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Die Theologie der Schlange: Wie ein „liberaler“ Glaube in die Irre führen

Auch die Schlange im Paradies hatte ihre Theologie, als sie Adam und Eva verführte. Die war bestimmt vom Misstrauen gegen Gottes Wort und einem Bild von Gott, als ob dieser mit seinen Geboten dem Menschen das Beste vorenthalten wolle. Dieser Theologie zu folgen, bedeutete für die ersten Menschen den Fall in Sünde und Tod, der bis heute anhält. An einem „liberalen“ Glauben und einer bibelkritischen Theologie lässt der Weg bis heute beobachten. Auch wenn immer wieder Begriffe wie „liberal“ oder „bibelkritisch“ als unklar oder überholt abgelehnt werden, so müssen doch die Tatsachen entscheiden, ob sie angemessen sind. Dabei sollte auch auf die „Früchte“ geschaut werden, wenn geistliches Leben des Einzelnen und ganzer Gemeinden durch Misstrauen gegen Gott und sein Wort zerstört werden.

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Buch „Schöpfung und Fall“ (erste Auflage 1933) den Angriff der Schlange im Paradies mit erstaunlichem Tiefsinn und prophetischem Weitblick erfasst. Seine Ausführungen können uns helfen, aktuelle Entwicklungen in Theologie, Kirchen und Freikirchen zu verstehen. Wichtige Aussagen Bonhoeffers werden hier der Reihe nach kommentiert.

Die Schlange fragte: „Sollte Gott gesagt haben, dass ihr von allen Bäumen im Garten nicht essen sollt?“ (1Mo 3,1b)

Dietrich Bonhoeffer:

Die Schlange „gibt dem Menschen einen ihm unbekannten Ausblick in eine Tiefe, von der aus der Mensch in der Lage wäre, ein Wort als Gotteswort zu begründen oder zu bestreiten.“1

Die Schlange gaukelt also dem Menschen vor, tiefere Erkenntnis über Sein oder Nichtsein des Redens Gottes vermitteln zu können: ,,Das Bibelwort ist doch wohl nicht Gottes Wort?“ Die Schlange führt den Menschen zum Glauben, er könne über die Göttlichkeit des Bibelwortes Urteile fällen. Hier ist die tiefste Quelle der Bibelkritik, die sich letztlich in Verblendung über den dreieinen Gott stellt. „Sollte Jesus wirklich gesagt haben?“ So behauptet die sogenannte ,,historisch-kritische Theologie“, ohne Vorführbeweise bringen zu können, dass viele der Jesuszitate in den Evangelien gar nicht von ihm stammen. Die Heilige Schrift wird so interpretiert, als ob sie nicht durch den Heiligen Geist inspiriert sei.

Dietrich Bonhoeffer schreibt im genannten Buch zur Reaktion der Schlange zum Verbot des Essens vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse:

„Gott, der gute Schöpfer, habe doch wohl seinem Geschöpf so etwas nicht auferlegt, das wäre ja eine Begrenzung seiner Liebe.“ (98)

Im Namen der Liebe wird im „liberalen‘‘ Glauben Kritik am Gott der Bibel und an manchen seiner Gebote geübt und diese außer Kraft gesetzt.

Der liberale Glaube und das Wort Gottes

Im „liberalen“ Glauben, der hier kurz skizziert sei, wird an die Stelle des liebenden und heiligen Gottes der Bibel ein von teilweise bibelfremder Theologie erdachter, nicht zu fürchtender „Gott der Liebe“ gesetzt. Der „liberale“ Glaube lässt Teufel, Apokalypse, Hölle, Prüfung, Gericht, sich erfüllende Prophetie als irreal oder ziemlich bedeutungslos erscheinen. An die Stelle des biblischen Heilsweges wird ein „Billig“-System gesetzt: billige Gnade, billiger Glaube, billige Erlösung, billige Nachfolge usw. Der alleinige Heilsweg Jesus Christus wird abgewertet und die Reli­gionen werden aufgewertet. Für christ­liche Mis­sion ist nur wenig Moti­vation feststellbar. Das Heilige wird zu wenig gewürdigt und das Böse wird in Teilen verharmlost. Angefeindet wird der christustreue Glaube, der zugleich auch der bibeltreue ist. Der „liberale“ Glaube motiviert zur Bibelkritik (denn erhebliche Teile der biblischen Lehre stehen im Widerspruch zum „liberalen“ Glauben) und fördert sogar antichristliche Religion. Er verhält sich illiberal (!) zu durchgängig biblischem Glauben, der die beste Grundlage für Freiheit ist. Die Wirkungen sind verheerend. Der Einfluss des ,,liberalen“ Glaubens bewirkt nachweisbar einen gravierenden Niedergang des christlichen Glaubens, besonders stark in der westlichen Welt. Der „liberale“ Glaube wird von Theologen in unterschiedlichem Ausmaß vertreten. Nicht selten setzt sich ein Glaubenssystem aus bibeltreuen und ,,liberalen“ Anteilen zusammen.

Die Schlange gibt dem Menschen einen ihm unbekannten Ausblick in eine Tiefe, von der aus der Mensch in der Lage wäre, ein Wort als Gotteswort zu begründen oder zu bestreiten.

