© PIX BYTE MEDIA fotolia.com
ThemenGelebte Bibeltreue, Nachfolge

Mit Widersprüchen leben

Die scheinbaren Widersprüche des christlichen Glaubens müssen einen Menschen nicht vom Glauben abhalten. C.K. Chesterton waren sie ein deutlicher Hinweis, dass es mit dem Christentum mehr auf sich haben musste, als die vielen Kritiker behaupteten. Er fand selber zum Glauben, als er den Umgang mit den Widersprüchen verstand.

Wie wird ein junger Mann zu einem der einflussreichsten Apologetiker am Anfang des 20. Jahrhunderts, der viele zum entschiedenen Ja zum christlichen Glauben ermutigt? Sein eigener Weg zum Glauben ist ein Schlüssel dazu. Gilbert Keith Chesterton erzählt, dass er als Jugendlicher Heide und Agnostiker war. Bevor er irgendetwas Christliches las, fing er an, die Kritik am Christentum zu studieren. Je mehr er sich damit beschäftigte, umso mehr erkannte er die Schwächen der Argumente und umso mehr verstärkte sich sein Eindruck, dass der christliche Glaube eine außerordentliche Sache sein musste. Er wunderte sich speziell darüber, dass dem Christentum regelmäßig sich widersprechende Vorwürfe gemacht wurden; ihm z.B. zugleich pessimistische Freudlosigkeit und ein zu großer Optimismus angelastet wurde. Der Mensch werde zugleich als unverbesserlicher Sünder angesehen und als Heiliger. Die Zukunft scheint zugleich eine apokalyptische Katastrophe nach stetigem Niedergang zu bringen und einen wunderbaren Himmel. Deswegen be­dachte er die Möglichkeit, dass sich die widersprüchlichen Kritiker irren. Es lohnt sich, auf seine eigenen Worte aus seinem Buch „Ketzer“ (Heretics 1905) zu hören:

„Als ich alle nichtchristlichen und antichristlichen Dar­stel­lungen des Glaubens gelesen und wiedergelesen hatte, von Huxley zu Bradlaugh, stieg in meinem Herzen allmählich, aber deutlich eine wachsende und schreckliche Gewissheit auf: die Gewissheit, das Christentum müsse etwas Außergewöhnliches sein. Denn das Christentum … wurde auf allen Seiten und aus den widersprechendsten Gründen angegriffen. Kaum hatte ein Rationalist bewiesen, es sei dem Osten zu nahe, als ein anderer mit derselben Klarheit den Beweis erbrachte, dass es zu sehr dem Westen zuneigt. … Die Kritiker bewiesen mir im ersten Kapitel – zu meiner völligen Überzeugung –, das Christentum sei zu pessimistisch. Dann begannen sie mir im zweiten Kapitel zu beweisen, dass es viel zu optimistisch sei. … Das alles machte mich stutzig; die Vorwürfe entbehrten jeden Zusam­men­hangs.“

Die Rätsel Gottes sind befriedigender als die Lösungen der Menschen. G.K.Chesterton

Chesterton entdeckte, dass die Kritiker damit nicht zurechtkamen, dass der christliche Glaube eine komplexe Tiefe hat, mit der er verbinden kann, was oberflächlich widersprüchlich erscheint, z.B. die unendliche Liebe Gottes und sein Zorn, die in scharfer Verurteilung von Sünde und barmherziger Vergebung zum Ausdruck kommt. Er erkannte, dass nur das Christentum eine wirkliche Antwort auf die Frage nach der richtigen Mitte hat, die sich in den Widersprüchen des Lebens unweigerlich stellt. Der christliche Glaube findet eine Balance im Konflikt, ohne Unvereinbares zu vermischen. Die christliche Botschaft wirbt nicht für einen „güldenen Mittelweg“, in der sie statt schwarz-weiß alles grau sieht oder statt blutrot und schneeweiß alles rosa. Die Gegensätze bleiben bestehen, man macht keine faulen Kompromisse, sondern findet Frieden im Konflikt. Für Chesterton war das der entscheidende Schritt zum christlichen Glauben und der Grund, warum er später vehement dafür eintrat, dass Christen die gesunde Lehre ihres Glaubens nicht vernachlässigen.

