ThemenFrage & Antwort

Biblische Heiligenanrufung?

Frage:

Woraus leitet die römisch-katholische Kirche ab, dass Gläubige nach ihrem Tod, aber noch vor der allgemeinen Auferstehung, eine besondere Stellung in der Totenwelt haben und für noch lebende Gläubige eintreten können? Gibt es dafür einen biblischen Anhaltspunkt?

Antwort:

An diesem Beispiel kann man gut lernen, dass es einen Unterschied zwischen einer biblischen Lehre und biblischen Anhaltspunkten gibt.

Biblische Anhaltspunkte gibt es nämlich eine ganze Anzahl, die auch von römisch-katholischen Befürwortern der Anrufung verstorbener Heiliger genannt werden, aber die Sache widerspricht trotzdem biblischer Lehre. In der Geschichte (oder dem Gleichnis) vom reichen Mann und armen Lazarus ist es der reiche Mann, der eine Fürbitte für seine Brüder ausspricht (Lk 16,20-31). Das geschieht nach seinem Tod in der Totenwelt, die getrennt ist für die Verlorenen und Geret­teten. Hier bittet der Verlorene Abraham, der auch ein gestorbener Glaubender ist, dass der gerettete Lazarus mit seiner Auferstehung und dem Ruf zur Umkehr die noch lebenden Brüder zu einem gottgefälligen Leben ermahnt. Er bekommt ebenso eine Abfuhr wie Saul im Alten Testament, der den verstorbenen Samuel um Rat fragt (1Sam 28,12-28). Er erhält nur die Auskunft durch eine Erscheinung Samuels, dass Gott ihm nicht helfen wird und er am folgenden Tag sterben soll. Auch bei der Verklärung von Jesus Christus erscheinen zwei verstorbene Gläubige und sprechen mit Jesus (Mt 17,3; Lk 9,31). Man könnte mutmaßen, Gott habe sie geschickt, um Jesus für seinen Weg ans Kreuz zu ermutigen. Aber der Zusammenhang macht klar, dass Gott das mit seiner Stimme selbst übernimmt. Mose und Elia erfahren – wenn man bedenkt, was Petrus in seinem Brief schreibt (1Pet 1,10-12), – vielmehr von Jesus, wie das Erlösungswerk sich auf Golgatha mit Tod und Auferstehung vollenden wird. Das wussten sie nämlich nicht, obwohl sie wussten, dass der Christus kommen sollte und die Menschen aus der Sünde retten. Am stärksten könnte eine Kombination aus Schriftstellen aus der Offenbarung vielleicht eine Fürbitte durch verstorbene Gläubige nahelegen. Da ist einer der sieben Engel, der an einem Altar Räucherwerk verbrennt, das zusammen mit den „Gebeten der Heiligen“ zu Gott aufsteigen soll (Offb 8,3-5). Wenn man unter diese Heiligen nur die vollendeten Gläubigen zählt, wie es die römische Kirche tut, und nicht die lebenden Glaubenden, dann sind auch das Gebete von Verstorbenen. Vorher beim Öffnen des 5. Siegels ist die Rede von den Seelen der Märtyrer, die um des Bekenntnisses des Glaubens willen ihr Leben verloren haben. Sie flehen dort Gott an. Das ist allerdings eher eine Frage an Gott, wann er mit dem Gericht beginnen wird, wo doch bis dahin noch so viel Leid über die Glaubenden kommen soll (Offb 6,9-11). Man könnte die Sache so auslegen, dass die verstorbenen Märtyrer hier mit Gebet bei Gott für ein Ende des Leides für die noch lebenden Glaubenden eintreten.

Römisch-katholische Ausleger berufen sich auch auf apokryphe Schriften, die sie für Gottes Wort halten. Sie zitieren dann 2Makkabäer 15,11-16: Judas Makkabäus

„sagte ihnen auch von einer Erscheinung, die glaubwürdig war; davon bekamen alle Mut. Und das war die Erscheinung: Onias, der frühere Hohepriester, ein trefflicher, im Umgang bescheidener, gütiger, beredter Mann, der von Jugend auf allem Guten nachgestrebt hatte, der streckte seine Hände aus und betete für die ganze Gemeinde der Juden. Danach erschien ihm ein würdiger, alter Mann, und um ihn war ein wunderbarer, herrlicher Glanz. Und Onias sagte zu Judas: Dies ist Jeremia, der Prophet Gottes, der deine Brüder sehr liebhat und stets für das Volk und die heilige Stadt betet. Danach gab Jeremia mit der Rechten dem Judas ein goldenes Schwert und sagte zu ihm: Nimm hin das heilige Schwert, das dir Gott schenkt; damit sollst du die Feinde schlagen!“

Hier sind der Prophet Jeremia und der Hohepriester Onias die bereits Verstorbenen, die für die Lebenden beten und ihnen schließlich auch Weisung geben. Dass diese Heiligen nicht nur selber beten, sondern auch um Fürbitte und Hilfe angerufen werden dürfen, wird dann aus dem Buch Jesus Sirach abgeleitet, wo in Kapitel 48,4-10 der lange verstorbene Prophet Elia angeredet wird. Allerdings ist das auch nicht direkt eine Bitte um Fürbitte. Aber es dient als Begründung. Es würden doch in der Bibel auch Engel angesprochen, die auch geschaffene Wesen sind (vgl. Psalm 103,20 oder 148,2). Die Gläubigen auf der Erde sollen sich mit den Gläubigen im Himmel vereint sehen und alle als „Wolke der Zeugen“ (Heb 12,22-23).