Dietrich Bonhoeffer:

„Das Entscheidende dabei ist, daß dem Menschen durch diese Frage nahegelegt wird, selbst hinter das Wort Gottes zurückzugehen und es nun seinerseits, aus seinem Verständnis des Wesens Gottes zu begründen.“ (98-99)

Hier ereignet sich erstmalig die Versuchung des Menschen zum Götzendienst. Das Wesen Gottes will man im „liberalen“ Glauben nicht aus der gesamten biblischen Offenbarung erkennen, sondern lässt nur die biblischen Aussagen gelten, die mit seinen Wünschen in Einklang stehen. Von solch einem menschlich gebildeten oder gar dämonisch inspirierten Gottesbild her wird dann das Bibelwort „theologisch“ beurteilt, z. T. sogar abgeurteilt. Die Bibelworte, die dem menschlich-„theologisch“ konzipierten Gottesbild widersprechen, wie etwa Gerichtsworte, werden entwertet. Bibelworte, die die Liebe Gottes aussagen, werden theologisch akzeptiert. Die Diagnose Bonhoeffers vom Zurückgehen hinter das Wort Gottes wird bestätigt durch folgende Beobachtung der Sichtweise bibel­kritischer Theologie:

„Sogar die Worte Jesu oder die Briefe eines Paulus können keine verlässlichen Bezugs­punkte für die theologische Arbeit mehr sein. Sie sind letztlich nur eine Folie, hinter der wir die Wahrheit zu suchen haben“.2

Dietrich Bonhoeffer weiter zur Strategie der Schlange:

„Und es muß ja doch nur der Sache Gottes dienen, wenn solche falschen Gottesworte, solch falsch vernommener Befehl, rechtzeitig zu Fall gebracht wird.“ (99)

So wurde von Theologen behauptet, die Bibel sei nicht das Wort Gottes; sie enthalte es nur. Andere leugnen das Wort-Gottes-Sein der Bibel überhaupt. Teilweise wird richtiges Bibelverständnis als Missverständnis hingestellt. Dies alles geschieht oft im Namen höherer theologischer Erkenntnis. Anscheinend sind heute viele Theologen von der Gewissheit beseelt, dadurch der Sache Gottes zu dienen.

Dietrich Bonhoeffer schreibt von der Schlange:

„Um des wahren Gottes willen scheint sie das gegebene Wort Gottes zu Fall bringen zu wollen.“ (99)

Der liberale Glaube und das Gottesbild

Heute wird ein „liberales“, nicht zu fürchtendes Gottesbild als Gott ausgesagt – oft in einer theologisch-wissenschaftlich klingenden Sprache und manchmal auch in einer Frömmigkeit ausstrahlenden Sprache, so dass dieses Gottesbild von vielen als wahrer Gott eingestuft wird. Der tatsächlich wahre Gott, dessen Wesen in Übereinstimmung mit der Bibel ist, wird mithilfe „liberal“-theologischer Kon­struktionen zusammen mit Teilen der Bibel abgewiesen.

Dietrich Bonhoeffer:

„Die Schlange will mehr um Gott wissen als der Mensch, der allein am Wort Gottes hängt. Sie weiß um einen größeren, edleren Gott, der solches Gebot nicht nötig hat.“ (99)

Auch Vertreter des „liberalen“ Glaubens meinen anscheinend „um einen größeren, edleren Gott“ zu wissen, der das Sterben Jesu am Kreuz nicht nötig habe, um die Sünden vergeben zu können. Man glaubt an einen Gott, der in zentraler Hinsicht von dem der Bibel abweicht, und der einiges von dem erlaubt, was der Gott der Bibel verbietet. Der „größere, edlere Gott“ sei Liebe ohne Gerichtsernst und nähme alle an, so dass Mission nicht dringlich oder z.T. sogar abzulehnen sei. ,,Billiger“ Glaube kann sogar so weit gehen, dass gemeint wird, es reiche aus, wenn man vom apostolischen Glaubens­bekenntnis nur den einen oder anderen Halbsatz glaubt.

Immer mehr Aspekte der in Gottes Wort offenbarten Gebote und Verbote werden im Namen theologischer Ethik relativiert oder ganz abgetan. Reinhard Slenczka stellte fest:

Man versucht „ständig, in kirchlichen Erklärungen und Entscheidungen die Heilige Schrift so zu interpretieren, dass sie Verständnis und Zustimmung der öffentlichen Meinung findet. D.h. alle möglichen Widersprüche gegen das Tun und Lassen von uns Menschen werden eifrig beseitigt. Sie sollen nicht stören, abweisen oder ausgrenzen. Das alles steht seit Anbeginn der Menschheit unter der verführerischen Frage der Schlange (1. Mose 3,1): ‚Ja, sollte Gott gesagt haben[…]?‘ Hier liegt der Anfang von Exegese und Ethik. Bei diesem Verfahren wird das Wort Gottes unter die Geschichte von Menschen gestellt und danach je nach Bedarf gedeutet bzw. umgedeutet.“3

Nach Dietrich Bonhoeffer …

„… kämpft nun die Schlange gegen das Wort Gottes. Sie weiß, daß sie nur dort, wo sie sich selbst als von Gott herkommend, als seine Sache vertretend ausgibt, Gewalt hat.“ (99)

Der liberale Glaube und die Gebote

Eine Behauptung aus dem „liberalen“ Glauben heißt, um der Liebe Gottes gerecht zu werden, müsse christlicher Glaube und Ethik ,,neu reflektiert“ werden. Die Kritik an der Bibel ist durchschlagender, wenn sie im Namen Gottes, im Gewand christlicher Begriffe auftritt.

Dietrich Bonhoeffer:

„Sollte Gott gesagt haben … das ist die gottlose Frage schlechthin“. (100)

„Sollte Gott gesagt haben?“ ist die grundlegende Frage der letztlich gottlosen sogenannten „historisch-kritischen Theologie“. Diese stellt die göttliche Inspiration des Bibelbuches in Frage und behandelt es als sich teilweise irrendes Menschenwort. Die Relativierung der Bibel trifft den Gott der Bibel und den offenbarten Heilsweg. Ausgerüstet mit der „historisch-kritischen Theologie“ meint der „liberale“ Glaube,

„die Heilige Schrift sei nicht nur zeitbedingt, sondern in Auslegung und Anwendung auch vieldeutig. Was daher das Wort Gottes sei, müsse sich erst in einem Prozeß der Verständigung unter Auslegung und Auslegern herausstellen. Diese Auffassung ist zwar sehr verbreitet, aber sie ist zutiefst falsch. Sie gleicht menschheitlich jener Diskussion über Text und Anwendung des Gebotes Gottes, wie sie vor dem Sündenfall zwischen der Schlange und dem Weib Eva unter den Geschöpfen Gottes geführt wird: ‚Ja, sollte Gott gesagt haben … ‚ (1. Mose 3,1).“4

Sollte Gott gesagt haben, dass er ein zorniger Gott denen ist, die seine Gebote nicht halten?

