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Propheten kommen – Zum Einfluss afrikanischer Propheten der Gegenwart

Auch nach Europa ist der Ruf des einen oder anderen Predigers oder Propheten vom afrikanischen Kontinent gedrungen. Viele von ihnen haben eine große, begeisterte Anhängerschaft, aber vor allem das System des charismatischen Führers, der von Gott besonders begabt zu sein scheint, übt eine starke Anziehung aus. Langfristig gesehen sind viele der afrikanischen Apostel und Propheten eher eine Gefahr für den christlichen Glauben. Zum einen binden sie die Menschen an sich, statt an Jesus Christus. Zum anderen bewirken sie durch die regelmäßige Nichterfüllung ihrer hochgesteckten Versprechungen schwerwiegende Enttäuschungen. Durch viele Skandale werfen sie aber auch ein schlechtes Licht auf das christliche Zeugnis.

Afrika ist zwischenzeitlich weit mehr als Europa ein überwiegend christlicher Kontinent. Gespräche über den Glauben gehören hier für die meisten Menschen zum Alltag. Atheismus, übersteigerter Individualismus und hemmungsloser Materialismus ist für viele Afrikaner nur schwer verständlich. Der christliche Glaube ist bei einem hohen Prozentsatz im alltäglichen Leben verankert. Man rechnet mit der Gegenwart und dem realen Eingreifen Gottes.

Durch diese große Popularität von Jesus Christus und Bibel steigt natürlich auch die Gefahr des Missbrauchs. Tatsächlich werben einige sehr seltsame Gruppen um Anhänger, bei denen der christliche Glaube zuweilen nur noch als Karikatur erscheint. Die zweifelhafte Lehre versuchen sie zumeist durch vollmundige Versprechen von spektakulären Wundern und großem Reichtum zu überdecken. Die Zahl der vorgeblich direkt mit Gott in Verbindung stehenden Propheten und Apostel ist in Afrika mittlerweile kaum noch zu überschauen. Manche scheinen wirklich an ihre übernatürlichen Kräfte zu glauben. Andere nutzen das große Vertrauen ihrer Anhänger rücksichtslos für ihre eigenen materiellen Interessen aus. Die meisten dieser Apostel und Propheten haben wenige tausend Anhänger. Einige aber verfügen über einen ausgedehnten Einfluss, der gelegentlich auch bis Europa reicht. Bei vielen dieser geistlichen Leiter finden sich deutliche Verfälschungen biblischer Lehre. Damit verbunden ist eine besondere spirituelle Form von Bibelkritik und Glaubenskritik.

Zu Beginn des 20. Jahr­hunderts gründete der vorgeblich christliche Prophet Isaiah Shembe (1865-1935) in Südafrika eine bis heute erfolgreich arbeitende Kirche. Entsprechend der später über den Prediger verbreiteten Legenden, soll er im Alter von drei Jahren gestorben und dann durch ein Wunder wieder lebendig geworden sein. In den folgenden Jahren soll ihm Gott verschiedentlich erschienen sein; allerdings ohne dass andere Menschen davon etwas mitbekamen. In einer örtlichen Methodistengemeinde lernte Shembe die Grundlagen des christlichen Glaubens kennen. Vorgeblich auf den Befehl Gottes hin verließ er Frau und Kinder, zog in die Provinz Natal und begann seine Tätigkeit als umherreisender Evangelist und Heilungsprediger. Shembe gab vor, direkt von Gott berufen worden zu sein, um den Afrikanern das „wahre Evangelium“ zu predigen. Seine mitreißende und überzeugende Art zog schon bald viele Zuhörer an. So entstand 1913 die bis heute existierende Nazareth Baptist Church; später auch einfach Shembe Church genannt.

In seine Gottesdienste integrierte Shembe Zulu-Hymnen, „heilige“ Tänze und afrikanische Kostüme. Weihnachten und Ostern dagegen traten zurück.

In seine Gottesdienste integrierte Shembe Zulu-Hymnen, „heilige“ Tänze und afrikanische Kostüme. Die Bedeutung von Weihnachten und Ostern trat deutlich zurück. Anstelle des Sonntags sollten seine Anhänger am Samstag, dem alttestamentlichen Sabbat, zusammenkommen. Schweine- und Hühner­fleisch wurde für tabu erklärt. Auch andere alttestamentliche Speisegebote etablierte der Kirchengründer. Shembe versprach, Gott würde die afrikanischen Völker reich segnen, wenn sie nur alle konsequent den Sabbat feiern. Außerdem konnte er seine Anhänger immer wieder von großzügigen Spenden überzeugen, die unter seiner Verwaltung der Ausbreitung des ihm allein mitgeteilten Willens Gottes dienen sollten. Nach seinem Tod wurde Shembe als einzigartige „Manifestation Gottes“ verehrt.

