ThemenOrientierung, Weltanschauungen

Das Kreuz mit dem Kreuz

Der englische Theologe Norman Thomas Wright hat in den letzten Jahren einen großen Einfluss in evangelikalen Gemeinden gewonnen. Er vertritt die sogenannte Neue Paulusperspektive, nach der die reformatorische Rechtfertigungslehre ein Irrtum ist, weil es Jesus und Paulus nicht eigentlich um die Vergebung der Schuld, sondern um die Aufrichtung eines neuen Königreichs ging. Das Evangelium müsse deswegen heißen „Jesus ist der Herr und König“ und erst in zweiter Linie „Jesus starb für unsere Sünden“. Ganz in diesem Sinn versucht Wright nun auch das Kreuz zu deuten. Warum dieser Versuch als gescheitert angesehen werden muss, zeigt der folgende Beitrag.

In seiner groß angelegten Neuinter­pretation des christlichen Glaubens1 ist der englische Theologe und frühere anglikanische Bischof Nicholas Thomas Wright nun beim Kreuz angekommen. Im Juli 2016 erschien auf Englisch sein Buch The Day the Revolution began: Rethinking the Meaning of Jesus‘ Crucification, das wahrscheinlich auch bald auf Deutsch vorliegen wird.

Dass er nicht beim Kreuz und der Erlösung begonnen hat, liegt einerseits daran, dass ihm die Interpretation des Kreuzes Jesu und der Sinn eines Sterbens des Messias für die Sünden der Menschen innerhalb seines theologischen Systems mit einem irdischen Reich Gottes in der Mitte nicht leicht zu erklären scheint. Andererseits bedurfte es seiner Ansicht nach erst, eine präsentische Eschatologie aufzurichten, die ihm als Grundlage für seine neue Sicht des Kreuzes dient. Teilweise polemisch karikierend beschreibt er die von vielen konservativen Christen vertretene Sicht so: Jesus sei am Kreuz gestorben, damit die individuellen Sünden der Menschen vergeben werden können und diese dann nach ihrem Tod in den Himmel aufgenommen werden.

Diese Deutung des Kreuzes hält Wright für nicht schriftgemäß, weil sie die große Geschichte der Evangelien von Jesus übergehe und von heidnischen Vor­stel­lungen bestimmt sei. Dem­gegen­über will er das Kreuz neu aus der Bibel interpretieren und damit einen individualistischen Heilsegoismus im Zusammenhang mit der verbreiteten Deutung des Kreuzes überwinden.

1. Ist unser Verständnis des Kreuzes heidnisch?

Wright betrachtet zwar kurz die Theologie­ge­schichte, aber er es geht ihm eigentlich um eine Kritik an der Kreu­zes­theologie der Reformation, die er für die gegenwärtige Verzerrung verant­wortlich macht. Was das Verständnis der Kreuzigung angeht, hält Wright den Refor­matoren vor, sie hätten zwar alle relevanten Aussagen der Bibel zum Thema behandelt. Sie seien aber zu einem ganz anderen und falschen Bild gelangt, weil sie Erkenntnisse in falscher Weise miteinander verbanden. Er benutzt den Vergleich des Malens nach Zahlen, bei dem ein völlig anderes Bild entstehen könne, wenn die Zahlen in der falschen Reihenfolge verbunden werden (32). Als Ergebnis hätte die Reformation das Bild von der Erlösung durch das Kreuz ganz anders gezeichnet, als die Bibel das tue.

Die Reformatoren hätten vor allem auf das Messopfer und das Fegefeuer als Irr­lehren der römischen Kirche geantwortet und dabei den falschen Rahmen von Himmel und Hölle, in denen diese standen, nicht überwunden, sondern in ihre Theologie übernommen. Dabei hätten sie eine platonische Vorstellung von einem körperlosen Dasein in einem jenseitigen Himmel zum Glaubensziel gemacht. Die biblische Rede vom neuen Himmel und einer neuen Erde sei fälschlich der himmlischen Ewigkeit zugeordnet worden statt einer mit Jesus beginnenden Weltzeit auf dieser Erde. Eine falsche Eschatologie ließ nun das Kreuz und die Erlösung als etwas erscheinen, dessen Wirklichkeit der zukünftigen ewigen Welt zuzurechnen ist, während Wright meint, Gott habe diese Welt mit der Kreuzigung zu einer anderen gemacht.

„Das Kreuz war der Moment, an dem etwas passierte, das die Welt eine andere werden ließ, die Einsetzung von Gottes Zukunftsplan. Die Revolution begann zu der Zeit und an diesem Ort. Und Jesu Auferstehung war das erste Zeichen dafür, dass sie in vollem Gange ist“ (34).

In Reformation und Auf­klärung habe sich so eine „mit­telalterliche Himmel-Höl­le-Eschatologie“ an die Stelle der biblischen Sicht geschoben. Auch wenn – wie etwa im Puri­tanismus – andere Strö­mungen vorhanden gewesen seien, hätte sich doch die un­biblische Deutung der Reformatoren durchgesetzt. Wright sieht hier heidnische Motive, die sich gegenüber biblischen behauptet hätten.

Ist die Lehre, dass Jesus die Strafe, die wir Menschen verdienten, auf sich nahm, der Grund für Krieg und Gewalt in der Welt?

In seiner umfassenden Kritik erwägt Wright sogar, die Idee einer Erlösung durch stellvertretende Strafe könnte dazu geführt haben, dass Christen, und in der Folge die gesamte westliche Welt, einen besonderen Hang zur Gewalt haben. Die Vorstellung, dass Gott die Strafe, die wir Menschen verdient haben, auf seinen Sohn Jesus Christus gelegt habe, führe dazu, das so falsch verstandene Kreuz als Rechtfertigung für einen gewaltsamen Kampf gegen alles, was man für Unrecht hält, herzunehmen. Das Ergebnis sehe man in Ausschwitz, Hiroshima oder in der Todesstrafe. Aber auch der Kampf gegen den islamischen Terror sei wohl davon inspiriert (40-45). Wright fragt, ob das ein Grund wäre, diese Sicht von Rechtfertigung fallen zu lassen, wenn sie denn schriftgemäß wäre. Er scheint das nicht zu wollen. Aber statt das eindeutig falsche Argument abzulehnen, lässt er den Strohmann stehen. Er plädiert zwar zu Recht dafür, das Verständnis von Erlösung gar nicht als Vorbild auf moralisches Verhalten zu übertragen. Der Strohmann allerdings dient Wright dazu, seine Neuinterpretation des Kreuzes als die bessere ins Spiel zu bringen, weil sie nicht in Gefahr stehe, derart missbraucht zu werden. Schon hier zeigt sich eine manipulative Argumentation bei Wright, die wenig vertrauenswürdig erscheint. Hat eine biblische und theologisch gut verantwortete Inter­pretation so etwas nötig?

