Mit einer Ausgabe des Magazins EINS (3/2022) will die Evangelische Allianz Deutschland (EAD) in „Zeiten der Verunsicherung“ Orientierung geben. „Gerade in Zeiten wie diesen, in denen die Cancel-Culture jeden ins Abseits stellt, der die eigene Sichtweise nicht vollständig teilt“, sollten Christen als „Unterschiedsmenschen“ Einheit leben „und zwar ohne hierdurch die Wahrheit des Evangeliums aufzugeben“, schreibt der Generalsekretär der EAD, Reinhardt Schink (S. 5). Dazu empfiehlt er den Leitartikel im Heft (S. 6-8) unter dem Thema: „Was heißt (heute noch) Wahrheit? Biblische Überzeugungen und ihre Relativierung – was tun?“ von Roland Gebauer. Der frühere Rektor und Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Reutlingen und stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises für evangelikale Theologie versucht darin, den allgemeinen Wahrheitsrelativismus mit einem christlichen Wahrheitsanspruch zu vereinen.
Roland Gebauer: „Was heißt (heute noch) Wahrheit? Biblische Überzeugungen und ihre Relativierung – was tun?“ in EINS – Das Magazin der Evangelischen Allianz Deutschland 3/2022: 6-8
An dem kurzen Aufsatz ist eigentlich nichts Neues. Manche Formulierung gehört zu den Standardsätzen bibelkritischer Theologie, wenn es darum geht, den Anspruch der Bibel, uns Wahrheit mitzuteilen, zu relativieren, abzuschwächen und zu einer persönlichen Überzeugung des Gläubigen herabzustufen. Und am Ende wird das mit einzelnen konservativen Entscheidungen in der Lebens- und Sexualethik vereint. Es lohnt sich trotzdem, den Vorschlag genauer anzuschauen, weil er für die gegenwärtige Verwirrung in der Wahrheitsfrage symptomatisch ist. Das Ergebnis ist trotz gegenteiliger Beteuerungen die Subjektivierung der Wahrheit, was auch dann ein fataler Irrweg ist, wenn an einzelnen Stellen die subjektive Wahrheit mit der Wahrheit Gottes übereinstimmt.
Den folgenden Widerspruch will ich vor allem dazu benutzen, um die Freude an der gewissen Zuversicht auf der Grundlage der Zusagen Gottes zu stärken. Ich bin mir nicht sicher, ob Roland Gebauer sich bewusst ist, was er mit seiner Werbung für eine Fassung von Wahrheit anrichtet, die das Wort selbst entleert und zu einem unnützen Begriff werden lässt. Er scheint es aber zu spüren, denn er versucht im zweiten Teil, dem mit fünf Punkten eine Art eisernen Bestand an unveräußerlicher christlicher Wahrheit an die Seite zu stellen. Der aber hat längst das Vorzeichen bekommen, dass es sich dabei um eine eigene Kategorie „Glaubenswahrheiten“ handelt. Außerdem erscheint der Bestand so willkürlich, dass er einerseits weit hinter dem Zeugnis der Bibel zurückbleibt und andererseits läuft dieser Kanon vor allem auf moralische Forderungen hinaus und vertritt dabei ethische Positionen, die zwar teilweise richtig sind, aber damit an eine Stelle gerückt werden, die den biblischen Wahrheitsanspruch in ein bedenkliches Ungleichgewicht bringen.
Zwei Wahrheiten sind weniger als eine
Roland Gebauer diagnostiziert für unsere Zeit eine „nie dagewesene Wahrheitsrelativierung“.
„Es gibt nur noch Wahrheiten, die so unterschiedlich sind wie die Menschen und ihre Überzeugungen – aber nicht mehr die eine Wahrheit, die für alle gilt“.
Womit wir es bei der „Wahrheitsrelativierung“ zu tun haben, ist eine Art Demokratisierung beim Verständnis der Wahrheit.
Zwar versteht man, was er meint, aber die Diagnose ist irreführend. Es gibt nämlich weiterhin nur eine Wahrheit. Womit wir es bei der „Wahrheitsrelativierung“ zu tun haben, ist eine Art Demokratisierung beim Verständnis der Wahrheit und die Behauptung, dass jeder individuelle Wahrheitsanspruch nicht hinterfragt werden darf, sondern gleichberechtigt neben allen anderen Wahrheitsansprüchen stehen kann. Obwohl das natürlich tatsächlich nicht möglich ist, wird der Wahrheitsanspruch, der grundsätzlich jeder Aussage zugrunde liegt, mit der Wahrheit gleichgesetzt. Man müsste allerdings richtigerweise sagen: Er wird mit der Wahrheit verwechselt. Da hinein mischt sich noch die Kategorie der inneren Überzeugungen, die auch „Wahrheiten“ zu sein scheinen.
Vor einiger Zeit brach in einem Club ein Feuer aus. Es gab Tote. Eine Fluchttür des Gebäudes war in der Vergangenheit oft verriegelt, um Drogenhandel zu erschweren, höchst wahrscheinlich auch an diesem Abend. Vor einer Anklageerhebung gegen Betreiber und Sicherheitsdienst gab es eine bizarre Abwägung. Die Toten waren nicht vor der verschlossenen Fluchttür umgekommen, sondern waren in der Überzeugung, dass sie verschlossen war, erst gar nicht dorthin geflohen und dann an einer Rauchvergiftung gestorben. Nun gab es einerseits einen Streit darüber, ob die Tür, die meistens verriegelt war, nicht vielleicht an diesem Abend doch offen war und gerettet hätte, wenn überhaupt jemand dorthin geflohen wäre. Dann aber sollte das Verfahren eingestellt werden, weil die Toten wegen ihrer Überzeugung umkamen. Ob diese nun an diesem Abend wahr war oder nicht, sei nicht 100% sicher, aber letztlich unerheblich.
