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Ist das Christentum intolerant und diskriminierend?

Immer wenn von der Bibel und durch Christen davon die Rede ist, dass etwas nur so und nicht anders richtig ist, weil Gott es so sagt, erscheint das dem modernen Zeitgenossen als intolerant. Das hat zuerst seinen Grund darin, dass der Begriff „Toleranz“ sich in den letzten 30 Jahren zu einem Synonym für „Akzeptanz“ entwickelt hat. Während früher selbstverständlich auch für Christen galt, dass sie andere Meinungen ertragen, auch wenn sie mit möglichst guten Argumenten widersprechen, wird heute von ihnen erwartet, dass sie jedem Wandel in der öffentlichen Meinung und Moral zustimmen. Damit ist die neue Toleranz ziemlich intolerant. Christen müssen in diesem Klima einen Weg finden, wie sie Gottes Anspruch und das Evangelium, das allein durch den Glauben an Christus rettet, freundlich, aber ohne Abstriche bezeugen können.

1. Intolerantes Christentum?!

Innerhalb der westlichen Gesellschaft sieht sich das Christentum immer wieder mit bestimmten Vorwürfen konfrontiert. Einer der häufigsten Vorwürfe dreht sich um die Toleranzfrage. Die Anklage ist nicht nur deshalb so effektiv, weil manche Christen tatsächlich intolerant sind, sondern weil das Christentum selbst als intolerantes Glaubenssystem ausgemacht wird. Wie könnte denn eine Tür, ein Weg, eine Wahrheit tolerant sein? (vgl. Joh 14,6). Wie könnte der christliche Glaube sich ernsthaft als tolerant präsentieren, wenn er anderen Menschen Rechte abspricht (z.B. bei der „Homo-Ehe“) oder ihnen nicht einmal die Freiheit zugesteht, ihre eigene Identität festzulegen (z.B. beim Transgenderismus). In einer Zeit, in der nur wenige Dinge derart moralisch geächtet werden wie intolerantes Verhalten, wiegt die vorgebrachte Anschuldigung natürlich besonders schwer. Unglücklicherweise verfügen wir innerhalb unserer Mainstream-Gesellschaft nur über ein sehr vages Verständnis von dem Begriff Toleranz und reden häufig aneinander vorbei.

2. Veränderte Wort­bedeutung

In der Vergan­gen­heit verstand man darunter die Tugend, Dinge zu erdulden, die als falsch, schädlich oder anstößig betrachtet wurden (lat. tolerare). Dieses Verständnis setzte für die tolerante Person sowohl eine ablehnungswürdige Handlung als auch eine beabsichtigte Untätigkeit voraus. Es reichte also nicht, lediglich eine gegensätzliche Überzeugung zu haben, sondern eine Person galt nur dann als tolerant, wenn sie sich bewusst dagegen entschied, gegen das missbilligte Verhalten vorzugehen, obgleich sie über die Kraft und Fähigkeit für ein solches Vorgehen verfügte. Das Nichthandeln erwuchs bei einem toleranten Menschen also nicht aus einer Schwäche heraus (Angst, Gleichgültigkeit, Resignation), sondern aus einer Stärke (Geduld, Langmut).

Spätestens seit 1995 erhielt der Toleranz­begriff hingegen einen sehr ausgeprägten postmodernen Farbton. Die UNESCO warb in ihrer „Erklärung von Prinzipien der Toleranz“ für ein neues Verständnis und definierte Toleranz als „Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der […] Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt.“ Hier steht nicht mehr das ursprüngliche Erdulden und Erleiden im Vordergrund, sondern das zustimmende Werturteil. Unterschiedliche Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen sollen als gleichermaßen gültig aufgefasst und wertgeschätzt werden. Schlichte Duldung reicht nicht mehr aus, denn die verschiedenen Lebenskonzepte verdienen nach diesem Verständnis mehr Respekt als nur „ertragen“ zu werden.

