Es gab in Israel ein Sprichwort, das mindestens in den Zeiten von König Saul und David in aller Munde war: „Ist Saul jetzt auch einer der Propheten?“ Es wird uns in 1Sam 10 und 1Sam 19 gleich von zwei Ereignissen berichtet, die der Ursprung dieses Sprichworts waren. Beim ersten erfüllt sich eine Vorhersage von Samuel, die als Bestätigung dafür gelten soll, dass Saul der erste König sein soll, den Gott für sein Volk einsetzt. Saul begegnet nach der Trennung von Samuel einer Gruppe Propheten, die in diesem Moment durch Gottes Geist in eine Ekstase geraten. Die ergreift auch Saul. Saul wird als Benjaminiter nicht besonders geachtet und einige Beobachter meinen etwas spöttisch: „Ist aus Saul jetzt ein Prophet geworden?“ Viele Jahre später, nachdem Gott David zum neuen König bestimmt hat, da will Saul ihn gefangen setzen und töten. David flieht zu Samuel, und Saul verfolgt ihn. Er muss die Aktion aber schließlich abbrechen, weil der Geist Gottes ihn ein weiteres Mal in eine Ekstase geraten lässt. Diesmal führt es dazu, dass er sich nackt auszieht und sich vor Samuel auf den Boden wirft. Er muss beschämt abziehen, aber das Sprichwort wird er nicht mehr los: „Ist Saul jetzt auch einer der Propheten?“
Eigentlich müsste das Sprichwort heute in aller Munde sein, aber ich höre es nicht und kenne auch keine moderne Entsprechung. Aber in den vergangenen Jahren sehe ich gleich einige Sauls unter den Propheten.
Konstantin Kisin ist ein britischer konservativer Denker. Er stammt aus der ehemaligen Sowjetunion und bezeichnet sich selbst als Agnostiker – also jemand, der in der Frage nach Gott unentschieden ist und nach außen keine Meinung vertreten will. Er gibt aber offen zu, dass er seit seiner Jugend Witze über das Christentum machte und es tatsächlich für lächerlich hielt. Er spottete über die konservativen Christen, die für christliche Werte eintraten. Aber irgendwie ist ihm das Lachen im Halse stecken geblieben, als er erkannte, dass die Befreiung vom Christentum keine Freiheit brachte, sondern die neuen Religionslosen mit großen Teilen der Gesellschaft eine tiefe Verbeugung vor einem radikalen und gewalttätigen Islam machen. Er schreibt:
„In der Absicht, uns vom tyrannischen Instinkt dogmatischer Christen zu befreien, haben uns die neuen Atheisten einer anderen, aber viel bösartigeren religiösen Eiferei ausgeliefert, vor der der normale Bürger nicht mehr sicher sein kann“.