Zuerst einmal ist klar: Die Tür war entweder verriegelt oder sie war ein echter Fluchtweg und hätte sich öffnen lassen, um dem Brand zu entkommen. Diese Tatsache war völlig unabhängig von den verschiedenen Überzeugungen der Menschen im Raum. Sie wurde nicht davon beeinflusst, ob vielleicht jemand rief, dass die Tür verschlossen sei und es keinen Sinn mache, dorthin zu laufen und zu versuchen, sich auf diesem Weg zu retten (Aussage mit Wahrheitsanspruch). Die Überzeugungen und die Aussagen mit Wahrheitsanspruch haben das Verhalten der Menschen in Panik beeinflusst, aber die Wahrheit über die Tür war davon völlig unberührt. Die Wahrheit über die Tür wurde nur nicht offenbar, weil niemand versucht hatte, sie zu benutzen.
Die meisten Christen merken mit innerem Unbehagen, dass eine Haltung, die jede Meinung als gleichberechtigte Wahrheit stehen lässt, nicht zum christlichen Glauben passt.
Im Blick auf das Evangelium gibt es – folgt man der Bibel – genauso nur eine Wahrheit, wie es sie schon immer gab. Dass es „heute“ mehr unterschiedliche Überzeugungen im Blick auf die Frage der ewigen Zukunft des Menschen gibt als früher, kann man vermuten, aber es erscheint mir nicht besonders wahrscheinlich. Damit bleibt im Hinblick auf die Diagnose von Roland Gebauer nur übrig, dass wir „heute“ in einer Zeit leben, in der es – jedenfalls auf der Ebene des öffentlichen Diskurses – eine laute Forderung und eine relativ hohe Bereitschaft gibt, eine Vielzahl an sich widersprechenden Wahrheitsansprüchen zu tolerieren und sogar zu akzeptieren. Das geht im Allgemeinen so, dass der Christ sagt: „Ich bin zwar davon überzeugt, dass allein der Glaube an Jesus Christus, den Sohn Gottes, uns Frieden mit Gott und Vergebung bringt und darum eine ewige Zukunft bei Gott. Aber deine gegenteilige Meinung könnte auch wahr sein. Darum versuchen wir in unserem Umgang miteinander, die Meinung des anderen entweder ohne Angriff stehen zu lassen oder das ganze Thema aus dem Gespräch auszuschließen.“ Sein Gegenüber antwortet dann: „Damit bin ich einverstanden. Du hast deine Wahrheit und ich habe meine Wahrheit.“ Die meisten Christen merken mit innerem Unbehagen, dass eine solche Haltung nicht zum christlichen Glauben passt. Sie haben recht, denn in allen wichtigen Fragen verhält sich niemand so und kann es auch nicht.
Eine Freundin, die in Südafrika aufgewachsen ist, erzählte mir, wie sie vor vielen Jahren das erste Mal vor einem Regal mit Seifen in einem deutschen Supermarkt stand. Sie hatte eine solche Auswahl an Fest und Flüssig in allen erdenklichen Farben und Düften nie vorher gesehen. Sie stand dort mit der Frage, welche Seife die richtige ist, und konnte das nicht entscheiden. Sie verließ den Markt ohne Einkauf und fragte ihre deutschen Gastgeber, wie sie entscheiden sollte. Weil es tatsächlich weitgehend gleichgültig ist, womit man sich wäscht (es sei denn, man hätte bestimmte Allergien), scheitert die Frage nach der wahren Seife. Hier kann jeder seine eigene Vorliebe oder Meinung haben und pflegen. Wenn es beim Glauben an Jesus Christus aber wirklich um etwas Wichtiges oder sogar Lebensentscheidendes geht, dann kann diese Wahrheit nicht mit den vielen anderen Wahrheitsansprüchen schiedlich-friedlich auf einer Stufe stehen. Der Christ wird als Zeuge dafür eintreten und das wird oft bedeuten, dass er andere Wahrheitsansprüche verneint und dann versucht zu zeigen, dass und warum sie falsch sind.
Offenbar bemerkt das auch Roland Gebauer, denn er stellt fest:
„Es geht also letztlich um die Wahrheit Gottes des einen, wahren Gottes, des Schöpfers und Erlösers der Welt. … Das aber kann dann nicht eine Wahrheit unter vielen sein, sondern es ist die eine Wahrheit für alle Menschen…“
Aber sein Satz ist hier nicht beendet, sondern nimmt eine Wendung, die irgendwie die Konkurrenz der Wahrheitsansprüche abzumildern versucht, bei der Christen den Preis nicht herunterhandeln können.
„… es ist die eine Wahrheit für alle Menschen – und damit die Wahrheit des Menschen selbst: Er ist Gottes geliebtes Geschöpf und gelangt nur in der Verbundenheit mit ihm zur Erfüllung seines Daseins.“
Das Problem dabei ist nicht, dass das nicht stimmen würde, sondern dass es die Tendenz hat, den Anspruch Gottes in seinen Zuspruch hinein aufzulösen. Anspruch und Zuspruch, Gesetz und Evangelium haben aber in der Bibel beide ihren Raum. Sie heben einander nicht auf, sondern gehören als Botschaft der Wahrheit Gottes zueinander. Gott ist genauso unser Schöpfer und hat einen Anspruch, uns zur Verantwortung zu ziehen, wie er in Christus unser Erlöser ist, der in Tod und Auferstehung seines Sohnes seine Liebe zu uns erweist. Beides sind wiederum Aussagen mit Wahrheitsanspruch, der sich auf den wahren Gott beruft. Dagegen stehen die Ansprüche des Unglaubens, die entweder Gottes Recht bezweifeln, etwas von uns zu fordern, oder genauso – vielleicht angesichts persönlichen Leides – der Behauptung der Liebe widersprechen oder ihr erst glauben wollen, wenn Gott Wohlstand und „gelingendes Leben“ schenkt.
