LiteraturBuchbesprechungen

Die biblische Urgeschichte

Der Theologe Martin Thoms ist bekannt geworden mit seinem Buch über die Allversöhnung. Mit dem vorliegenden Werk legt er 14 Essays zur Urgeschichte vor, die ein breites Themenspektrum abdecken, etwa die königliche Würde und den Auftrag des Menschen, den Sabbat als Vollendung der Schöpfung, den „Fall in die Freiheit“ und die Verfluchung Kanaans.

Bei diesen Betrachtungen ist vieles durchaus gelungen und richtig: Christen können Gott nicht „in einen privaten Teilbereich der Welt“ verbannen (S. 30); Die „Welt ist nicht das Ergebnis von Kampf und Zerstörung, sondern das Kunstwerk eines Schöpfers“ (S. 34); Gott „kann nicht an seinen Ebenbildern vorbei geliebt werden“ (S. 47); „Es ist moderner Irrglaube, man könne sich selbst genug sein“ (S. 90) oder „Scham ist die Bedingung der Möglichkeit wahrhaft menschlicher Intimität“ (S. 150). Auf der anderen Seite erliegt Thoms leider der Versuchung, moderne Konzepte in die Urgeschichte hineinzulesen, die dort beim besten Willen nicht vorhanden sind. Dass „männlich und weiblich“ in Genesis 1 „Pole eines Spektrums bezeichnen, in dessen Zwischenraum sich die ganze Vielfalt menschlicher Erfahrung und Geschlechtlichkeit entfalten kann“ (S. 58), entspricht zwar dem Zeitgeist, ist aber sicherlich nicht die Aussageabsicht des Textes. Auch die Behauptung, das Hohelied sei ein „Hymnus auf den vorehelichen Sex“ (S. 134) dürfte zu den Thesen gehören, die das Vorwort als gewagt und zugespitzt einordnet. Und die durchaus richtige Betonung der Liebe Gottes führt den Autor zu einem zu eindimensionalen Gottesbild, in dem Zorn oder Strafe offenbar keinen Platz haben („Gewalt kann niemals göttlich sein.“ S. 210).

Thoms, Martin: Die biblische Urgeschichte. Spiegel der Menschheit. Leipzig: Evange­lische Verlagsanstalt 2026. 236 S. Paper­back. 25,00 €. ISBN: 978-3-374-08051-9

Thoms scheut sich auch nicht, dem Neuen Testament zu widersprechen, wenn es nicht zu seinen Thesen passt (Schöpfung von Mann und Frau, Identifizierung der Schlange mit Satan), weil die biblischen Texte für ihn nicht Gotteswort, sondern „gedeutete Erfahrungen“ (S. 205) sind. Das ist bedauerlich, denn der neue Blick auf den Schöpfer, den das Buch verspricht, speist sich so eher aus der gedeuteten Erfahrung des Autors als aus der Schrift. Schade.