Es gehört zur Theologie N.T. Wrights, dass er christliche Lehre aus dem frühjüdischen Verständnis, in dem Jesus und die Apostel gelebt haben müssen, ableiten will. Auch die ersten Christen hätten darin gelebt, wenn sie auch ebenso von der griechisch-römischen Spätantike beeinflusst waren. Was an Bildern ihres Glaubens daraus entstand, vergleicht Wright mit einem Kaleidoskop. Wie dort aus den immer gleichen bunten Glasstücken immer neue Bilder entstehen, so hätten auch die Christen der ersten 50 Jahre – der Entstehungszeit des Neuen Testaments – aus den einzelnen Stücken der Erlösungslehre immer neue Bilder entstehen lassen, so dass es schwierig sei, im NT ein klares in sich kohärentes Bild zu entdecken.

Wright meint aber, dass er den Schlüssel gefunden habe, um ein solches zu liefern (66). Die Informationen des NT seien zwar komplex und sogar verwirrend, besonders wenn es darum ginge, den Jesus, der sein kommendes Reich ankündigte, mit dem Jesus zu verbinden, der gestorben ist, um die Sünder zu retten (66). Die Lösung läuft für Wright aber darauf hinaus, dass die Vergebung zu einem wesentlichen Be­gleit­um­stand der Auf­richtung des Rei­ches Gottes wird, weil die Bürger des neuen Gottesreiches als Ein­tritts­karte eine Reini­gung von Götzen­dienst benötigten.

An Jesus als messianischem Reprä­sen­tanten Israels werde die Be­freiung von Sünden vollzogen, damit die Schöpfung durch die Aufrichtung des Königreichs Gottes wiederhergestellt werden könne (68). Es sei ohne Zweifel für die Evangelien wichtig, Jesus als den darzustellen, der sein Volk von ihren Sünden retten werde. Worin aber der Inhalt dieser Rettung liege und was danach anders sei, das unterscheide sich wesentlich von dem, was landläufig darunter verstanden werde.

„Wir haben die Herrlichkeit Gottes für ein Durcheinander eines spiritualistischen, individualistischen und moralistischen Eintopfes eingetauscht“ (115).

Für Tom Wright ist die Herr­lichkeit Gottes die Erfüllung der innerweltlichen Hoffnungen Israels: Befreiung aus der Gefangenschaft und Unterdrückung, Aufrichtung eines dauer­haften Königreichs mit gerechter Herrschaft. Das soll das Zeichen für echte Vergebung der Sünde durch Gott sein. Es gilt, dass der „neue Exodus der Befreiung Israels von ausländischer Unterdrückung die Vergebung der Sünde wäre, nämlich die wirkliche Rückkehr aus dem Exil“ (117).

Es ist ein Irrweg, das Kreuz Christi in den jüdischen Vorstellungen seiner Zeit finden zu wollen.

Es ist deutlich, dass Wright dem Kreuz einen konsequent frühjüdischen Rahmen verleihen will, so als ob er beweisen wolle, dass Paulus Unrecht hatte, als er das Kreuz eine Dummheit für die Juden nannte. Mit dem Kreuz wären doch alle ihre Hoffnungen in Erfüllung gegangen. Man fragt sich, warum Jesus das seinen Jüngern nicht sagte, als sie ihn nach der Auferstehung fragten, wann er das Reich für Israel aufrichten werde (Apg 1,6). Statt zu antworten, dass es bereits angefangen hat und sie darin nun als rechte Juden und Christen leben sollten, spricht er von einer zukünftigen Zeit, die allein in Gottes Verfügung steht (1,7).

Wright will die „Idee Jesu als König“ in der Widerstandsbewegung des 1. Jahr­hunderts in Israel wiedergefunden haben. Angeblich soll dabei das Erreichen eines absoluten Status als König dadurch angestrebt worden sein, dass man sich töten ließ (119). Man fragt sich, wo genau Wright das gefunden hat, denn die Belege bleibt er schuldig. Er bedient das übliche Fragen nach der Herkunft eines Motivs. Meint er wirklich, dass die Kreuzigung im Nachhinein von den Jüngern in diesen Kategorien gedeutet wurde? Aber das ist nur ein Baustein für die beabsichtigte Neu­inter­pre­ta­tion der Kreuzigung. Denn Wright ist eine andere Beobachtung viel wichtiger:

„Wir finden in der vorchristlichen jüdischen Literatur keinerlei Erwägungen über einen Messias, der für die Sünden des Volkes oder der Welt sterben würde“ (121).

Er schließt daraus, dass die verbreitete Interpretation von Jesaja 53 falsch sein muss. Er behauptet, man habe den leidenden Gottesknecht aus Jes 53 seinem jüdischen Kontext entrissen und ihn in einem heidnischen Kontext falsch interpretiert. Die entscheidende Missinterpretation sieht er darin, dass das Leiden zum Ziel und Mittel geworden ist, die Vergebung der Sünden zu bewirken, während Jesaja nur von der Gelegenheit oder den Umständen gesprochen habe, unter denen die Vergebung erwirkt wurde. Schon die Makkabäer hätten fälschlich geschlossen, dass der Erfolg der Hasmonäer durch Leiden erreicht worden sei. Sterben für andere sei eine nichtjüdische Vorstellung gewesen, die zwar in Römer 5-7 anklinge. Aber die Vorstellung, durch märtyrerhaftes Sterben Erlösung zu wirken, sei nicht jüdisch, sondern heidnisch. Deswegen gehöre erlösendes Leiden auch nicht zur messianischen Erwartung der Juden (131), sondern sei zur Zeit Jesu nur als Einfluss aus dem Heidentum vorhanden gewesen.

