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ThemenPredigten und Bibelarbeiten

Das letzte und das erste Abendmahl

Jesus hat mit dem Abendessen im Rahmen der Passahfeier das Abendmahl eingesetzt, das die christliche Gemeinde seitdem regelmäßig feiert. Er deutet dabei zwei Elemente des Essens neu auf sein leibliches Sterben hin. Damit wird auch das Gebot zur jährlichen Passahfeier erfüllt, das ein Zeichen des alten Bundes zwischen Gott und seinem Volk war. Das Abendmahl ist ein Zeichen des neuen Bundes durch die Erlösung am Kreuz.

Alle vier Evangelien berichten davon, dass Jesus gemeinsam mit seinen Jüngern am Abend vor seiner Kreuzigung gegessen hat. Aber es war kein gewöhnliches Essen. Mit diesem Abend begann das jährliche Passahfest, das viele Familien aus Jerusalem und Pilger miteinander feierten. Jesus wollte den Abend mit seinen Jüngern verbringen, die den Kern der bald entstehenden Gemeinde und damit die neue Familie Gottes bilden sollten. Außerdem wollte Jesus dem Passahessen eine neue, erweiterte Deutung geben, die schon darauf hindeutet, dass das Herrenmahl an die Stelle der Passahfeier treten wird.

Aus den Berichten der Evangelien können wir viele historische Details dieses Ereignisses erschließen, die durch archäologische Funde unterstrichen werden. Es ist offenbar in Gottes Interesse, dass wir nicht nur die geistliche Symbolik verstehen, sondern seine leibliche Wirklichkeit wahrnehmen. Beides gehört in der Bibel zueinander. Jesus hat seinen Jüngern den Ort der gemeinsamen Feier erst relativ spät mitgeteilt. Man war auch erst wenige Tage vorher nach Jerusalem gekommen und nun fragten die Jünger, wo sie die Vorbereitungen für das Passahmahl treffen sollten (Lk 22, 8-13). Offenbar hatte Jesus bereits einen großen Raum ausgesucht, wo man nicht nur ungestört essen konnte, sondern Jesus auch seine Abschiedsreden halten konnte, von denen Johannes in Kapitel 13-17 berichtet. Aufgrund eines Details, das nur Markus berichtet, wird angenommen, dass der Raum im Haus von Maria, der Mutter von Johannes Markus, war. Als nämlich Jesus mit seinen Jüngern nach dem Essen zum Garten Gethsemane aufbricht, folgt ihnen heimlich vom Haus aus ein junger Mann, der nackt flieht, als es zur Festnahme kommt (Mk 14,51-52). Sinnvoll ist dieser kleine Bericht, wenn Markus als entfernter Zeuge der Versammlung, eilig und notdürftig bekleidet, aber voller Neugier sehen wollte, was weiter passierte. Auch später war dieses Haus ein Treffpunkt der ersten Gemeinde (Apg 12,12).

Nach Lukas war der Raum mit Polstern ausgestattet, auf denen die Jüngern während des Essens saßen und lagen. Es war nämlich seit langer Zeit üblich geworden, bei festlichen Essen nach der Art der griechischen Sitten, die sich spätestens seit den Eroberungen Alexanders des Großen verbreitet hatten, auf der Seite auf Polstern zu liegen. Die Füße waren nach hinten gestreckt, während man vor sich in der Mitte das Essen stehen hatte. Jüdische Häuser hatten keine gesonderten Esszimmer, weil das Essen im Alltag im Hof eingenommen wurde. Bei Festen aber wurde der größte Raum mit Unterlagen aus Schilfrohr oder Teppichmatten ausgelegt, auf denen man Platz nahm. Das Essen stand leicht erhöht in der Mitte. Man bediente sich in der Regel von gemeinsamen Tellern und aus gemeinsamen Schüsseln. Die Römer hatten diese Sitte für die Wohlhabenden und in Palästen perfektioniert. In einem speziellen Speiseraum waren Liegen oder Polster in einer U-Form aufgestellt (Triclinum). Davor hatte man niedrige Tische mit den Speisen. Diener konnten von der offenen Seite Essen bringen und Getränke nachfüllen. Auch im Palast von Herodes findet sich ein solcher Saal. Einzelheiten erkennt man auf Wandgemälden, die z.B. in Pompeji erhalten geblieben sind.1