Der Umgang mit scheinbar unvereinbaren Gegensätzen prägte später auch seine Argumentation für den christlichen Glauben. Dabei war ihm wichtig, dass deutlich wird, dass dieser Umgang mit den Paradoxien der Wirklichkeit unmöglich eine Wunschprojektion menschlicher Vorstellungen von Gott oder Religion sein können. Der christliche Gott kann nicht das Ergebnis einer phantasievollen Schöpfung von Menschen sein. Was der christliche Glaube lehrt, ist vielmehr ein Ausdruck der erlebten und oft auch erlittenen Realität eines Lebens mit diesem Gott. Gott, der triumphale Herrscher und König aller Könige, erscheint unter den Menschen als ein Kind in einer Krippe. Das ist der Gott, der am Kreuz in tiefem Vertrauen seine Gottverlassenheit beklagen kann. Chesterton:

„Man lasse die Atheisten selbst einen Gott aussuchen. Sie werden nur eine einzige Gottheit finden, die ihre eigene Ausgrenzung zum Ausdruck brachte; nur eine einzige Religion, in der Gott einen Augenblick lang Atheist zu sein scheint.“

Chesterton analysierte mit Scharf­sinn den damaligen Zeit­geist, der sich nicht nur von christlichen Überzeugungen entfernte, sondern damit zugleich vom wahren Menschsein. Für ihn gehörte beides unbedingt zusammen. Er wollte gegen Idealismus und Pessimismus, gegen Naturalismus und Atheismus beweisen, dass der Mensch ohne Religion, Gott und christliche Ethik nicht wirklich Mensch bleiben kann. Deswegen kreuzte Chesterton seine spitze Feder mit zahlreichen Denkern seiner Zeit. Zu ihnen zählten George Bernard Shaw, Betrand Russell, Hendrik Ipsen, H. G. Wells. Er zeigte den Irrweg von Nietzsches „Übermenschen“ auf und die Unmenschlichkeit von Euthanasie, Eugenik und allen Formen von Rassenkunde. Viele, deren Irrwege er mit scharfen Argumenten entlarvt hatte, waren trotzdem nicht beleidigt oder ihm feind. Mit einigen entstand sogar eine Freundschaft.

In seinem Buch „Ketzer“ zeigt er auch, dass das moderne Abstreiten von Wahrheit zu einer prinzipienlosen Gleich­gültig­keit führen muss. Mit der modernen Behauptung, man strebe nach Freiheit und Fortschritt, weiche man hartnäckig der Frage aus, welche Freiheit gemeint sei und was das Ziel des Fortschritts sein soll. Eine Antwort zu geben, ist aber ohne moralische Werte, Sinn und Ziel nicht möglich, die aus religiösen Über­zeugungen erwachsen. Welche Freiheit und welcher Fortschritt sind denn gut? Dieser Frage darf der Mensch nicht ausweichen. Obwohl Chesterton ein gebildeter Intellektueller war, sah er sich in seinem Kampf für wahres Menschsein als Gegner hochtrabender Philosophie. Er erkannte im alltäglichen Leben des einfachen Arbeiters viel mehr Grundzüge echten religiösen Lebens.

© Commons Wikimedia

Deswegen hat er auch zahlreiche Essays geschrieben, in denen er zu Familie, Ehe und Kindern Stellung nimmt. Chesterton verteidigte die Familie als Ort der Freiheit, wo Mann und Frau ihr Königreich leben können. Die Angriffe auf die Familie waren für ihn auch Angriffe auf die Freiheit und das menschliche Leben. Chesterton verliebte sich in Francis Blogg, eine angesehene und um­wor­bene Frau. Der etwas seltsame Mann, der auf sein Äußeres nicht viel Wert legte, gern aß und trank, so dass sein Übergewicht Anlass mancher Spötteleien wurde, schien so gar nicht zu ihr zu passen. Man wunderte sich, als sie 1901 heirateten. Das ungleiche Paar fiel so auf, dass Chesterton einer alarmierten Polizeistreife bei einer Anmeldung in einem Hotel einmal aufwendig beweisen musste, dass wirklich ein verheiratetes Ehepaar das Zimmer gebucht hatte und nicht ein Freier und eine Prostituierte unter falschen Namen. Sein Heiratsantrag war eine echte Liebeserklärung und zugleich eine Werbung für die Ehe:

„Es gibt vier Leuchten der Danksagung, die ständig vor mir brennen. Die erste ist dafür, dass ich aus der gleichen Erde erschaffen wurde mit einer Frau wie Dir. Die zweite ist dafür, dass ich nicht, bei all meinen Fehlern, anderen Frauen nachgegangen bin. Du glaubst nicht, wie sehr diese Selbstbeherrschung eines Mannes belohnt wird. Die dritte ist dafür, dass ich versucht habe, alles Lebendige zu lieben – eine schwache Vorbereitung für die Liebe zu Dir. Und die vierte ist – aber kein Wort kann das ausdrücken: Hier endet mein bisheriges Dasein. Nimm es. Es führte mich zu Dir.“

Was hier sehr romantisch klingt, hat Chesterton allerdings auch mit viel Nüchternheit verbunden. Von der Nüchternheit wollte er sich jedoch die heiße Liebe nicht nehmen lassen. Er schrieb:

„In allem Begehrenswerten, selbst in jedem Genuss, gibt es einen Punkt des Schmerzes oder des Widerwillens, den man aushalten muss, damit der Genuss wiederkommt und bleibt. … Die wohlige Wärme des Seebades kommt nach dem eisigen Schock; und der Erfolg der Ehe kommt nach dem Scheitern der Flitterwochen.“

„Die Märchen sagten, dass der Prinz und die Prinzessin von nun an glücklich alle Tage lebten. Das taten sie wohl auch, obwohl sie sich höchstwahrscheinlich dann und wann mit Mobilar bewarfen. Das ganze Vergnügen der Ehe besteht darin, dass sie eine immerwährende Krise ist.“

Weil das Leben beinahe unmögliche Widersprüche mit sich bringt, darum lernt man vom christlichen Glauben am besten, wie man damit umgehen kann. Sie werden nicht verneint, man läuft nicht vor ihnen weg (etwa aus der Ehe durch Scheidung), sondern sie können im Konflikt gelebt werden. Und dabei kann der Mensch sein Glück finden, während er es in der selbstgemachten Harmonie nicht finden wird.

„Wenn sich Amerikaner wegen ‚Unverträglichkeit des Temperaments‘ scheiden lassen können, dann verstehe ich nicht, warum nicht alle Ehen geschieden werden. Ich habe viele glückliche Ehen gekannt, aber nie eine verträgliche. Das ganze Bestreben der Ehe ist, sich durchzukämpfen und den Augenblick zu erleben, wenn Un­ver­träglichkeit fraglos vorhanden ist. Denn ein Mann und eine Frau als solche, sind unverträglich.“

Die Kriminalromane von Gilbert Keith Chesterton, in denen ein katholischer Pater Brown Mördern und Betrügern auf die Schliche kommt, gehören zu den bekanntesten Schriften unter seinen vielen Büchern. Die Bücher entstanden meist als Sammlung von Essays, die vorher in Zeitungen veröffentlicht wurden. Chesterton hatte das Schreiben nach dem Abbruch seines Studiums zum Hauptberuf gemacht. Auch mit seinen Kriminalgeschichten verfolgte Chesterton ein apologetisches Interesse. In humorvoller Weise zeigt er darin nämlich, dass die Kunst des geistlichen Detektivs darin besteht, dass er sich in die Täter hineinversetzt. Pater Brown tritt nicht mit moralischer Empörung über das Böse auf, sondern löst den Fall damit, dass er die böse Tat in seinen Gedanken selber begeht. Er weiß, dass er selbst zu allen Verbrechen fähig ist, auch wenn er sie nicht begeht. Auf faszinierende Weise hält Chesterton damit seinen Lesern den Spiegel vor: In jedem Menschen wohnt das Böse, und er ist zu allem fähig. Auch wenn nicht jeder Mensch tatsächlich zum Verbrecher wird, ist er nicht besser als einer. So braucht jeder die Drohung der Strafe und die Gnade der Vergebung. Da verwundert es nicht, dass Pater Brown einen vielgesuchten Schwerverbrecher nicht nur überführt, sondern sich dann auch mit ihm befreundet und ihm nach verbüßter Strafe ins Leben zurück hilft. Die Pater Brown Geschichten schrieb Chesterton ab 1911 bis zum Ende seines Lebens, aber sie spiegeln wieder, was sein Anliegen in fast allen Schriften war.

Seit den 1990er Jahren sind seine mehr als 70 Bücher und zahlreichen Aufsätze in Deutschland neu entdeckt worden, weil man mit Erstaunen feststellte, wie genau Chesterton bestimmte Entwicklungen der Moderne und Spätmoderne vorausgesehen hatte, indem er das Denken und die Werte hinterfragte und ihre Folgen analysierte.