Es ist ein Irrweg, nur vorhandene jüdische Vorstellungen als Interpretations­rahmen für das Kreuz gelten zu lassen.

Selbst wenn wir annehmen, dass das so absolut stimmt, ist damit nichts darüber ausgesagt, wie Jesaja 53 von Gott gemeint ist. Das Neue Testament legt viel Wert darauf, dass das Evangelium vom Kreuz ein Geheimnis war, das erst mit Christus offenbar geworden ist. Es gab im Gesetz und den Propheten alle Anlagen dazu, aber es war eben nicht im jüdischen Bewusstsein oder in der Theologie vorhanden. Gott hat offenbart, was vorher in keines Menschen Herz war (1Kor 2,9). Schon diese falsche Perspektive führt N.T. Wright zwangsläufig auf eine falsche Spur. Statt wie die Evangelien von der Tatsache von Kreuz und Auferstehung auszugehen und ihre prophetische Vorschattung in der Schrift des Alten Testaments aufzufinden (Lk 24,27.44), will Wright das Kreuz und Leiden des Messias ausdrücklich in der jüdischen Vorstellung des 1. Jahrhunderts finden. Alles, was nicht dort ist, stamme aus nichtjüdischen, also heidnischen Quellen. Damit wird bei aller Berechtigung, den historischen Zusammenhang der biblischen Aussagen zu betonen, die Botschaft vom Kreuz Christi durch einen Filter gepresst, der wesentliche Teile abtrennt.

Wright hat sicher recht, vor heidnischen Einflüssen zu warnen. Dass solche den Weg in die christliche Theologie fanden, dafür gibt es unzählige Belege aus alter und neuer Zeit. Das aber macht es so wichtig, die Geister auch genau zu unterscheiden und nicht am Ende das Kind mit dem Bade auszuschütten.

2. Ein neues Bild wird zusammengesetzt

Wright hat Recht, wenn er deutlich macht, dass die Evangelien nicht nur die Hin­ter­grundgeschichte für eine paulinische Erlösungstheologie bieten (170-72). Sie vermitteln diese Theologie selber, nur auf dem Weg der erzählten Geschichte. Auswahl, Art und Vortrag machen aber deutlich, dass es darum geht, dass wir glauben, dass Jesus der Retter, der versprochene Messias ist. Allerdings erscheint es mir fraglich, ob die Interpretation, die Wright dann vornimmt, in allen Teilen angemessen ist.

Der Entwurf wird immer wieder in einem stark einnehmenden Ton vorgetragen. Als Leser wird man in eine erzählte Argumentationskette hineingezogen, die auf den ersten Blick klar und logisch erscheint. So logisch, dass man dabei die vielen kleinen Brüche leicht übersehen kann. Ich empfehle jedem Leser, nach einem Kapitel aus Wrights Neuinterpretation die Bibel zur Hand zu nehmen und etwa die Passionsgeschichte nach Johannes oder auch in den Synoptikern zu lesen, oder Römer 1-5 oder Jesaja 53. Dann ist klar: Da stimmt nicht nur etwas nicht, sondern das Ganze läuft in eine andere Richtung, obwohl sich Wright immer wieder darauf beruft, das Kreuz nach 1Kor 15,11 „nach der Schrift“ zu interpretieren.

Dass Wright für eine leibliche Auf­er­ste­hung eintritt, kann man nur unterstreichen. Sicher ist damit kein körperloses Weiterleben in einer jenseitigen Welt gemeint. Jesus ist mit einem neuen Leib auferstanden und hat diese Auferstehung auch für seine Nachfolger verheißen. Aber es liegt Wright nun wieder daran, deutlich zu machen, dass mit der Auferstehung „das neue Zeitalter“ irgendwie angefangen hat. Nicht das „Der Messias starb für unsere Sünden.“ scheint ihm in den Evangelien und der Apostelgeschichte dabei im Vordergrund gestanden zu haben, sondern der Anbruch des neuen Königreichs mit dem auferstandenen König Jesus. 1Kor 15 klingt aber doch ganz anders, wenn man es selber liest und sich nicht von Wright nacherzählen lässt.

Wright kann seine Leser schwindelig erzählen, aber er drückt sich an den entscheidenden Stellen an der Erklärung vorbei.

Wright will die richtige Zentrierung in der Verbindung des Todes Jesu mit dem Passah wiederfinden. Es ist unzweifelhaft richtig, darauf zu schauen, und mit Recht kann man fordern, dass mehr darüber gepredigt werden sollte. Aber sagt das Passahfest wirklich: „Freiheit jetzt, Königreich jetzt“? Weil Jesus am Passah stirbt, soll es „exakt“ das sein, was Jesus „glaubte, dass es passieren würde“. (181) Es ist schon ein seltsames Hineinlesen, wenn die Tempelreinigung die Konfrontation zwischen Mose und dem Pharao widerspiegeln soll und die Ankündigung der Zerstörung des Tempels an den Fall Babylons anspielen, beides gefolgt vom Auszug des Volkes aus der Gefangenschaft. Hat Jesus wirklich irgendwo seine Rede vom neuen Tempel mit dem Passahfest verbunden, wie Wright behauptet (182)? Offensichtlich stellt er doch eine Verbindung zu seiner Auferstehung her. Wright hat eine Gabe zu erzählen, aber er erzählt seine Zuhörer und Leser gelegentlich auch schwindelig. Wer dann nicht die Bibel zur Hand nimmt, übersieht leicht die andere Tendenz Wrights.