Wenn Christen in der Verwirrung der Begriffe und Kategorien ein glaubwürdiges Zeugnis für die Wahrheit Gottes ablegen wollen, dann müssen sie hier unbedingt Klarheit haben und diese auch kommunizieren.
Das Vermischen von Wahrheit, Wahrheitsanspruch und innerer Überzeugung bringt offenbar keine Hilfe. Das ganze Gegenteil ist der Fall. Wenn Christen in der Verwirrung der Begriffe und Kategorien ein glaubwürdiges Zeugnis für die Wahrheit Gottes ablegen wollen, dann müssen sie hier unbedingt Klarheit haben und diese auch kommunizieren.
Allerdings ist dann auch unvermeidlich, dass widersprechende Wahrheitsansprüche aufeinandertreffen. Es hat keinen Sinn, das abmildern zu wollen. Die christliche Liebe wird die harte Wahrheit mit Barmherzigkeit verkünden, aber sie kann sie nicht angenehm machen. In der gegenwärtigen theologischen Diskussion wird der Anspruch Gottes regelmäßig in seinem Zuspruch aufgelöst. Gott erscheint als der, der jeden annimmt, wie er ist und wie er sein will. Ein solcher Gott soll aus Liebe die Wahrheit den beliebigen Wahrheitsansprüchen der Menschen unterordnen. Ein bizarrer Ausdruck davon ist, dass regelmäßig Ausleger „herausfinden“, dass die Bibel eigentlich auch die gerade gängige Moral vertritt. Dass das zum Gott der Bibel nicht passt, sollte jedem klar sein.
Wie ein Wort nutzlos wird
C.S. Lewis hat im Vorwort seines Buches „Mere Christianity“ (dt. Pardon, ich bin Christ1) seine Benutzung des Wortes „Christ“ damit verteidigt, dass das Wort nutzlos würde, wenn es nicht mehr seine objektive Bedeutung behält und einen Menschen bezeichnet, der „die allgemein christlichen Glaubenssätze anerkennt“ (11). Er lehnte es ab, dass das Wort eine Bedeutung bekommen sollte, die auch Menschen einschließt, die zwar nicht mehr alle wesentlichen christlichen Glaubensinhalte für wahr halten und vertreten, aber dafür in besonderem Maß in einem christlichen Geist leben oder sich irgendwie als „gute Christen“ verhalten. Der Grund:
„We simply cannot, without disaster, use language as these objectors want us to use it“ (10).2
Lewis erklärt, warum das Wort „Christ“ unnütz und unbrauchbar werden muss, wenn man es so gebraucht, wie diejenigen, die „feinsinnig“, tief geistig und auf die Gesellschaft rücksichtnehmend vom „alten“ Verständnis abrücken. Er zeigt am alten englischen Wort „Gentleman“, welches Schicksal auch das Wort „Christ“ erleiden wird. Während Gentleman in alter Zeit jemanden bezeichnete, der vom englischen Adel abstammte und ein ererbtes Stück Land besaß, und man mithin jemanden Gentleman nennen konnte aufgrund bestimmter Tatsachen, wandelte sich die Sache dahin, dass Gentleman ein Urteil über das Verhalten und den Charakter eines Mannes wurde.
„Ehrenhaft, höflich und tapfer zu sein ist sicher wichtiger als ein Wappen. Aber es ist nicht das gleiche, und schlimmer noch, das Wort Gentleman ist zu einem schwammigen Begriff geworden. … Wenn ich heute jemanden einen Gentleman nenne, so gebe ich keine Auskunft über ihn, sondern ich erteile ihm ein Lob. … Ein Wort, dass nicht mehr etwas Bestimmtes umreißt und zu einem bloßen Lobeswort geworden ist, eignet sich aber auch nicht mehr dazu, über Tatsachen Auskunft zu geben. Es sagt nur noch aus, was ich persönlich über einen anderen denke.“ (11).
Ein Wort mag zwar feinsinnig, tief geistig und sogar rücksichtsvoll benutzt werden. Wenn es aber dabei seinen Inhalt und seine Bedeutung verliert, dann wird es nutzlos und leer.
Das Wort erscheint zwar „vergeistigt“ und „verfeinert“, aber es ist tatsächlich ein „leeres Wort“ geworden, für das kein Bedarf bestand, weil die Sprache viele andere Wörter besaß, um jemanden zu loben.
Das entsprechende Schicksal erleidet das Wort „Wahrheit“ in der Entfaltung von Roland Gebauer, die man sicher auch „feinsinnig“ und „vergeistigt“ nennen kann. Einen Schritt dazu habe ich oben bereits benannt: „Wahrheit“ wird zu einem Synonym für „Meinung“ oder „Überzeugung“ oder „Behauptung“. Der Artikel geht aber noch weiter. Weil Jesus in Johannes 14,6 sagt, dass er die Wahrheit ist, darum soll man überall, wo in der Bibel von Wahrheit die Rede ist, hören, dass die Wahrheit die Person Jesus Christus ist.
„Die (biblische) Wahrheit ist demnach nicht eine Lehre, die man für wahr halten muss, sondern eine Person: Der Sohn Gottes in Menschengestalt, in dem der lebendige Gott uns begegnet und für sich gewinnt (Joh 14,6). Diese Wahrheit macht uns wirklich frei (Joh 8,32), weil sie uns von allen trügerischen Wahrheiten beziehungsweise Wahrheitsansprüchen befreit und uns zu Menschen werden lässt, die in allen Dingen von Gott gehalten und getragen sind und seiner Zukunft entgegengehen.“
Will die Bibel uns wirklich sagen, dass sie keine Lehre verkündet, die der Leser für wahr halten soll?
