Ich hasse den Tod. Er ist ein Feind. Wie viele Euphemismen wir auch für das Sterben benutzen, um uns vor der hässlichen Realität zu schützen, es bleibt die Tatsache, dass, wenn ein geliebter Mensch „diese Welt verlässt“, „entschläft“ oder „uns verlassen hat“, er gestorben ist. Die Beziehungen, die wir liebten, sind zerbrochen. So wie unser Leben über die Jahre gewachsen ist und wir es gewohnt waren, wird es nie wieder sein. Es gibt einen echten Verlust.
Deswegen möchte ich, wenn ich sterbe, auch keine „Feier des Lebens“. Ich wünsche mir eine Beerdigung. Sie soll ein Protest gegen den Tod sein mit seiner hässlichen Seite und seiner Unnatürlichkeit. Der Tod war kein Teil von Gottes guter Schöpfung am Anfang. Die Wahrheit lautet, dass der Tod ein böswilliger Eindringling ist, der das Leben und den Geber des Lebens verhöhnen will. Salomo erkannte das und es bewegte ihn dazu, die folgenden Überlegungen über diese schmerzhafte Realität aufzuschreiben:
Da sagte ich mir: „Wie einen Narren trifft es auch mich. Wozu bin ich denn so weise geworden?“ Ich sah ein, dass auch das ohne Bedeutung war. Denn weder an den Weisen noch an den Narren wird man sich lange erinnern. Wie bald werden beide vergessen sein. Auch der Weise muss genauso sterben wie der Narr. Da hasste ich das Leben, denn alles, was unter der Sonne getan wird, war mir zuwider. Alles ist nichtig und ein Haschen nach Wind. Prediger 2,15–17
» Der Tod gehört nicht zum Leben. Er ist in Wahrheit ein böswilliger Eindringling in Gottes gute Schöpfung, der das Leben und den Geber allen Lebens verhöhnen will.
Da kann es nicht verwundern, dass der Apostel Paulus den Tod einen Feind nennt. Er ist der „letzte Feind“. Je länger wir leben, desto mehr kennen wir diesen Feind. Und nicht nur das: auch der letzte Kampf mit diesem Feind rückt für uns mit jedem Jahr näher.
Christus, der Kämpfer gegen den Tod
Glücklicherweise stehen Christen dem Tod nicht allein gegenüber. Der Herr und Retter, Jesus Christus, ist uns vorangegangen. Er stand dem Tod gegenüber und er hat ihn besiegt. Jedes der vier Evangelien beschreibt diesen Kampf von Jesus mit dem Tod in grausamen Details. Die drei Jahre seines öffentlichen Wirkens erscheinen als Vorbereitung auf diesen umfassenden Konflikt. Jedes Ereignis, jedes Lehren und jeder Schritt, den Jesus machte, machte er auf dem Weg, der ihn zum Sterben nach Golgatha führte.
Als er am Sonntag vor seiner Kreuzigung nach Jerusalem kam, sprach Jesus von der Notwendigkeit seines bevorstehenden Todes. Er sagte, während der Kreuzestod nur noch wenige Tage entfernt war:
„Ich bin jetzt voller Angst und Unruhe. Soll ich beten: ‚Vater, rette mich vor dem, was auf mich zukommt?‘ Aber deswegen bin ich ja gerade in diese Zeit hineingekommen“ (Joh 12,27).
Er war geboren, um dem Tod ins Gesicht zu sehen.
Jesus erlebte ihn dann auch in seiner abstoßenden, zerstörerischen Wirklichkeit. Er spürte am Kreuz die Qualen und die Schande des Todes. Sein Körper wurde gefoltert. Irgendwann erreichte kein Sauerstoff mehr seine Organe. Sein Blut hörte auf, in seinen Adern zu fließen, als sein Herz aufhörte zu schlagen. Jesus hatte seinen Geist dabei in die Hände seines Vaters übergeben, seinen letzten Atemzug getan und war gestorben (Lk 23,46).
Meist berührt uns die sichtbare Seite der Kreuzigung von Jesus und sein körperliches Sterben am stärksten. Jemanden sterben zu sehen, kann eine sehr schmerzhafte und traurige Erfahrung sein. Irgendwann ist da der letzte Atemzug und es kommt der letzte Herzschlag. Dann überwindet vor unseren Augen der Tod das Leben. Jesus hat das am eigenen Leib erlebt. Allerdings war das für ihn nicht der einzige und vielleicht auch nicht der wichtigste Teil der Realität des Todes. Der Kern des Leidens war das Leiden seiner Seele.