„In seinen Prognosen hat Chesterton, im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen, überraschend oft recht behalten. Seine Prophetie ist zuweilen klarsichtig bis ins Detail. Kaum war Hitler an die Macht gekommen, als Chesterton, Antiimperialist und Antitotalitarist seit je, 1933 verkündete: ‚Wir treiben bereits schrecklich schnell auf einen neuen Krieg zu, der wahrscheinlich an der polnischen Grenze beginnen wird. Wie viele haben Hitler etwas zu sagen, das ihn davon abhalten könnte, die ganze Christenheit in Flammen zu setzen durch einen Angriff auf Polen.‘“1

Im Gespräch mit dem arroganten Verfechter des Zweifels ist es nicht die richtige Methode, ihm zu sagen, er solle aufhören zu zweifeln. Eher sollte man ihm sagen, er müsse noch etwas mehr zweifeln, er müsse jeden Tag Neueres und Wilderes im Weltall bezweifeln, bis er schliesslich, durch eine seltsame Erleuchtung, anfängt, an sich selbst zu zweifeln. G.K.Chesterton

George Bernard Shaw, der mit Chesterton befreundet war und sich zugleich viel inhaltlich mit ihm gestritten hatte, meinte später: „Die Werke von Gilbert Keith Chesterton sind voller Weisheiten und Warnungen, die, wären sie beachtet worden, Krieg, Seuchen, Verbrechertum und alle Schrecken der kapitalistischen Zivilisation schon längst abgeschafft hätten.“

Chesterton warb etwa dafür, dass die Menschen um irgendeines Fortschritts willen nicht einfach ihre Traditionen über den Haufen werfen:

„Es ist offensichtlich, dass Tradition nur zeitlich ausgedehnte Demo­kratie ist. Man kann Tradition definieren als Ausdehnung des Wahlrechts. Tradition heißt, der seltsamsten aller Klassen, unseren Vorfahren, ein Stimmrecht zu geben. … Tradition weigert sich, der kleinen und anmaßenden Herrschaft jener wenigen zu gehorchen, die zufällig gerade am Leben sind. … Die Tradition bittet uns, die Meinung eines guten Menschen nicht in den Wind zu schlagen, selbst wenn sie von unserem Vater ist“.

Chesterton ist allerdings damit kein Konservativer, der den Traditionen und den überkommenen Weisheiten nur wegen ihres Alters den Vorzug geben wollte. Konservativismus lehnte er gerade deswegen ab, weil er wusste, dass die Dinge nicht einfach gut sind oder gut bleiben, wenn man nichts macht:

„Die Verdorbenheit in den Sachen ist nicht nur das beste Argument dafür, fortschrittlich zu sein; sie ist auch das einzige Argument dagegen, konservativ zu sein. Der ganze Konser­vativismus beruht auf dem Gedanken, dass wenn man die Dinge in Ruhe lässt, sie blieben, wie sie sind. Aber das tun sie nicht. … Wenn man einen weißen Pfosten in Ruhe lässt, wird er bald ein schwarzer Pfosten. Wenn einem etwas daran liegt, dass er weiß bleibt, muss man ihn immer wieder anstreichen.“

Gutes zu bewahren, ist ohne die Mühe, den Wert des Guten zu erkennen und für jede Generation neu zu erkämpfen, nicht möglich. In dieser Hinsicht erscheint Chesterton das Christen­tum zugleich als konservativ und revolutionär. Allerdings wollte er darüber hinaus blicken:

„Der Konservative huldigt genau dem gleichen Irrtum wie der Progressive. Jeder von ihnen lässt die Wahrheit von der Zeit bestimmt sein. Er beurteilt nämlich etwas danach, ob es von gestern, von heute oder von morgen ist, nicht aber danach, was es in alle Ewigkeit ist.“

Lieben heißt, den Unliebenswürdigen lieben. Vergeben heißt, den Unverzeihlichen begnadigen. Glaube heißt, das Unglaubliche anzunehmen. Hoffnung heißt hoffen, wenn alles hoffnungslos aussieht. G.K.Chesterton

Chesterton hatte auch einen Blick für die immer kritischer werdende Bibelauslegung. Er meinte, dass der aufrichtige Versuch, die Bibel wie ein gewöhnliches Buch zu lesen, wohl dazu führen muss, dass man entdeckt, dass die Bibel ein ganz ungewöhnliches Buch ist. Deswegen empfahl er dringend, nicht nur einzelne Verse nach Gutdünken herauszunehmen, sondern einmal am Stück mindestens ein ganzes Buch der Bibel zu lesen.

