nicht tut, und manchmal auch rohe Gewalt. Wir können in unserer Gesellschaft beobachten, wie in die Leerstelle etwas anderes rückt. Tritt das biblisch-christliche Wertesystem in den Hintergrund, dann stehen zuerst individualistische Werte im Vordergrund: Jeder soll es so machen, wie er es für richtig hält. Jeder darf selber wählen, was nach seinem Gefühl für ihn passt. Weil der Mensch jedoch Orientierung und Gemeinschaft benötigt, wird die unabhängige Selbstdefinition unrealistisch. In dieser Situation haben es Minderheiten leicht, wirklichkeitsfremde Moralvorstellungen auf den Sockel zu heben und gewissermaßen neue verschworene Gemeinschaften zu bilden. Wo immer ein echtes Fundament fehlt, ist ein ständiges Einknicken zu beobachten, wenn nur irgendwer laut genug auftritt. Zur christlichen Apologetik gehört im Gegensatz dazu der deutliche Widerspruch, der immer mit Liebe zum Nächsten verbunden bleibt, sogar wenn der feindlich agiert.
B. Von wenigen Experten zur allgemeinen Bildung
Zum Selbstverständnis des Westens gehört die allgemeine Bildung bis zur Überqualifikation. Warum lernen Kinder und Erwachsene so viele Dinge, die sie für ihr Leben und Überleben nicht benötigen? Wäre es nicht genug, dass jeder gerade so viel lesen und rechnen könnte, dass es für einen Beruf ausreicht, der ihn ernähren kann? Ein paar Menschen brauchen vielleicht mehr, weil sie Wissenschaftler werden, aber sicher nicht die Masse. Alle Abiturienten haben den Zitronensäurezyklus gelernt, mit dem Zellen Energie gewinnen. War das nötig? Nur wenige werden das je wieder brauchen. Hinter dem westlichen Bildungsideal, verbunden mit der ausgeprägten Lesefähigkeit, steckt tatsächlich ein christliches Verständnis von der Welt und dem Wert der Erkenntnis Gottes, die sogar alles Erkennen übersteigt. Paulus schreibt (Eph 4,11-14):
Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.
Der Christ lernt nicht nur, was er braucht, sondern zur Ehre Gottes darüber hinaus, was Gottes Wesen, seine Schöpfung und die Erlösung ausmacht. Er sagt nicht, dass das nur für Theologen wichtig sei, sondern lernt gerne, so viel er kann, zur Ehre seines Gottes. Das persönliche Ziel ist seine eigene Stabilität im Glauben, die ihn von lügnerischen Menschen unabhängiger macht, die ihn verführen wollen. Es lässt sich zeigen, dass dieser Zusammenhang mit der Reformation vor rund 500 Jahren erheblich verstärkt wurde. Überall wurden Schulen gegründet, und zwar insbesondere für Arme und für Mädchen. Bis dahin meinten viele, dass Bildung für Frauen unnötig oder sogar hinderlich wäre. Die Bildung folgte aber nicht dem wachsenden allgemeinen Wohlstand, als ob die Menschen dachten, sie könnten sich jetzt – da es ihnen besser geht – mehr Zeit zur Bildung leisten. Die wachsende Bildung lässt sich parallel zur Ausbreitung der Reformation nachweisen. Die Lesefähigkeit der Protestanten war bald und noch sehr lange besser als die der Menschen in katholisch bestimmten Landschaften (Henrich S. 24ff). Das lag aber nicht nur an den Schulen allein, sondern auch an der Motivation zum Lesen, wobei anfangs die Bibel das Buch Nummer 1 war. Luther wollte um der Bibelkenntnis willen die Lesefähigkeit verbessern. Man mag es einen glücklichen Umstand nennen, dass Luther die Fürsten aufforderte, für Schulen zu sorgen. Aber wieder gilt, dass die Sache selber Überzeugungskraft in sich haben musste, um auch Früchte zu tragen. Henrich stellt fest:
„Es ist bemerkenswert, dass das Prinzip sola scriptura für die zunehmende Verbreitung der Alphabetisierung von Frauen auf der ganzen Welt sorgte.“
Bemerkenswert ist auch, dass das Prinzip sola scriptura insbesondere für die zunehmende Verbreitung der Alphabetisierung von Frauen sorgte, zunächst in Europa und später in der ganzen Welt. (34)
Glaubende Menschen wollten mehr wissen und verstehen. Heute kann man Bücher kaufen, die die Relativitätstheorie von Albert Einstein Kleinkindern nahebringen wollen. Auch die Bibel selbst scheint aber einen gewissen Forschergeist zu erwecken. Sie schafft selber Bildung bei ihren Lesern und macht sie hungrig danach, weiter zu forschen. Persönlich und gesellschaftlich hat die allgemeine Bildung viele Vorteile, weil lesekundige Menschen „tendenziell gesünder, klüger und wohlhabender sind“ (36).
