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ThemenKultur und Gesellschaft, Orientierung, Zeitgeist und Bibel

Wie steht es um den Glauben?

Regelmäßige Untersuchungen zum Denken in Glaubensfragen zeigen in den USA deutliche Entwicklungen an. So verbreitet sich die Ansicht, dass alle Religionen gleichermaßen zu Gott führen, und das sogar unter Evangelikalen. Die Bindung an eine örtliche Gemeinde nimmt auch dort stark ab, was auch von vielen nicht als Problem gesehen wird. Die Reaktion darauf sollten nicht Klagen sein, sondern das Bewusstsein, wie wichtig biblische Lehre und Jüngerschaft ist.

Als ich zum ersten Mal die Worte von Jesus im Missionsbefehl in Matthäus 28,19-20 hörte: „Geht hin und macht alle Nationen zu Jüngern, indem ihr sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes tauft und sie alles halten lehrt, was ich euch befohlen habe!“, da dachte ich zuerst an entfernte Länder. Ich hatte Papua Neu-Guinea, Kambodscha und Nepal vor Augen, Länder, wo das Evangelium noch tiefe Wurzeln schlagen muss. Das musste wohl „die Welt“ sein (Mk 16,15), auf die sich Christus bezog. Meine eigene Umgebung mit vielen Gemeinden in der Nähe und leichtem Zugang zur Bibel schien damit nicht gemeint zu sein.

Erst als ich zu einem tieferen Verständnis des Missionsbefehls vordrang, wurde mir klar, dass der Auftrag von Christus sich nicht darauf beschränkte, Weltmission zu betreiben. Er gilt jedem Christen, wo immer der Herr ihn hingestellt hat. Zu der „Welt“ und den „Völkern“ gehören offenbar meine Nachbarn, mein Wohnort und sogar meine eigene Familie. Der Auftrag, Christus zu verkünden und Jünger zu machen, gilt nicht nur Missionaren, sondern allen, die Jesus folgen.

Ich hatte anfangs auch nicht erfasst, wie drängend die sich ergebende Aufgabe für die Kirche ist, und zwar auch und besonders im „christlichen“ Westen. Der Bedarf für begleitende Jüngerschaft ist riesengroß. Ligonier Ministries macht in Zusammenarbeit mit Lifeway Research alle zwei Jahre eine Umfrage, die untersucht, wie es um die Glaubensüberzeugungen bei denen in den USA steht, die sich als Evangelikale ansehen. Es zeigt sich zum Beispiel, dass mehr als die Hälfte der Befragten den Heiligen Geist für eine Kraft halten, aber nicht für eine Person. Da sind also viele, die sich als Christen verstehen, aber eine Person der Dreieinigkeit missverstehen und damit auch Gott selbst falsch verstehen. An dieser Stelle zerbricht m.E. die Verbindung zu einem Herzstück des christlichen Glaubens, wie er für Christen immer wichtig war.

 

64 % der Evangelikalen stimmen der Aussage zu: „Jeder Mensch wird nach Gottes Urteil unschuldig geboren.“ Eine solche Überzeugung kann die Lehre vom Sündersein des Menschen untergraben und verdunkelt dann den Grund, warum Christus in die Welt kam, nämlich um Sünder zu retten. Ein Grund für die Entwicklung zu einer anderen Sicht auf den Menschen als Sünder mag darin liegen, dass wir das Denken der uns umgebenden Welt übernommen haben. In unserer Kultur glauben die Menschen im Allgemeinen, dass jeder im Grunde gut ist. Die Religiösen meinen auch, dass wir in den Himmel kommen, wenn wir genug Gutes getan haben. Wir können allerdings die Gnade des Evangeliums nicht richtig verstehen, wenn wir falsche Vorstellungen von unserer Schuld vor Gott haben.