Es gehört auch zum Argumentationsstil Wrights, ständig Alternativen aufzubauen, die bei genauem Hinsehen gar keine sind. Er stellt die Alternative zwischen einem „körperlosen Himmel“ und der „biblischen Sicht vom neuen Himmel und der neuen Erde“ auf (49). Spricht das NT nicht deutlich von beidem, einer Zwischenzeit ohne Körper bei Jesus und schließlich einer leiblichen Auferstehung und einem Dasein auf der neuen Erde? Das menschliche Problem sei nicht Sünde als Übertretung moralischer Gesetze, sondern die Abgötterei und die Unmenschlichkeit, die daraus folgt (74; ähnlich auch 268). Wird in der Bibel nicht beides gleichermaßen klar als Schuld des Menschen herausgestellt und ein Zusammenhang beschrieben? Die Apostel hätten den Menschen nicht einen Weg verkündigt, wie sie aus dieser verdorbenen Welt herauskämen, sondern wie sie als Volk Gottes leben könnten, das ihn anbetet und bezeugt. Ist aber nicht beides der Fall – die Hoffnung auf Erlösung aus dem todverfallenen Leib und das Leben in diesem Körper zum Lob und zur Ehre Gottes? Das Gleiche findet sich auch im Gegensatz zwischen theologischer Theorie und praktischem Leben:

„Als Jesus seinen Nachfolgern erklären wollte, was es mit seinem bevorstehenden Tod auf sich hatte, gab er ihnen keine Theorie, kein Modell, keine Metapher oder ähnliches. Er gab ihnen ein Essen, ein Passahessen“ (182).

Das Passahessen ist aber doch offenbar eine Zeichenhandlung, mit der Jesus die Bedeutung seines Todes deutet. Dazu hat Jesus geredet und versucht zu erklären, was passieren wird, wenn die Jünger es auch erst nach seiner Auferstehung verstanden. Aber nachdem Wright das Passah erst einmal von der Neudeutung Jesu in den Evangelien befreit hat, meint er, es mit seiner eigenen Deutung füllen zu können. Passahessen bedeute das kommende Königreich (183), das die Evangelisten als schon erfüllt ansahen.

Das abschließende, ultimative Passah sei, dass Gott alle Mächte der Welt überwinden und sein Volk ein für allemal befreien werde. Sein tragendes Motiv des angebrochenen neuen Königreichs will Wright an dieser Stelle mit der Vergebung der Sünden verbinden. Dabei will er „die zentralen Elemente der frühen christlichen Versöhnungstheologie aus ihrer eigenen heidnischen Gefangenschaft retten“ (185). Man ist gespannt, wie Wright nun das Blut des Passahlamms an den Türpfosten interpretieren wird, und ist nicht mehr überrascht, wenn er auch hier sein Inter­pre­tationsmuster mit sanfter Gewalt aufdrückt:

Das Bestreichen der Pfosten „redete von komplexen, eiligen, aber symbolbeladenen Handlungen, durch die die Israeliten verstehen sollten, dass ihr Gott sie als Person erwählte, sie aus der Sklaverei befreite und sie aussandte auf die Reise zu ihrem versprochenen Erbe“ (186).

Nur damit drückt sich Wright eben um die notwendige Erklärung der „symbolbeladenen Handlung“ herum. Jedem Kind in Israel wurde das jährlich dargelegt. Jesus hat die einzelnen Elemente neu auf seinen Tod hin gedeutet. Wright sagt dann vor allem, was angeblich nicht gilt. Jesu Aussage über sein „Blut des neuen Bundes“ deutet er noch als neues Opferblut, das die Tieropfer erfüllt hat. Weil aber die Opfertiere nie anstelle der Israeliten für die Sünden bestraft worden seien, könne das auch für Jesus nicht gelten (188).

Wright schafft aus dem komplexen Reden der Bibel von der Erlösung nur einen platten, menschlich plausiblen Abklatsch.

Wenn aber alle Opfer des sinaitischen Bundes eine Vor­schattung auf das wahre Opfer des wahren Passahlamms Jesus sind, dann ist eine Übereinstimmung in jedem Detail nicht zu erwarten. Dass die Opfer zum Teil Sündopfer waren und beim großen Versöhnungsfest auch eine Art von Stellvertretung angedeutet ist, ist unbestreitbar. Beim Passah ging es ursprünglich offenbar nicht direkt um Sündenvergebung, aber sehr wohl um Bewahrung vor dem strafenden Zorn Gottes. Sobald man sich von der manipulativen Argumentation Wrights löst und sich auf die deutlich komplexere Spur der Bibel einlässt, wird sein einliniges Interpretationsmuster deutlich. Aber selbst wenn Skeptiker die Elemente seines Musters hinterfragen könnten, bleibt er doch überzeugt:

„Wenn wir die starke Tatsache anerkennen, dass Jesus das Passah in die Mitte des Bildes gestellt hat, können die anderen Bruchstücke ein kohärentes und plausibles Bild dessen formen, wie Jesus seine Berufung dargestellt hat …“ (190).

Aber dabei schafft Wright aus dem komplexen und vielschichtigen Reden von der Erlösung durch Jesus einen platten und menschlich plausiblen Abklatsch, der der Wirklichkeit der Errettung durch den Kreuzestod Jesu nicht mehr gerecht werden kann.

Immer wieder will Wright „moderne Christen“ daran erinnern, dass die damaligen Juden nicht an einen moralisch richtenden Gott geglaubt hätten, der sie in die Hölle schicken könnte. Genauso wenig hätten sie auf einen ewigen Himmel in Gemeinschaft mit Gott gehofft. Aber stimmt das so einfach und was aber soll mit dieser Feststellung gesagt werden? Richtig ist, dass das mittelalterliche Bild von Himmel und Hölle nicht biblisch ist. Das aber ändert nichts daran, dass auch der Gott des Alten Testaments eindeutig ein richtender Gott ist, der auch moralische Maßstäbe zur Grundlage seines Gerichtes macht. Sein Zorn über die Sünde der Menschen kann nur durch seine Gnade gestillt werden, wo immer der Mensch bei dieser Gnade Zuflucht sucht. Wie er die Gnade findet, bestimmt jeweils Gott und die Opfer waren ein vorübergehender Weg dazu, wenn es Gott auch um rechte Opfer mit der richtigen Herzenshaltung ging. Eine ewige Hoffnung findet sich im AT tatsächlich nicht ausgeprägt, aber doch immer wieder aufleuchtend. In Jesus Christus aber finden viele verschiedene alttestamentliche Linien ihr Ziel und ihre Erfüllung. Leider kümmert sich Wright trotz vieler Worte um solche Feinheiten wenig.