Das klingt hochgeistig, aber stimmt es auch? Ist es das, was die Bibel sagen will, und mithin uns Gott sagen will, wenn von Wahrheit die Rede ist? Es wirkt mindestens einmal etwas merkwürdig, wenn jemand, der lehrmäßig etwas über den Wahrheitsbegriff der Bibel behauptet, sagt, dass der gerade darin bestünde, dass er keine Lehre sei, sondern eine Person, und dass man keine Lehre für wahr halten müsste. Wäre dann dieser Wahrheitsbegriff die einzige Lehre, die man für wahr halten muss und sonst keine andere? Roland Gebauer kann das nicht ernsthaft meinen, sonst wäre fast der komplette Artikel ein Widerspruch in sich. Ob man nun im Alten oder Neuen Testament nachliest, man kann überall eine Benutzung des Wortes „wahr“ und „Wahrheit“ finden, das sich mit dem landläufigen Verständnis deckt. Wahrheit ist eine Übereinstimmung mit Tatsachen. Diese Wahrheit kommt in Worten zum Ausdruck, die – in Übereinstimmung mit Tatsachen – Tatsachen oder Ereignisse beschreiben. Jesus kann deswegen auch im Johannesevangelium sagen (8,40): „Jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der ich euch die Wahrheit gesagt habe, die ich von Gott gehört habe; das hat Abraham nicht getan.“ Jesus sagt erstens, dass er die Wahrheit zuverlässig kannte. Denn er hatte sie von Gott gehört. Diese Wahrheit ließ sich offenbar auch in Worte fassen und sie wurde von seinen Zuhörer verstanden. Denn ihre Reaktion war extreme Ablehnung, so dass sie Jesus nach dem Leben trachteten. Aus dem letzten Teilsatz können wir noch verstehen, dass das im Sinne der Aussagen über Gott und seinen Willen auch nichts völlig Neues oder kategorial anderes war, als was bereits Abraham von Gott gehört hatte, denn Jesus stellt Abrahams positive Reaktion des Glaubens in den Gegensatz zur Reaktion seiner Zuhörer. Ein paar Verse weiter stellt Jesus auch die verkündigte Wahrheit Gottes den Lügen des Teufels gegenüber. Und in Vers 45 unterstreicht Jesus seine Glaubwürdigkeit mit der Frage, ob die Menschen ihn jemals beim Lügen oder einer anderen Sünde erwischt hätten. Weil die Antwort „Nein“ heißen muss, müssten sie auch seinen Aussagen glauben, sie also für wahr halten und natürlich auch Konsequenzen daraus ziehen.
Das menschliche Dilemma in einer Welt voller Lügen ist nicht, dass es keine Wahrheit gäbe, sondern dass es schwer ist, sicher zu sein, dass man die Wahrheit kennt.
Das ganze Johannesevangelium, in dem die Wahrheitsfrage von großer Bedeutung ist, bezeugt keinen anderen Wahrheitsbegriff. Warum aber sagt Jesus dann, dass er selbst die Wahrheit ist? Die Aussage hängt offenbar damit zusammen, dass die Kategorie Wahrheit aus dem Wesen Gottes in die Schöpfung gekommen ist. Auch unser Interesse an Wahrheit und Lüge hat dort seinen Anfang. Zur Gottebenbildlichkeit gehört offenbar, dass es dem Menschen nicht gleichgültig ist, angelogen zu werden. Vertrauen und gute Beziehungen beruhen auf Wahrheit über Personen, vor allem ihr Wesen und ihren Charakter, und deren Aussagen über die Wirklichkeit. Insofern hat Wahrheit genauso wie Liebe und Gerechtigkeit ihren Ursprung in Gottes Wesen. Der letzte Ankerpunkt für das, was Wahrheit ist, ist Gott selbst. Denn das menschliche Dilemma in einer Welt voller Lügen ist nicht, dass es keine Wahrheit gäbe, sondern dass es schwer ist, sicher zu sein, dass man die Wahrheit kennt und nicht irgendwelchen Lügen aufsitzt. Wenn Jesus sagt: „Ich bin die Wahrheit.“, (14,6) dann sagt er auch, dass er Gott ist. Wer ihn sieht, sieht den Vater (14,9). Er kennt die Wahrheit und er bezeugt diese Wahrheit (18,37). Dazu ist er, das ewige Wort, Mensch geworden (1,1-14). Und wer ihm vertraut, der glaubt auch die von ihm bezeugte Wahrheit (18,37). Diese Wahrheit hat er mit Worten bezeugt und diesen Worten zu glauben, wozu das Fürwahrhalten gehört, heißt, sein Jünger zu werden und wahre Freiheit zu erfahren (Joh 8,31-32):
„Jesus sprach nun zu den Juden, die ihm geglaubt hatten: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaft meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“
Roland Gebauer entleert mit seiner Vergeistigung des Wortes „Wahrheit“ den Begriff. Denn am Ende weiß niemand, was es genau bedeuten soll, dass Wahrheit keine Lehre sei, die man fürwahrhalten soll, sondern eine Person. Unterscheiden könnte man sinnvoll etwa zwischen Wahrheit, die unmittelbar das Verhältnis des Menschen zu Gott betrifft, und Wahrheit, die damit nur mittelbar zusammenhängt. Gott hat etwa dem Wasser bestimmte Eigenschaften verliehen, die z.B. dazu führen, dass man Wasser trinken, mit Wasser waschen oder Lebensmittel darin kochen und zubereiten kann. Die wahren Aussagen über Wasser mögen Menschen mehr oder weniger betreffen. Wenn Jesus sich das Wasser des Lebens nennt, werden manche Wahrheiten über Wasser auch für das Verhältnis zu Gott wichtig. Ein unnötiger und unbiblischer Gegensatz zwischen Lehre und Person führt aber in die Verwirrung und das bei einer Sache und einem Wort, das Jesus offenbar für eminent wichtig hält. Leider ist die Verwirrung aber hier noch nicht zu Ende. Gebauer fährt fort:
„Wahrheit ist nach der Bibel ein Relationsbegriff. Es geht um Verlässlichkeit von Beziehung(en), zwischen Menschen und zwischen Gott und Mensch. …
Als der lebendige Gott und Schöpfer ist er der einige und einzige, auf den man sich verlassen kann und nicht in die Irre geht; bei dem man mit seiner ganzen Existenz geborgen ist (Ps 91,4).“
Richtig daran ist, dass der hebräische Begriff ämät nicht nur Wahrheit, sondern auch Zuverlässigkeit und Treue bedeuten kann. Aber er heißt eben auch Wahrheit in dem allgemein bekannten Sinn. Wer die Wahrheit redet, sagt etwas, was mit Tatsachen übereinstimmt.
