ThemenGeschichte der Christen

Calvins Lehre über die Bekehrung

Der Mensch soll zu Gott umkehren, aber er braucht zugleich Gottes Hilfe, damit er das überhaupt kann. Der Reformator Johannes Calvin hat sich über diesen Zusammenhang Gedanken gemacht und eine Lehre formuliert.

Die Bekehrung wird in der Bibel an mehreren hundert Stellen erwähnt, wenn wir jedoch die Menschen fragen oder die Predigten der Pfarrer anhören, wie sie eigentlich die Bekehrung erklären, können wir uns unter den vielen verschiedenen Antworten nur schwer zurechtfinden. Deshalb halten wir es für wichtig, auch im Zusammenhang mit diesem Begriff „reines Wasser“ einzuschenken. Dieses reine Wasser suchen wir Reformierte deshalb bei Calvin, weil das alle ihn lesenden Menschen davon überzeugen kann, dass nur wenige so auf der Lehre der Bibel bestanden und nur wenige die Bibel auch „fachlich“ als großen Lehrer verstanden, dessen 500. Geburtstags1 die „calvinistischen“ Kirchen der Welt in diesem Jahr gedenken.

Wenn jemand in der größten und bekanntesten Arbeit Calvins, in seinem 1559 erschienenen Werk Instituto Religionis Christianae ((Auf ungarisch: Kálvin János, A Keresztyén Vallás Rendszere I.( Pápa: Ref. Föiskolai Nyomda, 1909), Weiter: Institutio.)) die Erklärung des Wesens der Bekehrung sucht, findet er diese im III. Buch, das den Titel „Über die Art und Weise, in der wir Christi Gnade empfangen …“ trägt. Dieser Titel verrät bereits, dass Calvin an erster Stelle die Frage interessierte, wie der Mensch an Christi Gnade teilhaben kann. Wie kann jemand an dem Heil teilhaben, das Christus uns mit seinem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung verschafft hat? Wie können die Buße, die selige Auferstehung und das Geschenk des ewigen Lebens uns erreichen?

1. Die biblischen Gesichtspunkte Calvins im Zusammenhang mit der Bekehrung

Um die Antwort Calvins zu verstehen, müssen wir die biblischen Gesichtspunkte kennen, die er bei der Behandlung der Bekehrung vor Augen hatte.

a) Er nahm das, was die Bibel über den sündigen Zustand des Menschen lehrt, sehr ernst. Laut Calvin besteht die Erbsünde und das größte Elend des Menschen darin, dass in dem nach dem Sündenfall geborenen Menschen das höchste Gute fehlt (Privatio boni): die Verbindung mit Gott! Anders ausgedrückt: Christus.

„So lange Christus nicht in uns ist, wir jedoch von Ihm getrennt sind, ist Seine Erlösung für uns vergeblich.“2

b) Sehr ernst nahm er auch, dass der ohne Christus lebende Mensch, der seelisch tot ist, im Sündenfall seinen freien Willen zum Glauben und zum Tun des Guten verloren hatte. (Röm3,11-12; Eph 2,1 usw.) D.h., dass er aus freiem Entschluss weder zu glauben noch dem Maß­stab Gottes entsprechend Gutes zu tun in der Lage ist. Da die Bibel jedoch schreibt, dass der Mensch allein durch den Glauben Christus und die Gnade gewinnen kann, beschäftigte Calvin die Frage, wie der Mensch auch dann Christus besitzen und er Christus gehören kann, wenn er von allein nicht einmal fähig ist, wirklich zu glauben.

c) Weiterhin spielte bei Calvin in seinen mit der Bekehrung zusammenhängenden Gedanken die biblische Offenbarung der Prädestination (Gnadenwahl) eine Rolle.