Wenn die Heilige Schrift ihren Ursprung nicht in der Ewigkeit haben soll, sondern nur zeitbedingt sei, drückt sich darin letztlich widergöttliche Motivation aus.

Dietrich Bonhoeffer:

,,Sollte Gott gesagt haben, daß er ein zorniger Gott denen ist, die seine Gebote nicht halten? Sollte er das Opfer Christi gefordert haben – er, von dem ich besser weiß, daß er der allgütige, alliebende Vater ist?“ (100)

Diese Fragen sind die grundlegenden Fragen des „liberalen“ Glaubens, eine starke Kraft innerhalb großer Kirchen und zunehmend auch in kleineren. In diesen Fragen konstituiert sich die heute weithin praktizierte Ersetzung des Gottes der Bibel durch ein „liberales“ Gottesbild, einen Gegengott. Dieser wird nicht „Gegengott“ genannt, sondern „Gott“, wird aber so mit Inhalt gefüllt, dass seine Heiligkeit, seine Ausschließlichkeit, der Gerichtsernst bestenfalls nur noch eine Nebenrolle spielen. Der ,,liberale“ Glaube kann ja den Gott der Bibel und beträchtliche Teile der Bibel nicht lieben. Weil die Bibel dem „liberalen“ Glauben widerspricht und seine Existenz bedroht, versucht man, mit Hilfe von Kritik die göttliche Autorität der Bibel zu zersetzen. Hieraus zieht die Motivation für die „historisch-kritische Theologie“ ihre Kraft und Macht. Daher dient die „historisch-kritische Theologie“ als Kampfmittel gegen die heilsnotwendige Erkenntnis des dreieinen Gottes der Bibel und gegen das Heilswirken des Geistes Gottes durch das Bibelwort. An die Stelle des geistlichen Lebens aus dem Bibelwort tritt Religion im Namen des Christlichen.

Dietrich Bonhoeffer fährt unmittelbar im Anschluss an das vorige Zitat fort:

„Das ist die Frage, die so ungefährlich aussieht, aber die Frage, durch die das Böse in uns Gewalt gewinnt, durch die wir Gott ungehorsam werden.“ (100)

Die Infragestellung des Zornes Gottes, ja, die Bestreitung, dass Gott so sei, wie es die Bibel sagt, führt zu einer Machtergreifung des Bösen über den Menschen und in der Folge zu einer Theologie, die zu begründen sucht, dass die Gebote Gottes nur noch teilweise gehalten werden müssen. Von tiefer Bedeutung ist die Erkenntnis Bonhoeffers, dass der Glaube an einen bloß liebenden Gott, der nicht zornig sei, unter die Gewalt des Bösen führt. Ein solch falscher Glaube, der sich in das Gewand der Liebe hüllt, bewirkt am Ende eine Flut der Lieblosigkeit und des Todes. Und genau das ist das Ziel der Schlange. Eine „christlich“ genannte Liebe ohne Verankerung in der Heiligkeit Gottes und der Bibel stärkt teilweise Kräfte der Christen- und Judenverfolgung. Das ist Resultat einer „Liebe“, losgelöst von biblischen Maßstäben. Die Schlange verhüllt ihr Zerstörungswerk durch einen Schleier mit der Aufschrift „zeitgemäße christliche Liebe“. So gewinnt das Böse schreckliche Gewalt. Nur wenn Liebe aus wahrem Glauben fließt, nämlich aus dem Glauben an den liebenden und heiligen Gott der Bibel, wächst echte Nächstenliebe und wird dem Leben gedient. Heilsame Liebe hat ihre Voraussetzung in der Heiligkeit Gottes und in der Beachtung der biblischen Weisungen.

Dietrich Bonhoeffer:

„Es wird dem Menschen zugemutet, Richter … über Gottes Wort zu sein, anstatt es einfach zu hören und zu tun. Und das wird dadurch erreicht, daß der Mensch auf Grund einer Idee, eines Prinzips, irgendeines vorher gewonnenen Wissens über Gott nun über sein konkretes Wort urteilen soll.“ (100)

Dass die Bibelkritik bei Evangelikalen so viel Einfluss gewonnen hat, liegt am Missverständ­nis, „historisch-kritische Theologie“ sei bloß „wissen­schaftlich“ und „neutral“.

Unerwünschte Schriftstellen, deren Heilsamkeit man nicht sehen mag, werden relativiert oder verworfen im Namen wissenschaftlicher Exegese, evangelischer Einsicht, der Liebe, sogar im Namen biblischer Erkenntnis. Man folgt antigöttlichen Autoritäten, die sich im Gewande der Gutheit und Klugheit verbergen und Bosheit und Irrtum bewirken.

Dietrich Bonhoeffer:

„Dort, wo der Mensch mit der Waffe eines Prinzips, einer Gottesidee, gegen das konkrete Gotteswort angeht, … dort ist er der Herr Gottes geworden, dort ist er aus dem Gehorsam herausgetreten“ (100).

