Immer wenn sich weltanschauliche Fragen auf die Ebene des Rechts bewegen, wird es brenzlig. Ob sich ein Mann eher wie eine Frau fühlt, ob ein Mädchen denkt, sie könnte auch ihre beste Freundin heiraten, oder jemand findet, ein bestimmtes Wort sollte man lieber nicht in den Mund nehmen, muss nicht unbedingt ein Konfliktfall werden. Soll aber rechtlich abgesichert werden, wie man sein Geschlecht (jährlich) ändert, und dem. der es hinterfragt, ein Prozess droht, bekommt das eine Brisanz, die Glauben und Leben treffen kann.
Die Dimension des Rechts wird in ihrer Bedeutung für den christlichen Glauben oft unterschätzt. Auch unsere Errettung hat offenbar eine rechtliche Dimension zusammen mit der persönlichen Beziehung zu Jesus. Wir sind dem Gesetz und dem Gesetzgeber gegenüber schuldig (Gal 5,3), aber durch Jesus von der Verurteilung frei gemacht worden (Röm 8,2). Wir mögen in unserer Frömmigkeit einer der Dimensionen unserer Errettung näher stehen als der anderen, aber sie gehören zueinander.
Johannes hält die Dimensionen beieinander, weil er weiß, dass sie gegeneinanderstehen können. Unser Inneres kann uns verklagen und verdammen, unser Gefühl der Vaterliebe Gottes kann schwanken, aber dann gilt immer noch das Urteil Gottes (1Joh 3,19-20). Gott hat seine Liebe durch Tatsachen erwiesen, bei denen er seinen eigenen Sohn nicht geschont hat, sondern ihn zur Vergebung unserer Schuld in den Tod gehen ließ (Joh 3,16). Dabei war er über unseren wahren Zustand nie im Unklaren: Er erkennt alle Dinge. Trotzdem hat er „den Schuldschein gegen uns gelöscht, den in Satzungen bestehenden, der gegen uns war, und ihn auch aus unserer Mitte fortgeschafft, indem er ihn ans Kreuz nagelte“ (Kol 2,14 ELB).
Johannes benennt auch die Konsequenzen, die das richtige Zueinander der Dimensionen hat. Auch wenn uns gerade nicht Mitfühlen oder die Sympathie dazu treibt, jemandem zu helfen, so muss es doch das Wissen tun, dass er mein Bruder ist (rechtliche Dimension), und die Erkenntnis, dass Liebe nicht nur Gefühle sind, sondern ebenso praktische Taten (1Joh 4,19-21; Jak 2,16).
Dadurch lernen wir auch, was Gerechtigkeit bedeutet. Es ist nicht Gleichheit, wie oft behauptet wird, sondern Entsprechung, Verantwortung und Geben. Entsprechung, insofern Gott unterschiedliche Menschen gewollt hat, damit sie sich zueinander fügen. In der Familie z.B. sind Mann und Frau und Kinder mit unterschiedlichen Aufgaben und Möglichkeiten beieinander und leben Gerechtigkeit, wenn sie einander in Unterordnung und Hingabe fördern und beschenken. Je größer die Gabe Gottes ist, desto größer wird die Verantwortung, mit ihr zu dienen. Deswegen muss sich auch jeder als Empfangender verstehen, der sowohl demütig annimmt als auch gerne weitergibt. Dabei sind Menschen nicht „auf Augenhöhe“ oder gleich begabt. Ich meine sogar, dass das Wort „gleichwertig“ hier fehl am Platz ist, weil unser Wert durch Gottes Liebe und die Erlösung bestimmt wurde und gerade nicht durch Fähigkeiten, Gaben oder unsere Identität.
Es ist das Wort Gottes der Bibel, das in der Frage nach Recht und Gerechtigkeit den Rahmen bietet, von dem wir unsere Begriffe bestimmen lassen. Nach dieser Gerechtigkeit sollen wir streben.