Bei Wright muss man sich ständig vor einer manipulierenden Argumentation in Acht nehmen. Biblische Wahrheit hat das nicht nötig.

Dafür muss man sich ständig vor manipulativen Argumentationen in Acht nehmen. So auch bei folgendem Satz, der sich auf die Aussage über den Glauben an Himmel und Hölle bezieht: „Einige antike Heiden haben so gedacht, die meisten antiken Juden nicht“. Wie wenig das aussagt, wird deutlich, wenn man anders formuliert: „Einige antike Juden haben so gedacht, die meisten antiken Heiden nicht“. Beide Sätze sind inhaltsgleich, aber der erste von Wright unterstellt „modernen Christen“, dass sie einen heidnischen Glauben hätten, wenn sie auf die Erfüllung ihrer Erlösung durch das Kreuz Jesu in der Herrlichkeit einer zukünftigen neuen Welt hoffen, die mit dem Wiederkommen Jesu Wirklichkeit wird. Dabei sagt das, was einige antike Juden und einige antike Nichtjuden glaubten, nichts darüber aus, wie das Verhältnis der schon erfolgten Erfüllung himmlischer Erwartung zur noch zu erfüllenden Hoffnung aussieht. Paulus legt jedenfalls Wert auf diese Unterscheidung und hält fest (2Kor 5,6-9):

„So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm Wohlgefallen.“

3. Stellen wir immer die falschen Fragen?

Aus den Evangelien will Wright die „Story“ der Errettung rekonstruieren. Dabei warnt er davor, diese hartnäckig mit den falschen Fragen zu lesen und dann enttäuscht zu sein, wenn sie nicht beantwortet werden. Die Evangelisten würden den modernen Predigern sagen: „Ihr hört einfach nicht richtig zu!“. Aber die modernen „bibelgläubigen Prediger“ antworten den Evangelisten: „Jungs, ihr sagt einfach nicht die richtigen Dinge“ (197). Wright stellt dagegen unmissverständlich klar, was die Evangelisten sagen:

„Praktisch niemand spricht darüber, ‚in den Himmel zu kommen‘. Wenn Jesus über das ‚Himmelskönigreich‘ redet, dann meint er keinen Ort, der ‚Himmel heißt‘, sondern die Ordnung des Himmels, das ist die Herrschaft Gottes, die auf dieser Erde ans Licht kam. Praktisch niemand warnt davor, in ‚die Hölle zu kommen‘. Die schlimmen Warnungen in den vier Evangelien richten sich meistens direkt auf innerweltliche Katastrophen, insbesondere den Fall Jerusalems und andere Ereignisse, die damit zusammenhängen.“ (196)

Steht wirklich nichts von Himmel und Hölle in den Evangelien und wollten die Evangelisten auch nichts dazu sagen, wie man auf ewig gerettet wird?

Dass es auch noch andere Warnungen gibt (er findet nur Mt 10,28 und die Parallele Lk 12,4-5), wischt er damit zur Seite, dass diese nicht zentral seien. Schon gar nicht seien die Schreiber, die sich auf die Passionsgeschichte konzentriert hätten, daran interessiert gewesen, „eine Antwort darauf zu geben, wie dieser Tod den Sündern Vergebung bringen könnte und wie sie nach allem in den Himmel kommen könnten“ (196).

Das ist starker Tobak. Aber wer bibeltreu sein will, der muss sich fragen lassen, ob er vielleicht die Evangelien derart mit einer mittelalterlich gefärbten Brille gelesen hat, dass er dort Himmel und Hölle, Vergebung der Sünden und ewiges Leben findet, obwohl es gar nicht da steht.

Andererseits fragt man sich, welche Brille N.T. Wright aufgesetzt hat, dass er all das nicht mehr in den Evangelien findet, obwohl es doch da steht. Niemand warnt vor Hölle, niemand will in den Himmel? Die Warnungen Jesu sind kaum zu überhören: Er kündigt die Hölle für die moralische Schuld der Verfluchung des Nächsten an (Mt 5,22). Um nicht in die Hölle zu kommen, soll man sich sogar ein Auge ausreißen (Mt 5,29-30; 18,9; Mk 9,43-47). Seine Menschenfurcht soll der Jünger mit Gottesfurcht bekämpfen, weil Gott Leib und Geist in die Hölle bringen kann (Mt 10,28; Lk 12,5). Jesus warnt vor Verdammung im letzten Gericht (Mt 12,41-42; Lk 10,12-15). Er macht deutlich, dass der Vater ihm die Richtermacht gegeben hat und er bei der Auferstehung und im letzten Gericht freisprechen und verdammen kann und wird (Joh 5,22-30), auch wenn das Gericht schon angefangen hat (Joh 12,31). Jesus lässt den reichen Mann sagen, seine Brüder mögen vor ihrem Lebensstil gewarnt werden, damit sie nicht nach dem Tod in die Hölle kommen, sondern in Abrahams Schoß (Lk 16,19-31). Dem Verbrecher am Kreuz sagt Jesus das Paradies nach seinem Tod zu (Lk 23,43).

Wright hat Recht: Die Evangelien reden davon, wie die Jünger sich im angebrochenen Reich Gottes verhalten sollen. Aber sie tun das sehr wohl mit der Perspektive auf einen ewigen Himmel und drohen mit der Hölle. Die mittelalterlichen Gemälde von der Hölle sind sicher keine angemessene Abbildung der wirklichen Hölle, aber sie weisen auf die Realität von Verdammnis und Gericht am Ende der Zeiten hin. Und die Maler hatten im Übrigen auch im Sinn, den Menschen zu einem guten Leben zu ermahnen.