Viele Theologen geben vor, Gott zu dienen, indem sie Bibelworte kritisieren und von Gott abtrennen, um wohlklingenden Prinzipien, wie einer „liberalen“ Gottesidee, „liberalen“ Ethik, der „Freiheit“, dem „Frieden“, der „Gerechtigkeit“ zum Siege zu verhelfen. Damit erheben sie sich über Gott, verwerfen einen Teil der biblischen Weisungen und folgen so dem Hochmut der Schlange nach. Die Wirkungen dieses Ungehorsams sind tragisch: Leben wird beeinträchtigt oder zerstört. Die bisherige Geschichte zeigt, wie das Abweichen von biblischer Ethik in Niedergang und Leid hineinführt. – Wenn Vertreter des „liberalen“ Glaubens sagen, sie seien „im Gespräch mit der Bibel“, wäre zu prüfen, ob darin auch Widerspruch gegen die Bibel eingeschlossen ist.

Dietrich Bonhoeffer:

„Die Möglichkeit des eigenen selbstgefundenen ‚für-Gott-sein Wollens‘ ist das Urböse in der frommen Frage der Schlange.“ (101)

Die Möglichkeit des eigenen selbst­gefundenen ‚für-Gott-sein Wollens‘ ist das Urböse in der frommen Frage der Schlange.

Der Abfall von Gott wird verhüllt in das Gewand einer „Christlichkeit“, die den Anschein eines Für-Gott-Seins ausstrahlt, das aber sich selbst oder ein z. T. bibelwidriges Gottesbild an die Stelle Gottes setzt. Solcher Art ist das Urböse. Es ist der Beginn des Götzendienstes.

„Da sagte die Schlange zur Frau: Keineswegs werdet ihr sterben! Sondern Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses.“ (1Mo 3,4f)

Dietrich Bonhoeffer interpretiert die Aussage der Schlange:

„Gott ist kein guter, sondern ein böser, quälender Gott, … sei klüger als dein Gott und nimm, was er dir nicht gönnt … Gottes Wort ist Lüge … denn: ihr werdet mitnichten des Todes sterben … Das ist der Abgrund der Lüge, daß sie lebt, weil sie sich selbst als Wahrheit setzt … und die Wahrheit als Lüge verurteilt.“ (103)

Der Gott der Bibel wird heute nicht nur in der säkularen Welt, sondern auch von „liberal“ Glaubenden immer mehr abgelehnt. Immer weniger wird die heilsame Lehre der Bibel ertragen! Sie wird als einengend empfunden. Der „liberale“ Glaube stellt sich selbst als authentisches Christsein hin und greift echtes Christsein in der Nachfolge des biblischen Jesus Christus an. Immer mehr werden bibelgläubige Christen als böse hingestellt. Ihr gutes Vorbild scheint ein gequältes Gewissen bei den Feinden des biblischen Glaubens auszulösen. Man hält sich für klüger als das Bibelwort, wobei dessen göttlicher Ursprung bestritten wird. Die Bibelkritik als Kampfwaffe des „liberalen“ Glaubens arbeitet immer wieder auch mit Wahr/Falsch- und Gut/Böse-Verdrehungen. Mit ihren Urteilen im Widerspruch zur göttlichen Offenbarung erhöhen manche Theologen sich selbst. So, als wären sie wie Gott, meinen sie erkannt zu haben, was gut und böse ist, und widersprechen teilweise biblischer Ethik. Ignoriert wird, dass der Bibel widersprechende „liberaltheologische“ Ethik letztendlich in den Tod führt. „Wo aber Menschen meinen, Gottes Gebote ändern oder aufheben zu können, setzen sie sich selbst an die Stelle Gottes.“ (19) Die Schlange wirft Gut und Böse durcheinander – zweifellos bis zum heutigen Tag. Im „liberalen“ Glauben hat man in Teilbereichen Gut-Böse Verkehrungen aus der säkularistischen Welt übernommen.

Dietrich Bonhoeffer:

Adam ist „zwischen Gott und Götze, wobei der Götze eben sich selbst als den wahren Gott ausgibt“. (105)

Der „liberale“ Glaube bestreitet die biblische Selbstoffenbarung Gottes und behauptet ein von der Bibel teilweise abweichendes Gottesbild, also einen Götzen, als wahren Gott. Der Konflikt Götze(n) gegen Gott ist heute fast allgegenwärtig, wird aber kaum als solcher wahrgenommen. Das liegt daran, dass immer weniger Menschen dem Prinzip „Allein die Heilige Schrift“ folgen. Und so werden die von der Bibel abweichenden Gottesvorstellungen in großen und kleinen Kirchen weithin nicht als Götzendienst erkannt.

Dietrich Bonhoeffer stellt fest,

„daß der Mensch hinter das gegebene Wort Gottes zurückgehend, sich seine eigene Erkenntnis Gottes verschafft; diese Möglichkeit des Wissens über Gott jenseits seines gegebenen Wortes ist sein sicut-deus-sein [wie Gott sein, J. L.]“. (108)

Mit Hilfe der „historisch-kritischen Theologie“ meint der Mensch hinter das gegebene Bibelwort zurückgehen zu können mit dem Ziel, die göttliche Selbstoffenbarung in der Heiligen Schrift möge sich als nur antike religiöse Vorstellung erweisen. Heutige Bibelkritik findet ihre Voraussetzung im Seinwollen wie Gott, denn erst die Bibelkritik der „historisch kritischen Theologie“ ebnet den Weg für die theologische Konstruktion eines Gottesbildes nach menschlichen Wünschen oder gar gemäß Inspiration der Schlange. Denn die Bibelkritik will der göttlichen Selbstoffenbarung ihre göttliche Autorität und Authentizität nehmen. In solchem Tun drückt sich das heutige Seinwollen-wie-Gott aus. Martin Luther hält bibelfernen Gottesvorstellungen vor:

„Wer einen Gott hat ohne sein Wort, der hat keinen Gott; denn der rechte Gott hat unser Leben … und alles in sein Wort gefasst und uns vorgebildet, so dass wir außerhalb seines Wortes nichts suchen noch wissen sollen und dürfen, und auch von Gott selbst nicht. Denn er will von uns außerhalb seines Wortes mit unserem Dichten und Nachdenken unbegriffen, ungesucht, ungefunden sein“.5

Für Luther war die Heilige Schrift Gottes Wort.

