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Der Vorhang im Tempel

 

 

Den Vorhang im Tempel von Jerusalem kennen die meisten Bibelleser aus der Geschichte der Hinrichtung Jesu. „Jesus aber schrie nochmals mit lauter Stimme und gab den Geist auf. Und siehe, der Vorhang im Tempel riss von oben bis unten entzwei, und die Erde erbebte […]“ (Mt 27, 50f.).

Ursprünglich war ein solcher prächtiger Vorhang auf den direkten Befehl Gottes hin für die Stiftshütte, das Zelt der Begegnung zwischen Gott und Mensch, angefertigt worden.

„Du sollst auch einen Vorhang anfertigen aus blauem und rotem Purpur und Karmesin und aus gezwirntem Leinen, und sollst Cherubim in kunstvoller Arbeit hineinwirken.“ (2Mose 26, 31)

Der hier benutzte hebräische Begriff תרֶכֶוֹפּ (poreketh) wird im Alten Testament 25 Mal vor allem für den Vorhang im Tempel benutzt. Man kann das Wort auch mit Trennwand oder Teppich übersetzen. An sechs Stellen des Neuen Testaments findet sich das griechische Wort καταπέτασμα (katapetasma). Es wird hier nur für den Vorhang im Tempel benutzt. Ein genau gleicher Vorhang wurde später auch für den Tempel Salomos angefertigt (2Chr 3, 14). Eigentlich gab es sogar zwei Vorhänge, einen, der den Gott geweihten Tempelbereich von der übrigen Welt trennen sollte und einen, der den von Menschen besuchten Tempelbereich von dem Ort der eigentlichen Gegenwart Gottes separierte.

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Weil Gott im Allerheiligsten in besonderer Weise gegenwärtig war, durfte niemand diesen Teil der Stiftshütte und später des Tempels außerhalb der dafür vorgesehenen Anlässe betreten (3Mose 16, 2). Nur einmal jährlich, am großen Versöhnungstag (Jom Kippur / hebräisch: רוּפּכִּ םוֹי) betrat der Hohepriester das Allerheiligste, um etwas Blut eines Opfertiers auf den Sühnedeckel zu spritzen. Unter Sühnedeckel versteht man die Deckplatte der Bundeslade. Sie wird im Alten Testament auch Sühneplatte, Gnadenstuhl oder Gnadenthron genannt (2Mose 25, 17). „So soll er Sühnung erwirken für das Heiligtum wegen der Unreinheiten der Kinder Israels und wegen ihrer Übertretungen und aller ihrer Sünden.“ (3Mose 16, 16) Es geht also um eine symbolische Handlung zur Vergebung der menschlichen Sünden, bei der stellvertretend ein Opfertier sterben muss. Das Blut bedeckt sozusagen die menschliche Schuld angesichts des sündlosen Gottes. Ohne diesen Akt der Sündenvergebung kann der Mensch nicht in die Gegenwart des absolut heiligen Gottes treten. Den Jom Kippur feiern Juden bis heute, auch wenn ohne Tempel natürlich kein Tier mehr geopfert wird.

Mit Bezug auf den herodianischen Tempel zur Zeit des Neuen Testaments diskutieren im Talmud Rabbi Jehuda und Rabbi Nehemia darüber, ob auf beiden Seiten des Tempelvorhangs Löwen oder ein Löwe und ein Adler eingewoben waren (pShek 8,2). Offensichtlich hatten sie beide den betreffenden Vorhang nicht selbst gesehen. Über die Abmessungen des gigantischen Vorhangs berichtet der Talmud: „seine Dicke war eine Handbreite […] seine Höhe war 40 Ellen, seine Breite 20 Ellen. Und von zweiundachtzig jungen Mädchen wurde er angefertigt, und zwei machte man in jedem Jahr, und dreihundert Priester tauchten ihn ein.“ (mShek 8,5) Das entspricht einer Höhe von etwa 18 und einer Breite von 9 Metern.

Jesus hat uns mit seinem Sterben als vollkommenes Opfer einen Weg „hinter den Vorhang“ zu Gott geöffnet.

Bei der von Gott angeordneten Zeremonie des großen Ver­söhnungs­tages liegt dann auch der Grund, warum beim Tod Jesu der Vorhang zum Allerheiligsten zerriss. Durch den freiwilligen Opfertod des sündlosen Jesus Christus braucht es nun keine Tieropfer mehr, die doch viel weniger wert haben. Die Schuld aller Menschen ist durch das Blut Jesu bedeckt. Jeder Mensch, der das für sich in Anspruch nimmt, kann nun gefahrlos in die Gegenwart des heiligen Gottes treten. Jedem, der darum bittet, wird seine Schuld vergeben. Der Zugang zu Gott ist nun frei. Weder Opfer und Priester noch Altäre und Tempel sind von nun an mehr nötig, um einen Kontakt zum Schöpfer des Universums zu vermitteln. „Wir haben also jetzt einen freien und ungehinderten Zugang zum wirklichen Heiligtum, liebe Geschwister. Jesus hat ihn durch sein Blut für uns eröffnet. Er hat uns durch seinen Körper – sozusagen durch den Vorhang im Tempel hindurch – einen neuen Weg zum Leben gebahnt. Und wir haben auch einen Hohen Priester, dem das ganze Haus Gottes unterstellt ist. Deshalb wollen wir mit aufrichtigem Herzen voller Vertrauen und Zuversicht in die Gegenwart Gottes treten. Denn unser Herz wurde ja mit dem Blut von Christus besprengt. Damit ist unser Gewissen von Schuld befreit.“ (Hebr 10, 19-22). Für den Christen ist Jesus sowohl das Sühnopfer, als auch der Hohepriester, der damit die Verbindung zu Gott wiederherstellt (Röm 3, 25).

Für den im 1. Jahrhundert lebenden jüdischen Historiker und Politiker Flavius Josephus war der Vorhang des Tempels gleichzeitig ein Symbol des Himmelsgewölbes, das den Menschen vom eigentlichen Herrschaftsbereich Gottes, dem Himmel, trennt (Jüdischer Krieg V, 112-114). Demnach würde das Zerreißen des Tempelvorhangs gleichzeitig diese räumliche Trennung zwischen Gott und Mensch überwinden. Der Mensch könnte Gott dann ungehindert sehen und, zumindest theoretisch, auch zu ihm gelangen.

Über den Verbleib des letzten Vorhangs aus dem im Jahr 70 n.Chr. zerstörten Tempel gibt es unterschiedliche historische Angaben. Die einen Quellen berichten, der Vorhang sei zusammen mit dem übrigen Tempel verbrannt. Nach einer anderen rabbinischen Überlieferung soll Blut aus dem Tempelvorhang herausgetreten sein, als der römische Feldherr Titus ihn nach der Eroberung Jerusalems mit dem Schwert zerschnitten habe. Danach sei das wertvolle Stück dann nach Rom gebracht, im Triumphzug präsentiert und später im Palast des Vespasian deponiert worden (Jüdischer Krieg VII, 162).