Es ist auch die Frage, wo N.T. Wright seiner Karikatur des modernen bibel­treuen Predigers begegnet ist, der von der Errettung als einer Art Fahrstuhl in den Himmel redet und die Leute nur zum Einsteigen bewegen will, um sich damit sofort aus dem Staub (dieser Welt) zu machen. Stimmt es wirklich, dass wo in „modernen westlichen Kirchen über die Bedeutung des Kreuzes“ gelehrt wird, die Prediger die Evangelien miss­achten und „selten, wenn überhaupt“ die Geschichten vom Reich Gottes, dem Tempel und der angedrohten Zerstörung, der Begegnung mit Pilatus oder den Spöttern unter dem Kreuz in Betracht ziehen? Wright fällt ein klares Urteil: Die historischen Fragen und Antworten rund um die Bedeutung des Kreuzes werden durchweg missachtet oder doch höchstens als unbedeutende Einzelheiten angesehen (199).

Es fällt schwer, jemandem, der so selektiv die Evangelien liest, zu vertrauen, dass seine Wahrnehmung dessen, was so bei Bibeltreuen gepredigt wird, nicht ähnlich selektiv ist und nur seinem theologischen Interesse dienen soll. Mit ein wenig mehr Bescheidenheit müsste Wright wenigstens anerkennen, dass sein historisches Wissen über die Details der Zeit Jesu über Jahrhunderte von Christen erarbeitet wurde, die die Evangelien auch historisch ernst nahmen.

Es gibt wohl nur wenige schriftliche Evangelienauslegungen aus der Ge­schichte der christlichen Kirche, die nicht auch auf die historischen Details eingehen. Dabei allerdings stand meist das, was unter dem Evangelium verstanden wurde, im Vordergrund. Aber das ist bei Wright nicht anders, nur dass er das Evangelium anders definiert. Aber zu behaupten, dass vor Wright und abseits seiner Jüngerschar noch niemand über die historischen Hin­ter­gründe der Be­deutung des Kreu­zes nachgedacht hätte, ist entweder ein Zeichen von Igno­ranz oder von Hochmut.

Wright unterstreicht nur, was in sein System passt, und lässt alles andere unter den Tisch fallen.

Wenn aber Wright nun liefern will, nämlich was er genau bei den vier Evangelisten gehört hat, dann zeichnet er das gewohnt selektive Bild. Was in sein System passt, unterstreicht er, das andere fällt unter den Tisch. Jesus verkündigt den liebenden Gott, der mit uns ist, aber keinen zornigen Gott, der am Ende am Kreuz seinen Sohn bestraft. Jesus nahm den Kampf gegen das Böse in der Welt auf, gegen böse Herrscher, die ihn bekämpfen, gegen die Dämonen und böse Zustände. Dabei sollte Satan entthront werden und Jesus schließlich der neue König sein. Im Passah werde schließlich deutlich, dass der „Menschensohn“ „den großen Sieg über die Kräfte der Finsternis errungen hat durch die Überwindung der Sünde und darum des Exils“ (209). Und so steht für Wright am Ende klar, „dass für alle vier Evangelisten die Bedeutung des Todes Jesu ihr Fundament in dem großen Bild ihrer Erzählung hat, angefangen mit Jesu Wirken, das Königreich einzusetzen bis zu seiner Kreuzigung, mit dem ‚König der Juden‘ aufgeschrieben über seinem Kopf.“ (210). Worauf Wright hinaus will mit seiner Ineinssetzung von Vergebung der Sünde und „Rückkehr aus dem Exil“, kann man sich zwar vorstellen, aber was die Bedeutung des Kreuzes nach den Evangelien ist, hat er immer noch nicht gesagt.

Er versucht es erneut unter der Über­schrift „Repräsentative Stell­ver­tre­tung“: Jesus nahm als der Knecht Gottes das Schicksal des Volkes auf sich. Er steht an der Stelle für andere. Johannes verdeutlicht in Kap. 3, dass der erhöhte Jesus retten wird wie die Schlange in der Wüste. Durch das Mittel der persönlichen Stellvertretung werde der große Sieg errungen. Damit aber nun niemand auf „falsche Ideen“ kommt, kann Wright es nicht unterlassen, Joh 3,16 mit seiner eigenen Übersetzung auf sein Ziel hinzubiegen. Er übersetzt:

„Das ist, wie du siehst, wie sehr Gott die Welt liebt: Genug, um seinen einzigen, besonderen Sohn zu geben, so das jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren sein soll, sondern teilnimmt an dem Leben des neuen Zeitalters Gottes.“

Es ist nicht gerade vertrauens­würdig, wenn jemand seine Erkenntnisse nur in der Bibelüber­setzung findet, die er selbst tendenziös hergestellt hat.

Dabei gibt er dem Vers erstens die Ten­denz, dass man die Hingabe des Sohnes als einen Ausdruck oder ein Zeichen der Liebe Gottes versteht statt selber als Liebe. Zweitens wird entgegen dem griechischen Text und sämtlicher Übersetzungen das „ewige Leben“ gegen eine Teilnahme am Zeitalter Gottes ersetzt, das Wright als das gegenwärtige Reich Gottes versteht (231). N.T. Wright hat mit seinem New Testament for Everyone (NTE) seine eigene Übersetzung geschaffen, um seine Theologie zu sichern und unter die Leute zu bringen. Vertrauenwürdig ist etwas anderes.

Was Jesus mit seinem Tod stellvertretend auf sich nimmt, ist für Wright ausdrücklich das innerweltliche Gericht, das ihnen durch die Römer droht, nicht aber der Zorn von Gottes Gericht über die Sünde und den Tod (215). Obwohl Wright es ziemlich ähnlich klingen lässt wie im klassischen Verständnis der Erlösung, erinnert er doch daran, man möge das innerhalb seines Systems verstehen:

„Jesus repräsentiert als Israels Messias sein Volk. So kann er, und er allein, angemessen ihr Stellvertreter sein. Durch diese Stellvertretung, sowohl national (wie im Evangelium als Ganzem) als auch personal (wie im Wechsel in Lk 23 [mit Barrabas]), wird die größere Realität wirklich. Jesus starb unter der versammelten Macht des Bösen, indem er die Last von Israels Sünde auf sich nahm und dadurch die Sünde der Welt, so dass jetzt zuletzt das Königreich in seiner Fülle kommen kann. Er hatte damit in seiner öffentlichen Wirksamkeit begonnen. Jetzt, durch seinen königlichen, repräsentativen und stellvertretenden Tod erlangt er seine Herrlichkeit (Lk 24,26), das ist seine erneut eingesetzte Herrschaft über die ganze Welt“ (216-17. Hervorhebungen im Original).

