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Das Buch der Wahrheit?

Zu allen Zeiten hat es Endzeitpropheten gegeben, die sich gern auf biblische Aussagen berufen, aber tatsächlich nicht im Auftrag von Gott unterwegs sind. Ein aktuelleres Beispiel ist eine irische Geschäftsfrau, die seit ein paar Jahren mit Botschaften an die Öffentlichkeit geht, die sie angeblich von Gott, Jesus und Maria erhalten habe. Sie sind zu einem Buch zusammengefasst, das sich nach Daniel 10,21 „Das Buch der Wahrheit“ nennt. Mit seinen Warnungen vor geheimen Weltregierungen und Verschwörungen bedient es aktuelle Ängste. Als Lösung rufen die Botschaften zu einer stark traditionellen römisch-katholischen Frömmigkeit auf. Verbunden ist das auch in Deutschland mit offensichtlicher Geschäftemacherei.

Wer ein „Buch der Wahrheit“ veröffentlicht, der erhebt damit schon einen erheblichen Anspruch. Als Autoren dieser ultimativen Offenbarung werden Jesus Christus und seine Mutter Maria angegeben. Allerdings haben sie sich mit ihrer Bitte um Veröffentlichung nicht direkt an einen Verlag gewandt, sondern angeblich eine nicht näher benannte katholische Mutter aus Irland beauftragt. Im „Buch der Wahrheit“ heißt es dazu: „Maria Divine Mercy, eine junge Familienmutter und Geschäftsfrau aus Irland, empfängt seit dem 8. November 2010 beinahe täglich Botschaften von Gott-Vater, Jesus und Maria. Diese werden ihr gegeben, um die Menschheit auf das Zweite Kommen Jesu Christi vorzubereiten.“ In diesen vor allem über das Internet verbreiteten Offenbarungen äußert sich Jesus deutlich ausführlicher und zeitgemäßer über das nahe bevorstehende Weltende als in der Bibel.

Die anonym bleiben wollende Autorin behauptet, das schon vom biblischen Propheten Daniel erwähnte „Buch der Wahrheit“ geschrieben zu haben (Dan 10,21). Das sei dann auch identisch mit dem in der Offenbarung beschriebenen Buch mit sieben Siegeln, das nur Gott selbst zu öffnen vermag (Offb 5). Hier handelt es sich also nicht nur um irgendwelche Privatoffenbarungen, sondern um eine seit Jahrtausenden abgekündigte und für alle Christen verpflichtende Mitteilung Gottes. Das ist zumindest der Selbstanspruch von „Maria Divine Mercy“ (vgl. Botschaft 368).

Von den in diesem Zusammenhang bei Daniel und der Offenbarung des Johannes erwähnten Hinweisen auf die Heilsgeschichte und auf Israel findet sich im „Buch der Wahrheit“ jedoch nichts. Neben den Ankündigungen politischer Verschwörungen und künftiger Leiden geht es hier vor allem um die Wahrung typisch katholischer Traditionen, wie der Verehrung von Maria, den Heiligen, der Sakramente und des Tabernakels. Zum Schutz vor den kommenden Leiden sollen katholische Bußrituale und vorformulierte Gebete helfen.

Da es sich beim „Buch der Wahrheit“ vorgeblich um eine direkte göttliche Offenbarung handelt, darf es natürlich auch nicht kritisiert oder verändert werden.

„Viele, die dieser Mission folgen, müssen verstehen, dass Mein Heiliges Wort nicht zerpflückt, geändert oder angepasst werden darf, damit es anderen Menschen passt. […] Zu denjenigen von euch, die fortfahren, Mich auf die Probe zu stellen und Mir eine Falle zu stellen, indem sie Mein Wort herausfordern und kritisieren: Wisst, dass ihr nichts anderes seid, als ein armer, schwacher Sünder. […] Ihr könnt nicht von den Ketten des intellektuellen Stolzes befreit werden, die euch blind machen für die Wahrheit geistigen Wissens, solange ihr nicht frei von allem menschlichen Stolz seid.“ (vgl. Botschaft 659, 675).

Für ihre Anhänger ist „Maria Divine Mercy“ die authentische und glaubwürdige Endzeitprophetin schlechthin. Von Gott sei sie dazu ausersehen worden, das siebente Siegel zu öffnen und der Menschheit in seinem Namen eine letzte Warnung zukommen zu lassen (vgl. Botschaft 350).

Ein großer Teil der angeblichen Botschaften von Gott, Jesus und Maria stimmen mit Warnungen verschiedener Freunde von Verschwö­rungs­theorien, z.B. vor frei­maurerischer Weltregierung oder verimpften Computerchips, überein.