Die Bibel benutzt verschiedene Arten, um dieses innere Leiden, das durch den Tod bei Jesus verursacht wurde, auszudrücken. Das vierte Gottesknechtslied in Jesaja 52,13-53,12 wirft ein Licht auf die leidvolle Erfahrung des Messias. Die Wörter dafür heißen dort „verachtet“, „bedrängt“, „gedemütigt“, „mühselig“, „zerschlagen“, „verstummt“, „verurteilt“. Diese Wörter beschreiben nicht zuerst den körperlichen Schmerz, sondern „die Mühsal seiner Seele“ (11), die er erleiden musste, um seinen Auftrag zu erfüllen.
In der Nacht, als Jesus verraten wurde, da rang er im Gebet im Garten Gethsemane, während er dem Verrat und seiner Festnahme entgegensah. Es waren nur noch wenige Stunden, bis ihm ein Dornenkranz als Krone auf seinen Kopf gepresst wurde und er dann an die Kreuzbalken genagelt wurde. In diesem Wissen betete er: „Mein Vater, wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch des Leidens an mir vorübergehen. Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen“. Und dann: „Mein Vater, wenn es mir nicht erspart werden kann, ohne dass ich den Leidenskelch trinke, dann soll dein Wille geschehen“ (vgl. Mt 26,39.42).
Warum benutzte der Prophet Jesaja diese beinahe grausame Sprache? Warum hören wir von Jesus derart klagende Bitten an Gott? Es haben doch auch andere Menschen einem ungerechten Tod entgegengesehen, wurden auch gedemütigt und gefoltert, sogar durch Kreuzigung. Inwiefern unterschied sich die Erfahrung von Jesus davon, wenn die Umstände doch ähnlich waren?
Jesus hat nicht weniger gelitten als viele andere, die gestorben sind. Er hat viel mehr gelitten. Der Tod von Jesus war einzigartig aufgrund dessen, wer er ist, wegen seiner Person, und aufgrund dessen, was er bewirken sollte. Jeder andere starb als sterblicher Sünder. Jesus starb als der ewige, sündlose Sohn Gottes, der Mensch geworden war. Andere starben aufgrund der Konsequenzen der Sünde, an denen alle Menschen teilhaben, weil sie Menschen sind. Jesus starb als einziger Mensch, obwohl er von keiner Sünde wusste (2Kor 5,21), aber sich entschieden hatte, sein Leben dafür zu opfern, dass er die Sünde der Welt überwindet (Joh 1,29).
Der Mensch unter der Macht des Todes
Der Lohn der Sünde ist der Tod, so heißt es in Römer 6,23. Gott hatte das schon Adam klargemacht, als er ihn warnte, die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu essen. „Andernfalls“, so sagte Gott, „werdet ihr gewiss sterben“ (1Mo 2,17). Nun kann man mit Recht die Frage stellen, warum Adam und Eva nicht sofort an dem Tag starben, als sie die verbotene Frucht aßen. Gott richtete sie, aber er erwies ihnen auch seine Gnade und Vergebung. Dann mussten sie den Garten Eden aber verlassen. Ihr Leben ließ er aber nicht sofort enden. Warum eigentlich nicht?
Die Antwort können wir verstehen, wenn wir bedenken, dass die Bibel von drei Arten von Tod und Sterben in dieser Welt spricht. Sie alle sind Folgen der Sünde. Erstens bringt die Sünde den geistlichen Tod hervor, der den Sünder von Gott trennt. Zweitens verursacht die Sünde den Verfall, der schließlich zum körperlichen Tod führt, bei dem der Geist des Menschen von seinem Leib getrennt wird. Drittens ist da der ewige Tod als Folge, wenn der geistlich tote Mensch körperlich stirbt. Dann erwartet den Sünder nur noch die ewige Strafe für seine Sünde gegen Gott, was die Bibel Hölle nennt.
Adam und Eva starben unmittelbar, als sie ungehorsam die verbotene Frucht aßen, den geistlichen Tod. Die wunderbare Gemeinschaft mit Gott, die sie im Garten Eden gerade noch genossen hatten, war durch die Sünde zerbrochen. Sie waren jetzt geistlich verloren und mussten wiedergefunden werden, sie waren plötzlich geistlich tot und brauchten neues geistliches Leben. Sie starben zwar nicht sofort körperlich, aber der Prozess des Sterbens setzte sofort ein. Sie hatten unmittelbar das Wissen, dass ihr Leben einmal zu Ende gehen würde. Und was viel schlimmer ist, es drohte auch der ewige Tod, weil sie geistlich tot waren und das körperliche Sterben nun jederzeit möglich war.
» Adam und Eva starben nach ihrem Ungehorsam den geistlichen Tod und lebten im Wissen, dass der leibliche Tod jederzeit kommen kann und irgendwann unweigerlich kommen wird.