Der ohne Christus lebende Mensch kann aus freiem Entschluss weder glauben noch Gutes tun

Calvin sah klar, dass das Heil außerhalb des menschlichen Wirkungsbereichs liegt. Der Mensch ist gerade selbst wegen seiner Sündhaftigkeit unfähig, seine elende Lage zu verändern, d.h. er ist unfähig, an Jesus Christus zu glauben und sich zu bekehren, dazu fehlt ihm der freie Wille. Deshalb ist hinter dem Gelangen des sündigen Menschen zum Glauben und zur Bekehrung ausschließlich Gottes Heilswille im Hintergrund verborgen (sola gratia).

d) Er nahm auch die biblische Wahrheit sehr ernst, dass alles, was der sündige Mensch am meisten benötigt, an das einzige und wichtigste Geschenk, an Christus, gebunden ist, von dem diese Geschenke nicht getrennt werden können. Eigentlich deshalb braucht der Mensch Christus. Der der Sünde verfallene Mensch muss mit Ihm in eine persönliche, lebendige Gemeinschaft gelangen und dann werden alle Schätze Gottes dem Gläubigen gehören. Für Calvin war von größter Bedeutung, den Gläubigen in Christus einzupfropfen (insitio in Chris­tum). Der Gläubige wird mit Jesus Chris­tus vereint, der somit „nicht nur an allen rechten Taten Anteil hat, sondern uns zu einem Teil von sich selbst macht“.3 An Ihm teilhabend, haben wir Anteil an Seinen rechten Taten (beneficia Christus), z.B. Sündenvergebung, Freispruch und ewiges Leben. Die Gläubigen besitzen also die Kraft ihres neuen Lebens nicht in sich selbst, sondern in Jesus Christus. Auch die Gewissheit ihres neuen Lebens und ihres ewigen Lebens liegt allein in Ihm! Für den Menschen ist also Christus das größte Geschenk.

e) Letztendlich sah Calvin klar die entscheidende Bedeutung des Glaubens an Jesus Christus. Bei Calvin – und bei den Reformatoren allgemein – bedeutet der Glaube an Christus nicht, anzunehmen, dass Er lebte, dass Er existiert, sondern viel mehr: es bedeutet, dass wir das Evangelium über Ihn annehmen. In
diesem Zusammenhang nehmen wir Ihn selbst auf und treten somit mit Ihm in eine Lebensgemeinschaft. Das ist anders auch nicht möglich, nur durch den Glauben (sola fide).

2. Die Schwerpunkte der Lehre Calvins

In der Gemeinschaft mit Christus erhält der glaubende Mensch Sündenerkenntnis, Buße und den inneren Kampf gegenüber der Sünde

a) Calvin untersuchte die Frage der Bekehrung auch von Christus aus betrachtet (sub speciae aeternitatis). Seine erste Frage war immer, was tat und was tut Chris­tus für meine Bekehrung? Im Zusammenhang mit der Bekehrung des Menschen fragte er nicht, was muss derjenige tun, der sich bekehren möchte, sondern was muss er glauben? Die die Bekehrung begleitende Freude der Buße und der Sündenvergebung ist immer eine Folge des Glaubens und nicht eine Bedingung für den Glauben, den der Geist von Christus durch die Verkündigung des Evangeliums im Herzen des Menschen weckt. Als der Gefängniswärter von Philippi Paulus fragte, was muss ich tun, um gerettet zu werden, erhielt er die Antwort, „glaube an den Herrn Jesus Christus!“ (Apg 16, 30-31.) In der Gemeinschaft mit Christus erhält der glaubende Mensch Sündenerkenntnis, Buße und den inneren Kampf gegenüber der Sünde. Calvin beschäftigte der Begriff der Bekehrung also nicht so, wie die meisten uns bekannten Evangelisten. Er analysierte nicht den biblischen Begriff der Bekehrung, ihn interessierte nicht einmal, wie man sich richtig bekehrt oder aus welchen Elementen die Bekehrung besteht, damit jeder sich selbst danach kontrollieren kann, ob er tatsächlich bekehrt ist oder nicht. Er untersuchte das sehr wichtige
Ereignis der Bekehrung von Christus aus betrachtet.