Wozu brauchen wir das Wort „Wahrheit“? Wenn zwei Personen am Bahnhof stehen und einer sagt: „Nun ist der Zug wahrhaftig pünktlich um 10.48 Uhr angekommen.“, dann will er nicht einfach eine beiden Personen offensichtliche Tatsache aussagen. Er macht vielmehr eine Bemerkung über den Fahrplan, der die Ankunft des Zuges zu einer bestimmten Zeit versprochen hatte und das überraschenderweise so eintrat. Wir brauchen das Wort, wenn es darum geht, die Übereinstimmung von Tatsachen mit wörtlichen Aussagen festzustellen. Und weil wörtliche Aussagen nun einmal von Personen stammen, ist der Zusammenhang von Wahrheit und Zuverlässigkeit, von Wahrheit und Wahrhaftigkeit, naheliegend.
Könnte die Bibel den „Relationsbegriff“ Wahrheit so meinen, dass es auf die gute Beziehung zu Gott und Menschen ankommt und nicht auf die Übereinstimmung von wörtlichen Aussagen und der bezeichneten Tatsache?
Könnte die Bibel also den „Relationsbegriff“ Wahrheit so meinen, dass es auf die gute Beziehung zu Gott und Menschen ankommt und dabei die Übereinstimmung von wörtlichen Aussagen und der bezeichneten Tatsache nicht so wichtig ist? Von manchen Theologen wird das ernsthaft behauptet. Offenbar aber ist das ganze Gegenteil der Fall. Die Beziehung zu Gott beruht wesentlich auf der Richtigkeit von Gottes Aussagen. Deswegen hat das Wort Gottes ein so großes Gewicht. Und deswegen ist Wahrheit und Wahrhaftigkeit auch ein so großer Wert für uns Menschen. Wenn man also mit „Wahrheit“ nicht in erster Linie Naturgesetze und -konstanten verbindet, dann ist es eine Binsenwahrheit, dass Wahrheit ein „Relationsbegriff“ ist.
Roland Gebauer kann und will aber – einmal angefangen – seine feinsinnige Vergeistigung nicht mehr stoppen und setzt noch eines oben auf:
„Die(se) Wahrheit ist nicht ohne Weiteres zu erkennen – sie muss uns begegnen. Zu diesem Zweck ist Gott in Jesus Christus Mensch geworden. Indem er in uns den Glauben an seinen Sohn erweckt, wird Gott in seiner Treue zur unumstößlichen Grundlage unseres Lebens – und damit zur verlässlichen Wahrheit menschlicher Existenz, die uns hält und trägt, im Leben wie im Sterben.“
Ich gehe davon aus, dass die meisten ihr Gegenüber entgeistert anschauen würden, wenn ihnen mitgeteilt würde: „Man kann Wahrheit ja sowieso nicht erkennen, aber ich muss dir mitteilen: Die Wahrheit ist mir begegnet.“ Auch im Sprachgebrauch der Bibel ist es ganz normal, dass man Wahrheit oder Unwahrheit erkennt.3
Das Problem, das Roland Gebauer anspricht, ist ein anderes: Wir können weder im Alltag noch durch besondere Methoden in jedem Fall die Wahrheit einer Aussage überprüfen. Das gilt erst recht für die meisten Glaubenstatsachen. Es ist Vertrauen notwendig. Je bedeutender die Wahrheit und ihre Konsequenzen sind, desto wichtiger ist es, dass die Quelle einer Aussage mit Wahrheitsanspruch auch verlässlich ist. Eine Taxifahrerin erzählte mir, wie ihr ein netter Fahrgast den Weg zu seinem Ziel beschrieb, den sie selbst nicht kannte. Er wisse, wo er wohne. So gab er ihr in einer Großstadt eine halbe Stunde lang Anweisungen, wie sie fahren sollte, bis er plötzlich stoppte und sagte: „Ich weiß nicht, wo wir sind. Ich fahre nämlich nie Auto, sondern nur mit der U-Bahn.“ Eine freundliche Beziehung hatten die Fahrerin und der Fahrgast, der es gut meinte. Aber er war trotzdem nicht verlässlich, weil er diese Wahrheit nicht kannte.
Jesus Christus hat mit seinem Kommen die Wahrheit der Ankündigungen Gottes im Alten Testament bestätigt und die angekündigte Erlösung vollendet und damit wahrgemacht.
Wurde Jesus Mensch, damit wir die Wahrheit nicht mehr erkennen müssen, sondern sie uns fortan begegnen kann? Was immer Roland Gebauer mit diesen Sätzen genau meint, die Bibel ist offenbar sehr viel erdverbundener. Jesus Christus hat mit seinem Kommen die Wahrheit der Ankündigungen Gottes im Alten Testament bestätigt. Er hat damit gezeigt, dass Gott zuverlässig ist. Außerdem hat er bewiesen, dass Gott wirklich barmherzig und gerecht, voller Liebe und voller Wahrheit ist. Jesus hat die angekündigte Erlösung vollendet und damit wahrgemacht, was Gott über Jahrhunderte angekündigt hat. Genau das ist auch der Weg, wie er in uns „den Glauben an seinen Sohn erweckt“. Er zeigt uns sein Wesen und seine Zuverlässigkeit anhand der Wahrheit. Jesus ist mit seinem ganzen Leben die Verkörperung des wahren Wortes Gottes, das – wie Jesus betont – Christus und die Erlösung zum Thema hat (Joh 5,39).
