LiteraturBuchbesprechungen

Finden, fördern, freisetzen

Das Buch will einen neuen Aposteldienst etablieren, aber klärt nicht genau genug, in welchem Verhältnis der zum biblischen Aposteldienst steht.

Vatter, Stefan. Finden, fördern, freisetzen. Wirksam führen – die Wiederentdeckung des apostolischen Dienstes. Schwarzenfeld: Neufeld Verlag 2016 (2. Aufl.) 288 S. Paperback: 14,90 €. ISBN: 978-3-86256-057-8.

In einer Zeit, in der wir Christen in Deutschland dringend Erweckung nötig haben, ist jeder Anstoß zu einer geistlichen Erneuerung sehr zu begrüßen. Mit dem Autor teile ich die Leidenschaft, die Gemeinde Jesu kritisch zu reflektieren und sie konstruktiv aufzurütteln. Von daher gehört einem Buch wie diesem meine grundsätzliche Sympathie.

Die stark erweiterte Neuauflage gliedert sich in 5 Kapitel. In dem ersten Kapitel stellt der Autor den Ursprung des apostolischen Dienstes vor (S.25ff.). Hier geht er u.a. auf die Frage ein, was Apostel im biblischen Sinne sind und ob es sie heute noch gibt. Ebenso begibt er sich in die Kirchengeschichte und sucht dort nach Beispielen für bekannte Apostel. Kapitel 2 zeichnet das Bild eines echten Apostels von seinem Wesen und seinen Kennzeichen her. Charisma, Charakter, Anforderungen sowie Kennzeichen echter und falscher Apostel sind einige Unterpunkte dieses Kapitels (S. 81ff.). Das apostolische Wirken in dem Reich Gottes, in der Gemeinde und in der Welt wird im dritten Kapitel dargestellt (S. 123ff.), während das vierte Kapitel die Beziehung des Apostels zu der Gemeindeleitung und den anderen Diensten nach Eph 4 beinhaltet (S. 171ff.). In seinem letzten Kapitel widmet sich der Autor der Frage, wie man zu einer apostolisch geprägten Gemeinde werden kann (S. 219ff.).

Wenngleich ich das Buch aus verschiedenen Gründen nicht empfehlen kann (s.u.), möchte ich doch einige positive Punkte hervorheben: Mit dem Autor teile ich die Auffassung, dass es lieblos ist, Menschen zu führen ohne zu wissen, was Gott ihnen anvertraut hat (S. 19). Es ist ein Mangel unserer Gemeinden, dass viele Geschwister ihre von Gott gegebenen Gaben nicht ausleben können, weil es oft genug keine weisen verantwortlichen Brüder gibt, die ein Auge auf diese Geschwister haben. Wenn Vatter schlussfolgert, dass die neuesten Theorien aus Sozialwissenschaften (Soziologie, Psychologie) gewälzt werden, anstatt die Potenziale der Gläubigen freizusetzen (S. 185), dann kann man dies nur von Herzen bejahen. Begrüßenswert ist auch der Hinweis, dass die Gemeinde Jesu in erster Linie geistlich dynamisches Leben braucht, was Gemeindewachstumstheorien oder soziologische Erkenntnisse nicht bewirken können (S. 245), wenngleich der Autor mir als Leser leider ein anderes Bild vermittelt (s.u.). Auch von den Ausführungen zu den Kennzeichen falscher Apostel (S. 112) habe ich profitiert. Selbst wenn man die Grundausrichtung des Autors nicht teilt, können in dem Buch insgesamt viele überdenkenswerte Passagen zu dem apostolischen Dienst entdeckt werden, die auch für Gemeinden ohne Apostel angewendet werden können.

Hauptkritikpunkt an dem Buch ist die unzureichende Auseinandersetzung mit der Frage, ob der apostolische Dienst heute noch in gleicher Weise gültig ist wie zur Zeit des NT. Zwar bemerkt der Autor völlig richtig, dass es neben den 12 Aposteln noch andere Apostel gab, allerdings kann er nicht schlüssig erklären, warum dieser Dienst bis heute andauert. Mindestens auf die seiner Auffassung entgegenstehenden Stellen Eph 2,20 und 4,11 hätte er näher eingehen müssen, um darzulegen, warum Apostel nicht nur zu Beginn des Gemeindezeitalters gegeben wurden. Der interessierte Leser sei auf Wayne Grudems Biblische Dogmatik, S. 1011f. verwiesen, der wohl kaum eine cessationistische Grundausrichtung vorgeworfen werden kann. In dem Zusammenhang sei angemerkt, dass die Auffassung, die Geistesgaben des NT haben mit dem Ausklingen des NT geendet, nicht als Dispensationalismus, sondern als Cessationismus bezeichnet wird (insoweit falsch: Fußnote 120, S. 61).

Ein weiterer großer Kritik­punkt ist die geschickt taktierende Wortwahl des Autors, die mich als Leser verärgert. Wenn Vatter den von ihm propagierten fünffältigen Dienst dem einfältigen Dienst gegenüberstellt (S. 20), dann wird doch suggeriert, dass Gemeinden ohne die Akzeptanz von Propheten, Aposteln etc. dümmlich sind. Stattdessen wird das eigene Konzept klug mit euphemistischen Vokabeln umworben („Erfahren Sie die befreiende Wirkung des apostolischen Dienstes!“, S.16) und sogar trinitarisch begründet. Der in der Klarheit und Wahrheit der Heiligen Schrift geübte Leser muss hier aufhorchen.

Der Autor wirkt darüber hinaus unglaubwürdig, wenn es ihm um ein geistlich dynamisches Leben geht und dabei dennoch im Stile der bekannten Gabentests Kurztests zur Selbst- und Fremdeinschätzung vorlegt (S. 205ff.).

Dass Vatter den apostolischen Dienst auch für Frauen öffnet (S. 46ff.), wobei er dann bei den aus 1 Tim 3,1ff. entnommenen Kriterien die männliche Grundvoraussetzung ohne Worte ausspart, erschließt sich mir ebenfalls nicht. Gleichermaßen mutet es mehr als merkwürdig an, wenn „auf Zeichen- und Wunderwirkungen des apostolischen Dienstes“ nicht verzichtet werden kann (S. 99). Auch wenn erschreckend viele bekannte Vertreter verschiedener Gemeindeschattierungen das Buch empfehlen (Johannes Reimer, Horst Afflerbach, Peter Wenz, Johannes Hartl, Heinrich Christian Rust, Gerd Goldmann (!)), bleiben dem Leser viele Fragen offen: Werden nun die bibeltreuen Gemeinden übersät mit selbsternannten Apostel/-innen oder apostolischen Berater/-innen? Und ist Gott etwa davon abhängig, dass der fünffältige Dienst erkannt und „freigesetzt“ wird, damit es erst zur Erweckung kommt?

Es würde zu weit führen, weitere Kritikpunkte aufzuführen. Ich empfehle dem Leser, der Gottes Willen für die Gemeinde Jesu erkennen und tun will, die beste Alternative: Sein irrtumsloses Wort und eine fröhliche, geistliche, demütige Gemeinschaft im ständigen Gebet und Flehen vor ihm.