Der Vergleich zeigt, dass der Islam die Menschen offenbar anders prägt. Den Koran auf Arabisch kann kaum ein Muslim lesen, selbst wenn er drei Suren auswendig kann, ohne sie zu verstehen. Die Inhalte des Korans sind auch schwer verständlich. Die meisten Muslime, die ich kenne, können zwar lesen, aber nicht gut und sie lesen eher wenig. Sie wundern sich, dass in unserem Haus die meisten Wände voller Bücherregale stehen. Sie haben – wenn sie etwas über ihre Religion gelernt haben – ein Bewusstsein davon, dass man Allah nicht erkennen kann und es keinen Sinn macht, seinen Plänen nachzuforschen. Ein arabisches Glaubensbekenntnis und ein paar Grundsätze reichen für den Glauben aus. Natürlich hat es immer islamische Gelehrte gegeben, aber die Massen haben auch heute in den islamischen Ländern meist nur die notwendigste Bildung.
Zur Krise des Westens gehört das Sinken des Bildungsniveaus in der Breite. Immer mehr Menschen haben keinen Schulabschluss, können nur notdürftig lesen und verfügen über kaum Allgemeinbildung. Wo die Lesefähigkeit abnimmt, werden Menschen nicht nur leichter manipulierbar. Ihr ganzes Denken verändert sich. Die Folgen dieser Entwicklung werden bereits langsam sichtbar.
C. Von der Vielehe zur Einehe
Die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau, die Monogamie, ist eindeutig durch den christlichen Einfluss gesellschaftlich verankert. Das gilt sogar für Japan (seit 1880; auch die Siebentagewoche mit dem Sonntag als Feiertag wurde übernommen), China (seit 1950) oder Indien (seit 1955) und selbst für die unter Atatürk nach dem Ende des Osmanischen Reichs 1920 neu gegründete Türkei. Nun könnte man meinen, dass gegen eine Vielehe, in der meistens angesehene und wohlhabende Männer mehrere Frauen haben (es wäre zwar auch umgekehrt möglich, gab und gibt es aber fast nicht), gesellschaftlich nicht viel einzuwenden wäre. Es müsste natürlich alles freiwillig sein und Frauen und Kinder gut versorgt werden.8 Es hat sich aber die Monogamie aufgrund von Akzeptanz durchgesetzt, selbst wenn sie nicht selten „seriell“ ist, also nach Scheidung und Wiederheirat. Das ist so stabil, dass homosexuelle Paare sie eher kopieren wollten, als neue Modelle des Zusammenlebens schaffen. Wie viel böse Folgen der Sturmlauf gegen die Ein-Ehe – weil sie kulturell gesehen eine junge Erscheinung sei – und die Vater-Mutter-Kind-Familie – die angeblich erst in der Zeit des Biedermeiers erfunden wurde – hervorbringen wird, ist nach Jahrzehnten des Aktivismus bereits absehbar. Und doch scheint die Idee der Monogamie außer dem christlichen Gebot, staatlichen Gesetzen und einer gewissen Gewohnheit noch mehr für sich zu haben, denn sie wird nicht einfach abgelöst.
Die Durchsetzung der Ein-Ehe hatte erhebliche positive Wirkungen auf die Gesellschaft, weil sie allen Männern eine realistische Chance auf eine Ehe gab.