Roland Gebauer macht mit seinen Definitionen das Wort „Wahrheit“ nutzlos. Nachdem er Wahrheit, innere Überzeugung und Wahrheitsanspruch ineinander vermengt hat, macht er mit seinen Ausführungen Wahrheit zu etwas, was einer eigenen Kategorie „religiöse Wahrheit“ angehört. Wie kann man noch von Wahrheit und Lüge reden, wie können Gottes Worte noch wahr sein, wenn Wahrheit im Grunde eine irgendwie gedachte Begegnung mit einer unsichtbaren göttlichen Person sein soll? Wahrheit wird in dieser Darstellung ein unbestimmtes religiöses Gefühl, aus dem ein Mensch schließen soll, dass er eine Begegnung mit Gott hatte.
Damit ist es beinahe unmöglich geworden, noch vernünftig von Wahrheit zu sprechen. Das Wort hat seine Bedeutung verloren. Die Neudefinition ist ein waberndes „eine Beziehung“ zu Gott haben und „eine Begegnung“ mit Jesus erleben. Wer immer den Glauben an Christus und die Wahrheit Gottes aus der Bibel bezeugen will, sollte sich keinesfalls auf diesen Vorschlag einlassen, sondern getrost bei der Bibel bleiben.
Wenn die neue „Wahrheit“ um sich greift
Nachdem Roland Gebauer die Kategorie „religiöse Wahrheit“ als die „wahre Wahrheit“ eingeführt hat4, macht er klar, was das nun im Blick auf den Christen und seine Möglichkeit, mit seinem Mitmenschen über Gottes Wahrheit zu reden, bedeutet.
„In diesem Leben ist uns die Wahrheit nur im Glauben zugänglich.“
„Wir können von dieser Wahrheit nur reden, indem wir von ihr ergriffen worden sind und sozusagen in ihrem Innenraum leben.“
„Wir können sie [die Wahrheit] nur bezeugen und leben – als eine innere Überzeugung, die unsere ganze Existenz bestimmt.“
„Die Wahrheit (Gottes) ist demnach nicht durch Logik und Vernunft zugänglich, sondern nur im Wagnis des Glaubens. Erst wenn man von ihr ergriffen ist, erschließt sie sich als die eine und einzige Wahrheit – für mich, wie für jeden einzelnen Menschen und für die ganze Welt.“
„Das Absolute der Wahrheit (Gottes) erschließt sich nur relativ beziehungsweise subjektiv“.
Ich versuche das einmal zusammenzufassen: Weil die absolute Wahrheit nicht für jeden offen zugänglich ist, hat auch der Christ seine eigene subjektive Wahrheit. Das ist das, was er aus seinem persönlichen Erlebnis eines Ergriffenseins von Gott ableitet und Glauben nennt. Ihm ist klar, dass er darüber nicht vernünftig reden kann, sondern nur hoffen, dass andere ebenso wie er davon ergriffen werden.
Das ist das Vorzeichen, das vor jedem Zeugnis des Christen stehen soll. Spricht er von Christus als dem Retter und Erlöser, dann soll er das tun mit den inneren Vorbehalten, dass es sich dabei zwar um absolute Wahrheit handeln kann, aber es tatsächlich nur seine subjektive Erkenntnis ist. Er teilt sie zwar mit anderen, die Ähnliches wie er erlebt haben, aber es handelt sich trotzdem im Wesen um eine persönliche Ergriffenheit. Wahrheit und persönliche Überzeugung erscheinen als dasselbe und jeder Wahrheitsanspruch ist zuerst eine Art Vorschlag nach dem Motto „Könnte es nicht vielleicht auch sein, dass…“ Dass gerade die Welt um uns her sich von dieser Haltung längst verabschiedet hat und ihre Ansprüche mit Vehemenz und dem Anspruch auf völlige Akzeptanz vorträgt, macht eine solche Art von Zeugnis unverständlich und nutzlos.
Christen können gar nicht anders, als die Botschaft Gottes als absolute Wahrheit zu bezeugen. Es ist nicht ihre Wahrheit, sondern Gottes Wahrheit, und Er fordert Glauben und Gehorsam.
Statt das christliche und biblische Verständnis von Wahrheit zu bezeugen, hat Roland Gebauer die biblische Botschaft ganz auf die Ebene der gegenwärtigen Wahrheitsdiskussion herabgezogen. Man mag das für einen barmherzigen oder verständnisvollen Weg mit seinen Zeitgenossen halten, aber tatsächlich begibt man sich auf einen Irrweg, der voller Widersprüche ist, in dieser Wirklichkeit gar nicht gelebt werden kann und Gottes Wort in seinem Anspruch verneint.
Roland Gebauer ist wohl auch klar, dass in der Konsequenz der christliche Glaube so seinen Inhalt verliert, weil je nach subjektivem Ergriffensein andere Glaubensinhalte relevant erscheinen. Er fragt deshalb, „welche Inhalte unaufgebbar“ zur Wahrheit gehören, betont aber das Vorzeichen, dass nämlich die Antworten „Glaubensüberzeugungen“ seien und nur im „Modus des Zeugnisses, und damit des Dialogs“ kommuniziert werden dürften. Trotzdem benennt er fünf Punkte, ohne zu begründen, wie er auf sie gekommen ist.
Erstens gilt, dass Gott der Schöpfer ist und der alleinige Gott. Zweitens hat Gott alles erschaffen, und deswegen ist auch die Erde Teil einer guten Schöpfung. Drittens ist der Mensch Gottes Geschöpf. Als vierte unaufgebbare Wahrheit soll gelten, dass Jesus Christus „die Wahrheit Gottes in Person“ ist. Darin sei die Erlösung von der Sünde durch den Tod von Jesus enthalten. Fünftens ist dieser Jesus Christus in seiner Hingabe an Gott, seinem Gehorsam und seiner Liebe der wahre Mensch und Norm für jedes menschliche Leben.