Für Wright ist das Ziel Jesu Herrschaft im Königreich Gottes in dieser Welt. Die Mittel dazu sind Jesu Leiden und Sterben. Die Königs­herrschaft setzt dann eine neue Ethik in Kraft, aber auch „neues Verhalten, einen neuen Lebensstil, durch den die rettende Herrschaft Gottes über die Welt zur Wirkung kommt“ (219). Deswegen sei die Bedeutung von Jesu Tod keine „himmlische Wahrheit“, sondern müsse mit dem aktuellen menschlichen Leben und der menschlichen Geschichte in Beziehung stehen (223).

So müssen wir „die Idee, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist, nicht aufgeben. Wirklich, sie bleibt in der Mitte. Aber die Idee wird neu fokussiert, in einen neuen Kontext gesetzt, nämlich nicht in einer Erzählung von göttlicher Launenhaftigkeit, sondern in einer von unverbrüchlicher göttlicher Liebe, verkörpert in der aktuellen Person, dem Leben, dem Tun und Lehren von Jesus selbst“ (224).

Endlich könne man sich so von „abstrakten Theorien von Erlösung“ befreien und ganz praktisch im Königreich Jesu leben in den oftmals dunklen Herausforderungen in dieser Welt. Am Ende der Betrachtung der Evangelien behauptet N.T. Wright, das Folgende über das Kreuz Jesu bewiesen zu haben:

„Das ‚Ziel‘ wurde erkannt als etwas entfernt von ‚in den Himmel kommen‘. Und weil die Evangelien darüber grundsätzlich gar nicht reden (obwohl sie sich einer endlichen Zukunft nach dem Tod bewusst sind), sondern über das Königreich Gottes, das auf der Erde wie im Himmel anbricht, wurden die Evangelien beiseitegelassen und höchstens gelegentlich an sie erinnert, um ihre ungewöhnlichen Aussagen aus dem Kontext zu reißen, so dass es scheint, als unterstützten sie das Ziel, das die spätere Theologie verfolgte. Das Ergebnis war, wie wir sahen, die Moralisierung der menschlichen Berufung und die Paganisierung der Erlösungstheologie. … Das Bild des Kreuzes in allen vier Evangelien erlaubt es uns nicht, bei einem herausgerissenen, unhistorischen Verständnis über das Königreich und die Erlösung zu bleiben“. (224)

Im NT stehen nicht verantwortliches Leben jetzt und Hoffnung auf ewiges Leben gegeneinander. Es geht um die richtige Verhältnis­bestimmung.

Auch hier treibt Wright geschickt mani­pulierend gegeneinander, was zusammengehört. Da steht auf der einen Seite eine kalte abstrakte Theorie der Erlösung und auf der anderen das sprudelnde Leben der Christen auf der Erde. Aber Wrights Entwurf ist selber eine Theorie der Erlösung und es steht einem Theologen nicht gut an, Theorie gegen Praxis zu treiben, wo in der Bibel beides auf wunderbare Weise verbunden bleibt. Aber Wright zeichnet es konsequent so: Auf der einen Seite steht eine vom Heidentum bestimmte Erlö­sungs­lehre, die als einziges Ziel den Fahrstuhl in den Himmel zu haben scheint, und auf der anderen Seite steht der ver­ant­wortliche Christ, der mit seiner neuen Ethik und seinem neuen Ver­halten das angebrochene Reich Gottes hier und jetzt auf der Erde ausbreitet. Aber enthält das vielbeschworene Bild des Neuen Testaments nicht gerade beides: das verantwortliche Leben hier und jetzt und die Hoffnung auf das ewige Leben? Und geht es nicht eigentlich um die rechte Verhältnisbestimmung? Für einen Bibelausleger wie Wright ist es beschämend, wie offen er sich die Texte hinbürstet und unter den Tisch fallen lässt, was ihm nicht passt.

4. Ein großer Entwurf, der vage bleibt

Wright kann und will in seiner Theologie am zentralen Thema des Kreuzes Jesu nicht vorbei. Dazu reißt er mit gewaltigen Schlägen eine Kreuzestheologie nieder, die er als „Vergebung der Sünden, um in einen platonischen Himmel zu kommen“ karikiert. Um diese Karikatur ist es nicht schade. Dass dabei die reformatorische Rechtfertigungslehre mitsamt ihrer Vorläufer und späteren Vertiefungen verworfen werden soll, ist aber ein Irrweg. Was jedoch baut Wright demgegenüber neu auf? Er selbst stellt das Kreuz als wesentlichen Startpunkt des angebrochenen Reichs Gottes heraus.

„Der Tod Jesu hat eine völlig neue Welt eröffnet“ (82).

„Der Tod Jesu hat eine Revolution in Gang gesetzt“ (83).

„Die Sünden sind vergeben durch den Tod des Messias“ (115 u.ö.).

„Als Jesus am Freitag gegen 6 Uhr starb, hat sich etwas geändert, radikal geändert“ (156).

„Jesus glaubte, dass durch seinen Tod seine königliche Macht den entscheidenden Sieg erringen würde“ (183).

„Das Kreuz begründet das Königreich Gottes durch die Vermittlung Jesu“ (256).

„In Jesus selbst und in seinem Tod ist der Ort, wo sich Gott mit der Welt trifft, wobei er schließlich Himmel und Erde zusammenbringt“ (336).

Warum aber Jesus sterben sollte, bleibt entweder sehr vage oder Wright benutzt die Formeln der klassischen reformatorischen Theologie (z.B. Stellvertretung), während er sich gleichzeitig von den Inhalten distanzieren will.

Er will allein die Liebe Gottes in seinem Bund mit den Menschen betonen. Die Heiligkeit und Ehre Gottes, seinen Zorn über die Sünde, seine strafende Gerechtigkeit bleiben konsequent ausgespart. Strafe scheint es nur als negative Konsequenzen der Sünde zu geben.