Eine einfache Rechenaufgabe zeigt ein folgenreiches Problem auf, das für eine Gesellschaft entsteht, die die Monogamie aufgibt.9 Da es ungefähr gleich viele Männer wie Frauen gibt, blieben z.B nach dem muslimischen Modell der Mehrehe rund 40 % der Männer ohne Ehefrau. Meistens sind das die weniger attraktiven Männer, aufgrund von Einkommen, Macht oder anderer Faktoren. Wenn sie es nicht schaffen, ihre Attraktivität schnell zu steigern, haben sie kaum eine Chance auf eine Ehe. Für Krieg führende Gesellschaften sind sie ein Pool an Soldaten, die, ohne Witwen und Waisen zu hinterlassen, im Krieg sterben können. Aber sonst führt es hauptsächlich zu Verwerfungen. Es gibt in aller Regel mehr Kriminalität unter diesen Männern. Alle Statistiken zeigen eindeutig, dass die höchste Kriminalitätsneigung bei jungen unverheirateten Männern liegt.10 Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit wächst. Die Selbstmordrate und das Risikoverhalten sind unter jungen Männern deutlich erhöht. Jede Autoversicherung nimmt Aufschläge für jugendliche Fahrer unter 25 Jahren – aus Gründen der Gleichberechtigung seit einigen Jahren auch für junge Frauen. Mit der Verheiratung nehmen die Risiken deutlich ab. Weitere Probleme, die sich aus der Nutzung von Pornografie und Prostitution ergeben, könnten genannt werden. Dagegen ist eine Ehe für die Ehepartner und insbesondere für die Männer immer noch die beste Chance auf Glück, gute Gesundheit und sexuelle Gemeinschaft. Und Ehe und Familie sind auch für eine Gesellschaft in vieler Hinsicht ein stabilisierender Faktor.11 Kurz gesagt: Dieser christliche Einfluss tut Gesellschaften überall auf der Erde gut, selbst wenn dort andere Religionen vorherrschen. Henrich meint:
Dies alles deutet darauf hin, dass die Kirche durch ihren jahrhundertelangen Kampf um die Verbreitung und Durchsetzung ihrer besonderen Variante der monogamen Ehe unbeabsichtigterweise ein Umfeld geschaffen hat, das die Männer allmählich gezähmt hat und viele von uns weniger wettbewerbsorientiert, impulsiv und risikofreudig werden ließ, während sie zugleich eine Positivsummenwahrnehmung der Welt und eine größere Bereitschaft zur Kooperation mit Fremden gefördert hat. Ceteris paribus sollte dies zu ausbalancierten Organisationsstrukturen, geringerer Kriminalität und weniger sozialen Konflikten führen.12
Henrich sieht seine Ergebnisse aus psychologischer Sicht auch von Historikern bestätigt, wenn er den US-amerikanischen Mittelalter-Spezialisten David Herlihy (1930-1991) zitiert. Der fügt noch weitere Aspekte hinzu, die die sozialen Unterschiede beachten:
Eine große soziale Errungenschaft des frühen Mittelalters war die Festlegung gleicher Regeln für das sexuelle und familiäre Verhalten von Arm und Reich. Der König in seinem Palast und der Bauer in seiner Hütte: Keiner von beiden war davon ausgenommen. Für die Reichen war das Fremdgehen vielleicht einfacher, aber sie konnten weder Frauen noch Sklaven als ihr Recht beanspruchen. Die Chancen der armen Männer, eine Frau zu bekommen und Nachkommen zu zeugen, waren größer. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die gerechtere Verteilung der Frauen über die Gesellschaft hinweg dazu beitrug, Entführungen und Vergewaltigungen und das Ausmaß der Gewalt im frühen Mittelalter generell zu reduzieren.13
Aus heutiger Sicht erscheinen Ehen der Bibel und erst recht des Mittelalters immer noch weit von gegenwärtigen Standards entfernt. Aber der Historiker kann genug Quellen finden, die zeigen, wie stark das christlich-biblische Bild gewirkt hat. Wenn man davon ausgeht, dass große Teile des Verhaltens in der Familie geprägt werden, in der ein Mensch aufwächst, dann ist klar, dass sich die Verhältnisse, die durch christliche Ehen geprägt wurden, auch auf andere Institutionen ausgewirkt haben.
