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Zehn häufige Missverständnisse zum sogenannten „Zungenreden“

Schon der Begriff „Zungenrede“ ist missverständlich, weil das griechische Wort „Zunge“ hier mit „Sprache“ übersetzt werden muss. Aber auch im Zusammenhang mit dem Phänomen des Gebetes oder Redens in einer Sprache, die man nicht erlernt hat, kursieren viele Missverständnisse, die den Sinn und die Absicht Gottes, die er mit diesem Wunder verfolgt, verdunkeln. Darum erscheint es sinnvoll, sich die Zusammenhänge besonders im 1. Korintherbrief wieder genau vor Augen zu führen.

In den letzten Monaten wurde ich wiederholt mit der Thematik „Zungenreden“ konfrontiert. Literatur von Befürwortern animierten mich, einmal mehr den ersten Korintherbrief zu studieren und dabei den einschlägigen Kapiteln 12 bis 14 besondere Beachtung zu schenken. Aus Gesprächen und zwei Predigten zum Thema sind einige Gedanken entstanden, die hier wiedergegeben werden. Vielleicht helfen sie, in die vielfältige Verwirrung in diesem Bereich etwas Licht zu bringen und Missverständnisse aufzuklären.

Missverständnis 1: 1Kor 12-14 sei eine neutrale Belehrung über die „Geistesgaben“ bzw. das „Zungenreden“

Viele lesen diese Kapitel als eine neutrale Belehrung über die Gaben, die der Heilige Geist zum Dienst im Reich Gottes gibt. Selbstverständlich lernen wir in diesen Kapiteln sehr viel über die Gaben, aber das ist nicht die Intention, warum Paulus den Korinthern diese Kapitel schreibt. Das Wesen dieser Kapitel ist vielmehr eine eindringliche Korrektur eines dramatischen Miss­verständnisses über die Gaben des Geistes und eines schwerwiegenden Missbrauchs von übersinnlichen Phäno­menen in der Ge­meinde. Der ganze Abschnitt wird eingeleitet mit „was aber … betrifft“, wie dies auch in 7,1 (eheliche Gemeinschaft), 8,1 (Götzenopfer) und 16,1 (Sammlung) geschieht. Paulus spricht jeweils Themen an, die ihm durch die „Hausgenossen der Chloe“ als Probleme in der Gemeinde in Korinth mitgeteilt wurden (1Kor 1,11), auf die er dann korrigierend eingeht. Hier in 12,1 wird das Problem mit dem Begriff die „Geistlichen“ (pneumatikōn) benannt, worunter wohl am besten „Geisteswirkungen“ im Sinne von übersinnlichen Phänomenen oder auch die Menschen, die sich solcher Phänomene rühmen, zu verstehen sind. Der Begriff kommt dann zum Abschluss des ganzen Ab­schnitts wieder vor (14,37). Auch schon in 3,1 wird ersichtlich, dass bestimmte Leute in Korinth sich gerne als „geistlich“ gesehen haben.

Im heidnischen Kult wurden Menschen von der Gewalt von Geistern fortgerissen, das aber hat in der christlichen Gemeinde keinen Platz. Darum kann auch das Wirken des Heiligen Geistes nicht so verstanden werden.

Dass es sich tatsächlich um ein Problem handelt, wird aus 12,1-3 klar, Verse, in denen Paulus das Thema konkretisiert. Darin spricht Paulus von ihrer Unkenntnis in diesen Fragen, und er weist auf ihren heidnischen, götzen­die­ne­rischen Hinter­grund hin (sie wurden früher förmlich zu den Götzen hin fortgerissen, eine Reaktion, die in der christlichen Gemeinde keinen Platz hat, denn am Ende des Abschnitts in 14,32 betont er, dass „die Geister der Propheten den Propheten untertan sind“, dass also geistliche Menschen Kontrolle über ihren Geist haben). Dieses Problem ging sogar so weit, dass offenbar Leute in der Gemeinde „Fluch über Jesus“ gesagt haben (warum sonst spricht Paulus das in 12,3 an?).

Der ganze Ab­schnitt ist also eine Korrektur einer völlig falschen und vom Heidentum geprägten Vorstellung von Geistes­wirkungen. Sogar die Begrifflichkeit des Paulus unterscheidet sich von derjenigen der Korinther, denn er selber verwendet im Abschnitt immer den Begriff „Gnadengaben“ (charismata), nicht aber „Geistes­wir­kungen“ (oder ähnliches), wenn er von den Gaben des Heiligen Geistes spricht.