b) Eindeutig machte er klar, dass der Mensch nur so Christus gehören kann und Christus ihm gehört, wenn Christus selbst durch die Verkündigung des Evangeliums zu den verlorenen und hilfslosen sündigen Menschen kommt und den wahren Glauben im seelisch toten Menschen bewirkt (Eph 2,8-9). Calvin glaubte und verkündete unbeirrt, dass in allen Fällen Christus im Menschen den erweckenden Glauben an Jesus Christus anregt, der uns mit Ihm durch den Heiligen Geist verbindet oder, wie Calvin häufig sagt, durch den Heiligen Geist in den Leib von Christus eingepfropft wird (Eph 5,30). Wir können also nicht genug betonen, dass Calvin als einzige Ursache für die Bekehrung des Menschen Christus sah und nicht den Menschen.

c) Calvin betonte auch, dass Christus, wenn er durch den Glauben in eine Lebensgemeinschaft mit uns tritt, unsere Person in Anspruch nimmt, unter seine Herrschaft bringt und nicht zulässt, dass wir unsere sündhafte Lebensführung unangefochten und ungestört weiter fortsetzen. Er ist derjenige, der uns unsere Sünden erkennen lässt und zur Buße bewegt. Er versichert uns der Vergebung unserer Sünden, richtet uns dadurch auf und fordert uns zum Widerstand, zum „Soldat sein“, zum Kampf gegenüber unseren Sünden auf. Dieser durch die Gnade bewirkte Kampf gegen die Sünde dauert dann das ganze Leben des Menschen und endet nur mit dem Tod. Das Wesentliche ist auch hier, dass wir diese Wendung
in uns, die wir als Absterben des alten Menschen, d.h. als Widerstand gegen die Sünde bzw. als Beleben des neuen Menschen, d.h. als Erscheinen des neuen Lebens in uns bezeichnen, nicht eine Leistung des Menschen ist, sondern die Wirkung des Kreuzestodes und der Auferstehung des Chris­tus in dem Ihn aufnehmenden Menschen. Wenn der Mensch also durch den Glauben Christus angenommen hat, hat er am Tod und an der Auferstehung von Christus Teil, wodurch sich seine Situation und sein Leben vor Gott ändern.

Exkurs: Demzufolge sind gemäß Calvin die Rechtfertigung (Zustand vor Gott) und die Heiligung (oder Wiedergeburt! – das Leben) gleichermaßen eine Folge dessen, dass der Gläubige in Jesus Christus eingegliedert wird. Wenn der Gläubige mit Jesus Christus verbunden wird, wird er gereinigt und betritt damit den Weg der Heiligung. Diese beiden Elemente konnten übrigens vor Calvin Luther und Zwingli sehr schwer miteinander verbinden. Calvin konnte diese beiden (Rechtfertigung umsonst, Verpflichtung zum Gehorsam) in einer Einheit erhalten, weil er sie der Vereinigung des Gläubigen und Jesus Christus untergeordnet hatte: Damit wurde der Sünder umsonst von Gott angenommen und als Forderung stand vor ihm der Gehorsam.

Erst wenn wir in Lebengemeinschaft mit Christus sind, erhalten wir die Geschenke der Sündenvergebung, der Sündenerkenntnis und der Buße, die Rechtfertigung, die Heiligung und die Adoptierung als Kinder Gottes

Wenn wir also Calvin über den Ablauf der Bekehrung des Menschen befragen, können wir sagen, dass gemäß ihm alles damit beginnt, dass Christus infolge der Verkündigung und des Anhörens des Evangeliums der Gnade zuerst den Glauben in uns erweckt, durch den wir Christus annehmen und mit Ihm in eine Lebensgemeinschaft treten können. In dieser Gemeinschaft mit Christus erhalten wir die Geschenke der Sündenvergebung, der Sündenerkenntnis und der Buße, die Rechtfertigung, die Heiligung und die Adoptierung als Kinder Gottes. Danach beginnt der Kampf gegen unsere Sünden, die der Heidelberger Katechismus als täglichen Kampf der Entkleidung des alten Menschen und die Aufnahme des neuen Menschen beschreibt, was erst mit dem leiblichen Tod endet. Hinter allen diesen steht die auswählende Gnade und Liebe der Dreifaltigkeit.