„Der Teufel kann die Bibel zu seinem Zweck zitieren, und die Schriftstelle, die er heute am häufigsten zitiert, lautet: ‚Das Himmelreich ist in euch.‘ Diese Stelle war für Pharisäer und Besserwisser und selbstgerechte geistliche Tyrannen mehr Stütze und Halt als alle Dogmen der Welt. Sie diente dazu, Selbstzufriedenheit mit jenem Frieden gleichzusetzen, der alles Verstehen übersteigt. Die Schriftstelle, die man als Antwort darauf zitieren sollte, ist jene, die erklärt, dass keiner das Himmelreich erhalten kann, der nicht wird wie ein kleines Kind. … Aber der kindliche Geist kümmert sich überhaupt nicht um das, was im Innern ist.“

Kindliches Vertrauen auf Gott und sein Wort sind Gottes Absicht, aber nicht stolze Selbstgewissheit, die schließlich meint, dass sie das Wort Gottes nicht mehr bräuchte. Genau das ist es, was nach der Überzeugung von Chesterton den Menschen zum Irrlehrer werden lässt:

„Der Häretiker, der auch der Fanatiker ist, ist nicht ein Mensch, der die Wahrheit zu sehr liebt; kein Mensch kann die Wahrheit zu sehr lieben. Der Häretiker ist der Mensch, der seine Wahrheit mehr liebt als die Wahrheit selbst. Er zieht die halbe Wahrheit, die er gefunden hat, der ganzen Wahrheit vor, die die Menschheit gefunden hat.“

Chesterton wehrte sich auch gegen diejenigen, die wegen der vielen Meinungen, Glaubenssätze und Auslegungen das Vorhandensein von Wahrheit gleich ganz bestreiten.

„Sage nie: ‚Es gibt kein wahres Glaubensbekenntnis, denn jedes Bekenntnis hält sich für wahr und die anderen für falsch.‘ Wahrscheinlich ist eines der Glaubensbekenntnisse richtig und die anderen sind falsch. Verschiedenheit der Überzeugungen beweist tatsächlich, dass die meisten Überzeugungen falsch sein müssen. Aber keine Logik beweist, dass sie alle falsch sein müssen.“

Bei der Frage, welcher Kirche er beitreten sollte, zögerte er offenbar lange. Dann ließ er sich von dem Kriterium leiten, welche der englischen Kirchen den modernistischen Einflüssen am besten widerstehen könnte. Er wurde deswegen ein paar Jahre vor seinem Tod römisch-katholisch. Das brachte ihm hohe Achtung in der katholischen Kirche ein. Der Papst sandte ein Beileidstelegramm bei seinem Tod. Ein Prozess zur Seligsprechung wurde angestoßen, allerdings nach Jahrzehnten endgültig beendet, weil Chesterton nicht fromm genug gewesen sei.

Chesterton ging es darum, seine Botschaft vom christlichen Glauben als dem einzigen, der zu dieser Welt passt, der einen nicht ausgedachten Gott und eine frohe Lebenspraxis mit dem nötigen Ernst verbindet, nicht nur Intellektuellen nahezubringen. Darum schrieb er – neben den Pater-Brown-Geschichten – auch einzelne Romane. „Der Mann, der Donnerstag war“ brachte ihm viel Anerkennung. Was er in seinem Buch „Orthodoxie“ entfaltet hatte, wird hier in eine phantasievolle Mischung aus Kriminal- und Spionagegeschichte gebracht. Die Romanfiguren, deren Namen die Wochentage sind, sind auf der Suche nach der wahren Identität des Sonntags. Dabei stellt sich heraus, dass sie selber alle nicht das sind, was sie zu sein scheinen. Letztlich geht es in der spannenden Suche darum, dass die nihilistische Grundhaltung, die Sinn, Werte und Glaube verneint, in eine Sackgasse führen muss, die dem Menschen auch seine Identität als Mensch raubt. Für viele in England hatte das Buch geradezu therapeutische Wirkung, weil es einen Weg aus Pessimismus und Verzweiflung wies und dabei kein billiges Trostpflaster anbot, sondern den Gott nahebrachte, der in Jesus Christus selbst in allem als Mensch gelitten hat, ohne zu verzweifeln.


  1. Gisbert Kranz. Gilbert Keith Chesterton: Prophet mit spitzer Feder. Augsburg Ulrich Verl., 2005: 17-18.