Diese Gegenüberstellung zwischen falschen Vorstellungen und den positiven und nützlichen Gaben des Heiligen Geistes ist auch ganz leicht im ganzen Kapitel 14 zu erkennen: Dort stellt Paulus ständig zwei Gegensätze einander gegenüber, die sprachlich mit dem laufend auftretenden „aber“ gekennzeichnet sind (mehr als zwanzig Mal in diesem Kapitel). Man kann das ganze Kapitel leicht in einer Tabelle mit zwei Spalten darstellen: Auf der einen Seite die missverständliche Sicht der Korinther, auf der anderen Seite die positive Belehrung des Paulus.

Dieser Kontext des Abschnitts, der außerordentlich kritisch und problematisch ist, muss beachtet werden, was bei jeder seriösen Exegese eines biblischen Textes ohnehin üblich sein muss.

Missverständnis 2: Das Pfingstwunder in Apg 2 und die Gabe der „Zungenrede“ in 1Kor 12-14 seien etwas ganz Unterschiedliches

Vielfach besteht die Meinung, dass es sich beim Sprachwunder zu Pfingsten in Apg 2 und bei der „Gabe der Zungenrede“ in 1Kor 12-14 um ganz unterschiedliche Dinge handle. Apg 2 sei demnach ein Hörwunder, d. h. die Juden in Jerusalem, die aus allen Teilen der damaligen Welt gekommen waren, hätten die Jünger zwar jeweils in ihren Muttersprachen verstanden, obwohl diese nur in einer bestimmten Sprache gesprochen hätten. Durch diese Sichtweise wird dann 1Kor 12-14 so verstanden, als wäre dort etwas anderes, nämlich eine besondere Gabe der „Zungenrede“, beschrieben. Dies ist jedoch exegetisch höchst unwahrscheinlich. Beim Pfingstwunder bekamen 120 Jünger die Gabe des Heiligen Geistes „und fingen an, in anderen Sprachen zu reden“ (lalein heterais glōssais – Apg 2,4) – ohne dass sie diese gelernt hätten. Die Verwendung der Worte (lalein glōssais) ist identisch zu 1Kor, wo wiederholt vom Reden in Sprachen oder Reden in einer Sprache die Rede ist. Auch später in der Apostel­ge­schichte, als Petrus in das Haus des Kornelius kommt, werden mit Verweis auf das Pfingst­wunder diese Begriffe verwendet (Apg 10,46 und 11,15).

Das Pfingst­wunder zeigt unmissverständ­lich, worum es in der Gabe der Sprachenrede geht: Um das Reden in einer unter Menschen bekannten Fremdsprache.

Das Pfingst­wunder ist also nicht unterschiedlich zur Gabe im 1. Korintherbrief. Ganz im Gegenteil, Apg 2 zeigt unmissverständlich, worum es bei dieser Gabe geht, nämlich um ein Reden in einer bekannten, menschlichen Fremdsprache. Deswegen konn­ten die Juden die Jünger in ihren Sprachen reden hören (Apg 2,8-11). Von daher sollte der Begriff „Zungenrede“ gar nicht verwendet, sondern eben von „Sprache“ gesprochen werden. Es stellt sich außerdem die Frage, was denn eine „Zungenrede“ sein soll. Wir Menschen reden zwar mit der Zunge, aber in einer Sprache. Nicht nur im Altgriechischen, sondern auch in einigen heutigen Sprachen wird für Zunge und Sprache das gleiche Wort verwendet.

Diese Sicht passt auch am besten zum Phänomen von Fremdsprachen, von dem wir zuerst in 1Mose 11 lesen – hier zieht sich ein roter Faden vom Anfang bis zum Ende. Das Evangelium führt also auch in der Frage von unterschiedlichen Sprachen und dem Problem des gegenseitigen Verstehens (bzw. Nichtverstehens) zu einer Wiederherstellung dessen, was Gott von Anfang an für uns Menschen geplant hatte.1

Missverständnis 3: „Zungenreden“ sei ein Reden in einer Engelssprache

Die Idee, dass die Sprachenrede eine himmlische Engelssprache sei, ist Spekulation.