3. Die Aktualität der Lehre Calvins

Wenn wir anerkennen, was Calvin und unsere im Sinne seiner Lehren formulierten Glaubensbekenntnisse (Confessio Helvetica Posterior Cap. XIV., Heidelberger Katechismus, Fragen 88 und 89) über die Bekehrung lehren, müssen wir auch den praktischen Folgen dieser entgegen sehen.

a) Zuerst müssen wir das Wesen des Evangeliums immer wieder neu klären! Wenn wir nämlich nicht das Evangelium verkünden, können wir auch nicht mit wirklichen Bekehrungen rechnen, denn Gott bewirkt gerade durch die Verkündigung des Evangeliums die Bekehrung im Menschen. Grundsätzliche Ursache für den Verfall unserer Kirche und unserer kirchlichen Gemeinden ist, dass das Evangelium von Jesus Christus nicht verkündet wird. An die Stelle des wahren Evangeliums treten vielerlei falsche Evangelien. Wenn wir von Calvin etwas lernen wollen, ist das Erste, dass wir von ihm das Wesen des Evangeliums lernen und die Verkündigung des Wortes Gottes mit dem Evangelium, d.h. Jesus Christus, als Mittelpunkt beginnen. Allein dadurch können Menschen bekehrt werden und dann beginnen auch unsere kirchlichen Gemeinden den Weg der Erneuerung zu betreten.

Machen wir klar, dass die Bekehrung erst der Anfang des neuen Lebens ist und nicht das Erreichen des Ziels

Die Gedanken Calvins konfrontieren also die Verkündiger des Wortes auch mit der Frage, was wir verkündigen. Sollen wir das Evangelium Jesus Christus in den Mittelpunkt stellen oder den Sünder, die Sünden bzw. die Aufgaben der Sünder? Sollen wir betonen, dass die Bekehrung eigentlich nichts anderes ist als die Annahme des für die Sünder gestorbenen und wiederauferstandenen Nazareners Jesus Christus als Erlöser und Herr? Machen wir klar, dass die Bekehrung erst der Anfang des neuen Lebens ist und nicht das Erreichen des Ziels?

Anmerkung: Die auf dem Wort Gottes begründeten Lehren Calvins schließen mit nobler Einfachheit die mehrstufige Heilslehre aus – wir denken hier an die Lehre, die die Bekehrung räumlich und zeitlich trennt, z.B. von der Wiedergeburt, letztere von der Taufe mit dem Heiligen Geist, von der Heiligung… Wenn jemand den im Evangelium vor uns stehenden Jesus Christus mit Glauben annimmt, gewinnt er zusammen mit Jesus Christus alles auf einmal: In Ihm gab uns der Vater alles. Wir können nicht verkünden, dass du bekehrt bist, jedoch noch nicht wiedergeboren… Oder: Du bist wiedergeboren, hast jedoch die Taufe des Heiligen Geistes noch nicht erhalten.

b) Aus den bisherigen Ausführungen geht vielleicht auch hervor, dass:

1. die Bekehrung/Buße für Calvin kein Tabuthema ist, das in der Gegenwart viele als ein überflüssiges und „verdächtiges“ Ding vermeiden.

2. weiterhin viele irrtümlich denken, dass es sich bei der Bekehrung ebenfalls ausschließlich um irgend­eine Leistung des Menschen handelt.

Häufig können wir auch hören, dass Bekehrung und Wiedergeburt zwei Seiten der gleichen Medaille sind. „Die Bekehrung ist eine Tat des Menschen, die Wiedergeburt eine Gottes“, sagen viele. Das erweckt jedoch den Eindruck, als hätte Gott mit der Bekehrung nichts zu tun, als wäre diese allein eine Tat des Menschen. Wir können auch hören, dass, wenn jemand zuerst zur Sündenerkenntnis, danach zur Buße gelangt und schließlich seine Sünden bekennt und sich Ihm hingibt, dann die Bekehrung erfolgt, für die er als Antwort die Sündenvergebung oder die Wiedergeburt erhält und sich vor ihm einmal der Himmel öffnen wird.

Calvin wollte jedoch die Aufmerksamkeit seiner Leser darauf richten, dass sie in der Buße/Bekehrung in erster Linie die Gnadenarbeit des Herrn sehen und nicht die Leistung des Menschen.