Die starken Verbote einer Kontakt­aufnahme mit Toten werden als alttestamentlich überholt angesehen und behauptet, sie seien nur eine Warnung vor einer magischen Kontakt­aufnahme.

Die zahlreichen und starken Verbote einer Kontaktaufnahme mit Toten (3Mo 19,31; 20,6.27; 5Mo 18,10–12; 2Kön 11,6; 1Chr 10,13; 2Chr 33,6; Jes 8,19) werden deswegen einerseits als alttestamentlich überholt angesehen – Christus habe jetzt die Gemeinschaft der Lebenden und Toten hergestellt – und andererseits behauptet man, dass es sich dabei nur um eine Warnung vor einer magischen Kontaktaufnahme handele. Als gewissermaßen kirchliche Handlung seien Anrufungen von Heiligen im Totenreich nicht verboten, auch wenn sie im Neuen Testament nicht vorkommen.

Es gibt also eine Reihe von Andeutungen, die man sich zur Begründung des Gebets zu verstorbenen Gläubigen aus der Bibel heranziehen kann. Woran sieht man, dass es trotzdem keine biblische, sondern sogar eine unbiblische Lehre ist? Selbst wenn wir – das muss man der römisch-katholischen Kirche positiv anrechnen – ein Bewusstsein dafür haben sollen, dass wir Teil des ganzen Leibes Christi sind und zur Gemeinschaft aller Heiligen gehören, wie es auch das Glaubensbekenntnis betont, so wäre doch unsere Hinwendung zu diesen Geschwistern, noch dazu wenn sie schon gestorben sind, völlig unnötig und sinnlos. Wir können doch durch Jesus Christus und den Heiligen Geist selber Gott als unseren lieben Vater ansprechen und ihm alles sagen. Wenn wir andere lebende Christen bitten, für uns zu beten, hat das auch nicht den Sinn, dass mehr Stimmen bei Gott mehr bewirken oder Gott auf einen frommeren Mitbruder mehr hört als auf mein Gebet. Wir machen uns vielmehr eins mit den Anliegen unserer Geschwister, wenn sie Gott gefallen. Jesus legt auch eine Verheißung auf diese Vereinigung im Gebet (Mt 18,19-20): „Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Außerdem treten wir im Gebet für Geschwister ein, wenn sie es selbst nicht können.

Die römisch-katholische Kir­che ist in ihrer Lehre der Fürsprache der ver­storbenen Heiligen und der Anrechnung der Verdienste dieser Gläubigen auch weit über die Andeutungen der Bibel hinausgegangen, was wiederum zeigt, dass die Lehre nicht eigentlich biblisch gegründet ist. Im Rahmen der biblischen Andeutungen hatte die Reformation Luthers eine Verehrung der Glaubenden, die uns vorangegangen sind und uns auf unserem Weg ermutigen, auch nicht völlig abgelehnt. Es ist aber so, dass diese Heiligen erst durch besondere kirchliche Prozesse, die beinahe spiritistische Elemente enthalten, dazu qualifiziert werden, damit der lebende Gläubige sie um Hilfe bitten darf. So werden ganz unbiblische Vorstellungen mit den biblischen Andeutungen verwoben. Dabei kommt eine Sache heraus, die nicht biblisch ist. Sie wird es aber auch nicht dadurch, dass weitere Lehren angehängt werden, die ebenso unbiblisch sind: Es seien die besonderen Verdienste der Heiligen, die ihnen ermöglichten, bei Gott besonderes Gehör zu finden. Die Verstorbenen haben uns aber nichts voraus. Sie haben bei Gott kein höheres Gewicht. Auch kann ein besonders gutes Leben nichts schaffen, dass man an andere abgeben könnte, um Hilfe oder Errettung zu wirken oder zu beschleunigen. Dass das Neue Testament von einem unterschiedlichen Lohn in der Ewigkeit spricht, heißt ja nicht, dass dieser dafür eingesetzt werden könnte, um anderen zu helfen.

Prinzipiell gilt, dass aus einer Erwähnung einer Sache in der Bibel keine Lehre abgeleitet werden darf. Eine spezielle Lehre, wie sie hier das Gebet betrifft, muss auch zur allgemeinen und klaren Lehre über das Gebet in der Bibel passen, sonst kann sie nur falsch sein.