Die klassischen alten Glaubensbekenntnisse hatten die Wendung zur Ethik ausgelassen. Die reformatorischen wollten keinesfalls Christus zum neuen Mose bzw. Gesetzgeber werden lassen.
Schon beim ersten Hinschauen fallen an diesem „Glaubensbekenntnis“ einige Dinge auf. Da ist zuerst das große Gewicht des ersten Glaubensartikels von Gott, dem Schöpfer, wenn man es mit dem bekannten apostolischen Glaubensbekenntnis vergleicht. Drei von fünf Punkten beschäftigen sich mit der Schöpfung, während die Erlösung nur im vierten angesprochen wird. Die Erlösung wird anders als im apostolischen Glaubensbekenntnis auch nicht an den historischen Tatsachen von Geburt, Leben, Sterben und Auferstehen von Jesus angehängt, sondern an einer – jedenfalls so wie Roland Gebauer es vorher entfaltet hat – eher philosophischen Aussage: Jesus ist Wahrheit in Person. Schließlich münden die fünf Glaubensgrundsätze im ethischen Appell: Das Leben von Jesus wird zum Imperativ für unser Leben. Die klassischen alten Glaubensbekenntnisse hatten die Wendung zur Ethik ausgelassen. Die reformatorischen Bekenntnisse haben sie meist an die Auslegung der Gebote angehängt, aber sich davor gescheut, so hoch zu greifen, dass Jesus Christus zum Maßstab für das christliche Leben gemacht wurde. Die Reformatoren wollten den Erlöser, der das Evangelium gebracht hat, keinesfalls zum neuen Mose bzw. Gesetzgeber werden lassen.
Schaut man sich die fünf „unaufgebbaren Inhalte“ der Wahrheit näher an, die Roland Gebauer beschreibt, dann geht es im ersten um die Gottheit Gottes gegenüber den falschen Göttern der Religionen. Ohne ethischen Appell kommt auch das nicht aus, wenn betont wird, dass das beste Zeugnis für die Wahrheit darin liege, Menschen zu lieben, die falschen Religionen anhängen. Soll das heißen, dass Christen über die Wahrheit schweigen und ihr „Zeugnis“ durch Liebe zu geschehen hat? Die Nächsten- und sogar Feindesliebe, die jedem Zeugnis von Christen zugrunde liegt und es begleitet, wird so zum eigentlichen Zeugnis gemacht, während das Eintreten für die Wahrheit zweitrangig zu sein scheint. Der zweite und dritte Punkt werden primär in den ethischen Appell gewendet. Dass die Erde Gottes gute Schöpfung ist, soll für „Christ/inn/en“ bedeuten, dass sie die „Klimakatastrophe“ und „Zerstörung der Schöpfung“ erkennen und ihr Leben so ändern, dass sie fortan „klima- und umweltverträglich“ leben. Dass der Mensch Geschöpf Gottes ist, führt zur Ablehnung der Abtreibung und eines „dritten Geschlechts“. Deswegen soll auch das sogenannte „Selbstbestimmungsgesetz“ abgewiesen werden, bei dem jedem Bürger das Recht zugestanden werden soll, einmal im Jahr seine amtliche Geschlechtseintragung zu ändern. Eine Ablehnung homosexueller Lebensweise dagegen sei nicht ethisch gefordert, im Gegenteil:
„Da das Zeugnis der Bibel zur Homosexualität nicht eindeutig ist (insbes. die zentralen Aussagen in Röm 1,26f), muss man sich hier vor einseitigen Festlegungen hüten.“
Die „Ehe für alle“ aber sei eindeutig „nicht mit der Wahrheit zu vereinbaren“.
Die Vermischung von persönlichen Meinungen mit ewiger Wahrheit Gottes korrumpiert Gottes Botschaft, die wir verkündigen sollen.
Es fällt beim Lesen schwer, sich daran zu erinnern, dass es in den fünf Punkten um „unaufgebbare“ Wahrheiten für alle Menschen ging. Statt nämlich zu entfalten, was für einen rettenden Glauben wesentlich ist, wird der Leser auf ethische und politische Entscheidungen festgelegt, die zur „geistlichen Wahrheit“ stilisiert werden. Damit kommt der Glaube an Christus in eine gefährliche Schieflage. Abgesehen davon, dass man über die ethischen Schlussfolgerungen unterschiedlicher Meinung sein kann (und m.E. auch sein muss), müssen wir fragen, ob sie wirklich zu den Glaubensgrundlagen gezählt werden sollten. Das falsche Verhältnis von Gesetz und Evangelium – die Ethik wird zum Zielpunkt der Errettung gemacht – stellt die gesamte biblische Botschaft auf den Kopf, denn das Gesetz begräbt das Evangelium unter sich. Aber auch die Vermischung von persönlichen Meinungen mit ewiger Wahrheit Gottes korrumpiert Gottes Botschaft. Christen müssen darauf achten, beides sauber auseinanderzuhalten und in ihrem Zeugnis beide Kategorien kenntlich machen.
Im Ergebnis hat Roland Gebauer die biblische Wahrheit zu einer religiösen Wahrheit gemacht, die trotz aller starken Worte auf der gleichen Stufe mit anderen subjektiven Meinungen steht. An die dadurch entstandene Leerstelle setzt er zeitgebundene Meinungen zu Klimaschutz und Sexualethik und rückt die Moral so in den Rang von unaufgebbaren Glaubensinhalten. Was wird sein, wenn vielleicht in ein paar Jahren niemand mehr von Klimawandel oder Gendermainstreaming reden wird? Werden dann andere Meinungen zu gesellschaftlichen Themen zu Glaubensinhalten? Der christliche Glaube wird auf diese Art und Weise jedenfalls zur Moralreligion mit dem üblichen Anteil an mystischem Ergriffensein von einem jenseitigen Gott, den der christliche Mensch subjektiv und persönlich in Christus gefunden hat.