Was bedeutet es, dass 83 % der befragten Evangelikalen der Aussage zustimmen, dass Gott alle Menschen gleichermaßen liebt. Es ist biblisch, dass Gott selber Liebe ist (1Joh 4,8) und dass er seinen Sohn aus Liebe zur Welt gesandt hat (Joh 3,16). Allerdings macht die Bibel auch deutlich, dass Gottes Liebe nicht in jeder Hinsicht immer die Gleiche ist. Es gibt den Aspekt der fürsorgenden Liebe Gottes, die sich auf alle Geschöpfe erstreckt (Mt 5,45), aber ebenso den Aspekt der besonderen rettenden Liebe, die seinem Volk gilt (Röm 9,13). Wenn Gott wirklich jeden unterschiedslos liebt, warum werden dann einige gerettet und andere von Gott verurteilt? Wenn diese Aspekte, die die Mitte des Glaubens betreffen, nicht unterschieden werden, dann ist das ein Zeichen eines Missverständnisses über das Wesen Gottes.

 

Wie passt es zusammen, dass rund 70 % der Evangelikalen angeben, dass sie an den dreieinen Gott glauben, und fast genauso viele einen religiösen Pluralismus akzeptieren, in dem Gott jede religiöse Bemühung anerkennt?

In unserer Befragung fällt ein weiteres Ergebnis auf: Während mehr als 70 % bekräftigen, dass Gott ein Gott in drei Personen ist, glauben zugleich 65 %, dass Gott die Anbetung jeder Religion gleichermaßen annimmt. Es scheint, dass fast so viele Evangelikale irgendwie die Dreieinigkeit glauben, wie sie einen religiösen Pluralismus akzeptieren. Man könnte sagen, dass ein solcher Glaube einerseits an der ursprünglichen christlichen Lehre festhält und sie andererseits verwirft.1

Ein Grund dafür, dass wir solche Untersuchungen überhaupt anstellen, ist, dass wir unseren Dienst in der Schulung von Jüngerschaft sehen. Unser Auftrag besteht darin, dass wir Menschen lehren, wer der wahre Gott ist und was er in seinem Wort offenbart hat. Dazu gehört, dass wir verstehen, was Menschen – und natürlich besonders Christen – zurzeit glauben. Im Verlauf der Jahre hat sich gezeigt, dass das Wissen über Gott oft bruchstückhaft ist, manchmal verdreht und mit Irrtümern vermischt. So zeigen sich erfreuliche Punkte der Klarheit neben besorgniserregenden Widersprüchen.

Es entsteht insgesamt ein Bild einer christlichen Jüngerschaft in Bruchstücken. Vielleicht kann man den Stand des aktuellen Glaubens unter Evangelikalen noch besser mit einem Schweizer Käse vergleichen: Es gibt gute Substanz und zugleich eine Menge Löcher. Auch wenn die Ergebnisse beunruhigend sind, so zeigen sie doch auch, dass sich der Auftrag der Kirche nicht geändert hat. Es mag mehr oder weniger ein kulturelles Christentum bestehen, aber das hebt nicht den Auftrag auf, Jünger zu machen. Wahre Jüngerschaft muss auf Christus zentriert sein und ist verwurzelt in der Bibel. Sie muss genauso in unserer nächsten Umgebung angestrebt werden wie für alle Völker weltweit.

Was bedeutet das aber für uns? Fangen wir mit dem Gebet an. Wir wollen darum beten, dass Gott selbst sich Jünger macht unter allen Völkern. Sein Geist möge die Herzen in seinem Volk der Glaubenden erneuern und seine Gemeinden mögen treu bleiben in der Arbeit daran, dass stabile Jünger heranwachsen. Das Gebet führt uns dann zu konkreten Taten. Es ist immer leicht, Untersuchungen wie die angesprochene zu betrachten und dann über den Zustand der Gemeinden zu klagen. Aber Christus hat uns berufen, dass wir „die Hand an den Pflug legen“. Das fängt immer da an, wo wir gerade stehen. Deswegen müssen Pastoren und Bibellehrer viel Wert darauf legen, dass sie in ihrem Dienst mit dem Wort Gottes treu sind. Auch den Ehrenamtlichen kommt eine hohe Verantwortung dabei zu, dass sie andere begleiten und beraten, vorbildlich im Glauben leben und einander zur Treue im Glauben ermutigen. Gottes Leute sind aufgefordert, Tag für Tag über Gottes Wort nachzudenken und wo immer möglich, auch darüber zu sprechen (5Mo 6,7). Unsere Zeit ist eine Zeit der Ablenkung, in der wir darum kämpfen müssen, dass die wichtigsten Dinge an der ersten Stelle stehen. Dabei folgen wir unserem Herrn und Retter Jesus Christus, der einen großen Teil seines Dienstes damit verbrachte, seine Jünger zu lehren. Warum sollte unser Dienst ein anderer sein?