Wie bereits betont, besteht die Gabe des sogenannten „Zungenredens“ darin, in einer bekannten, menschlichen Fremdsprache zu sprechen, ohne sie gelernt zu haben. Wie kommt man nun auf die Vorstellung einer „Engelssprache“? Paulus spricht in 1Kor 13,1 hypothetisch davon, dass wenn er in den Sprachen der Menschen und der Engel reden würde, dies aber ohne Liebe geschehe, so wäre das nur Krachmacherei. Nirgends aber behauptet Paulus, dass er tatsächlich in Engelssprachen gesprochen hätte. Da hilft auch der Verweis auf Röm 8,26 nicht („der Geist selber verwendet sich [im Gebet] für uns mit unaussprechlichen Seufzern“), denn „unaussprechlich“ bleibt unaussprechlich! Auch der Verweis auf „Arten von Sprachen“ (genē glōssōn – 1Kor 12,10.28) hilft hier nicht weiter, denn 1Kor 14,10ff, wo ebenfalls dieser Ausdruck auftaucht, zeigt erneut, dass Paulus verständliche, menschliche Sprachen im Sinn hat.

Missverständnis 4: Das „Auslegen“ sei ein geistgewirktes Verstehen und Interpretieren der sogenannten „Zungenrede“

Der griechische Wortlaut erwartet eindeutig, dass die gesprochene Fremdsprache in eine für die Zuhörer bekannte Sprache übersetzt wird.

Parallel zum Missverständnis, was unter „Zungenrede“ zu verstehen sei, steht auch das Missverständnis, was unter „Auslegen“ zu verstehen sei. Zumeist wird darunter das Interpretieren der „Zungenrede“ verstanden, also ein weiteres übersinnliches Phänomen. Für den Begriff, der im griechischen Grundtext für „auslegen“ steht (hermeneuo oder dihermeneuo) gibt es jedoch eine viel näherliegende Erklärung. Dieses Wort im Zusammenhang mit einer Sprache bedeutet einfach das Übersetzen einer Fremdsprache (vgl. z.B. Joh 1,42). Im Kontext der Gnadengaben handelt es sich daher einerseits um die Fähigkeit, ungelernt eine Fremd­sprache zu sprechen, und andererseits auch ungelernt eine Fremd­sprache zu übersetzen2.

Es ist für mich immer wieder verwunderlich und eigentlich unverständlich, warum die meisten Bibelüberset­zungen diesen Begriff mit „auslegen“ und nicht mit „übersetzen“ wiedergeben (die Zürcher Bibel ist eine der wenigen, die „übersetzen“ verwendet).

Missverständnis 5: „Zungenreden“ sei ein geistgewirktes Reden zu Gott

Die Sprachenrede richtet sich offensichtlich auch an die menschlichen Zuhörer und ist nicht immer ein Gebet, das zuerst an Gott gerichtet ist.

Dass „Zungenreden“ ein geistgewirktes Reden zu Gott sei, wird mit 1Kor 14,2 begründet. Vieles spricht aber dafür, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Paulus streicht in diesem Vers den Vorzug des Weissagens gegenüber dem „Zungenreden“ hervor: Das Weissagen ist verständlich, das „Zungenreden“ unverständlich. Nirgends aber wird unverständliches Reden als positiv dargestellt, sondern immer als negativ! Viele Verse in diesem Kapitel sprechen davon, wie unglaublich unsinnig dieses unverständliche Reden ist. Paulus scheut sich sogar nicht, so eine Art zu reden als Wahnsinn (manie) zu bezeichnen (V.23). In V.15 betont er, dass auch das Gebet mit dem Verstand geschehen soll.

Ja, aber ist das nicht alles vom Heiligen Geist gewirkt? Das muss ja etwas Positives sein! So das häufige Gegenargument. Nun, eine nüchterne Exegese offenbart, dass in diesem Kapitel 14 der Heilige Geist gar nicht vorkommt. Wenn Paulus hier vom Geist spricht, dann meint er immer den menschlichen Geist (dies wird ganz deutlich aus V. 14-16 und aus V. 32).