Offenbar hatten solche Essen auch eine Anziehungskraft auf die jüdische Oberschicht. So lässt sich die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus verstehen. Bei Lukas 16,21 heißt es, dass Lazarus hoffte, etwas von dem zu bekommen, was vom Tisch des reichen Mannes herunterfiel. Weil es dann staubig war, bekamen es die Hunde oder verachtete Arme. Mit solchen Hunden, die fressen, was vom Tisch herunterfällt, vergleicht sich voller Demut auch die phönizische Frau, die um Heilung für ihre Tochter bittet und zuerst von Jesus abgewiesen wird (Mt 15,27). Unter den Essenern wurden solche üppigen Mahlfeiern kritisiert. In einer Abschrift der Himmelfahrt des Mose aus dem 1. Jhdt. n. Chr. liest man Kritik an den Gelagen der Reichen. Auch die Über­nahme heidnischer Sitten wurde in manchen Kreisen in Israel kritisch gesehen. Für das Gelage zur Geburtstagsfeier des Herodes, an dessen Ende eine Schüssel mit dem Kopf von Johannes, dem Täufer, hingestellt wird, können wir die Kritik gut verstehen (Mt 14,1-11). Das stellt aber nicht das „Zu-Tisch-Liegen“ in Frage2, das bei Lukas sogar für die ewige Feier im Himmelreich Gottes benutzt wird: „Und sie werden kommen von Osten und Westen und von Norden und Süden und zu Tisch liegen im Reich Gottes“ (Lk 13,29). In den Evangelien finden sich mehrere griechische Wörter dafür. Man saß oder hockte bei der alltäglichen Essensaufnahme. Aber man lag beim besonderen festlichen Essen, das dann auch länger dauerte. Das „Zu-Tisch-Liegen“ wird zum Synonym für das Festessen.

Jesus teilte die Tischgemeinschaft bis zuletzt auch mit Judas, der ihn verraten wollte. Wie er damit umgeht, führt bei allen Jüngern zu der Frage, ob auch sie Jesus verraten könnten.

Beim Abendmahl vor der Kreuzigung hatten die Jünger sich wohl schon an den Tisch gelegt, als Jesus zur Wasserschüssel griff, sich eine Schürze umband und dann den Jüngern die nach hinten weggestreckten Füße wusch (Joh 13,1-12). Am Ende nahm Jesus wieder seinen Platz unter den Jüngern ein, wobei sich Johannes ohne besonderes Aufheben an die Brust von Jesus lehnen konnte. Das Brot tauchte man in gemeinsame Schüsseln. Wahrscheinlich waren das für die 13 anwesenden Personen mehrere, aber Judas Iskariot war Jesus so nahe, dass er eine Schüssel mit ihm teilte und Jesus ihm ein Stück Brot reichen konnte (Mk 14,20; Joh 13,26). Offenbar wurde auch das Trinkgefäß von allen genutzt und wiederholt herumgereicht. Erst beim letzten Mal vor dem Lobgesang zum Abschluss setzte Jesus das Abendmahl mit der neuen Deutung von Brot und Wein ein.

Es ist ein wenig verstörend, dass Jesus im Wissen, dass Judas ihn verraten würde, mit ihm am gleichen Tisch isst. Tilmann Riemenschneider hat die Figur von Judas, um das zu unterstreichen, in die Mitte eines Schnitzaltars gesetzt . Man kann diese Figur aber herausnehmen. Damit wollte der Künstler verdeutlichen, dass Judas noch vor der Einsetzung des Abendmahls nach Aufforderung von Jesus das Essen verlässt. Das ist durchaus möglich, aber die Evangelien betonen es nicht. Judas weiß, dass Jesus vorhat, anschließend im Garten Gethsemane zu sein, und geht, um die Soldaten des Hohepriesters zu benachrichtigen, diese zu begleiten und im Dunkeln Jesus unter den 12 Männern mit einem Kuss zu identifizieren (Lk 22,3.47-48; Joh 13,26-31; 18,2-5). Jesus hatte diesen „Sohn des Verderbens“ (Joh 17,12) die ganze Zeit seines Wirkens bei sich. Warum? Vielleicht hängt es mit der Frage zusammen, die sich alle Jünger stellen, nachdem Jesus ankündigt, dass er von einem von ihnen verraten würde: „Bin ich es?“ Und auch Judas stellt wie die anderen die gleiche Frage (Mt 26,22-25). Soll uns das daran erinnern, dass wir uns den Glauben nicht gegeben haben und ihn uns auch nicht bewahren können? Jedenfalls tritt Jesus der selbstsicheren Zusage von Petrus, dass er sogar mit Jesus sterben wollte, entgegen und kündigt ihm an, dass er im Gegenteil sogar drei Mal hintereinander leugnen wird, zu Jesus zu gehören. Wir sollen beten „Führe uns nicht in Versuchung!“ Das beten wir aber mit Zuversicht zu Gott, dass er uns vor dem Bösen bewahren wird. Hochmütige Selbstsicherheit wäre fehl am Platz. Demütiges Vertrauen auf Gottes Güte beschenkt Gott mit Gnade.