All das hat die Sünde verursacht. Sie trennt uns vom Leben, das allein von Gott stammt. So bringt sie uns den Tod. Jeder Friedhof, an dem du vorbeikommst, verkündet die Erbschaft, die die erste Sünde im Garten Eden hinterlassen hat und die seitdem alle Nachkommen Adams in jedem Alter betrifft. So ist es deutlich in Römer 5,12 ausgedrückt: „Durch einen einzigen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen und mit der Sünde der Tod. Und auf diese Weise ist der Tod zu allen Menschen hingekommen. Deswegen hat auch jeder gesündigt.“
Das sollten wir schon unseren Kindern beibringen: alle Menschen, jeder Einzelne, wurde seit der Sünde Adams in die Sündhaftigkeit hineingeboren. Darum gibt es Beerdigungen. Darum müssen unsere Freunde und Verwandten, aber auch du und ich, jederzeit dem körperlichen Tod ins Auge sehen.
Vor der ersten eigenen Sünde steht, dass jeder von uns in diese Welt als geistlich Toter hineingeboren wird. Wir sind durch die Sünde von Gott getrennt. Wir müssen erst durch die Kraft des Geistes Gottes wiedergeboren werden, damit wir uns von der Sünde abwenden und auf Jesus Christus als unseren Retter vertrauen. Wir bleiben geistlich tot, wenn wir nicht die Vergebung unserer Sünden annehmen. Geistlich tote Menschen sehen nicht nur ihrem körperlichen Sterben entgegen, sondern auch dem ewigen Tod. Um die Macht des Todes zu zerstören, musste die Sünde überwunden werden.
Christus, der Sieger über den Tod
Darum wurde Jesus Mensch. So erklärt es Hebräer 2,14-15:
Weil diese Kinder nun Menschen von Fleisch und Blut sind, ist auch er ein Mensch von Fleisch und Blut geworden. So konnte er durch seinen Tod den Teufel entmachten, der die Macht über den Tod hatte, und konnte die befreien, die durch Angst vor dem Tod ihr ganzes Leben lang versklavt waren.
In Jesus Christus wurde Gott Mensch, um uns von der Macht der Sünde, des Teufels und des Todes zu befreien.
Jesus Christus hat durch sein Leben im völligen Gehorsam Gottes Wort gegenüber die absolute Gerechtigkeit gelebt, die Gott von jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind erwartet. So konnte er durch seinen Tod am Kreuz die Menschen mit Gott versöhnen und die Schuld und Verdammnis aufheben, die ihre Sünden ihnen eingebracht haben. Durch seine Auferstehung hat Jesus auch den Tod besiegt. Petrus drückt das in seiner Predigt an Pfingsten so aus (Apg 2,24): „Und dann hat Gott ihn aus der Macht des Todes befreit und auferweckt. Wie hätte er auch vom Tod festgehalten werden können?!“ Das war unmöglich, weil Jesus der wahre Mensch Gottes war und ist.
Alles, was Jesus durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung gewirkt hat, wird all denen frei geschenkt, die glauben. Einfach aus reiner Gnade rettet Gott jeden, der auf Jesus, den Herrn, vertraut. Paulus schreibt (2Tim 1,10): „Das ist jetzt mit dem Kommen unseres Retters Jesus Christus Wirklichkeit geworden. Er hat den Tod entmachtet und uns durch die gute Botschaft unvergängliches Leben geschenkt.“ Jesus hat durch Tod und Auferstehung den Tod „entmachtet“. Er ist in seiner Macht und Wirkung schon überwunden.
Warum müssen dann auch Gläubige noch sterben? Sie werden nicht sterben, jedenfalls weder geistlich noch ewig. Denn es gilt, dass alle Glaubenden zwar früher „tot in ihren Übertretungen und Sünden“ waren, aber durch die Kraft des Evangeliums Gottes, sind sie jetzt „lebendig gemacht zusammen mit Christus“ (Eph 2,5). Weil wir an Gottes einzigen ewigen Sohn glauben, werden wir nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben (Joh 3,16).
Allerdings erwartet uns trotzdem der körperliche Tod, in dem unser Leib und unser Geist voneinander getrennt werden. Aber auch diese Dimension des Todes wurde entschärft. Jesus ist leiblich vom Tod auferstanden und hat damit gezeigt, dass auch der körperliche Tod von ihm besiegt wurde. Seine Auferstehung garantiert uns durch den Glauben an Christus unsere leibliche Auferstehung mit einem neuen Körper (vgl. 1Kor 15,20-23).