Inhalt der weitschweifigen Ausführungen des „Buchs der Wahrheit“ sind immer wiederkehrende Aufforderungen zum Festhalten an katholischen Ritualen, allgemeine religiöse Floskeln mit einem Anklang biblischer For­mu­lie­run­gen und altbekannte technisch-politische Schreckensmeldungen, die von Ver­schwö­rungsfreunden bereits seit Jahrzehnten gepflegt werden.

In ihrer Botschaft 466 beispielsweise warnt „Maria Divine Mercy“ vor einer freimaurerischen Geheimregierung, die kurz davor stünde eine Weltwährung einzuführen. Mit einer gezielt eingesetzten „weltweiten Impfung“ würden überall Krankheit und Tod hervorgerufen. Als Zeichen der Zugehörigkeit zu diesem antichristlichen Regime soll schon bald jedem Menschen ein Computer-Chip eingepflanzt werden.

„Getrieben von einer Gier nach Macht und Reichtum und von einem Verlangen, in allem, was sie tun, so wie Gott zu sein, glauben sie, dass sie unbesiegbar sind. Sie haben die Kontrolle über Banken und Regierungen und sind verantwortlich für das Verursachen von Terror im Nahen Osten. Sie kontrollieren einen großen Teil der Weltmedien, und die Wahrheit ihrer Schlechtigkeit liegt hinter sogenannten humanitären Organisationen verborgen.“

Alle Nationen, die sich hinter die Pläne der vorgeblichen „Weltregierung“ stellen, würden von Gott selbst „durch Tsunamis und Erdbeben von einem solchen Umfang getroffen werden, dass sie hinweggefegt“ werden. Außerdem würde schon bald Feuer vom Himmel fallen und die Weltmeere würden zu Feuerseen, so wird vorhergesagt.

Alle Gläubigen werden von „Maria Divine Mercy“ aufgefordert, geistlichen Widerstand zu leisten: „Ihr müsst beten, um den Völkermord zu verhindern, den sie planen, der schlimmer ist als derjenige, den Hitler im Zweiten Weltkrieg ausführte.“ Das entsprechende Gebet wird im „Buch der Wahrheit“ gleich mitgeliefert. Damit könne man die Pläne der antigöttlichen „Weltregierung“ zumindest abschwächen, wird versprochen.

Wer in wichtiger Position für Banken oder Regierungen arbeitet, der hat nach dem „Buch der Wahrheit“ aber auch noch eine kleine Chance zur Umkehr: „Viele dieser Gruppen — in denen sich auch die Führer von Banken, Regierungen und die Leiter großer Unternehmen befinden, die allesamt miteinander verbunden sind und die gemeinsam daran arbeiten, die gewöhnlichen Menschen zu Bettlern zu machen — werden sich nach dieser ‚Warnung‘ bekehren.“

Aufgrund seiner Reform­bemühungen der katholischen Kirche wird Papst Franziskus im „Buch der Wahrheit“ als Werkzeug des Antichristen bezeichnet.

Zwischen 2010 und 2015 wurden vor allem im Internet insgesamt 1335 „Botschaften“ von „Maria Divine Mercy“ veröffentlicht (www.dasbuchderwahrheit.de und www.mutterdererloesung.de). Diese vorgeblichen Offenbarungen werden als „Buch der Wahrheit“ oder auch als „Die Warnung“ verbreitet.

Es deutet auf gezielte PR-Beratung hin, dass die Geschäftsfrau Mary Carberry bereits Monate vor der ersten angeblichen Botschaft einen Facebook-Account für ihre „Maria Divine Mercy“ eingerichtet hat.

Recherchen des irischen Theologen Ronald Conte konnten die Geschäftsfrau Mary Carberry als eigentliche Autorin hinter dem Pseudonym „Maria Divine Mercy“ nachweisen. Bereits zwei Jahre vor Veröffentlichung ihrer ersten „Eingebung“ hatte die professionelle PR-Beraterin Öffentlichkeitsarbeit und Internetauftritt für den irischen Seher und Heiler Joe Coleman übernommen. Schon in diesem Zusammenhang war immer wieder von Marien­offen­barungen und Endzeitwarnungen die Rede. Gegen die Geschichte einer unverhofften, göttlichen Berufung spricht auch Mary Carberrys Anmeldung eines privaten Facebook-Accounts als „Maria Divine Mercy“ fünf Monate bevor sie ihre erste Offenbarung empfangen gehabt haben will.

Schon vor Veröffentlichung ihrer „Botschaften“ stand Carberry mit Wilhelm Kamm alias „Little Pebble“ in Kontakt. Das aus Deutschland stammende und zwischenzeitlich in Australien lebende Medium verbreitet bereits seit 1983 Offenbarungen, die er von Gott selbst und von Maria empfangen haben will. Unter anderem behauptete er, von Gott als Oberhaupt der katholischen Kirche berufen worden zu sein, die er durch die Wirren der bald anbrechenden Endzeit führen solle. Stattdessen verbüßt Kamm zwischenzeitlich eine Gefängnisstrafe wegen sexuellen Missbrauchs. Kamm war 2010 der erste, der die seinen eigenen Mitteilungen ähnlichen Offenbarungen von „Maria Divine Mercy“ als echt verteidigte und verbreitete.