D. Erst die Henne oder erst das Ei?
Henrich fasst, was den Protestantismus ausmacht, zusammen als „eine Familie von religiösen Glaubensrichtungen, die das persönliche Engagement des Einzelnen und seine Beziehung zum Göttlichen in den Mittelpunkt des spirituellen Lebens stellen“ (583). Aber das betrifft eben nicht nur das religiöse Leben, sondern alle Bereiche, wenn „schon der bloße Gedanke an Mord, Diebstahl oder Ehebruch an sich eine Sünde“ darstellen. Aber wenn „man hart arbeitet, um seiner Berufung mit Fleiß, Geduld und Selbstdisziplin erfolgreich nachzugehen, dann verrichtet man das Werk Gottes“ (584). Henrich meint nun, dass diese Glaubensrichtung all die Wesenszüge des erfolgreichen Westens „sakralisiert“ habe. Das mag aus psychologischer Perspektive und innerhalb seines atheistischen Weltbildes ein sympathischer Gedanke sein, aber historisch ist das sicher nicht möglich.
Andererseits ist auch klar, dass Martin Luther und die Reformatoren sich das westliche Gesellschaftsmodell mit „Individualismus, Unabhängigkeit, nichtrelationaler Moral, unpersönlicher Prosozialität (die Gleichheit aller Fremden), Nonkonformismus, Verweigerung gegenüber Traditionen, Vorrang von Schuld vor Scham, harte Arbeit, Selbstbeherrschung, die zentrale Rolle mentaler Zustände für moralische Urteile und die Ausbildung der eigenen Disposition für einen bestimmten Beruf“ (584) nicht einfach erdacht haben. Historisch sinnvoll ist die These, dass die Wirkung biblisch-christlicher Anschauungen und Werte die Menschen schon im Mittelalter zwischen 400 und 1400 nach und nach geprägt haben. Die Reformation hat allerdings auf dieser Grundlage biblische Wahrheiten klar herausgearbeitet und sie dann auch im Bewusstsein der Menschen verankert, sodass mit ihr das Erfolgsmodell des Westens trotz Krisen und Katastrophen zur Blüte kommen konnte.14
Das gilt, auch wenn nicht alle Entwicklungen ausschließlich positiv wirken müssen. Seit Langem haben sich Forscher gefragt, warum mit der Etablierung des Protestantismus auch die Selbstmordraten im Vergleich zu katholischen Gebieten deutlich anstiegen. Die genauen Gründe können historisch natürlich nicht erhoben werden, weil nur Zahlen vorliegen, aber keine Ursachenforschung. Auch Henrich spekuliert, wenn er die Gründe in einem übersteigerten Individualismus und in einer übersteigerten Glaubensstrenge, die weniger erfolgreichen Menschen die Hoffnung raubte, bei einzelnen Richtungen des Protestantismus vermutet.
Christliche Werte haben sich tief im Bewusstsein verankert, auch ohne persönlichen Glauben, sind aber zunehmend bedroht.
Wichtig erscheint mir die Beobachtung, dass sich die vom Christsein herausgebildeten Werte im Bewusstsein des einzelnen Menschen verankerten. Diese Verankerung wirkte über die Schiene der Kultur auch, wo kein persönlicher Glaube vorhanden war. Heute können wir sagen, dass die Werte auch noch einige Zeit weiter wirken, selbst wenn die Menschen sich von den christlichen Wurzeln verabschiedet haben. Sie welken allerdings ohne ihre Wurzeln oder sie wuchern in eine falsche Richtung, weil ihnen das Korrektiv fehlt. Der Individualismus macht das deutlich: Er ist eine Folge des Bewusstseins, dass Gott den einzelnen Menschen sieht, Christus für den Einzelnen starb und sogar unser Name im Himmel aufgeschrieben ist, wenn Gott uns das Heil schenkt. Dieser Individualismus ist aber kein Heilsegoismus, sondern er ist verbunden damit, dass die Christen als lebendige Steine in den irdischen Tempel Gottes, seine Gemeinde, eingebaut sind. Christen sind nicht nur als Einzelne berufen und errettet, sondern zum Gliedsein am Leib von Christus und zur gegenseitigen Ergänzung.