Dietrich Bonhoeffer zur Reaktion des Menschen auf Gottes Wort:

„… der Mensch verzichtet für sein Wissen um Gott auf das immer wieder aus der unbetretbaren Mitte und Grenze des Lebens auf ihn zukommende Wort Gottes, er verzichtet auf das Leben aus diesem Wort und reißt es an sich selbst. Er ist selbst in der Mitte. Es ist also Ungehorsam in Gestalt des Gehorsams, es ist Herrschenwollen in Gestalt des Dienstes, es ist Schöpferseinwollen in Gestalt der Geschöpflichkeit“. Die Folge: ,, Totsein in Gestalt des Lebens.“ (108)

Liberaler Glaube und geistliches Leben

„Liberaler“ Glaube und Bibelkritik ersticken geistliches Leben, denn geistliches Leben geschieht durch das Bibelwort. „Liberale“ Interpretation des Bibelwortes hemmt geistliches Leben. Erstirbt das geistliche Leben, werden schließlich solche Mächte stärker, die auch das leibliche Leben bedrohen.

Vertreter eines „liberalen‘“ Glaubens regieren oft Kirchen und Gemeinden, die von früheren Generationen im biblischen Glauben errichtet worden sind. Gläubige Christen hatten die Kirche aufgebaut mit Christustreue, Bekenntnis, Mission, Gebet, Aufopferung, Mühen, hatten unter Druck und Anfechtung durchgehalten. Und dann kamen Theologen „liberalen“ Glaubens, die keine eigene „liberale“ Gemeinde gründen (können), keine eigene Gemeinde durch „liberale“ Mission (etwa Bekehrung von Atheisten zum ,,liberalen“ Glauben) aufbauen, sondern in Gemeinden hineingehen, die von wahren Gläubigen gegründet und gepflegt worden waren oder sind, um nun von der Gemeinde zu leben (denn Pastoren leben meist davon, dass sie eine Gemeinde haben). Und sie richten dann die Gemeinden peu a peu durch „liberalen“ Glauben und Bibelkritik zu Grunde. Nun lebt man von der Substanz aus „vorliberaler‘“ Zeit, bis sie verzehrt ist. Es ist erschütternd, wenn solche Gemeinden durch „liberale“ Leiter dazu instrumentalisiert werden, wahres Christsein zu bekämpfen.

„Liberalchristliche“ Reli­gio­si­tät und Aktivität blendet viele, hat im Unterschied zu geistlichem Leben aus dem Wort aber keine aufbauende, lebensdienliche, heilbringende Kraft: Tatsein in Gestalt des Lebens. So führt „liberaler“ Glaube im Verbund mit der Bibelkritik zu einer permanenten Schwächung des Christlichen in der westlichen Welt mit der Folge der Stärkung des Antichristlichen.

Und Gott sprach: „Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir geboten habe, nicht davon zu essen? Und der Mensch sagte: Die Frau, die du mir gegeben hast, gab mir von dem Baum, und ich aß. Und Gott der HERR sprach zu der Frau: Was hast du da getan! Und die Frau sagte: Die Schlange betrog mich, und ich aß.“ (1Mo 3,11b-13)

Adam greift auf jene von der Schlange erlernte Kunst zurück, die Gedanken Gottes zu korrigieren, von dem Schöpfer Gott an einen besseren, anderen Gott zu appellieren.

Dietrich Bonhoeffer schreibt dazu:

„… statt sich zu stellen, greift Adam auf jene von der Schlange erlernte Kunst zurück, die Gedanken Gottes zu korrigieren, von dem Schöpfer Gott an einen besseren, anderen Gott … zu appellieren … Adam … hat nicht bekannt, er hat sich auf sein Gewissen, auf sein Wissen um Gut und Böse berufen und von diesem Wissen aus seinen Schöpfer angeklagt.“ (122)

Der Mensch hat auf die Schlange gehört und ihre Version von Gut und Böse übernommen und wendet diese nun gegen Gottes wahres Urteil über Gut und Böse. Wer jedoch die göttlich offenbarte Ethik ganz oder teilweise ablehnt und diese durch eine angeblich „bessere“ ersetzen will, verehrt schon ein (teilweise) anderes Gottesbild – auch wenn ihm das nicht bewusst ist. Unterschiedliche ethische Konzeptionen wurzeln immer in unterschiedlichen Glaubensvoraussetzungen. Falscher Glaube aber ist Götzendienst. Besonders groß ist seine Verführungskraft, wenn er sich als „biblisch“ oder „christlich“ oder „theologisch“ oder „evangelisch“‘ ausgibt.

Zum Sündenfall schreibt Dietrich Bonhoeffer weiter:

„Adam bleibt im Fallen. Der Fall beschleunigt sich ins Unermeßliche“ (122).

Adam und Eva rissen die nach ihnen kommende Menschheit in ein sich von Gott entfernendes Fallen hinein. Gemäß dem Wort Nietzsches „Was da fällt, das stoßet noch!“ wurde das Fallen beschleunigt durch den Stoß der Bildung antibiblischer Religion und der sog. ,,Aufklärung“, die dem „liberalen“ Glauben, der Bibelkritik und der Entstehung antichristlicher und antijüdischer Ideologien den Weg bereitete. All diese Mächte bedrohen nicht nur die Christen und Juden, sondern letztlich das Leben überhaupt. Sie treiben die Menschheit in die Apokalypse. Die einen lassen sich aus dem Fallen durch die Retterhand Jesu Christi in Sicherheit bringen; andere geraten in den apokalyptischen Aufprall hinein.