Heute betrachtet man ihn als den Erneuerer der „wahren Lehren“ von Mose und Jesus, die von der übrigen Christenheit verdrängt worden seien. Bei einem besonderen Fest erbitten die Anhänger der Kirche einmal jährlich den Segen ihres Gründers Shembe. Weil sich die beiden Söhne des Propheten und Heilungspredigers nach dem Tod des Vaters wegen der künftigen Leitung der Kirche zerstritten, existieren heute zwei voneinander unabhängige Zweige der Nazareth Baptist Church, die in Südafrika zwischenzeitlich als eigenständige, nur noch teilweise christliche Religion angesehen werden. Eigenen Angaben zufolge halten sich heute rund 6 Millionen Menschen zu der von Shembe gegründeten religiösen Gemeinschaft, insbesondere in der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal.

Temitope Balogun Joshuas (1963-2021) Aufstieg zu einem der bekanntesten Propheten und Heilungsprediger Nigerias lag in den 1980er Jahren. Während der damaligen Wirtschaftskrise präsentierte er sich als starker Mann und vertrauensvolle Autorität. Innerhalb weniger Jahre gründete er in der nigerianischen Hauptstadt Lagos die Synagogue Church of all Nations (SCOAN) und den religiösen Fernsehsender Emmanuel TV. Schon bald hatte Temitope Joshua etwa 50.000 feste Anhänger und zahlreiche weitere Sympathisanten in ganz Afrika und Europa. Besonders ins Gespräch brachte er sich durch seine zahlreichen Geistheilungen, die von anderen nigerianischen Pastoren allerdings stellenweise als schamanisch und psychosomatisch eingeordnet wurden.

Seinen Ruf als Prophet etablierte T. B. Joshua durch eine etwas schwammige Ankündigung des baldigen Todes irgendeines afrikanischen Staatschefs. Als einige Zeit später Bingo Mutharika starb, der 78-jährige Präsident von Malawi, hielten viele den Prediger für einen authentischen Propheten Gottes. Daran änderte sich auch wenig, nachdem Joshua mit einigen, offensichtlich falschen Prophezeiungen an die Öffentlichkeit getreten war. Beispielsweise sagte er angeblichen im Auftrag Gottes die Wahl von Hillary Clinton als neue amerikanische Präsidentin voraus. Außerdem kündigte T. B. Joshua das definitive Ende der Corona- Pandemie für den 27.3.2020 an. Beide Voraussagen erfüllten sich bekanntlich nicht. Ohne rechtzeitige Warnung des Propheten stürzte 2014 das Gästehaus seiner Kirche in Lagos ein, wobei 116 Menschen starben. Eine Untersuchungskommission führte den Einsturz auf vermeidbare Baumängel zurück. Einen Prozess konnte T. B. Joshua durch seine guten Verbindungen in die nigerianische Politik allerdings verhindern. Für den Einsturz des Gebäudes machte er in Interviews ominöse Feinde seiner Kirche verantwortlich. Der christliche Prophet und Heiler starb 2021.

Shepherd Bushiri (geb. 1983) gilt heute als einer der reichsten Unternehmer Afrikas. Angefangen hatte der in Malawi geborene Bushiri als evangelikaler Prediger. Erst nachdem er sich auf Heilungen und Prophetien konzentrierte, wuchsen sein Bekanntheitsgrad und seine Anhängerschaft rasant. Weit über die Landesgrenzen hinaus wurde er durch ein Video auf YouTube bekannt, in dem er vorgeblich durch die Luft geht. In der Realität konnte dieses spektakuläre Wunder allerdings von keinen glaubwürdigen Augenzeugen beobachtet werden. Die von Shepherd Bushiri gegründete Enlightened Christian Gathering Church (ECG) gilt momentan als eine der schnellst wachsenden Kirchen Afrikas. Regelmäßig füllt der selbsternannte Prophet die größten Stadien Afrikas mit bis zu 95 000 Besuchern. Besonderen Zulauf erhielten seine Gemeinden durch die Behauptung Bushiris, AIDS heilen zu können.

Bushiri versprach, die Mitglieder seiner Kirche zu Millionären zu machen. Durch ein von Gott geoffenbartes System würde alles eingezahlte Kapital innerhalb eines Monats 50% Gewinn erbringen.