Wir kommen an dieser Stelle zurück zum angesprochenen Problem in der Gemeinde in Korinth, zum Problem des „Eiferns nach Geistern“ (so 14,12 wörtlich). Diese „Zungenredner“ behaupten, „im Geist Geheimnisse zu Gott zu reden“ (Dinge, die im heidnischen Korinth nichts Außergewöhnliches waren). Paulus führt dieses Argument ad absurdum, indem er sagt, dass es völlig nutzlos ist, da niemand es versteht. Und schon gar nicht fordert er dazu auf, sondern er stellt es in V. 2 einfach als Beobachtung hin, im Sinn von „so ist es zwar bei euch, aber das ist nicht gut“ (zu V. 28 siehe Missverständnis 9).

Missverständnis 6: „Zungenreden“ zur Selbstauferbauung sei okay

Nirgendwo in der Bibel werden wir aufgefordert, dass wir uns selbst auferbauen sollen. Erbaut werden sollen die Geschwister und die Gemeinde.

In diesen Kontext passt auch dieses Missverständnis, dass „Zungenrede“ zwar in der Gemeinde keinen Platz hätte, jedoch zu Hause, privat für sich selber, zur Selbstauferbauung, sehr wohl. Paulus stellt dieser vermeintlichen Selbstauferbauung jedoch die Erbauung der Gemeinde bzw. der Geschwister gegenüber! Das allein ist der Sinn und Nutzen der Gnadengaben (siehe dazu 1Kor 12,7 im Zusammenhang mit 1Kor 14,3.4.5.12.26, aber auch Eph 4,12)! Nirgends lesen wir in der Heiligen Schrift, dass wir uns selbst auferbauen sollen. Judas 20 („Ihr aber, Geliebte, erbaut euch auf eurem heiligsten Glauben, …“), die einzige Stelle, die man in diesem Zusammenhang noch anführen könnte, meint jedoch etwas anderes als von Befürwortern der „Zungenrede“ kolportiert wird – es geht hier nicht darum, quasi ein emotionales Hoch, eine „Selbstaufer­bau­ung“, zu erleben, sondern um eine Stärkung der Gläubigen gegenüber Irrlehren, indem sie die apostolischen Glaubenswahrheiten festhalten.

Missverständnis 7: „Zungenreden“ sei eigentlich ein Gebet (das „Zungen- oder Sprachengebet“)

Diese Sicht wird aufgrund von 1Kor 14,2 („reden zu Gott“) und 1Kor 14,14-16 angenommen. Damit werde auch die Sicht unterstützt, dass es etwas Privates, etwas zwischen mir persönlich und Gott sei und daher im persönlichen Gebet sehr wohl seinen Platz hätte. (Zu V. 2 siehe das 5. Missverständnis.)

Aus den Versen 14-15 kann man durchaus folgern, dass „Zungenreden“ auch als Gebet praktiziert wurde, jedoch auch hier in der Gemeinde! Aber es muss nicht nur als Gebet praktiziert worden sein. So sprachen z. B. die Jünger in Apg 2 zu Menschen. Und auch 1Kor 14 zeigt uns die Situation, dass ebenfalls Menschen das Ziel dieser Praxis waren. Zu beachten ist auch, dass Paulus nicht sagt, er bete mehr in Sprachen als sie alle (V. 18), sondern er redet mehr in Sprachen. Was immer auch Paulus damit konkret meint, es wäre aus seiner Missionstätigkeit gut nachvollziehbar, dass er regelmäßig mit Fremdsprachen konfrontiert war.

Missverständnis 8: Die „Zungenrede“ sei mit dem Verstand gar nicht fassbar

Als ich dieses Missverständnis das erste Mal so richtig verstanden habe, konnte ich gar nicht glauben, dass Christen so etwas ernsthaft meinen können. Aufgrund von 1Kor 14,14-15 meint man, dass Paulus eine Form des Gebets praktiziert hätte, bei der sein Verstand ausgeschaltet war. Paulus hätte – vom Heiligen Geist inspiriert und in einer für ihn unver­ständlichen Sprache – Gott in einer vollkommenen Art und Weise angebetet, also ein Gebet, das nicht mehr von unserer Unzulänglichkeit der Sprache begrenzt gewesen sei. Dadurch sei er irgendwie geistlich erbaut worden (siehe Missverständnis 6).

Die Idee, dass die Erbauung darin bestehe, dass man Gott in einer himmlischen Sprache ehrt, die weder man selbst noch jemand anderes, sondern nur Gott versteht, ist ganz unbiblisch.