Fazit
Roland Gebauer hat als Stimme der Evangelischen Allianz einen gewissermaßen apologetischen Entwurf veröffentlicht, der die Frage beantworten sollte, wie Christen mit ihren biblischen Überzeugungen verfahren sollten, wenn sie eine allgemeine Relativierung der Wahrheit und damit eben auch ihres Glaubens feststellen. Er übernimmt dazu erstens die begriffliche Aushöhlung bei der Wahrheitsfrage und vermischt Wahrheit, innere Überzeugung und Wahrheitsanspruch. Das ist offenbar ein Irrweg, auch weil wir so einen für den christlichen Glauben wichtigen Begriff verlieren. Zweitens entfaltet er eine besondere Kategorie religiöse Wahrheit, teilweise mit der absurden Behauptung, es gebe nur so etwas wie religiöse Wahrheit. Nach diesem Schritt wird beinahe die gesamte Glaubenslehre in dieses Konstrukt eingearbeitet. Glaube ist dann nicht mehr das Vertrauen darauf, dass der Wahrheitsanspruch Gottes gerechtfertigt ist, weil er auf Wahrheit gründet und Gott als Botschafter der Wahrheit vertrauenswürdig ist. Glaube wird eine subjektive Gewissheit, von diesem Gott getragen zu sein, weil man ihm irgendwie in Christus „begegnet“ ist. Gottes Botschaft von Schöpfung und Erlösung, von Gesetz und Evangelium mündet schließlich in eine Ansammlung von ethisch-moralischen Forderungen vom Leben Jesu als Maßstab für das eigene bis zu klimafreundlichem Verhalten und einer Auswahl aus der Sexualethik mit Akzeptanz von Homosexualität, aber Ablehnung von Transsexualität.
Glaube ist das Vertrauen darauf, dass der Wahrheitsanspruch Gottes gerechtfertigt ist, weil er auf Wahrheit gründet und Gott als Botschafter der Wahrheit vertrauenswürdig ist.
Die biblische Botschaft von der Wahrheit Gottes hat offenbar eine andere Qualität. Gottes Wahrheit besteht nicht nur in Überzeugungen von Menschen, sondern in Wirklichkeit, die Gott ins Dasein gebracht hat und die er selbst in seinem Wort wahrheitsgemäß bezeugt. An erster Stelle steht dabei die Wirklichkeit der Erlösung durch den ewigen Gottessohn Jesus Christus, der für uns als Mensch geboren wurde, starb und auferstand, und dadurch für unsere Sünden bezahlt hat. Gott hat die Schöpfung um der Erlösung willen ins Dasein gebracht. Alles ist durch und auf Jesus Christus hin erschaffen. Auch der Mensch und sein Wesen sind nicht ohne Grund zu Gottes Bild erschaffen.
Der geschaffene Mensch sollte durch den wahren Menschen, Jesus Christus, erlöst werden. Deswegen gründen auch die ethischen Forderungen der Bibel nicht in willkürlichen Meinungen, sondern entsprechen der Welt und dem Menschen, wie sie Gott um der Erlösung durch Jesus Christus willen gemacht hat. Daraus folgt aber auch, dass nicht die Ethik das Ziel ist. Das Ziel der Erlösung ist das Leben mit dem dreieinigen Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die ethischen Forderungen haben dienenden Charakter. Sie zeigen, wie Gott es ursprünglich gemeint hat. Sie zeigen, dass wir in unserer Rebellion dem Willen Gottes nicht nur nicht entsprechen. Unser Versuch bessere Gesetze zu machen, als Gott sie uns gegeben hat, muss scheitern und zeigen, dass Gott in jeder Hinsicht weiser ist als wir. Aber das alles soll uns vor allem zu Christus führen.
Unser Wahrheitsanspruch in unserem Zeugnis an unseren Nächsten gründet sich nicht auf uns Menschen und unsere subjektiven Meinungen und Erlebnisse, sondern auf Gottes Wahrheit. Wenn wir das relativieren, dann mag das bescheiden oder demütig wirken. In Wahrheit ist es ein Widerspruch gegen Gott. Die absolute Wahrheit des Evangeliums dürfen und müssen Christen bezeugen und sollen mit ihrem ganzen Sein dahinterstehen. Aber sie bezeugen die Wahrheit auch dann nicht als ihre subjektive Meinung, sondern als Gottes unumstößliche Wahrheit, die sie aus dem Wort Gottes, der Bibel, gelernt haben. Denn der Ursprung ihrer Überzeugungen liegt nicht in ihnen selbst, sondern bei Gott.
Mere Christianity. New York: MacMillan, 1960. Pardon, ich bin Christ. Meine Argumente für den Glauben. Basel: Brunnen, 1982. ↩
In der deutschen Übersetzung heißt es nicht ganz so griffig: „Wir können uns einfach nicht einer Sprache bedienen, wie sie meine Gegner vorschreiben wollen, ohne gleichzeitig Verwirrung zu stiften“. (11) ↩
Ich befürchte, dass hier das Misstrauen der modernen Theologie gegen sprachliche Offenbarung durchscheint. Risto Saarinnen hat das treffend analysiert: „Entweder wird die Offenbarung als non-kognitive Sprache völlig verworfen oder ihr werden Kategorien gegeben, die die Offenbarung als Phänomen sui generis, als isoliertes Sprachspiel, bestimmen. In beiden Fällen verlieren theologische Aussagen ihre allgemeine Gültigkeit und Evidenz.“ in „Offenbarung und Evidenz bei Lotze und Herrmann“, KuD 36 (1990): 300. ↩
Francis Schaffer hat in seinen Büchern genau davor gewarnt und das Gegenteil gemacht. Er prägte die Wortverbindung „wahre Wahrheit“, um von der Wahrheit und ihrer notwendigen Verbindung zur Wirklichkeit zu sprechen. ↩