Im Jahr 2017 versprach Bushiri, die Mitglieder seiner Kirche zu Millionären zu machen. Durch ein von Gott geoffenbartes System würde alles eingezahlte Kapital innerhalb eines Monats 50% Gewinn erbringen. Wie kaum anders zu erwarten erfüllte sich dieses Versprechen nicht. Zwischenzeitlich laufen zahlreiche Verfahren gegen den Prediger, weil gutgläubige Gemeindeglieder weder ihr eingezahltes Kapital noch die zugesagten Gewinne erhalten haben. Allein in Südafrika ist Bushiri angeklagt, mit seinem wirtschaftlichen Schneeballsystem über 6 Millionen Dollar veruntreut zu haben. Mit einem geringen Teil des eingenommenen Geldes finanzierte Bushiri den Betrieb von Waisenhäusern, die Subventionierung von Grundnahrungsmitteln und den Bau einfacher Unterkünfte für Bedürftige. Den Großteil der erhaltenen Spendengelder und gemeindlichen Darlehen benutzt der Prophet für Luxusfahrzeuge, drei Privatflugzeuge, Villen und einen insgesamt luxuriösen Lebensstil. Außerdem investierte er mehrere hundert Millionen Dollar in Immobilien, Goldminen und Infrastrukturprojekte. Durch großzügige Einladungen hat sich Bushiri zwischenzeitlich ein ausgedehntes Beziehungsgeflecht zu führenden afrikanischen Politikern aufgebaut. Trotzdem laufen gegen ihn 2022 verschiedene Prozesse wegen 16facher Vergewaltigung, wegen Betrug, Geldwäsche, und Steuerhinterziehung.

Langfristig gesehen sind viele der afrikanischen Apostel und Propheten wohl eher eine Gefahr für den christlichen Glauben. Zum einen binden sie die Menschen an sich, statt an Jesus Christus. Zum anderen bewirken sie durch die regelmäßige Nichterfüllung ihrer hochgesteckten Versprechungen schwerwiegende Enttäuschungen. Viele dieser selbsternannten geistlichen Führer sind darüber hinaus in private, sexuelle und finanzielle Skandale verstrickt. Immer häufiger kommt das auch an die Öffentlichkeit und führt zu einer generellen Skepsis gegenüber dem christlichen Glauben. Europäische Christen sollten deshalb etwas zurückhaltend sein, wenn sie von vorgeblich geisterfüllten Propheten und Aposteln aus Afrika hören. Trotz ihrer wortgewaltigen Predigten und Selbstinszenierungen entpuppen sich manche Wunder und Vorhersagen bei genauerer Betrachtung als maßlos übertrieben oder sogar als gänzlich erfunden. Im Interesse langfristiger christlicher Glaubwürdigkeit sollte man sich gegen die Selbstvermarktung dieser afrikanischen Prediger wehren und dabei helfen, in Europa wie auch in Afrika ein seriöses Christenleben zu fördern, auch wenn das eben nicht immer so spektakulär und kraftvoll ausfällt, wie von manchen Wundertätern beworben.

Biblische Propheten und die wichtigen Leiter der Kirchengeschichte zeichneten sich zumeist durch einen vorbildlichen Lebenswandel aus, durch Bescheidenheit und Korrekturfähigkeit, weniger durch eine spektakuläre Selbstvermarktung, einen von Spenden ihrer Gemeinde finanzierten, luxuriösen Lebensstil und nachweislich falsche Prophezeiungen.

  • Ausgewählte Quellen

Universität Calgary: Die Shembe-Geschichte, https://people.ucalgary.ca/~nurelweb/books/shembe/s-index.html

I. Hexham / G. Oosthuizen, eds: The Story of Isaiah Shembe, Vol. 1, History and Traditions Centered on Ekuphakameni and Mount Nhlangankazi, Edwin Mellen Press, New York 1996

Shembe, Isaiah Mdliwamafa, in: Biographical Dictionary of Christian Missions, https://dacb.org/stories/southafrica/shembe2-isaiah/

Mariam Ileyemi: Prophet T. B. Joshua is dead at 57, in Peoples Gazette vom 5.6.2021, https://gazettengr.com/breaking-prophet-t-b-joshua-is-dead/

Hans Scheib: Augenzeugenbericht über T. B. Joshua, in: Bethanien Verlag 19.1.2003, https://www.betanien.de/augenzeugenberich-ueber-t-b-joshua/

Michael Oduor: Who was T. B. Joshua? Why he thrived despite endless controversies?, in: Africa News vom 8.6.2021, https://www.africanews.com/2021/06/08/who-was-tb-joshua-why-he-thrived-despite-endless-controversies/

„Im Gespräch mit einem der größten Pastoren Afrikas“, in: New African vom 10.11.2017, https://newafricanmagazine.com/15818/

Isabel Pfaff: Pastor mit Privatjet, in: Süddeutsche Zeitung 11.1.2016, https://www.sueddeutsche.de/panorama/afrika-gottes-reicher-1.2813675

Abraham Mashego: Von der Kanzel beraubt: Wie Bushiri Investoren um Millionen betrügt, in: Citypress vom 25.2.2019, https://www.news24.com/citypress/news/robbed-from-the-pulpit-how-bushiri-conned-investors-out-of-millions-20190225