Die Wirkung der Schlange damals …

In 1Mo 3 stellte die Schlange das Wort Gottes in Frage und damit sowohl das Sein Gottes gemäß seines Wortes als auch sein Gebot gemäß seines Wortes. Sie widersprach: Ihr werdet nicht sterben. Und sie versprach höhere Geistlichkeit und höhere Moral. Adam und Eva folgten daraufhin der Schlange, übertraten das Gebot Gottes und verfielen dem Tode. Seitdem sind die Menschheit und die ganze Welt in den Sündenfall und das Fallen in Irrtum, Not und Tod hineingerissen. Statt höhere Geistlichkeit zu erreichen, ist die Menschheit geistlichem Leben aus Gott entfremdet, und statt von höherer Moral bestimmt zu sein, ist sie vom Bösen beherrscht. Viele wollen die ausgestreckte Retterhand Jesu Christi nicht ergreifen.

… und heute – eine Parallele

Die Schlange ist Feindin des Gottes der Bibel und bis heute eine überaus intelligente, einflussreiche und inspirierende Theologin. Der „liberale“ Glaube – vorherrschend in großen Kirchen und zunehmend auch in Freikirchen – lehnt den Gott der Bibel ab und postuliert einen Gott der Liebe (nahezu) ohne Heiligkeit und Gerichtsernst und eine Ethik in teilweisem Widerspruch zur Bibel. Die Bibel wird im Namen der Wissenschaft seit einigen Jahrhunderten permanent massiv kritisiert und ist so im Bewusstsein der Allgemeinheit ihrer heilsamen Autorität verlustig gegangen. Die Wirkungen: Viel weniger Menschen erfahren noch die hilfreiche und rettende Kraft des Wortes Gottes. Und viel mehr befinden sich ohne Rettung im Unheil. Die kirchliche und säkulare Öffentlichkeit erkennt nicht mehr die Dringlichkeit des Christwerdens und die Notwendigkeit des Christseins für Zeit und Ewigkeit. „Liberaler“ Glaube und die von ihm geförderte sogenannte „historisch-kritische Theologie“ führen zu weitgehender Missionsunwilligkeit und -unfähigkeit mit der Folge eines Niederganges des europäischen Christentums und darüber hinaus zu einem Niedergang des westlichen Wertesystems. Das ersterbende, schwindende Christentum räumt den Platz für energiegeladene, zerstörerische antichristliche Ideologien und Religionen, die in der Öffentlichkeit kaum noch kritisiert werden dürfen. Nicht nur wird deren Unheil nicht erkannt, sondern man will sie auch im Namen „christlicher Liebe“ integrieren. Das alles, weil man die biblische Sicht ablehnt. Diese Vorgänge beschleunigen den Fall in die Apokalypse. Die Parallele dieses Geschehens mit dem Sündenfall, dem Misstrauen gegenüber dem Wort Gottes und den tödlichen Wirkungen ist offenkundig.

Die Auflösung des biblisch-christlichen Glaubens ist Ziel und Resultat der Theologie der Schlange, weil sie biblisch begründete Lehre und Praxis begrenzen will.

Die tiefste Wurzel der Bibelkritik sind nicht vermeintliche Irrtümer der Bibel, sondern ist die Ablehnung des Gottes der Bibel, eines Teiles seines Willens und eines Teiles seines Handelns. Der „liberale“ Glaube hat an dessen Stelle ein schwaches, nicht mehr wirklich ernst zu nehmendes Gottesbild gesetzt, ein „Gott“, der in den Augen der Öffentlichkeit eher unwichtig ist. Wenn der „liberale“ Glaube die Lehre von Jesu Wiederkunft und Gericht als unzumutbar empfindet, wozu braucht man dann noch Jesus Christus? Der Weg fort vom christlichen Glauben und hin zu den Religionen ist damit frei wie auch der Weg der Religionen zu den (ehemaligen) Kirchenmitgliedern. Kritik an Religionen ist nur noch eingeschränkt erlaubt, während Ablehnung und Kritik des biblischen Glaubens freie Bahn haben. Zunehmend wird die Freiheit für biblisch begründete Lehre und Lebenspraxis begrenzt. Die Auflösung des biblisch-christlichen Glaubens ist Ziel und Resultat der Theologie der Schlange.

Die Verwerfung der biblischen Wahrheit zeitigt einen erschreckenden Verfall der Urteilskraft: Den unersetzlichen Wert des biblischen Glaubens als beste Grundlage für Vernunft, Wissenschaft, Humanität, Demokratie und Freiheit für die ganze Gesellschaft erkennt man nicht mehr. Die Freiheit, Vernunft und Humanität bedrohende Dynamik des Antichristlichen wird nicht richtig eingeschätzt und sogar gefördert. Die „liberal“ Glaubenden meinen, auf der Seite der Schwachen zu stehen, doch stehen sie vor allem auf der Seite der Einflussreichen. Man meint, Nächstenliebe zu praktizieren, und ruft Inhumanität hervor. Man will sich für Gerechtigkeit einsetzen, hält aber Täter für Opfer usw. Weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen, verfallen sie der wirksamen Kraft des Irrwahns und glauben der Lüge (siehe 2Thess 2,9-12). So ist es mit Adam und Eva geschehen und so geschieht es gesellschaftlich und kirchlich bzw. gemeindlich heute und wird in der Zukunft noch mehr geschehen.

Innerhalb von Pietismus und Evange­lika­lismus haben in der westlichen Welt „liberaler“ Glaube, ,,liberale“ Ethik und Bibelkritik in neuerer Zeit rapide an Einfluss gewonnen. Und trotzdem: Es scheint, dass nur die wenigsten Führungskräfte sich dieser tragischen Entwicklung entgegenstellen und dass die meisten selbst von immer mehr „liberalen“ Glaubenselementen durchdrungen sind.

