ThemenKultur und Gesellschaft, Orientierung

Kulturelle Aneignung – eine neue „Sünde“?

Was vor einiger Zeit als Offenheit für fremde Kulturen angesehen wurde oder sogar als Dienst, bestimmte Elemente fremder Kultur bekannt zu machen, gilt seit kurzem unter dem Stichwort „kulturelle Aneignung“ als eine Missachtung anderer Kulturen. Dass es dabei recht willkürlich zugeht, ist nur eine Seite des Problems. Viele erkennen nicht, dass sie mit dem Wunsch, die Identität von fremden Völkern zu bewahren, auch eine Form von Nationalismus fördern. Sie stehen auf fragwürdigen Fundamenten wie einem biologistischen Verständnis von Volk. Der christliche Glaube zeigt dagegen einen Weg, die Schönheit der Verschiedenheit zu achten, und zugleich die Einheit auf der Ebene der Zugehörigkeit zur Familie Gottes zu fördern.

Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden Menschen vielleicht seltsam angesehen, wenn sie sich Rasta-Zöpfe flechten ließen, wenn sie traditionell chinesische Kleidung trugen oder afrikanische Tänze einübten. Aber meist galt so etwas als Zeichen großer kultureller Offenheit. Zwischenzeitlich hat sich der ideologische Wind in der Gesellschaft wieder einmal gedreht. Mit großer Empörung und massiven Unterstellungen wirft man jungen Europäern, die Reggae spielen, Rasta-Zöpfe tragen oder indianischen Schmuck herstellen, nun „kulturelle Aneignung“ vor.

Dieser neu erfundene Sachverhalt, mit dem man wieder einmal seine besondere Sensibilität und den persönlichen Kampf für Gerechtigkeit gegenüber einer angeblich ignoranten Gesellschaft beweisen kann, geht davon aus, dass kulturelle Bräuche und Techniken legitim nur von der Gruppe praktiziert werden dürften, die sie ursprünglich erfunden hat. Wer sich nicht an diese neuen ideologischen Regeln hält, der wird schnell als verkappter Kolonialist oder Dieb fremden kulturellen Eigentums diffamiert. In diesem Zusammenhang wird selbstgerecht gerne auch angemerkt, dass Indianer sich zwar selbst als „Indianer“ bezeichnen dürften, Europäer aber, politisch korrekt, nur von „Indigenen“, „amerikanischen Ur­ein­wohnern“ oder „native americans“ sprechen dürften. Gleiches gilt dann natürlich auch für Zigeuner, Eskimos, Frauen und Männer. Sofern er überhaupt weiß, wer oder was er ist, darf sich der Betreffende bezeichnen, wie er will. Außenstehende aber sind verpflichtet, ausschließlich die gerade gesellschaftlich gültigen Formulierungen zu verwenden. Selbst Romane von Karl May werden inzwischen verdächtigt, weil sie das Leben nord- und mittelamerikanischer Indianer aus europäischer Perspektive beschreiben, ohne gleichzeitig gebührend die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung zu besprechen.

Häufig reißt der Mensch Musik, Kleidung und religiöse Vorstellungen aus ihrem ursprünglichen Zusammen­hang, um sie dann besser in die eigene Lebens- und Vorstellungs­welt einbauen und „konsumieren“ zu können.

In einer über Jahrzehnte multikulturell geprägten Welt wirken solche Vorstellungen irgendwie überraschend und deplatziert. Tatsächlich plündert der westlich-postmoderne Mensch schon lange weitgehend bedenkenlos das kulturelle Erbe anderer Völker. Häufig reißt man dabei Musik, Kleidung und religiöse Vorstellungen aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang, um sie dann besser in die eigene Lebens- und Vorstellungswelt einbauen und „konsumieren“ zu können. In der Esoterik beispielsweise werden hinduistische, buddhistische, jüdische und schamanische Elemente beständig aus ihrem eigentlichen Kontext gelöst und recht willkürlich neu zusammengefügt. Die ursprüngliche Bedeutung eines Begriffs oder einer Handlung wird dann gewöhnlich ignoriert. Nach eigenen Vorlieben wird alles umgedeutet, bis der Anhänger der jeweiligen Religion seine eigenen Überzeugungen selbst nicht mehr wiedererkennt. Manchmal gibt der westliche Esoteriker dann sogar noch vor, der eigentlich authentische Buddhist oder Hindu zu sein. Verständlich, wenn das den ärgert, der ganz in der entsprechenden Kultur lebt.