3. Postmoderne Empfindungen

Diese Bedeutungsveränderung entstand sicherlich nicht in einem kulturellen Vakuum und ergab für zahlreiche postmodern geprägte Menschen durchaus Sinn. Genau wie die Väter des Postmodernismus (Lyotard, Derrida, Foucault) vertraten auch sie einen ethischen Relativismus, lehnten absolute Wahrheiten ab und verneinten ein eindeutiges Moralgesetz – in Moralfragen gab es also kein „wahr“ oder „falsch“, sondern lediglich Präferenzen. Keine moralische Annahme war „richtiger“ als eine andere, da es keine absolute Bewertungs­grund­lage gab, auf der sie sich legitimieren könnte. Und so war jeder nur sich selbst und seinen Gefühlen verpflichtet: Ich habe „meine Wahrheit“, du hast „deine Wahrheit“.

Einige empfanden die neue Sichtweise als großen Trost, denn sie gab ihnen das Gefühl von Freiheit und Sicherheit. Kein unnachgiebiges Moralgesetz schränkte den Einzelnen in seiner Lebensführung ein und keine persönliche Glaubensüberzeugung konnte nun kritisch in Frage gestellt werden, denn es ist alles lediglich eine Frage der Perspektive. Man war sich nur einer Sache sicher: es gibt keinen rationalen Weg, sich der Realität zu nähern! Und so schien sich das neue Toleranzverständnis als unentbehrliche Grundlage für den menschliche Umgang miteinander aufzudrängen.

4. Ausweg aus einem selbstzerstörerischen Unterfangen

Bei der neuen Toleranz beißt sich die Katze aber mal wieder in ihren berühmten Schwanz. Wenn jemand vollmundig alle moralischen Überzeugungen für gleich gültig erklärt und lediglich das eigene Toleranzverständnis als moralisch überlegen heraushebt, muss er sich Willkür vorwerfen lassen. Aber noch wichtiger ist: Wie könnte die „neue Toleranz“ ihrem eigenen Prinzip gerecht werden? Ist Wahrheit relativ, dann gilt das auch für das neue Toleranzverständnis. Und wenn alle menschlichen Perspektiven Akzeptanz und Wertschätzung erwarten können, gilt dies auch für diejenigen, die das neue Toleranzverständnis ablehnen.

Da sich die „Neutoleranten“ damit allerdings den Ast absägen, auf dem sie sitzen, müssen mindestens alle „Ausdrucksformen […] unseres Menschseins“ von diesem neuen Verständnis ausgeschlossen werden, die bestimmte Überzeugungen und Handlungsweisen als nicht gleichermaßen gültig und wertvoll betrachten – intolerante Menschen dürfen demnach nicht auf Toleranz hoffen.

Wo früher die „Null Toleranz für Intoleranz“ Parole lediglich Menschen galt, die Feinde einer offenen Gesellschaft sind (vgl. Karl Popper), weitete sie sich nach dem neuen Toleranzverständnis auch auf Personen aus, die auf Grundlage ihrer (christlichen) Überzeugungen für bestimmte Verhaltensweisen zu keinem zustimmenden Werturteil gelangen können – ganz gleich, ob es um sexualethische Fragen geht, den Transgenderismus oder den Aktivismus der „Social Justice Warriors“.

5. Freiheitliche Fratze

Als sich die neue Toleranz auf den Olymp der Tugenden emporschwang, verwies sie alle bisherigen auf ihre Plätze. Es scheint, als gelte ein Vergehen gegen diesen höchsten Wert als oberste Todsünde und sei nicht zu sühnen. Allen unverbesserlichen Frevlern wird fortan ein gesellschaftlicher Randbereich zugewiesen, von dem aus die Teilnahme an der öffentlichen Diskussion nur noch erschwert möglich ist: Tweets und Facebook-Posts werden gelöscht, Redner gecancelt und die ursprünglich reichhaltige universitäre Debattenkultur gleicht einem Minenfeld, in dem bestimmte Worte oder Ansichten eine unmittelbare Detonation verursachen. Die Werkzeuge sind hier nicht selten verbale Angriffe, mediales Bloßstellen und das Verdrängen aus Positionen.

„Agree to disagree“ findet nur noch innerhalb eines eng gefassten Gedankenkorridors statt, wobei alle weiteren Ideen großzügig mit Etiketten versehen werden, die über eine enorme emotionale Schlagkraft verfügen (vgl. etwa den Rücktritt der Philosophieprofessorin Kathleen Stock wegen angeblicher Transphobie, Rücktritt der Biologie­profes­soren Bret und Heather Weinstein wegen angeblichem Rassismus). Das auf den ersten Blick so großherzig wirkende neue Toleranzverständnis zeigt schnell sein unbarmherziges Gesicht.