Ein Beispiel ist der Aufsatz von Uwe Heimowski (Politikbeauftragter der Deutschen evangelischen Allianz) und Rene Markstein (CVJM Zwickau).6 Um in einer Publikation der CSU-nahen Hanns Seidel Stiftung einen Überblick über unterschiedliche Richtungen innerhalb der evangelikalen Bewegung zu geben, wird unkritisch die Darstellung des früheren EZW-Leiters Reinhard Hempelmann referiert:

Eine der Rich­tungen ist „der fundamentalis­ti­sche Typ, für den die Bibel als gesamte Heilige Schrift irrtumslos und unfehlbar ist (vgl. Chicago-Erklärung). Daraus folgend ist eine Ablehnung von historisch kritischer Bibelforschung, Wissenschaftsfeindlichkeit und eine Rigorosität in ethischen Fragen (Sexualität, Lebensschutz, Moral, Emanzipation) charakteristisch für diesen Typ.“7

Eine solche Darstellung christustreu-bibeltreuen Glaubens ist bestürzend und vernichtend.

,,Fundamentalisch“ genannt zu werden bedeutet heute, auf die bösartigste Stufe gestellt zu werden, die es im religiösen Bereich gibt. Ein „Fundamentalist“ gilt als inhuman, intolerant, fanatisch, lieblos, antiwissenschaftlich, intellektuell unredlich, einseitig, friedens- und freiheitsgefährdend, demokratiegefährdend usw. All das trifft jedoch auf den christustreu-bibeltreuen Glauben gar nicht zu. Das Gegenteil ist der Fall! Wer Jesus Christus hinsichtlich seines Bibelverständnisses nachfolgt und daher die Irrtumslosigkeit vertritt, muss damit rechnen, nicht nur gesellschaftlich geächtet, sondern nun auch mit dem Fundamentalismus-Vorwurf von Evangelikalen öffentlichkeitswirksam gebrandmarkt zu werden.

Dann heißt es:

„Daraus folgend ist eine Ablehnung von historisch-kritischer Bibelforschung“.

So erscheinen die Schriftgläubigen als zutiefst unehrlich und unwahrhaftig und noch schlimmer: Die Heilige Schrift selber erscheint dann als nicht ver­tra­uens­würdig, weil sie von wissen­s­chaftlicher Forschung widerlegt sei.

Eine solche Aussage werden wohl die meisten Leser so interpretieren, dass die Bibel­gläubigen ohne wissenschaftliche Gründe einfach willkürlich wissenschaftliche For­schung ablehnten, weil sie die historischen Tatsachen, die gegen die Bibel sprächen, nicht wahrhaben wollten und weil sie wissenschaftliche Kritik an ihrem Glauben nicht zulassen wollten. So erscheinen die Schriftgläubigen als zutiefst unehrlich und unwahrhaftig und noch schlimmer: Die Heilige Schrift selber erscheint dann als nicht vertrauenswürdig, weil sie von wissenschaftlicher Forschung widerlegt sei. Das Zitat verschweigt völlig, dass es eine Vielzahl von Veröffentlichungen gibt, die die „historisch-kritische Bibelforschung“ mit Sachgründen, historischen und theologischen Gründen kritisiert. Die sogenannte „historisch-kritische Theologie“ ist nicht weltanschaulich neutral und nicht reine Wissenschaft, sondern vertritt ein Glaubensspektrum von atheistisch bis hin zu einem schwachen Gottesbild ohne Inspiration und ohne Wunder.

Die sogenannte ,,historisch-kritische Theologie“ ist von vornherein gegenüber vielem, was die Bibel lehrt, ablehnend voreingenommen. Häufig werden unbewiesene Hypothesen als „wissenschaftliche Forschungsergebnisse“ hingestellt. Es gibt aber keinen Sachzwang für Bibelkritik, weil Gott alle kritisierten Bibelstellen durch seine Allmacht wahr sein lassen kann. Die christustreu-bibeltreue Position befürwortet eine Bibelwissenschaft, die der tatsächlichen Geschichte gerecht wird, die wahrer Kritik und die wahrer Theologie gerecht wird und die so einmal im Gericht Gottes bestehen können wird. Eine wahre historisch kritische Theologie würde also beinhalten, a) das göttliche Geschichtshandeln einzubeziehen und nicht auszuschließen und b) Kritik von der (offenbarten) Wahrheit her an der Unwahrheit zu üben, anstatt die Wahrheit von antibiblischen Irrtümern her zu kritisieren.

Der Vorwurf der „Wissenschafts­feind­lichkeit“ ist eine krasse Unwahrheit, eine Verleumdung. Die moderne empirisch forschende Naturwissenschaft ist vor der Zeit der „Aufklärung“ auf dem Boden der biblischen Schöp­fungs­lehre erwachsen.8 Der christus­treu-bibeltreue Glaube ist die beste Quelle für wissenschaftsnotwendige Tu­gen­den wie z. B. Wahr­heits­wille. Die christustreu-bibeltreue Position lehnt nicht wahre Wis­senschaft ab, sondern kritisiert eine solche „Wissenschaft“, in die stillschweigend inhaltlich unbewiesene antigöttliche, antibiblische Glau­bens­elemente hineingemischt werden, um so „Wissenschaft“ als antigöttliches, antibiblisches Propagandamittel missbrauchen zu können.

