LiteraturBuchbesprechungen

Unverschämt scham­los: Mein Plädoyer für eine sexuelle Reformation

Nadja Bolz-Weber, Pastorin der liberalen amerikanischen Kirchen­gemeinde „Haus für alle Sünder und Heilige“ beschreibt in Unverschämt schamlos die Lebensgeschichten einzelner Menschen, die an dem Thema Sexualität gescheitert sind.

Da ist beispielsweise Cecilia, die mit dem Sex bis zur Ehe wartete – so hatte sie das in ihrer Kirche gelernt – und dann an den Falschen geriet. Der hat sie betrogen und, um besser damit klar zu kommen, hat sie ihn dann ebenfalls betrogen. Bolz-Weber spricht Cecilia von aller Schuld frei: „Da ist überhaupt nichts Falsches dran.“ Was sich anhört wie eine drittklassige TV Soap, ist so ziemlich genau das Muster, das sich in Unverschämt schamlos dauernd wiederholt. Die Namen ändern sich, die sexuelle Orientierung der Protagonisten auch. Schämen muss sich in ihrem Buch eigentlich nur derjenige, der noch glaubt, die Bibel gebe irgendeinen Rahmen für Sexualität.

Bolz-Weber, Nadja. Unverschämt scham­los. Mein Plädoyer für eine sexuelle Reformation. Moers: Brendow Verlag 2019. 256 S. Klappenbroschur: 16,40 € ISBN: 978-3-96140-116-1.

Eine biblische Sexualethik, wie sie in konservativen Gemeinden zum Teil noch vertreten werde, zerstöre Menschen. So könnte man ihr Buch kurz zusammenfassen. Das Wort Sexualethik impliziert hier allerdings fälschlicherweise, dass es doch noch irgendwelche Schranken oder gar Verbote bei Bolz-Weber gäbe; ich habe allerdings keine gefunden. Doch auch die Autorin erkennt, dass dies nicht möglich ist, ohne die Bibel in weiten Teilen umzudeuten. So findet man auf Seite 96 eine Szene, in der sie mit ihrer lesbischen Freundin gemeinsam Seiten aus der Bibel reißt und verbrennt, um mit sich selbst wieder versöhnt zu sein. Der Sündenfall ist für sie eine Erfindung Augustinus‘, weil dieser eine Erektionsstörung in einem römischen Bad hatte (Seite 59). Das sei „Psychokacke eines einzigen Mannes“.

Grundproblem sei die Hegemonie des Mannes. Frauenrollen in konservativen Ge­mein­den seien reduziert auf „schön aussehen für den Ehemann“ und „Dienerin sein“. Ihren Mann nennt sie „Vater ihrer Kinder“, wobei sie mittler­weile auch geschieden ist und mit ihrem Freund zusammenlebt.

Besonders erschreckend ist die Haltung der Autorin zur Abtreibung, die sie befürwortet. Sie selbst hat abgetrieben und empfindet keine Reue. Sehr „spannend“ sind auch ihre historischen Ausflüge, denen zufolge Evangelikale eigentlich immer für Abtreibung gewesen seien. Abtreibung sei erst ab 1968 zum politischen Kampfthema gemacht worden. Man habe einfach ein neues, einendes Thema gesucht, nachdem man politisch nicht verhindern konnte, dass Schwarze in den USA die christlichen Privatschulen besuchen.

Es machte mich tieftraurig, dieses Buch zu lesen. Die Sorge, dass sich junge Evan­gelikale der immer lauter schreienden hedonistischen Kultur anpassen werden, ist sicherlich nicht unbegründet.

Mein Kom­men­­tar zu Unverschämt schamlos auf der Shop­seite von SCM ist fast sechs Wochen gesperrt und erst nach einem persönlichen Anschreiben an die Geschäftsführung veröffentlicht worden. Es ist erstaunlich, dass ein christlicher Verlag dieses Buch herausgegeben hat und ein christlicher Büchershop es mit dem Versprechen eines „befreiten Lebens“ bewirbt.