Zusammen mit Breffni Cully, einem Freund Wilhelm Kamms, gründete Mary Carberrys Tochter die Verlage „Trumpet Publishing Limited“ und „Coma Books“. Hier liegen die Rechte für „Das Buch der Wahrheit“, alle Übersetzungen und den gewinnträchtigen Devotionalien-Verkauf. Seit 2013 ist Martin Roth aus Köln Mitinhaber des Unternehmens und Werber für das „Buch der Wahrheit“ im deutschsprachigen Raum. Die „Medaille der Erlösung“ – ein kleines geprägtes Blechplättchen – gibt es für einen Euro. Ein Holzkreuz mit Plastik- Corpus – das Kreuz „des Siegels des lebendigen Gottes“ – ist für 33 Euro zu haben. Ein Rosenkranz mit den „einzigen authentischen Perlen“ kostet 17 Euro.

Kurz nachdem der irische Reporter Michael O´Farrell 2015 in der Sonntagszeitung The Mail on Sunday einen öffentlichkeitswirksamen Artikel über die wahre Identität von „Maria Divine Mercy“ veröffentlicht hatte, verstummten die Offenbarungen plötzlich. Offensichtlich war Carberry eingeschüchtert, weil die Recherchen der Journalisten ihr und ihrem Geschäftsmodell bereits zu nahe gekommen waren.

Eigentliches Zielpublikum des „Buches der Wahrheit“ sind verunsicherte Katholiken, die sich nach einer autoritären und stärker traditionellen Kirche zurücksehnen. Angesprochen werden auch Menschen, die sich von den Entwicklungen der modernen Zeit überrollt fühlen, allen Regierungen und Mächtigen pauschal misstrauen und prinzipiell offen sind für alle möglichen Verschwörungstheorien.

Durch Rosenkranzgebete, die Verehrung Marias, häufiges Beichten und häufige Einnahme der Eucharistie könnte „liturgische und moralische Verwahrlosung“ der katholischen Kirche aufgehalten werden; und damit auch die im „Buch der Wahrheit“ angekündigten Schrecken der antichristlichen Weltregierung. Parallel zu den Botschaften des „Buches der Wahrheit“ werden verschiedene Erläuterungen und billige Devotionalien verkauft, die vor den Auswirkungen der antichristlichen Weltregierung schützen sollen.

Alle Ankündigungen im „Buch der Wahrheit“ sind natürlich so allgemein, dass sie kaum eindeutig widerlegt werden können. So werden keine genauen Zeitpunkte angegeben, kaum konkrete Personen und nachprüfbare zukünftige Ereignisse genannt. Zumeist bleibt es beim Schüren allgemeiner Ängste und der Nennung all dessen, vor dem sich Verschwörungs-Freunde schon seit Jahrzehnten fürchten. Daneben finden sich allgemeine Spekulationen über tagesaktuelle Entwicklungen der katholischen Kirche, wie die mutmaßlichen Vorhaben des Papstes oder die Streitigkeiten der unterschiedlichen theologischen Interessensgruppen. Insgesamt gibt es im Zusammenhang mit dem „Buch der Wahrheit“ nichts, was für eine authentische göttliche Offenbarung sprechen würde. Die ganze Aktion klingt weit eher nach religiös-politischer Stimmungsmache und ist ein anschauliches Beispiel von Verführung und Geschäftemacherei mit der Gutgläubigkeit verunsicherter Christen.

Literatur

M. Hesemann, Die Hintergründe der „Warnung“, in: Katholische Nachrichten – kath.net vom 25. November 2013; http://www.kath.net/news/43821 (Abrufdatum: 22.05.2019)

M. Hesemann, Das Ende der „Maria Devine Mercy“, in: Katholische Nachrichten kath.net vom 2. Februar 2015: http://www.kath.net/news/49289 (Abrufdatum: 22.05.2019)

Midway Street Blog, https://midwaystreet.wordpress.com/ (Abrufdatum: 22.05.2019)

Ronald L. Conte Jr., Rejection of the Catholic Church by Maria Divine Mercy, https://ronconte.com/2013/11/13/rejection-of-the-catholic-church-by-maria-divine-mercy/ (Abrufdatum: 22.05.2019)

www.dasbuchderwahrheit.de

Helmut Kirchengast: Buch der Wahrheit, in: Weltanschauungsfragen.at, https://www.weltanschauungsfragen.at/lexikon/buch-der-wahrheit