Wenn man diesen Gedanken konsequent durchdenkt, so bleibt dabei nicht viel mehr übrig als eine Art Reden in der Art eines Mediums: Der Geist gebe einem Christen Worte in einer Sprache ein, die er selber gar nicht versteht; letztlich würde Gott sich demnach wie durch ein Medium selber anbeten! So eine Vorstellung ist jedoch der bib­lischen Sicht von Anbetung völlig fremd, denn Gott möchte ja, dass wir IHN aus freien Stücken, aus Liebe und ganz bewusst anbeten und verehren. Das größte Gebot in der Bibel ist, Gott zu lieben und Lk 10,27 schließt ein, dass wir IHN auch mit unserem Verstand lieben sollen. Paulus möchte in 1Kor 14,14-15 sagen, dass der menschliche Geist und der Verstand nicht in einer falschen, dualistischen Weise voneinander getrennt werden dürfen (wie dies offensichtlich der Fall war). Nein, wir wollen Gott mit Geist und Verstand anbeten (der ganze Psalter zeugt von dieser Art des Betens). Im Kontext einer geistlichen Anbetung ist nun die Stelle aus Röm 8,26 zu sehen, nämlich dass der Geist dort, wo uns die Worte fehlen, sich für uns mit unaussprechlichen Seufzern verwendet.

Paulus legt überdies in diesen Versen förmlich ein Plädoyer für den Verstand ab (V.20: „Brüder, seid nicht Kinder am Verstand …“). Ein Christsein, bei dem der Verstand geringgeachtet wird, führt sehr schnell zu ungeistlicher Schwärmerei, wovor der HERR uns bewahren möge!

Übrigens: Wenn Gott einmal so spricht, dass wir IHN nicht mehr verstehen können, dann ist das zum Gericht, worauf Paulus in 1Kor 14,21-22 (mit Verweis auf Jes 28,11-12) hinweist. Diese letzte Aussage wird leider in der ganzen Diskussion um das „Zungenreden“ häufig völlig unterschlagen. Die Tragweite davon ist aber enorm. Man stelle sich vor, der christliche Gottesdienst wird zum Gericht für die Gemeinde! Das wäre ja furchtbar!

Missverständnis 9: Paulus ermutige zum «Zungenreden» (14,28)

Auch wenn Paulus bezüglich des wunderbaren Redens in Sprachen eine positive Haltung hatte, so schränkt er die Ausübung dieser Gabe auf jeden Fall ein.

Dies ist ein starkes Argument, das von Befürwortern ins Treffen geführt wird. Vor allem die Verse 5, 18, 26 und 28 werden für diese Sicht angeführt. An dieser Stelle möchte ich einräumen, dass nicht jedes Detail dieses Kapitels 100 %-ig erklärt werden kann. Um das zu können, müssten wir in der Gemeindeversammlung in Korinth gesessen sein – auch andere Texte der Heiligen Schrift können teilweise nicht völlig erhellt werden, einfach deswegen, weil die Texte in konkrete Situationen geschrieben wurden, die man nicht mehr völlig rekonstruieren kann. Eines jedoch kann mit Sicherheit gesagt werden: Paulus kannte die vom Heiligen Geist gegebene Gabe des Redens in Sprachen und er hatte diesbezüglich eine positive Haltung. Ob er jedoch genau wusste, was in Korinth vor sich ging, das bezweifle ich. Deswegen muss er ja klare Regeln aufstellen, damit nur ein geistgewirktes Reden in Sprachen in der Gemeinde praktiziert werden konnte. Vers 28 ist zudem kein Gebot zum „Zungenreden“, sondern Paulus räumt nur für den Fall, dass kein Übersetzer da ist, ein, das „Zungenreden“ in einer Art „Selbstgespräch“ zu praktizieren; somit wird wenigstens die Gemeinde davon nicht irritiert.

Missverständnis 10: Das «Zungenreden» sei der Beweis für die persönliche Geistestaufe

Wenn nicht alle Christen in Sprachen reden können, dann kann diese Gabe nicht Voraussetzung oder zwingende Begleit­erscheinung für die Geistestaufe sein. Selbst ob sie einen Beweis darstellt, ist fraglich.