6. Verwirrte Gesellschaft

Eine Ursache für die derzeitige Konfusion liegt in der Unklarheit verschiedener Begrifflichkeiten begründet. Nicht nur der Toleranzbegriff musste einen „schön­heitschirurgischen Eingriff“ über sich ergehen lassen, sondern auch der Würde­begriff. Früher erkannte man auf der biblischen Grundlage des imago dei (Gottes­ebenbildlichkeit) die objektive Wahrheit an, dass dem Menschen losgelöst von Geschlecht, Entwicklungsstand, Intelligenz oder sexueller Orientierung ein unveräußerlicher Wert innewohnt. Da wir als aufgeklärte Gesellschaft Gott allerdings beseitigt haben (vgl. Friedrich Nietzsche), steht uns vermeintlich der Weg zur absoluten Autonomie offen, um letztlich zu unserem authentischen Selbst zu gelangen. Menschliche Würde gründen wir nun in dem autonomen Willen des Einzelnen, und keine äußeren Faktoren (z.B. biologische Realität) können diesen Willen begrenzen. Da die Würde nicht mehr Gott-gegeben, sondern vielmehr aus der Selbstbestimmtheit des Menschen abgeleitet ist, beraubt ein jeder, der eine ablehnende Haltung gegenüber den Identitätsbekundungen einer Person annimmt, sie teilweise ihrer Würde. Wenn ein Mann sich also als Frau identifiziert, wäre es nicht nur unfreundlich, sondern erniedrigend und menschenunwürdig, ihm dabei nicht zuzustimmen. Gleichermaßen wäre eine kritische Haltung gegenüber der gleichgeschlechtlichen Ehe ein direkter Angriff auf die Würde homosexueller Menschen und darf nicht mehr im ursprünglichen Sinne toleriert werden. Begriffsveränderungen können viel Verwirrung stiften.

7. Ein vernichtendes Zeugnis

Der neuen Toleranz ist im schulischen Sinne ein krachendes „ungenügend“ zu attestieren: sie unterdrückt notwendige Diskussionen, setzt Menschen unter enormen Druck, ihre Überzeugungen für sich zu behalten und scheitert kläglich, Menschen auf Grundlage des konventionellen Toleranzverständnisses tolerant zu begegnen. Darüber hinaus wird sie ihrem eigenen Prinzip untreu, da sie entgegen allen Behauptungen ebenfalls auf (postmodernen) Wahrheitsansprüchen fußt. Wahrheitsansprüche an sich sind sicherlich nicht das Problem, denn irgendeinen weltanschaulichen Kompass benötigen Menschen nun mal, um gesellschaftliches Miteinander zu ermöglichen. Problematisch wird es allerdings da, wo die neue Toleranz ideologische Überzeugungen im Gewand einer vermeintlichen Neutralität gesellschaftlich durchzusetzen versucht, ohne Raum für kritische Diskussion zu lassen. Hier hat sie eindeutig Grenzen überschritten und ist zu einem totalitären Werkzeug geworden.

8. Toleranz und Wahrheit (im kirchlichen Raum)

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Kirche innerhalb ihres Verantwortungsbereichs den vielfältigen Glaubensüberzeugungen und Verhaltensweisen nur begrenzt tolerant begegnen kann (im ursprünglichen Sinne des Wortes), insbesondere wo sie für die christliche Theologie von zentraler Bedeutung sind. Diese intolerante Haltung sehen wir in Christus selbst, der die Gemeinde in Thyatira zurechtwies, als sie die falsche Prophetin Isebel, ihre Lehre und Unmoral duldete (Off 2, 20). Auch Paulus forderte Christen dazu auf, an den Wahrheiten der Schrift festzuhalten und böse Taten eben nicht zu dulden, sondern aufzudecken (Eph 5, 9-13). Er ermahnte die Gemeinde in Korinth sogar, Menschen bei entsprechendem Lebenswandel die Tür zu weisen (1 Kor 5,9-13). Wo (christliche) Dogmatiker innerhalb der Kirche eine derart intolerante Haltung gegenüber den Lebensentscheidungen von Menschen zeigen, ist ihnen das gesellschaftliche Werturteil gewiss: sie sind engstirnig, verurteilend, arrogant und lieblos.