Ein Vorwurf und die Folgen

Trotzdem ist der massiv erhobene Vorwurf „kultureller Aneignung“ reichlich problematisch. Zum einen könnte man sich doch auch freuen, wenn viele Menschen anderer Länder plötzlich für bestimmte Elemente der eigenen Kultur oder Weltanschauung Interesse zeigen; auch wenn sie diese dann verändern oder uminterpretieren. Immerhin hebt deren Anteilnahme die Bedeutung der eigenen Traditionen und Vorstellungen deutlich hervor. Zum anderen verrät der Vorwurf „kultureller Aneignung“ eine ziemlich seltsame Vorstellung fremder Lebensweisen. Kulturen sind gewöhnlich nicht statisch, sondern befinden sich in einer beständigen Veränderung. Kulturen, Religionen und Musikstile nehmen regelmäßig neue Gedanken auf und integrieren sie in das eigene Konzept. So ist der Islam ohne das Christentum nicht denkbar, von dem er viele Elemente übernommen und dann umgedeutet hat. Muslimen deshalb pauschal „kulturelle Aneignung“ zu unterstellen, wirkt irgendwie absurd. Natürlich können Menschen anderer Kulturen Elemente christlichen Glaubens aufnehmen und umformen, auch wenn Christen das als Verfälschung verstehen. Wenn jemand bestimmte Aspekte oder Stile einer anderen Kultur übernimmt, dann ist das weder verboten noch unmoralisch, sondern ein deutliches Zeichen für die Attraktivität dieser Kultur. Wohl jeder Musik- oder Kleidungsstil und jede Weltanschauung oder politische Idee ist schließlich irgendwann von anderen geprägt und beeinflusst worden. Diesen vollkommen normalen Austausch tabuisieren zu wollen, widerspricht der überall anzutreffenden Wirklichkeit und führt in konsequenter Anwendung zu einer ideologisch gewollten Verarmung des Lebens.

… Nationalismus

In der Konsequenz führt der Vorwurf „kultureller Aneignung“ zu gesell­sc­haftlicher Isolation und zu steigendem Nationalismus.

In der Konsequenz führt der Vorwurf „kultureller Aneignung“ zu gesellschaftlicher Isolation und zu steigendem Nationalismus. Denkt man dieses Konzept weiter, dann dürfen am Ende nur noch Kenianer kenianische Frisuren tragen und kenianische Musik aufführen. Im Umkehrschluss dürften natürlich auch nur noch Deutsche Bach oder Mozart spielen, und alle asiatischen Musikstudenten müssten schleunigst ausgewiesen werden, um ihre „kulturelle Aneignung“ nicht zu unterstützen. Man dürfte auch kein chinesisches oder italienisches Essen mehr genießen, es sei denn, es ist auch von einem Vertreter der jeweiligen Kultur gekocht worden. Unter dem Vorwurf „kultureller Aneignung“ müsste man natürlich auch die meiste Popmusik tabuisieren, weil sie zumeist Elemente afrikanischer und afroamerikanischer Kultur aufgenommen hat. Im Gegenzug müsste man Indern verbieten, Krankenhäuser und Universitäten zu unterhalten, weil sie sich damit sachfremde Elemente europäischer Kultur aneignen. Ist es dann auch illegitim, wenn Chinesen über den deutschen Philosophen Immanuel Kant diskutieren, Japaner begeistert Musik von Bach und Beethoven spielen oder afghanische Frauen Feminismus leben wollen, wobei das doch ganz deutlich aus der europäischen Kultur stammt? Deutsche sollten wohl am besten nur noch deutsche Küche mit Sauerkraut und Kartoffeln konsumieren, um sich beim Kochen keiner „kulturellen Aneignung“ schuldig zu machen. Wobei nicht vergessen werden darf, dass auch die Kartoffeln und Schwarztee natürlich aus anderen Kulturen stammen, also eigentlich auch tabu wären.