Er nennt das ein neues „defacto Gesetz gegen Gotteslästerung“, das von Fanatikern durchgesetzt wird, weil es Regierungen immer schwerer fällt, ihre Bürger zu beschützen. Weiter beobachtet er, dass die gleichen Leute, die behaupten, dass die Religion das Böse in die Welt gebracht hat, anderes Böses, auch das der Atheisten, leichthin entschuldigen. Sie fangen an, Menschen auf einen Sockel zu stellen, was das Christentum immer verhindern wollte. Aber wenn uns die Menschenrechte nicht mehr „aufgrund einer Weltsicht zustehen, in der wir eine unantastbare Würde und Achtung verdienen, weil wir die Ehre haben, Geschöpfe Gottes zu sein, dann werden wir davon abhängig, dass dieses Rad von der UNO neu erfunden wird. … Mein Punkt ist: Man kann zwar leicht beweisen, dass Religion irgendwie schlecht ist, aber ich bin nicht überzeugt, dass man genauso leicht beweisen kann, dass der Verlust der Religion nicht viel schlechter ist.“
Richard Dawkins ist ein britischer Evolutionsbiologe und einer der Köpfe des sogenannten neuen Atheismus seit Anfang der 2000er geworden. Sein Buch „Der Gotteswahn“ ist vielfach übersetzt worden und war lange ein Bestseller. Er hat, wie in Deutschland der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, viel Kraft aufgewendet, um gegen Kreationisten und jede Art von Glaube an einen Schöpfer zu kämpfen. Dawkins in Großbritannien und Kutschera in Deutschland erlebten beide, dass sie von vielen ihrer atheistischen Verehrer verdammt wurden, als sie als Biologen sagten, dass es genau zwei Geschlechter gibt und man die auch nicht einfach verändern kann.1 Dawkins stellte fest, dass in das Vakuum der Religionslosigkeit, für das er selbst vor allem gegen Christen gekämpft hat, nun allerlei andere „Religion“ mit seltsamen Glaubensüberzeugungen getreten ist. Er ist erschreckt und sieht für die englische Gesellschaft kaum eine andere Hoffnung gegen das Erstarken des Islamismus und eines unvernünftigen linken Wokismus als das Christen wieder aufwachen und sich bekennend auf ihren Glauben besinnen. „Es ist gleichgültig, wie unwissenschaftlich gute Religion sein mag, sie ist beides: nützlich und notwendig.“
Der deutsche Physiker Gert Ganteför gibt zu, dass die gegenwärtige Physik das vorhandene Weltall nicht erklären kann. Wenn es um den Ursprung geht, dann sieht er, dass der Anfang eigentlich nicht in der Materie liegen kann, sondern dass der Kosmos und das Leben einen geistigen Ursprung haben müssen. Er lehnt einen Schöpfergott ab, aber stellt fest, dass immer mehr physikalische Erkenntnisse Ähnlichkeit zu religiös christlichen Aussagen haben. Er persönlich findet einen Trost darin, dass die Physik bestätigt, dass mit dem Tod nicht einfach alles aus sein kann, und dass sogar Persönlichkeit in irgendeiner Form weiter bestehen muss.
Joseph Henrich ist ein amerikanischer Psychologe, Atheist oder mindestens Agnostiker, der glaubt, dass alles auf dem Wege evolutiver Entwicklung entstanden ist, inklusive der Idee eines Gottes und alle Religionen. Bei seinen ausführlichen Untersuchungen, was den Erfolg der westlichen Gesellschaft bewirkt hat, was die Prinzipien unseres Denkens, unseres Selbstbildes und unserer Werte sind, landet er aber immer wieder beim Christentum. Interessant ist, dass er nicht nur eine allgemeine oberflächliche Christlichkeit dafür verantwortlich macht, sondern ein von der Bibel und biblischen Werten bestimmtes Denken. Das Geschäftsleben ist vom Prinzip „Treu und Glauben“ bestimmt, das aus dem christlichen Menschenbild stammt. Das Prinzip des gleichen Rechtes für alle kommt aus der Bibel. Die Hochschätzung von Bildung für jeden Menschen und die breite Gesellschaft ist christlich usw.
Ich könnte diese Liste noch lange fortsetzen: Solche „Feinde“ des christlichen Glaubens werden nicht gleich Christen, aber sie müssen – wenn sie ehrlich bleiben wollen – in verschiedener Hinsicht Werbung für den christlichen Glauben machen. „Ist Saul jetzt auch einer der Propheten?“
Aber solche Beobachtungen könnten doch eine Ermutigung für bibeltreue Christen sein, sich nicht von Angriffen einschüchtern zu lassen, sondern geduldig und liebevoll das biblische Evangelium weiterzugeben.
Ulrich Kutschera musste sich sogar vor Gericht verantworten, als er die „Ehe für alle“ kritisierte und das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare mit der Gefahr des sexuellen Missbrauchs von Kindern in Zusammenhang brachte. Er wurde 2022 nach mehreren Prozessen schließlich freigesprochen. ↩