„Die Idee der ‚Strafe‘ ist in der Realität eine scharfe Metapher für die Konsequenzen …“ (338).

Dadurch hat Gott mit dem Kreuz nichts mehr zu tun. Bei Wright bleiben es das irdische Böse, der Teufel, die götzendienerische menschliche Herrschaft, die Jesus ans Kreuz bringen.

Während es dem Neuen Testament darum geht, das Kreuz als „Weisheit Gottes“ zu begründen, ist es für Wright vor allem das geschichtliche Ereignis, das der Startpunkt für das eigentliche Wirken Gottes im Bau seines irdischen Reiches darstellt. Warum aber ist das nicht die Auferstehung oder die Himmelfahrt oder die Ausgießung des Heiligen Geistes? Warum es gerade das Kreuz sein soll, kann Wright noch so wortreich nicht beantworten. Er begräbt mit seiner Gabe zu erzählen seine Rat­losigkeit und hält stur an seiner Theo­logie fest, trotz des Kreuzes Christi.

Weil aber Gott das Kreuz auch als ein Ärgernis in die Welt gebracht hat, verwundert es nicht, dass Wright mit manipulativen Mitteln daran herumdeutelt, ohne zu einem rechten Ergebnis zu kommen.

Wright sieht sich darin gerechtfertigt, weil die Bibel auch keine rechte Erklärung gebe, was er bei Paulus festmacht:

„Nirgendwo hier erklärt Paulus, warum und wie das Kreuz des Messias die Kraft hat, die es hat, aber er scheint in der Lage, es anzudeuten“ (230).

Im Hinblick auf 1Kor 1-2: „An keiner Stelle bietet Paulus irgendetwas wie eine vollständige Erklärung, weder dazu, was das Kreuz bewirkt, noch warum und wie es das bewirkt“ (246).

Stimmt das? Zumindest sind Gene­ra­tionen von Christen weltweit beim Lesen der Bibel zu einem anderen Ergebnis gekommen.

5. Ein trauriges Ergebnis

Auch nach über 400 Seiten bleibt offen, was N.T. Wright eigentlich erklären wollte. Das Kreuz aber bleibt nur noch der historische Startpunkt für das Reich Gottes, aber nicht mehr der Grund der Erlösung.

Für über 400 Seiten Erklärung der Be­deutung der Kreuzigung Jesu ist das nicht nur ein mageres Ergebnis. Es ist angesichts des Neuen Testaments eine systematische Aushöhlung jeder Theologie, die das Kreuz Christi in die Mitte stellt.

Um seine eigene Reich-Gottes-Theo­logie durchzusetzen, scheut sich Wright nicht, mit zweifelhaften Mitteln den Glauben der meisten Christen als eine heid­nische Verirrung darzustellen, die nicht mit der Bibel übereinstimme. Wrights Argu­mentation lebt davon, ein Entweder-Oder aufzubauen, wo die Bibel ein Verhältnis bestimmt. Er manipuliert seine Leser. Dabei schreckt er auch nicht vor dem Eingriff in den Bibeltext zurück, indem er sich eine passende Übersetzung des Neuen Testaments geschaffen hat. In seiner Übersetzung (NTE) gibt es die Frage nach dem ewigen Leben nicht, auch nicht vom Schriftgelehrten in Lukas 18,18. Bei ihm fragt er: „Guter Lehrer, was muss ich tun, damit ich das Leben des kommenden Zeitalters erbe?“ So natürlich kann man gut behaupten, von Vergebung der Sünde als Vorbereitung auf den Eingang in ein ewiges Leben bei Gott und in einer zukünftigen neuen Schöpfung sei höchstens am Rande die Rede.

Es fällt mir schwer, dem Buch von N.T. Wright etwas Positives abzugewinnen. Vielleicht ist es am Schluss das Plädoyer für christliche Verantwortung in der gegenwärtigen Welt. Das aber könnte man auch schreiben, ohne vorher biblische Lehre über Kreuz und Erlösung zuerst auszuhöhlen und dann nur wenig Positives zu bieten.

Ohne Zweifel ist Wright ein herausragender Theologe und als vergessene Perspektive auf viele Bibeltexte haben Teile seines Anliegens auch eine Berechtigung. Es stimmt, dass die Bibel keinen Erlö­sungs­individualimus lehrt. Es stimmt, dass der neue Himmel und die neue Erde in der Bibel eine materielle Wirklichkeit ist, in der wir leiblich leben werden. Es stimmt, dass das ewige Leben für uns in Christus schon begonnen hat und nicht erst irgendwann einmal kommt.

Wright aber zerrt die Verheißungen des Neuen Testaments mit Gewalt ins Hier und Jetzt. Das mag sogar Teilen der jüdischen Theologie entsprechen, aber es ist trotzdem nicht biblisch. In der Bibel nämlich bleibt die Spannung des „schon jetzt und noch nicht“ bestehen. Die Wirklichkeit der Erlösung und die Herrlichkeit bei Gott ist schon da, aber wir haben sie jetzt erst im Glauben und noch nicht im Schauen.

Und es ist gerade das Kreuz, an dem wir das erkennen können. Unser König Jesus hängt dort gekrönt mit einer Dornenkrone. Er ist dort erhöht, wo er zutiefst erniedrigt wurde. Er baut sein Reich, aber das ist kein Reich von dieser Welt, sondern ein ewiges Reich mit einem Volk, das er von Sünden reingewaschen hat.

Beängstigend ist, dass N.T. Wright inzwischen für nicht wenige konservative Christen zu einer theologischen Leitfigur geworden ist. Wer aber diesem Buch folgen will, wird sich damit vom Evangelium der Bibel verabschieden.


  1. Auf deutsch sind z.B. erschienen: Worum es Paulus wirklich ging, Brunnen 2010; Das Neue Testament und das Volk Gottes, Francke 2011; Jesus: Wer er war, was er wollte und warum er für uns wichtig ist, Francke 2013; Die Auferstehung des Sohnes Gottes, Francke 2014; Reich Gottes, Kreuz, Kirche: die vergessene Story der Evangelien, Francke 2015.