Wird das vorherrschende Denken in Kategorien der Schuld und dem Wert eines moralisch guten Lebens gelöst von seinen biblisch-christlichen Wurzeln, dann mag der Mensch denken, er könne sich damit von allzu enger christlicher Moral befreien. Tatsächlich ersetzt er die biblisch geprägten ethischen Gebote und Prinzipien aber durch andere. Die moderne gottlose Weltanschauung will ihm Schuldempfinden an der Klimaerwärmung vermitteln und Absolution für seine „Klimaschuld“ durch Wohlverhalten wie Verzicht und Geldzahlungen geben, was nicht zufällig an Askese und römisch-katholische Ablässe erinnert. Absurd erscheint es, wenn Menschen aus Verantwortung für künftige Generationen auf Nachkommen verzichten wollen. Wer bestimmte Sexualpraktiken nicht für normal oder gut hält, soll Schuld empfinden und sich verantwortlich fühlen, wenn sich jemand, der so lebt, verzweifelt das Leben nimmt. Toleranz soll nicht reichen, nur die volle Bestätigung anderer soll richtig sein. Selbst hier könnte man sagen, dass die Grundwerte dafür christlich sind, wenn es um begrenzte Toleranz geht und das Verbot, Richter über andere Menschen sein zu wollen. Aber sie sind losgelöst von ihren eigentlichen Wurzeln und werden schließlich ganz verdreht.
Fazit
Oberflächlich betrachtet scheint die westliche Lebensweise, die von Freiheit, Individualismus, aber auch der Säkularisierung des Alltagslebens und von einer gewissen Respektlosigkeit gekennzeichnet ist, gar nicht christlich zu sein. Ihre negativen Auswüchse sind es bestimmt nicht. Aber die Wurzeln sind es doch. Das erkennt man interessanterweise daran, dass die Menschen im Westen in gewisser Weise „seltsam“ sind, wie es Joseph Henrich formuliert hat. Ihr Denken ist nicht einfach logisch und plausibel, sondern hebt sich ab von der zahlenmäßigen Mehrheit weltweit. Auch ihr Verhalten ist nicht unbedingt naheliegend. Die Entwicklung des Westens erscheint insofern unnatürlich. Es ist aber deutlich, dass das christliche Abendland und das christliche Menschenbild Realitäten sind, auch wenn heute kaum jemand zu sagen vermag, was das genau sein soll.
Unsere Gesellschaft hat zunehmend vergessen, woher ihre angenehmen Seiten, ihr Erfolg und ihre Attraktivität stammen. In Teilen verachtet sie ihre christlichen Wurzeln sogar oder meint, dass es kein Problem sei, sie durch irgendetwas anderes zu ersetzen. Natürlich soll niemand Christ sein, weil er sich Vorteile davon verspricht. Wir sind Christen wegen der Liebe von Jesus Christus und seiner Rettung. Aber durch den Glauben sind wir auch Salz und Licht für die Gesellschaft, in der wir leben. Was sind Konsequenzen für uns?
Es ist deutlich, dass die Zusammenhänge eine gesellschaftlich-politische Seite haben. Ich habe mich deswegen nicht darauf konzentriert, weil der christliche Auftrag nicht darin bestehen kann, mit politischen Mitteln den Verfall aufzuhalten oder gegen seine Symptome zu kämpfen. Wenn wir uns auf das mutige Bekenntnis der biblisch-christlichen Botschaft konzentrieren, dann bewirken wir, wenn die Menschen durch Gottes Gnade darauf hören, viel mehr. Das Evangelium hat nämlich durch Gottes Geist die Kraft, Menschen und ganze Gesellschaften zu verändern. Gott hat uns für diese Aufgabe keinen Geist der Mutlosigkeit geschenkt, sondern der Kraft, der Liebe und der Selbstbeherrschung. Unsere Gesellschaft verändert sich durch den Versuch, jüdisch-christliche Wurzeln durch eine neue Ideologie zu ersetzen, die derzeit unter dem Stichwort „Wokismus“ zusammengefasst wird. Wenn Gott nicht Umkehr schenkt, werden wir immer mehr negative Folgen zu spüren bekommen.