3. Dank Calvin verstehen wir klarer, dass die Bekehrung nicht die Annahme von etwas (Sündenvergebung, das Blut von Jesus, ewiges Leben), sondern von Jemand, d.h. dem Nazarener Jesus Christus als Erlöser und Herr durch den Gläubigen bedeutet, in dem alle Geschenke Gottes uns gehören werden.

4. Die Änderung der Denkweise über die Bekehrung beeinflusst auch unsere Umgangssprache über die Bekehrung. In Verbindung mit der Bekehrung werden – wenn diese überhaupt zur Sprache kommt (!) – mehrere verschiedene Fragen unter den Christen ins Gespräch gebracht.

Zum Beispiel: „Bist du schon bekehrt?“, „Wann hast du dich bekehrt?“, „Wo hast du dich bekehrt?“, „Bei wem?“, „Wie hast du dich bekehrt?“, „Kannst du den Ablauf deiner Bekehrung erzählen?“, „War deine Bekehrung eine richtige?“, „Aus welchen Schritten besteht die Bekehrung?“, „Was muss derjenige tun, der sich bekehren möchte?“ usw. Natürlich sind diese Fragen grundsätzlich deshalb berechtigt, weil Gott in der Bibel dennoch alle Menschen zur Bekehrung auffordert, mit dem schwerwiegenden Hinweis, dass derjenige, der sich im Laufe seines Erdenlebens nicht bekehrt, verdammt wird (Apg 17, 30-31). Deshalb ist auch die Untersuchung der menschlichen Seite berechtigt. Gleichzeitig haben diese Fragen alle etwas Gemeinsames, dass sie die Rolle des Menschen bei der Bekehrung suchen und die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen ablenken: dass die Bekehrung die Arbeit des Geistes Gottes ist, das Wunder der Gnade. Diese Betonung müssen wir den Gedankenaustauschen über die Bekehrung zurückgeben.

c) Calvins Lehre veranlasst auch uns, die bei den Evangelisationen in der Gegenwart angewandten „die Bekehrung herbeiführenden“ Techniken kritisch zu behandeln, die darin gipfeln, dass die Bekehrten nach der Evangelisation ihre Hände hoch hielten oder aufstanden, zum Tisch des Herrn traten und erklärten, dass sie sich bekehrt haben. Diese die Bekehrung fördernden – an den freien Willen des Menschen appellierenden Techniken – kamen infolge der Evangelisierungsbewegung im 18.-19. Jahrhundert in Mode und deren Richtigkeit wurde mit den Ergebnissen, d.h. mit den massenweisen Bekehrungen bezeugt.

Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass es immer Menschen gab und gibt, die über eine bei derartigen Evangelisierungen erfolgende „zeitpunktgemäße“ Bekehrung nicht berichten können, „nur“ darüber, dass sie an Jesus Christus, an die Vergebung ihrer Sünden und daran glauben, dass sie ihr Heil nicht verlieren können. Waren diese – da sie sich nicht gemäß der üblichen Bekehrungsschablone bekehrten – keine bekehrten Menschen? Es lohnt sich, darüber nachzudenken, warum unsere ehemalige Theologen so über die Bekehrung sprachen wie über die Ausdehnung eines Prozesses oder über eine „evolutionäre“ Bekehrung (z.B. Prof. J. Sebestyén).

Die entscheidende Frage ist nicht, wann, bei wem, wo und wie jemand sich bekehrte, sondern die, was wir jetzt über Christus und seine Erlösung glauben

Calvin lehrt, dass die eigentliche Frage in Verbindung mit der Bekehrung nicht ist, wann, bei wem, wo und wie jemand sich bekehrte, sondern die, was wir jetzt über Christus und seine Erlösung glauben und ob die Herrschaft Christi, deren Zeichen die Liebe zu Christus sowie der Widerstand und der Kampf gegen die in uns wohnende Sünde in unserem Leben sind, begonnen hat.