Die Vorstellung, dass neben der Bekehrung noch eine zweite Erfahrung, die vielfach mit der „Geistestaufe“ gleichgesetzt wird, notwendig ist, ist Teil der klassischen Pfingsttheologie. Diese Sicht findet sich mehr oder minder ausgeprägt auch in diversen charismatisch geprägten Bewegungen. Soweit ich die Heilige Schrift verstehe, erachte ich diese Lehre als ein Missverständnis, da ein Mensch bei seiner Bekehrung und Wiedergeburt den Heiligen Geist bekommt (Eph 1,13-14). Nach 1Kor 12,13 sind alle Christen „in einem Geist zu einem Leib getauft worden“ (oder: „… in einen Leib [in die Gemeinde] hineingetauft bzw. -getaucht worden“). Das „Zungenreden“ ist dabei wahrlich nicht das notwendige Zeichen für das Innewohnen des Geistes in einem Menschen, denn es ist völlig klar, dass nicht jeder Christ diese Gabe bekommt (Paulus‘ Frage in 1Kor 12,30: „Reden alle in Sprachen?“ ist rein rhetorisch – die erwartete Antwort darauf ist eindeutig „nein“).

Die Schrift fordert uns jedoch auf, „voll des Geistes zu werden“ (Eph 5,18) – wie das geschehen kann, dazu bietet der Epheserbrief in den Kapiteln 4 bis 6 viel Belehrung. Darin geht es um ein Leben im Einklang mit dem Willen Gottes. Das Vorhandensein und das Wachsen der Frucht des Geistes ist nach Galater 6 viel eher ein Zeichen für das Wirken des Geistes im Gläubigen.

Fazit: Lektionen für uns

Wenn wir uns hier kritisch zu Phänomenen äußern, die in bestimmten Teilen der Gemeinde Jesu Christi wichtig genommen werden, so wollen wir das nicht aus Rechthaberei tun oder um selber besser dazustehen. Nein, vielmehr wollen wir uns fragen, was wir aus dieser Auseinander­setzung für uns lernen können.

Darum gebe ich abschließend ein paar Anregungen für eine persönliche Auseinandersetzung:

  • Wie sieht es in den Gottesdiensten unserer Gemeinden aus? Haben sich hier eventuell auch gewisse heidnische bzw. von der uns umgebenden Kultur geprägte Elemente eingeschlichen, die nicht biblisch sind?
  • Geschieht in unseren Gottesdiensten tatsächlich alles zur Auferbauung der Gemeinde (und zwar aller Geschwister)? Oder neigen wir dazu, unseren persönlichen Geschmack (z.B. bei der Musik) als Maßstab für Geistlichkeit zu nehmen?
  • Bemühen wir uns im Gottesdienst (und natürlich auch sonst), uns verständlich auszudrücken? Die Mentalität „Es geht im Gottesdienst primär um mich und Gott“ hat nach Paulus keinen Platz im Gottesdienst.
  • Was ist unsere Vorstellung von An­betung? Gründet diese tatsächlich alleine auf der Heiligen Schrift? Oder werden Äußerlichkeiten zum Maßstab erhoben? Beispielsweise, wenn man sich unwohl fühlt, wenn jemand die Arme zum Gebet erhebt.
  • Ertappen wir uns dabei, „Geist und Verstand“ gegeneinander auszuspielen? Die Anwendungen dazu wären vielfältig (vgl. dazu das Buch von Francis Schaeffer „Preisgabe der Vernunft“). Was bedeutet es, Gott auch mit dem Verstand zu lieben?

  1. Dagegen spricht auch nicht, dass sich kleinere Unterschiede beobachten lassen: Lukas geht davon aus, dass Mutter­sprachler als Adressaten anwesend sind, Paulus sieht Übersetzer als notwendig an. Lukas scheint das Phänomen an Pfingsten unter die Prophetie einzuordnen, Paulus scheint stärker zu unterscheiden. Lukas beschreibt die Sprachenrede als Erfahrung bei der Umkehr zum Christsein, Paulus als andauernde christliche Praxis. 

  2. In seinem Aufsatz „Urchristliche Glossolalie“, Jahrbuch für Evangelikale Theologie 1998: 77-99, verweist Eckhard Schnabel darauf, dass gemäß aller Untersuchungen die moderne Erscheinung der Sprachenrede durchweg nicht das Sprechen einer ungelernten Fremdsprache ist, sondern ein Sprechen ohne linguistische Struktur. Echte Übersetzung des Gesprochenen gab es auch nicht, weil es nie zwei „Übersetzern“ gelang, auch nur annähernd dieselbe Rede gleich zu übersetzen.