ThemenWeltanschauungen

Im Namen der Wissenschaft: Das Urteil ist Gesprochen

Die launige Abrechnung von Dr. Harald Lesch mit dem Schöpfungsglauben und dem Intelligent Design will in einer Gerichtsverhandlung das letzte Urteil sprechen. Doch sämtliche „Beweise“ sind gar keine, weil sie weder stichhaltig sind, noch überhaupt belegen, was behauptet wird.

Über eine launige Abrechnung mit Schöpfungsglauben und Intelligent Design durch Harald Lesch bei „Terra X“ im ZDF

In der bekannten ZDF-Sendung „Terra X“ vom 22. Februar 2017 beschäftigte sich der durch Wissenschaftssendungen bekannte Astrophysiker Dr. Harald Lesch mit der Frage, ob Gott die Welt erschaffen hat. Der 8-Minuten-Beitrag1 ist eine launige Verunglimpfung von „Kreationismus“ und „Intelligent Design“ und ein Musterbeispiel einseitiger „Beweisaufnahme“.

Der Einstieg

Lesch beginnt mit der Feststellung, dass in Deutschland 18 % der Menschen (in USA sogar 40 %) glauben, dass Gott den Menschen geschaffen habe. Das seien Kreationisten. Er definiert diese Gruppe so:

„Das sind die Leute, die sagen, da brauchen wir nur in der Bibel reinzugucken, und wenn wir jetzt die Bibel wörtlich auslegen, dann sehen wir doch, was der Fall ist.“

Sie würden sich aber nicht Fundamentalisten nennen, sondern „Anhänger der Intelligent-Design-Theorie“, „um auch ein bisschen die Probleme mit der Wissenschaft zu vermeiden“. Begon­nen wird also mit einer karikaturhaften Beschreibung und einem sachlichen Fehler, indem Krea­tio­nismus (bzw. Fundamentalismus) mit „Intelligent Design“ gleichgesetzt wird. Die These des „Intelligent Design“ wird im weiteren so charakterisiert: Lebewesen seien so kompliziert, dass sie nicht von alleine entstanden sein können, sie müssen erschaffen worden sein. Das ist im Grundsatz zwar korrekt, bleibt aber sehr ungenau. Dann folgt die nächste Karikatur: Befürworter des Intelligenten Designs würden glauben, dass der Mensch „von außen in die Naturgeschichte hineingesetzt worden sei“ – „plotsch – und dann sagt ihm der Designer, nachdem er ihn designt hat, jetzt mach dir die Erde untertan“. Das sei eine schöne „Machtvorstellung“, so der Autor der Sendung. Vielleicht sind ja meine Ansprüche zu hoch, wenn ich von einem solchen TV-Format erwarte, dass der biblische Auftrag „Macht Euch die Erde untertan“ ernsthaft und sachgemäß erklärt wird.

Die Beweisaufnahme

1. „Beweis“: Nachklänge der Evolution

Prof. Dr. Harald Lesch bei einem Vortrag: Es geht überall in der Natur mit rechten Dingen zu. (Bild: common wiki)

Nachdem die Thesen über Kreationismus und Intelligent Design dem Zuschauer fehlerhaft und karikiert präsentiert worden sind, geht Lesch wie in einem Gerichtsverfahren zur Beweisaufnahme über: „Was wäre denn ein Anzeichen dafür, dass der Mensch von einem Säugetier abstammt?“ Lesch bringt einen „Kronzeugen“ (wie er es nennt): der amerikanische Schauspieler Mark Wahlberg – er sei ein Zeuge für die Evolutionstheorie. Warum? Er hat drei Brustwarzen, und die überzählige ist – wie bei anderen Menschen mit einer zusätzlichen Brustwarze – entlang der sogenannten „Milchleiste“ positioniert. Genauere Erklärung? Erneut Fehlanzeige. Dumm jedenfalls, dass normale Brustwarzen immer paarig auftreten und unpaariges Vorkommen nicht gut als „Nachklang“ zu einer Abstammung von nichtmenschlichen Säugetieren passt. Doch selbst wenn es passen würde: Dieser Form­bildungsfehler ist völlig unabhängig von Evolution erklärbar; er hängt mit der Art der Verwachsung von Hautpartien während der Embryonal­entwicklung zusammen.2

2. „Beweis“: Was ähnlich aussieht, stammt voneinander ab

Der nächste Zeuge ist das Ähnlichkeits-Argument, dessen Popu­larität damit erneut unterstrichen wird. Demnach verweisen Ähnlichkeiten verschiedener Arten von Lebewesen auf einen gemeinsamen Vorfahren. Lesch demonstriert das an einem Drahtmodell, durch dessen Ver­formung unterschiedliche Gestaltungen wie ein Zylinder, eine Kugel oder andere For­men erzeugt werden können. Das nenne man Homologie – Strukturen also, die „eine ähnliche Form haben, aber unterschiedliche Funktion“ – und so etwas finde man zum Beispiel bei den Vordergliedmaßen der verschiedenen Wirbeltiere. Dort sei auch „durch Zusammendrücken die Funktion verändert“.