Manchmal fördert der Vorwurf „kultureller Aneignung“ auch den Irrationalismus und den Mystizismus. Neutrale oder sogar kritische Kommentare von außen versucht man mit dieser Behauptung bequem zurückzuweisen, weil man einfach pauschal behauptet, dass es nur noch dem Nigerianer erlaubt sei, Aussagen über Nigeria zu machen, und nur noch Indigene über Vorstellungen der Indianer sprechen dürfen. Dabei wird schnell unterschlagen, dass viele Indianer oder Nigerianer deutlich weniger über ihre eigene Kultur wissen als interessierte Außerstehende, denen mit dem pauschalen Vorwurf „kultureller Aneignung“ aber undifferenziert der Mund verboten würde. Weil jemand in einer entsprechenden Kultur oder einem entsprechenden Land geboren wird, ist er nicht generell qualifizierter, gültige Aussagen darüber zu machen, es sei denn die Sache würde auf so etwas wie „Lebensgefühl“ beschränkt. Anderen Menschen generell Böswilligkeit und Unfähigkeit zu unterstellen, ist wenig reflektiert und kann logisch kaum begründet werden.

… biologistisch begründete Abschottung

Wendet man diese Argumentation auch nur einigermaßen konsequent an, dann müsste man biologistisch davon ausgehen, dass kulturelle Kompetenz vor allem eine Frage der Genetik ist. Einfach weil ein Mensch in einem bestimmten kulturellen Umfeld aufgewachsen ist, gilt er quasi als Eigentümer und einzig legitimer Interpret dieser Kultur. Im Kern verbergen sich hinter diesem Konzept rassistische Vorstellungen. Gerade die „völkische Ideologie“ der Nationalsozialisten argumentierte häufig ganz ähnlich. Nur die Arier könnten demnach das Germanentum richtig verstehen und interpretieren, nicht aber die Amerikaner, Russen oder Mitglieder anderer Völker, war man überzeugt So wollte man seine germanische Kultur rein halten von fremden Einflüssen. Wenn etwas wissenschaftlich nicht belegbar war, dann berief man sich einfach auf das vorgeblich spezielle Wissen germanischer Arier, was Außenstehende eben nicht nachvollziehen könnten. Wer ehrlich ist, wird allerdings schnell zugeben, dass gerade die kritischen Kommentare von Menschen anderer Prägung und Kultur absolut notwendig sind, um eigene Einseitigkeiten und Fehler erkennen zu können. Da ist es absolut hilfreich, dass Menschen sich nicht von einer vorgeblich „kulturellen Aneignung“ abschrecken lassen und europäische Vorstellungen kritisch kommentieren. Ebenso können und sollen Europäer Kulturen anderer Länder durchdenken und kritisch reflektieren.

Manche argumentieren bei „kultureller Aneignung“ auch mit noch ungeklärten rassistischen Denkstrukturen oder einer Belastung durch das kulturelle Erbe des Kolonialismus. Demnach dürften junge Leute aus Europa heute keine kulturellen Merkmale von Indianern, Afroamerikanern oder Jamaikanern übernehmen, weil Vertreter der „weißen Rasse“ vor vielen Generationen Mitglieder dieser Gruppen unterdrückt und ausgebeutet haben. Dabei spielt es vorgeblich keine Rolle, dass die betreffenden, heute lebenden Jugendlichen von diesem Missbrauch nichts wissen, in keiner Weise daran beteiligt waren und ihn auch nicht nachträglich rechtfertigen. Einfach ihre Zugehörigkeit zur Gruppe hellhäutiger Europäer macht sie demnach kollektiv schuldig und verbietet ihnen die Übernahme kultureller Bräuche ehemals Unterdrückter. Dieses kollektivistische Denken definiert den Menschen nicht mehr als Einzelwesen, sondern primär „völkisch“ als Mitglied einer „Rasse“. Schon alleine das ist aus christlicher Sicht äußerst problematisch. Darüber hinaus wird schnell übersehen, dass die früheren Opfer auch selbst Täter gewesen sein können und es oft waren. Fast alle Kulturen haben selbstverständlich kulturelle Elemente von den Völkern übernommen, die sie selbst vielleicht Jahrhunderte vorher erobert und verdrängt hatten, wie die Römer, die Kultur der Griechen adaptierten oder die Germanen Elemente der Kelten.

Der andere Blick von Bibel und Christentum

Gerade der christliche Glaube ist international. Christus kam als Jude im Israel der Zeitenwende zur Welt, aber die Rettung durch ihn hatte Gott von Anfang an für Völker, Sprachen und Nationen vorgesehen. Der Kern der Botschaft des Evangeliums ist überkulturell, was sich auch daran zeigt, dass es Christen in den unterschiedlichen Völkern und Kulturen gibt und niemand – wie oft behauptet wurde – erst eine westliche Kultur annehmen muss, um Christ zu sein.