Anmerkung: Bei der Seelsorge müssen wir die bei der Anwendung der oben erwähnten Evangelisationsmittel erreichten, augenblicklichen, plötzlich erfolgenden massenweisen Bekehrungen zum Gegenstand einer gründlichen Prüfung machen. Bei einem persönlichen Gespräch kann sich herausstellen, ob die auf diese Weise herbeigeführten Bekehrungen tatsächlich Bekehrungen sind oder nur Anfänge, die später zu einer wirklichen Bekehrung reifen.

Wenn wir den calvinistischen Begriff der Bekehrung untersuchen, ergibt sich auch bei mehreren die Frage, was wir über die Bekehrung von Calvin selbst wissen. Darüber schreibt ein Verfasser seines Lebenslaufs:

„Wenn wir über die Bekehrung von Calvin sprechen, müssen wir im Wesen die innere Umwandlung verstehen, die infolge der Natur der Sache ein längerer Prozess ist und der an keine zeitlichen Daten gebunden werden kann“.4

Jedoch auch Calvin zitierend:

„Mein Herr, das Licht Deines Geistes hast Du auf mich ausgegossen, … in meine Hand hast Du die Fackel Deines Wortes gegeben, damit ich die Eigenschaft aller bösen Dinge erkenne, meinen Geist hast Du beflügelt, mich auf eine würdige Weise zu bewahren.“ „Als ich die Zustände gründlicher untersuchte, bemerkte ich wie bei einem Licht der auf mich flutenden Helligkeit, fühlte ich, wie schmutzig ich war … spürte geradezu den ewigen Tod. Als meine dringendste Aufgabe betrachtete ich, dass ich – wenn auch nicht ohne jedes Seufzen und Tränen – mein bisheriges Leben verurteile und ein neues Leben beginne.“5

Trägt der Mensch nach Calvin denn überhaupt eine Verantwortung bei der Bekehrung?

d) Calvins Lehre wirft natürlich auch die Frage auf, ob der Mensch, wenn alles Christus durch seinen Heiligen Geist für die Bekehrung des Menschen handelt und wenn Er der Veranlasser dieser ist, bei der Bekehrung überhaupt eine Verantwortung trägt. In der Frage benutzen wir absichtlich das Wort „Verantwortung“! Auf die gestellte Frage ist die eindeutige Antwort der Bibel, ja! Die Verantwortung des Menschen besteht darin, ob er den mit dem Geschenk der Gnade zu ihm kommenden Christus annimmt oder ablehnt. Die Verantwortung bedeutet, dass jeder Mensch für seinen Widerstand vor Gott Rechenschaft ablegen wird. Jesus sagte zu denjenigen, die Ihn abgelehnt hatten:

„Jerusalem, Jerusalem… wie oft wollte ich deine Bewohner um mich scharen, wie eine Henne ihre Küken unter die Flügel nimmt, und du hast das nicht gewollt. Deshalb wird Gott euren Tempel verlassen.“ (Mt 23, 37-38)

Aus Worten von Jesus geht also hervor, dass Gott alles für unsere Bekehrung und unser Heil getan hat und tut. Dieses „alles“, was Er tat, bedeutet, dass Christus uns bereits erlöst hat! Und dieses „alles“ bedeutet auch, dass er die Nachricht des Evangeliums auf jeden Fall zu uns kommen lässt.

Ein Prediger fragte einmal seine Zuhörer, was ihrer Meinung nach das Schwerste auf der Welt ist. Sie konnten keine richtige Antwort geben. Die richtige Antwort lautete: Das Schwerste ist, einen Menschen zu verdammen. Deshalb, weil Gott alles dafür tut, um uns zu retten.


  1. Gemeint ist das Jahr 2009. Calvin wurde am 10. Juli 1509 in Noyon, Picardie geboren und starb am 27. Mai 1564 in Genf. 

  2. Institutio, p. 513. 

  3. Institutio, III. 2. 24. 

  4. Pruzsinszky Pál, Kálvin János (Pápa: Ref. Fôiskolai könyvnyomda, 1909), pp. 66-75. 

  5. Pruzsinszky: 1909. pp.74 -75. Zitiert das Schreiben Calvins an Cardinal Sadolet.