Auch durch die relativ große Zahl an Einwanderern, die aus nicht-westlich geprägten Gesellschaften stammen, werden Unterschiede deutlich. Das lässt sich allerdings nicht einfach an bestimmten Ländergrenzen festmachen, denn vor allem Großstädte überall auf der Welt sind vom westlich-christlichen Denken stark beeinflusst worden. Probleme der Integration rühren m.E. auch nicht hauptsächlich daher, dass unterschiedlich geprägtes Denken aufeinandertrifft. Das ist in dieser Welt etwas Normales und für Christen sowieso Alltag. Außerdem war es nie ein christliches Ideal, „unter sich“ zu bleiben. Die Probleme werden dadurch groß, dass die Elemente der Verschiedenheit nicht erkannt und/oder benannt werden. Aus Unkenntnis, falscher Toleranz und Mitgefühl entstehen Konflikte, die m.E. bei klarer Kommunikation der christlichen Werte des Westens besser zu lösen wären. Das wird nicht diskriminierend, wenn wir es als ein Geschenk vermitteln, auf das wir uns nichts einbilden. Ich mache das im Gespräch mit Einwanderern regelmäßig. Es ist dann allerdings ein Teil eines missionarischen Gesprächs, denn als Christen haben wir zuerst den Auftrag, den Menschen die Botschaft von Christus zu verkünden. Wir werden niemanden anklagen, weil er in einer teilweise anderen Denkwelt und Religion aufgewachsen ist. Wir suchen Wege, wie wir die Botschaft der Bibel, die für alle Völker, Sprachen und Nationen gilt, nahebringen können.
Für uns als Christen bleibt wichtig, dass wir angesichts dessen die Botschaft des Wortes Gottes selber immer besser verstehen. Damit verstehen wir auch unsere Umgebung und unsere Mitmenschen besser. Auf dieser Grundlage können wir die Botschaft Gottes möglichst treffend in unserer Zeit den Menschen verkündigen, die Gott zu unseren Nächsten gemacht hat.
Thorsten Dietz und Tobias Faix haben in ihrer „Transformativen Sexualethik“ von 2025 geschrieben, dass die biblischen Aussagen zum Menschen „widersprüchlich“ seien und „völlig aus der Zeit gefallen“. Sie können nur eine unspezifische „Bezogenheit auf Gott“ und die ständige Wandelbarkeit des Menschen feststellen. Thorsten Dietz/Tobias Faix. Transformative Ethik: Wege zur Liebe. Eine Sexualethik zum Selberdenken. Neukirchen: Neukirchner Verlag 2025. S. 59. Meine ausführliche Besprechung unter https://bibelbund.de/2025/04/wege-zur-liebe-wie-christliche-sexualethik-unchristlich-transformiert-wird/ ↩
Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind: die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur. Basel 2016; Die Seele des Westens: wie Europa schöpferisch bleibt: die Bibel als Brücke zwischen Wahrheit und Toleranz. Basel 2019. ↩
Ein genauer Blick könnte allerdings zeigen, dass der Erfolg des Ostens auf überwiegend westlichen Werten beruht. Chinas Erfolg beruht m.E. in weiten Teilen darauf, dass Elemente des westlichen Denkens mit einzelnen östlichen verbunden wurden. Das müsste sicher genauer untersucht werden. Interessant ist aber in dieser Hinsicht das Buch von Liao Yiwu „Gott ist rot: Geschichten aus dem Untergrund – Verfolgte Christen in China“, das auch die These aufstellt, dass das moderne China „seinen“ Christen viel mehr zu verdanken hat, als ihm bewusst ist. ↩