Dann folgt der Vorwurf von „Rigorosität in ethischen Fragen (Sexualität, Lebensschutz, Moral, Emanzipation)“. Laut Duden bedeutet „rigoros“ „sehr streng, unerbittlich, hart, rücksichtslos“. So „informiert“, wird der moderne Mensch Abscheu gegenüber den Bibelgläubigen empfinden, Distanz wahren und sie nach Möglichkeit bekämpfen – in der Meinung, er tue damit etwas Gutes. Das Zerrbild zeigt nicht die Nächstenliebe, Feindesliebe, Vergebungsbereitschaft, Güte, Barmherzigkeit, Demut, Friedfertigkeit, die zum christustreu-bibeltreuen Glauben unbedingt dazugehören. Aus dem Abweichen von den neutestamentlichen Moralpositionen erwachsen Gefahren für Zeit und Ewigkeit, die man durchaus als „rigoros, sehr streng, unerbittlich, hart, rücksichtslos“ bezeichnen kann. Wer aus Liebe und Vertrauen zu Christus vor den – von vielen ausgeblendeten – Gefahren warnt, wird aber immer häufiger damit rechnen müssen, wegen „Hassrede“ oder „Volksverhetzung“ oder „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ beschuldigt oder angeklagt zu werden. Ursula Baumgartner schreibt:

„Positioniert man sich heute gegen Abtreibung und für das Lebensrecht, muss man darauf gefasst sein, als Rassist, Frauenfeind … und natürlich als rückständig sowie als homo- und transphob zu gelten.“9

Das Eintreten für Lebensschutz wird „rigoros“ oder „rücksichtslos“ genannt, nicht jedoch das Töten von ungeborenen Kindern? Immer intoleranter, härter und rücksichtsloser kämpfen säkular-antichristliche Kräfte (z.T. gemeinsam mit Vertretern eines „liberalen“ Glaubens) gegen immer mehr biblische Glaubens- und Ethikwahrheiten. Bei näherer Betrach­tung erweist sich der Vorwurf der „Rigorosität in ethischen Fragen“ als Opfer-Täter-Verdrehung. Begegnet ein „liberal“ Glaubender einem Bekenntnis zu einem biblischen Gebot, das im Widerspruch zu „liberal“-zeitgeistiger Ethik steht, kann es geschehen, dass sein Gewissen getroffen ist, aber er dennoch nicht die Umkehr vollziehen will. Um nun sein Gewissen zu entlasten, projiziert er negative Eigenschaften auf den Bekenner. In all dem drückt sich die Feindschaft gegen Gottes Heiligkeit aus, wie sie typisch ist für den „liberalen“ Glauben. Die Vorstellung, der „liberale“ Glaube hätte eine ,,höhere, bessere“ Ethik als die Heilige Schrift, ist ein schwerer Irrtum.

So wird man feststellen müssen: Der Zusammenhang „Theologie der Schlange von der Bibel (z.T.) abweichendes Gottesbild und z. T. bibelwidrige Ethik historisch-kritische Theologie bzw. Bibelkritik Schwächung christlicher Wirksamkeit Niedergang, Not und Tod“ ist dabei, sich gegenwärtig auch in Pietismus und Evangelikalismus zu verwirklichen.

Darum sollte man auf den Hebräerbrief hören; er spricht in Kap. 3 auch in unsere Gegenwart:

„Seht zu, Brüder, dass nicht jemand unter euch ein böses, ungläubiges Herz hat, das vom lebendigen Gott abfällt, sondern ermahnt euch selbst alle Tage, solange es ‚heute‘ heißt, damit niemand von euch durch den Betrug der Sünde verstockt wird. Denn wir sind Christi teilhaftig geworden, wenn wir denn die anfängliche Zuversicht bis ans Ende festhalten.“

Nur der ursprüngliche, offenbarte Glaube hat rettende Kraft, nicht jedoch Ab­wei­chungen, ,,Modernisierungen“ oder Um­deutungen – und klingen sie theologisch noch so elegant!

Ach bleib bei uns, Herr Jesus Christ, weil es nun Abend worden ist; dein göttlich Wort, das helle Licht, lass ja bei uns auslöschen nicht. (Nikolaus Selnecker 1572 / EKG 207,1)


  1. Dietrich Bonhoeffer: Schöpfung und Fall, hrsg. von Martin Rüther und llse Tödt, Gütersloh, 3. Aufl. 2007, S. 98. 

  2. Ron Kubsch: Bibel und Bibelkritik, in: Daniel Facius (Hrsg.): Der Bibel verpflichtet. Mit Herz und Verstand für Gottes Wort, Dillenburg 2015, S. 257 

  3. Reinhard Slenczka: Der Mensch als Bild und Gleichnis und die Leit- und Leidbilder des Menschen. Zur Gleichstellungsideologie des „Gender-Main­streaming“, in: Informationsbrief Nr. 295 der Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“, Dezember 2015, S. 15. 

  4. Reinhard Slenczka, „Schärfer als jedes zweischneidige Schwert“ (Hebr 4,12). Die rettende und richtende Wirkung von Gottes Wort in kirchlicher Entscheidung und Verantwortung (1995), in: Bekenntnisbewegung kein anderes Evangelium: Weg und Zeugnis. Dokumente und Texte der Bekenntnisgemeinschaften zur kirchlichen Zeitgeschichte 1980 – 1995, Lahr 1998, S. 562. 

  5. WA 30, III, 213, 34-39, zit. nach R. Slenczka: Betrachtungen auf dem Weg zum Refor­mations­jubiläum 2017, in: Informationsbrief Nr. 296 der Bekenntnisbewegung ,,Kein anderes Evangelium“, Februar 2016, S. 17 

  6. „Rechtspopulistische Positionen und Evangelikale“, in: ,,aktuelle analysen 82“ der CSU nahen Hanns · Seidel Stiftung, Themenband „Das Kreuz mit der Neuen Rechten? Rechtspopulistische Positionen auf dem Prüfstand“ hrsg. v. Uwe Backes u. Philipp W. Hildmann, München 2020. 

  7. Reinhard Hempelmann: Evangelikale Bewegung: Beiträge zur Resonanz des konservativen Protestantismus, Berlin 2009, S. 11, in: Uwe Heimowski und Rene Markstein: a.a.0., S.113. 

  8. Jethro Lamprecht (2020): Entstehung der modernen Naturwissenschaft aus dem biblischem Glauben. Eine Zusammenstellung, www.wort-und-wissen.org/artikel/entstehung naturwissenschaft/ 

  9. U. Baumgartner: Every life matters! (Jedes Leben ist wichtig!), in: Aufbruch, Juli 2022, S. 15.