Die jetzt als sicher gefälscht identifizierten Bruchstücke stellen nicht die bewiesene Echtheit der vielen anderen Fragmente und vollständigen Schriften in Frage.

Christen wollen eine „kulturelle Aneignung“ ihres Glaubens in anderen Ländern. Das nennt man dann „Inkulturation“. Menschen anderer Kulturen übernehmen den Kern christlichen Glaubens und bilden ihn dann mit ihren Instrumenten, ihrer Kunst, ihrer Sprache, ihrer Architektur usw. ab. Das ist vollkommen legitim und sogar beabsichtigt. Kulturen müssen nicht statisch erhalten bleiben, wie sie zu einem willkürlich festgelegten Zeitpunkt existierten. Jeder Versuch eine Kultur zu konservieren, ist nicht nur zum Scheitern verurteilt, er ist auch für die Kultur selber schädlich, weil jede Kultur die Auseinandersetzung mit Anregungen von Außen braucht. Darum dürfen Kulturen andere, bisher fremde Elemente aufnehmen und nach ihrem Umfeld umprägen. Kulturen sind lebendig und prägen sich gegenseitig oder sie sterben. Christen wünschen sich, dass Menschen aus vielen Kulturen sich mit ihren Glaubensinhalten und Traditionen beschäftigen, selbst wenn am Ende manche den Kern des Glaubens missverstehen können. Andererseits aber wird dabei christliche Wahrheit beständig in neuen kulturellen Formen ausgedrückt und fester Bestandteil des Lebens fremder Völker.

In der Bibel stellt sich Gott als überkulturell vor. Wenn er der Gott Israels ist, dann geht es dabei um ein Element der Heilsgeschichte, aber nicht um einen Wesenszug Gottes. Kultur mit ihren vielen Erscheinungsformen ist eine menschliche Schöpfung, die zum Auftrag gehört, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Aber nichts davon, was praktisch aus dem Gehorsam gegenüber diesem Befehl hervorgeht, ist statisch oder an sich heilig. Deswegen fordert Gottes Wort Christen heraus, kulturelle Schranken zu überwinden.

Gerade die erste christliche Gemeinde verband, nicht immer ohne Spannungen, Gläubige jüdischer, griechischer, römischer und anderer kultureller Prägung miteinander.

„Da gibt es keine Juden oder Nichtjuden mehr, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen, denn durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zu Einem geworden.“ (Gal 3, 28)

Christen sollten sich auch nicht mehr primär über ihre Nationalität oder ihre Kultur definieren, sondern über ihre Zugehörigkeit zum jenseitigen Reich Gottes.

„Ihr wisst, liebe Geschwister, dass ihr ‹in dieser Welt› nur Ausländer und Fremde seid. Deshalb ermahne ich euch: Gebt den menschlichen Begierden nicht nach, denn die kämpfen gegen euch. Euer Leben muss gerade unter Menschen, die Gott nicht kennen, einwandfrei sein. Wenn sie euch als Böse verleumden, sollen sie eure guten Taten sehen, damit sie ‹zur Einsicht kommen und› Gott preisen, wenn er einmal in ihr Leben eingreift.“ (1Pet 2, 11f.)

Das heißt nicht, dass sie nicht auch Kultur und Brauchtum, in dem sie aufgewachsen sind, schätzen und pflegen dürfen. Aber Christen wissen, dass sie zuerst Kinder Gottes sind und mit Menschen aus allen Völkern, Sprachen und Nationen zusammen das eine Volk Gottes bilden. Dabei schafft es Gott, durch den Glauben an seinen Sohn Jesus Christus Einheit in der Vielfalt zu erreichen, weil der Mensch sich nicht über seine Kultur definiert. Er muss sich nicht damit von anderen abgrenzen, sondern soll die Verschiedenheit als Anlass zum Lob für Gott und als Auftrag zum Dienst aneinander begreifen. Der Ausblick auf das ewige Miteinander der Menschen klingt im Buch der Offenbarung verschiedentlich an und zeigt, dass es bei Gott keinen Kulturkampf gibt (Offenbarung 5,9):

Und sie singen ein neues Lied:

Du bist würdig, das Buch zu nehmen

und seine Siegel zu brechen!

Denn du wurdest als Opfer geschlachtet.

Und mit deinem vergossenen Blut

hast du Menschen erkauft,

Menschen aus allen Stämmen und Völkern,

aus jeder Sprache und Kultur.

Du hast sie freigekauft für unseren Gott