Thomas Assheuer hatte in seiner Kritik an der Monotheismus-Kritik von Jan Assmann eine wichtige Konsequenz des jüdischen Glaubens an den einen Gott herausgestellt. Während Assmann meint, dass damit Kriege und Gewalt im Kampf um den wahren Glauben an den einzigen Gott begonnen hätten, stellt Assheuer heraus, dass die Bibel die Sache nachvollziehbar anders darstellt: „Die mosaische Unterscheidung [zwischen dem einen wahren Gott Jahwe und den vielen falschen Göttern] ist Weltverneinung, aber doch in einem spezifischen Sinn: Sie entzieht der Welt die Zustimmung, weil sie Unterdrückung bedeutet, Knechtschaft und Unrecht. Der Bund mit Gott ist die Perspektive der Hoffnung auf Befreiung gegen den steinernen Blick der Macht. Er beendet die Vergöttlichung des Staates, durchbricht den mythischen Schicksalsglauben und unterscheidet zwischen Recht und Gewalt, Unrecht und Unglück. … Nicht länger sind die ägyptischen Machteliten rechtmäßiger Teil des kosmischen Universums; nicht länger ist Unrecht ein ehernes Geschick und das Böse Folge ewiger Götterkämpfe.“ „Hinter dem Rücken des einen Gottes“ DIE ZEIT 42 (9.10.2003). ↩
Epist. 1. VIII. Nr. 21; zitiert nach der Übersetzung bei Assheuer. Assheuer gibt die neuere historische Deutung von Gregors Verhalten wieder. Früher wurde oft die Position vertreten, Gregor habe den Staat verteufelt, um entweder mit der Kirche an dessen Stelle zu treten oder wenigstens die Kirche als Instrument der Heiligung des Staates in Front zu bringen. ↩
Berlin Suhrkamp 2025. (Das amerikanische Original erschien 2019, eine erste deutsche Ausgabe 2022.) Meine kurze Besprechung des Buches unter https://bibelbund.de/2025/09/die-seltsamsten-menschen-der-welt/ ↩
In Deutschland darf deswegen auch die Polizei in einem Verhör einem Verbrecher gegenüber nicht lügen, um ihn etwa zu einer verfänglichen Aussage zu bringen. ↩
Sogar die erwähnte post-evangelikale Sexualethik von Thorsten Dietz und Tobias Faix, die 2025 erschienen ist, erkennt in solchen polyamoren Verbindungen viele Vorteile. Sie seien entspannend für Beziehungsgeflechte, weil verschiedene Partner verschiedene Aspekte der Beziehung bedienen könnten. Die Erziehung von Kindern könnte man sich besser teilen und weitere positive Argumente wären denkbar. ↩
Vgl. Henrich 365ff. ↩
Dass das mit dem Überschuss an unverheirateten Männern zusammenhängt, zeigt auch die Situation in China, wo durch die Ein-Kind-Politik und die selektive Abtreibung von Mädchen die gleiche Situation entstanden ist, wie das durch die Vielehe der Fall ist. Die Kriminalitätsrate ist entsprechend. Die Entwicklung der Kriminalität in Deutschland zeigt auch eine erhöhte Rate unter unverheirateten jungen Männern. ↩
Henrich weist darauf hin, dass auch der Hormonhaushalt durch die Ein-Ehe so beeinflusst wird, dass verheiratete Männer einen niedrigeren Testosteron-Spiegel haben, was eine Ehe stabilisiert und so sowohl für die Kinder Sicherheit bietet als auch die Ehen anderer „schützt“. Das sei nachgewiesenermaßen in Gesellschaften mit Vielehen deutlich anders, in denen auch ältere Männer mit Macht oder Reichtum immer auf der Suche nach einer weiteren Frau sein können. ↩
Henrich 391. Mit dem Begriff „Positivsummenwahrnehmung“ meint Henrich, dass bei einer Abwägung von Vor- und Nachteilen eines Verhaltens das Positive als vorherrschend angesehen wird. Das entspricht einer christlichen Lebenshaltung in Glaube, Liebe und Hoffnung. Ceteris paribus ist ein lateinischer Ausdruck für: Wenn alle anderen Bedingungen gleich bleiben, dann … ↩
David Herlihy. Medieval Households. Studies in Cultural History. Cambridge/Michigan 1985. zitiert bei Henrich 392-393. ↩
Henrich korrigiert sich im Folgenden auch etwas: „In der Darstellung, die ich hier entwickle, ist das Aufkommen des Protestantismus wohlgemerkt sowohl eine Folge als auch eine Ursache der sich wandelnden Psychologie der Menschen“ (601). ↩