9. Toleranz und Wahrheit (im öffentlichen Raum)

Muss dem Christentum tatsächlich Into­leranz bescheinigt werden, da es einen exklusiven Zugang zu Gott beansprucht? Wir müssen zunächst einmal anerkennen, dass Wahrheit per Definition exklusiv ist und jede Unwahrheit ausschließt. Ob Jesus der einzige Weg zum Vater ist oder ob Buddhas achtfacher Erleuchtungspfad auch dorthin führt, entscheidet sich demnach nicht auf der Grundlage der Toleranz, sondern der Wahrheit. Ein Weg ist nicht weniger tolerant als fünf Wege – die entscheidende Frage ist, ob eine der beiden Aussagen wahr ist. Genau hier muss die kulturelle Befindlichkeit und Sentimentalität dem Realismus weichen. Denn es gibt nichts Tolerantes an der Sichtweise, Jesus sei optional, wenn er tatsächlich lebensnotwendig ist. Es gibt auch nichts Großzügiges an der Aussage, Menschen können ihre Hoffnung überall finden, wenn Hoffnung tatsächlich nur in der Person und dem Werk Christi gefunden werden kann.

Tief überzeugt vom eigenen Wahrheits­anspruch wird das Christentum im öffentlichen Raum immer für einen toleranten und respektvollen Umgang mit allen anderen Überzeugungen eintreten („tolerant“ im ursprünglichen Sinne). Als Christen wollen wir anderen Menschen für ihre Überzeugungen Respekt entgegenbringen, wünschen uns aber den gleichen Respekt für unsere Hingabe an Christus. Auf diesem Weg können wir innerhalb unserer pluralistischen Gesellschaft erneut zu einem zivilen Diskurs gelangen, wo Glaubensüberzeugungen nicht privatisiert werden müssen, wo Meinungsverschiedenheiten nicht als Angriff auf die Menschenwürde betrachtet werden, sondern wo wir uns gemeinsam auf dem „Marktplatz der Ideen“ nach Wahrheit ausstrecken und für unsere Glaubensüberzeugung werben.

10. Eine große Verantwortung

Und so ist und bleibt die Person Christus für seine Nachfolger auch bei der Toleranzfrage maßgebend. Er lud alle Mühseligen und Beladenen mit offenen Armen ein und forderte sie gleichermaßen zur Buße auf (Mk 1,15). Er hieß gesellschaftliche Außenseiter willkommen, verlangte aber zugleich die Änderung ihres Lebenswandels (Joh 4; Joh 5,14; 8,11). Er war barmherzig und freundlich, ohne jemals bei der Wahrheit Abstriche zu machen. Und so sind auch seine Nachfolger herausgefordert, diese Balance zwischen Liebe und Wahrheit zu leben. Denn als Botschafter Gottes wurde ihnen die Mission Christi aufgetragen und das bedeutet, Menschen auf die gleiche Weise zu sehen und Menschen mit der gleichen Haltung zu begegnen, wie Christus es tat. Jesus wusste, dass verlorene Menschen Wahrheit und Licht brauchen. Er gab ihnen aber mehr: er liebte sie (Mk 10,21).

Und so dürfen auch wir im Sinne Jesu auf Menschen zugehen, ihnen durch unseren Dienst und unsere Liebe Gottes Wesen zeigen und mit Achtung und Respekt begegnen. Wir werden zugleich aber auch gute Fragen stellen, sie auf Unstimmigkeiten innerhalb ihrer Weltanschauung hinweisen und von Gottes Zorn erzählen, der die logische Kehrseite seiner Liebe ist. Wenn ihre Augen, Ohren und Herzen offen sind, werden sie mehr von der Kraft Gottes hören wollen, die sie in unserem Leben sehen. Wenn nicht, werden wir sie nicht bedrängen, sondern alles tun, um mit ihnen im Frieden zu leben (Röm 12,18).

Der Beitrag ist eine Leseprobe aus dem neuen Buch des Bibelbundes Go(o)d News 3.