Wenn der Glaubende stirbt, wird sein Geist in die Gegenwart seines himmlischen Herrn gebracht, während sein Körper zu Staub bzw. nach und nach zu Erde wird. Das ist gemeint, wenn Paulus davon spricht, dass er getrennt von seinem Körper „daheim beim Herrn“ sein wird (2Kor 5,8). Der körperliche Tod bringt den Glaubenden sofort in die Gegenwart von Christus. Sonst könnte Paulus nicht sagen (Phil 1,21): „Denn das Leben ist für mich Christus und das Sterben Gewinn.“ Als Glaubende haben wir Christus vorerst „im Glauben“. Jenseits der Grenze des Sterbens werden wir mehr von Christus haben, weil der hoffende Glaube nicht länger notwendig ist, um mit ihm verbunden zu sein: wir schauen, was wir geglaubt haben. Dieser Zustand, in dem wir ohne Körper sind, dauert bis zum Tag, an dem Christus erscheint und alle auferstehen werden hinein in einen unvergänglichen, ewigen neuen Körper (1Kor 15,35-49; 1Thess 4,13-17).
Christliche Lebensfreude wegen des Endes des Todes
Dieses Verständnis des Lebens, Sterbens und Auferstehens von Jesus verändert auch unser Verhältnis und Verständnis zu unserem eigenen bevorstehenden Sterbens. Der körperliche Tod, auch wenn er ein „letzter Feind“ bleibt, ist doch ein besiegter Feind für den Christen. Der Tod kann ja den Glaubenden nicht mehr überwinden, weil er selbst von unserem Retter überwunden wurde. Er bringt uns sogar sofort in die Gegenwart von Christus, wo wir seine endgültige Verbannung erwarten, wenn der Tag der Auferstehung kommt. Wir können also mit Paulus und allen Christen sagen:
1Korinther 15,54-57: Wenn das geschieht, wenn das Vergängliche Unvergänglichkeit und das Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird, dann werden sich die Schriftworte der Propheten erfüllen: „Der Tod ist verschlungen vom Sieg.“ „Tod, wo ist denn dein Sieg? Tod, wo bleibt dein Stachel?“ Der Giftstachel des Todes ist die Sünde, und die Kraft der Sünde kommt durch das Gesetz. Doch Gott sei Dank! Durch Jesus Christus, unseren Herrn, gibt er uns den Sieg!
Christus hat unsere Sünden weggenommen und der Gerechtigkeit Genüge getan. Darum gilt im Hinblick auf den Tod, was unter Puritanern gesagt wurde: „Mit unserem Sterben verlassen wir das Land des Sterbens und treten ein in das Land des Lebens.“ D. L. Moody, der Evangelist des 19. Jahrhunderts, drückte diese gleiche Zuversicht in seiner Biografie aus:
„Eines Tages werden Sie in der Zeitung lesen, dass Moody tot ist. Glauben Sie diesen Worten nicht. Denn in diesem Moment werde ich lebendiger sein, als ich es jetzt bin. Ich wurde leiblich geboren 1837 und geistlich geboren 1855. Was leiblich geboren wurde, wird sterben, aber was geistlich geboren ist, wird für immer leben.“
Tatsächlich werden Christen ewig leben, weil der Tod des Todes sicher bevorsteht. Der Herr unserer Rettung hat ihn nämlich bereits besiegt. Er schlägt zwar noch um sich, aber das ist eher wie bei einem tödlich verletzten Tier. Der Tag kommt, da werden seine letzten Möglichkeiten vergangen sein. An diesem Tag wird unser Herr alles neu machen. Es wird einen neuen Himmel und eine neue Erde geben, wo nur noch Gerechtigkeit einen Platz hat (2Pt 3,13). Gott wird persönlich dort sein und unvermittelt mit seinen Kindern sein. Es wird dort kein Weinen und Trauern mehr geben, kein Leid und kein Tod, weil das alles vergangen ist. Gott selbst wird alle offenen Fragen dieses Lebens beantworten und so alle Tränen abwischen. Und es wird keinen Tod mehr geben (Offb 21,4).
Ich hoffe, dass bei meiner Beerdigung die, die dann zusammenkommen, sowohl gegen den Tod als Feind protestieren, aber genauso klarmachen, der er ein schon besiegter Feind ist. Obwohl er schreckliches Unheil anrichtet, wird er nicht und kann er nicht das letzte Wort haben. Jesus hat den Tod des Todes auf ewig besiegelt durch sein Leben, sein Sterben und seine Auferstehung. Das Ziel jedes Glaubenden ist darum in und mit Christus: Selbst wenn wir sterben, werden wir sicher leben.
Übersetzung aus dem Englischen und Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Ligonier Ministries