Weitere Ergebnisse der Befragung von 2025:

Einige Ergebnisse beziehen sich nur auf Evangelikale, wobei der Maßstab dafür recht streng angelegt wurde. Als evangelikal gilt, wer die Autorität der Bibel uneingeschränkt anerkennt, wer seine nicht-christlichen Nächsten zum Glauben ermutigen will, wer Tod und Auferstehung von Jesus als einzigen Weg zur Vergebung der Sünden bekennt und darauf für seine persönliche Erlösung vertraut. Es wurden aber auch viele „normale“ Amerikaner befragt, um ein weiteres Bild von dem zu bekommen, was in einer weithin christlich geprägten Bevölkerung geglaubt wird.

Muss man als Christ einer Gemeinde angehören?

Wenn auch Evangelikale die eindeutige Zugehörigkeit zu einer Gemeinde zunehmend nur noch als Option ansehen, dann hat das messbar negative Folgen für das christliche Leben.

Nur 61% der Evangelikalen hält das für wichtig oder unverzichtbar. 31 % halten Christsein ohne Gemeinde für möglich oder richtig. Stellt man die gleiche Frage der Normalbevölkerung dann sind die Zahlen beinahe umgekehrt. Nur gut 30 % aller Amerikaner meint, dass christlicher Glaube in einer Gemeinde gelebt werden muss. Mehr als 60 % halten den Glauben an Jesus inzwischen für eine individuell persönliche Sache. Die Veränderung in der Überzeugung macht sich in den letzten Jahren auch in der Gemeindelandschaft bemerkbar. Es gibt auch immer mehr „evangelikale Namenschristen“, also Menschen, die früher zu Gemeinden gehörten und sich auch als gläubige, wiedergeborene Christen bezeichnen, aber nur noch gelegentlich Gottesdienste besuchen. Auch große konservative Kirchen wie die Southern Baptist Church merkt das an sinkenden Mitgliederzahlen. Die früher starke methodistische Kirche erlebt seit Längerem einen starken Schrumpfungsprozess. Man kann sich fragen, woran diese Entwicklung liegt, wenn auch konservative Evangelikale anfangs Gemeinde nur noch für eine Option des Glaubenslebens halten und in der Folge ihre Gemeinden oft verlassen. Untersuchungen in den USA zeigen jedenfalls auch, dass es mit dem gelebten Glauben solcher früher engagierten Christen dann erheblich abwärtsgeht. Nancy Pearcey hatte in ihrem Buch über Männlichkeit auf die negativen Folgen insbesondere für christliche Familien aufmerksam gemacht.

Was ist eine Ehe?