Da mit Einbruch der Dunkelheit der neue Tag begonnen hatte und es mithin schon der Anfang des Passahfestes war, konnte Jesus an diesem Abend (nach unserem Verständnis der Donnerstag, nach jüdischem Verständnis schon der Freitag) mit seinen Jüngern das vorgeschriebene Mahl feiern. Zu diesem Essen gehörte die Deutung der Elemente, die in der späteren jüdischen Seder-Tradition wohl noch ausführlicher wurde als sie es anfangs war. In der traditionellen Deutung wurden die Elemente des Essens und das Miteinander selber auf den Auszug aus Ägypten hin ausgelegt. Das hatte Gott so angeordnet und Mose sagte dem Volk:

2Mose 13,3-8: „Erinnert euch immer an diesen Tag, an dem ihr aus dem Sklavenhaus Ägypten gezogen seid! Denn Jahwe hat euch mit starker Hand von dort herausgeführt. Darum soll nichts gegessen werden, worin Sauerteig ist. Heute im Ährenmonat zieht ihr aus. Jahwe hat euren Vätern geschworen, euch das Land zu geben, das von Milch und Honig überfließt. Wenn Jahwe euch dann in das Land bringt, das jetzt den Hetitern, Amoritern, Hewitern und Jebusitern gehört, dann sollt ihr das Fest immer in diesem Monat begehen. Sieben Tage lang sollt ihr ungesäuerte Brotfladen essen, und am siebten Tag ein Fest für Jahwe feiern. Während dieser sieben Tage dürft ihr nur ungesäuerte Brotfladen essen. Nichts, was mit Sauerteig zubereitet wurde, soll bei euch und in eurem ganzen Wohngebiet gesehen werden! Deinem Sohn sollst du es so erklären:‚Wir tun das zur Erinnerung an das, was Jahwe für uns getan hat, als wir aus Ägypten zogen.‘“

In der neuen Deutung durch Jesus werden aber das ungesäuerte Brot und der letzte Weinbecher auf den bevorstehenden Tod von Jesus gedeutet. Jesus setzt damit ein neues regelmäßiges Essen ein, das nun nicht mehr an die Befreiung aus der Gefangenschaft in Ägypten erinnern soll, sondern an die Erlösung von Schuld und Sünde, die Jesus mit seinem Kreuzestod wirken wird. Da Jesus die bevorstehende Zerstörung des Tempels vorhergesagt hatte, die dann 40 Jahre später auch so radikal eintrat, dass das jüdische Volk bis heute keinen Tempel hat, ersetzte das Abendmahl für die christliche Gemeinde das Passahmahl – auch für ihre jüdischen Mitglieder. Ohne Tempel kann das Fest nicht gefeiert werden, weil die Passahlämmer nur dort geschlachtet werden dürfen (5Mo 16,5-7). Allerdings waren Nicht-Juden sowieso vom Passah ausgeschlossen (2Mo 12,43). Die Rettung durch Christus sollte aber für Juden und Nichtjuden gleichermaßen gelten. Auch der Auszug aus Ägypten war eine Rettungstat Gottes. Das ungesäuerte Brot sollte an die Eile erinnern, in der das Volk unter der Führung von Moses aufbrechen musste. Das Element des Weinkelchs gab es dabei nicht ausdrücklich. Aber die Schlachtung des Passahlamms hatte dazu gedient, dass man sein Blut nehmen musste, um das von Gott geforderte Zeichen an die Eingangstüren zu machen. Nur so ging die 10. Plage Gottes, der Tod jedes erstgeborenen männlichen Menschen und Tieres, an den Israeliten vorüber. Das Passahfest mit dem Schlachten des Lammes und dem ungesäuerten Brot war Teil des Bundes, den Gott mit seinem Volk am Sinai schloss:

2Mose 34,27: „Und der HERR sprach zu Mose: Schreib dir diese Worte auf; denn auf Grund dieser Worte habe ich mit dir und mit Israel einen Bund geschlossen.“

Im Zusammenhang von 34,18-27 wird das Passah ausdrücklich genannt, bei dem das ungesäuerte Brot und das Passahlamm in der Familie gegessen werden. Es ist also Grundlage und Zeichen des alten Bundes zusammen mit den Geboten vom Sinai.

In der neuen Deutung des Brotes sagt Jesus, dass es seinen Körper darstellt, der am Kreuz zur Rettung stirbt. Die Evangelien deuten an, dass Jesus in dieser Hinsicht das neue Passahopfer ist (Joh 1,29.36), Paulus sagt es ausdrücklich: „Denn auch wir haben ein Passalamm, das ist Christus, der geopfert ist“ (1Kor 5,7). Der Wein entspricht seinem Blut, das zur Vergebung der Sünde vergossen wird. Die Bedeutung des Blutes liegt vor allem darin, dass es für das Leben steht, das Jesus gibt: „Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben“ (Mt 20,28). Jesus hat in diesem Zusammenhang auch von einem neuen Bund gesprochen, der durch sein Sterben am Kreuz begründet wird (Lk 22,20; 1Kor 11,25). Er verbindet den neuen Bund mit seinem Blut, d.h. mit dem Opfer seines Lebens. Mit diesem Blut hat Jesus die Gläubigen von der Sünde freigekauft und sie zum Eigentum Gottes gemacht (Apg 20,28; Röm 5,9; Eph 1,7; Kol 1,20; 1Pet 1,18-19; 1Joh 1,7). Auch wenn Jesus hier nicht direkt von der Mahlfeier spricht, hat er doch auch in Joh 6,53-57 die Errettung und Verbindung mit Gott mit dem Essen und Trinken seines Fleisches und Blutes verbunden. Hier ist bildhaft gemeint, dass der Gläubige anerkennt, dass er selbst mit seiner Sünde den Tod von Jesus verschuldet hat und zugleich auf die Rettung durch diesen Tod vertraut.

Jesus wollte, dass ein Abendmahl mit Brot und Wein regelmäßig gefeiert wurde. In der frühen Kirche geschah das wahrscheinlich mindestens jede Woche, wenn man zum Gottesdienst zusammenkam. Eindeutig aber ist, dass die leiblichen Zeichen, das Essen und Trinken, an die geistliche Wahrheit erinnern sollen. Das soll aber nicht nur ein geistiger Vorgang sein, sonst könnte man auch einfach jeden Sonntag die Leidensgeschichte vorlesen. Das geistige Element soll mit dem leiblichen Element verbunden bleiben. Wir sind nicht nur durch die Wahrheit erlöst, dass Gott uns liebt und uns vergibt. Wir sind durch das leibliche Menschwerden des ewigen Gottessohnes, durch seine Kreuzigung, seinen Tod und seine Auferstehung erlöst. Daran soll unser Glaube immer wieder auf leibliche Weise durch Brot und Wein erinnert werden.


  1. Viele Einzelheiten finden sich in dem ausgezeichneten Buch Das römische Gastmahl: eine Kulturgeschichte von Elke Stein-Hölkeskamp, Beck, 2005. 

  2. Matthew J. Grey hat zuletzt solche Zweifel mit archäologischen Argu­menten verstärkt. Allerdings treffen seine Argumente nur das römische Feiern am Triclinum, für das Räume gebraucht wurden, die in den Alltagshäusern in Israel nicht vorhanden waren. Die sprachlich gut bezeugte griechische Sitte des Am-Tisch-Liegens war aber in Israel lange eingebürgert und konnte auch in kleineren Räumen gepflegt werden. „What Did the Last Supper Really Look Like?“ BAR 1/52 (2026): 30-37.