LiteraturBuchbesprechungen

evangelikal – Von Gotteskindern und Rechthabern

Hemminger, Hansjörg. evangelikal. Von Gotteskindern und Rechthabern. Gießen: Brunnen Verlag 2016. 240 S. Paperback: 15,00 €. ISBN: 978-3-7655-2049-5.

Der Autor, bis zu seinem Ruhestand Beauftragter für Welt­anschau­ungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, möchte mit diesem Buch die evangelikale Bewegung darstellen und zum Nachdenken anregen. In drei Teilen zeigt er die Geschichte der Evangelikalen bis zur Gegenwart, die Schwerpunkte der Bewegung und die evangelikale Wahrnehmung bei den Kirchen und der Welt auf.

Leider kann das Buch nicht empfohlen werden. Der Autor geißelt in schön gekleideten Worten den Wahrheitsbegriff des sogenannten Bibelfundamentalismus der Chicago-Erklärung als neuzeitlich (S. 45, 123), behauptet ohne irgendeine Argumentation, dass die Bibel in Konkurrenz zu Jesus trete, wenn man die Bibel als allgenügsame Offenbarung Gottes verstehe (S. 122) und versteift sich darauf, dass „zahlreiche Widersprüche (…) sich nur durch Selbsttäuschung überdecken“ lassen (S. 124f.). „Gnädiger“ geht der Autor mit den Kindern um. Ihnen braucht ihre Sündhaftigkeit nicht mehr erklärt zu werden, denn sie gehören ja schon aufgrund von Jesu Worten zum Reich Gottes (S. 87).

Wo die Bibel keinen großen Stellenwert hat, wird auch nicht mehr mit der Bibel argumentiert. Der (evangelikale) Leser vermisst schmerzlich Bibelstellen als Belege, vielmehr muss er sich auf das Urteil des Autors verlassen, der über jeden und alles zu Gericht sitzt. Hemminger kritisiert die KfG (S. 83, 107), das Missionswerk Werner Heukelbach (S. 86f.), die Brüderbewegung (S. 107), die Chicago-Erklärung (S. 121ff.), C.H. Spurgeon (S. 123), Werner Gitt (S. 124), Ulrich Parzany (S. 165ff.), E.A. Wilder-Smith (S. 196), Wort und Wissen (S. 196ff.) und viele mehr in teils heftiger, mindestens aber unfairer Weise. Dass er die Arbeit von Wort und Wissen als Werk des Teufels darstellt (S. 196f.) ist nur die Speerspitze seiner irrsinnigen Thesen. Man merkt den starken Einschlag von Siegfried Zimmer, den der Autor mehrfach zitiert und dessen Werk „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben“ zum Weiterlesen empfohlen wird.

Dass ein (ehemals?) evangelikaler Verlag ein solches Buch auflegt, ist unverständlich. Leider wird das Buch Wasser auf die Mühlen derer sein, die eine Ökumene der Bibelfundamentalismus-Feinde anstreben. Ich warne mit Entschiedenheit vor den Behauptungen dieser fromm klingenden und verführenden Schrift.