Seit 2015 ist in den USA die „gleichgeschlechtliche Ehe“ in allen Bundesstaaten gesetzlich verankert; seit 2004 war sie es in 38 der 50 Bundesstaaten. Die Diskussion darum und die Liberalisierung ist natürlich älter. Allerdings sehen immer noch ⅔ aller Amerikaner eine Ehe zwischen einem biologischen Mann und einer biologischen Frau als die „normale“ Ehe an. In der Soziologie wird das kritisch als „Heteronormativität“ bezeichnet und soll in sich schon eine Diskriminierung für Queerness darstellen. Toleriert werden andere Vorstellungen aber zu allermeist schon viel länger. Trotzdem ist es natürlich beachtlich, dass in so kurzer Zeit knapp 30 % der Bevölkerung die Ehe von Mann und Frau nicht mehr für den Normalfall halten. Unter den Evangelikalen in den USA finden sich allerdings fast keine Anhänger dafür. Eine kirchliche Eheschließung ist aber in liberalen Gemeinden in den USA seit einigen Jahren möglich. Die evangelischen Kirchen in Deutschland bezeichnen die „gleichgeschlechtliche Ehe“ inzwischen als normal und auch unter (früher) evangelikalen Gemeinden gibt es immer mehr, die sich so positionieren. Angesichts dessen wird sich das Verständnis der Ehe wohl immer weiter wandeln. Aus einer Ordnung Gottes mit Bundescharakter wird ein privater, frei verhandelbarer Vertrag für ein begrenztes Zusammenleben mit sexuellen Interessen.

Wie stark sollen Christen sich politisch engagieren?

In den USA gibt es eine rege Diskussion darüber, ob und inwieweit Christen ihre Glaubens­über­zeugungen auch in politische Forderungen ummünzen und diese dann offensiv vertreten sollen. In der Umfrage halten das 54% aller Amerikaner für falsch. Christen sollen ihren Glauben ganz aus politischen Entscheidungen heraushalten. Dahinter steht natürlich eine ganze Bandbreite von Ansichten. Das reicht von solchen, die Christen feindlich gegenüberstehen und eine evangelikale „Machtergreifung“ fürchten, bis zu Christen, die eine Politisierung des Auftrags der Kirche ablehnen.

Politisches Engagement von evangelikalen Christen ist in den USA normal, wenn es auch nicht durchweg positiv beurteilt wird.

Demgegenüber stehen aber auch 39%, die das anders sehen und christliches Engagement in der Politik für notwendig halten. Das hat in den USA allerdings ganz andere Dimensionen als in Europa. In Deutschland bekannt wurde im vergangenen Jahr etwa die Organisation „Turning Point America“, die mit Charlie Kirk versuchte, Studenten zum Glauben an Christus zu rufen, und sie zugleich dazu bewegen will, für politische Positionen einzutreten, die auf christlicher Ethik beruhen. Auch nach der Ermordung von Kirk arbeitet die Organisation weiter, und es gibt auch zahlreiche weitere, die ähnliche Ziele haben. Zu ihnen gehört etwa die junge Initiative „Restoring the West“ von Ayaan Hirsi Ali, die ursprünglich aus Somalia nach Europa geflohen war. In den Niederlanden wurde sie zuerst als Islamkritikerin bekannt und war auch politisch tätig. Sie reiste wegen der dauernden Bedrohung ihres Lebens in die USA aus. Dort nahm sie nicht nur die Staatsbürgerschaft an, sondern bekennt sich seit Kurzem auch offen zum christlichen Glauben. Seitdem tritt sie zugleich für eine christliche Erneuerung der westlichen Gesellschaften ein.

Obwohl nach der Bibel kein politischer Auftrag für Christen besteht, ist es offenbar so, dass viele politische Entscheidungen in jedem Fall von religiösen Überzeugungen geprägt sind. In der Frage, ob eine liberale Abtreibungspraxis erlaubt sein soll, entscheidet sich viel an der Überzeugung, ob der Mensch mit Befruchtung der Eizelle als Wesen mit besonderer Würde gesehen wird oder im materialistischen Sinn nur ein Zellhaufen oder Gewebe darstellt. Auch die Frage nach der Identität kann ohne religiöse Grundannahmen nicht beantwortet werden. Politisches Engagement von konservativen Christen wird in Deutschland oft einer „rechten“ Agitation verdächtigt.

(zusammengestellt und kommentiert von Thomas Jeising)

Übersetzung und Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Ligonier Ministries


  1. Diese und weitere Daten können unter thestateoftheology.com im Einzelnen näher betrachtet werden.