Der ungeschulte Zuschauer merkt hier vermutlich nicht, dass das Drahtmodell zur Veranschaulichung von Evolution denkbar ungeeignet ist: Es verformt sich schließlich nicht von alleine. Außerdem kann es in seiner Funktionalität kaum mit der Funk­tionalität lebender Strukturen verglichen werden. Und wenn wir schon dabei sind, „Zeugen“ aufzurufen. Der Zeuge „Homo­logie“ spricht keine klare Sprache und kann – um im Bild zu bleiben – gar nicht mitteilen, ob der „Täter“ ein Schöpfer war oder rein natürliche Prozesse. Dazu müssten weitere Zeugen aufgerufen werden bzw. der Zeuge „Homologie“ genauer nach seiner Entstehungsgeschichte „befragt“ werden.

3. „Beweis“: Was nicht optimal erscheint, kann nicht erschaffen sein

Nach dem oberflächlich und irreführend präsentierten Homologie-Argument anhand des Drahtmodells steigert sich Lesch und ruft die Wale auf:

„Der hatte keine Wahl – der Wal. Das ist also … ein deutlicheres Beispiel gegen einen intelligent Designer als den Wal gibt’s eigentlich gar nicht“ (so wörtlich!).

Begründung: Die Brustflosse sei gar keine Flosse; ein Designer hätte die Walflosse anders gebaut, nicht mit so deutlichen Ähnlichkeiten im Skelettbau mit Vorderextremitäten von landlebenden Säugetieren.

Der Wal hat keine Hinterbeine, die von der Evolution übriggeblieben sind, sondern Bauchknochen, an denen Muskeln für Darm und Geschlechtsorgane ansetzen.

Woher Harald Lesch weiß, wie ein guter Designer die Walflosse richtig hätte konstruieren müssen, bleibt an dieser Stelle sein Geheimnis. Jedenfalls kann er seine Behauptung wieder nicht begründen; dazu müsste er z.B. mindestens den Plan für einen besseren Wal liefern.

4. „Beweis“: Die „Beine“ des Wals

Etwas spannender ist da schon sein Hinweis, dass der Wal „Hinterbeine“ habe. Das aber wird von Harald Lesch nicht korrekt dargelegt wird: Es sind die Bauchknochen gemeint, die immer wieder als Reste von Becken und Beinknochen interpretiert wurden, die aber äußerlich gar nicht sichtbar sind. Warum spricht er dann von „Beinen“ beim Wal? Also habe der Wal einmal an Land gelebt, so schließt Lesch scharfsinnig.

Hier fehlen wieder wichtige Informationen, die auch eine Deutung erlauben, ohne Evolution als Erklärung zu bemühen. Die Bauchknochen haben nämlich lebenswichtige Funktionen als Muskelansatzstellen für Darm und Geschlechtsorgane und zeigen folgerichtig einen Sexualdimorphismus, d.h. sie sind bei männlichen und weiblichen Walen anders geformt. Warum sollten sie also nicht genauso geschaffen worden sein? Warum sollte also Evolution die einzige Erklärung sein? Wieder ist die Darlegung und Argumentation selektiv, einseitig und irreführend. Leschs märchenhafte Geschichte über den mutmaßlichen Walvorfahren geht weiter:

„Mit dem ausgerüstet, was er so hatte an Instrumenten, isser dann ins Wasser gegangen und dann wurde das umfunktioniert. Also hier sieht man deutlich dran, wie Evolution funktioniert.“

Genau diese Verwandlung, den Prozess der Evolution, sieht man eben gerade nicht, auch weil der Vorgang der behaupteten Umformung und Umfunktionierung sich bis heute einer soliden Erklärung entzieht. Die umfangreiche Liste von notwendigen evolutionären „Umbaumaßnahmen“ im übrigen Orga­nismus des Walvorfahren bleibt zudem bei der Beweisaufnahme Leschs außen vor.3  Den in der Regel fachfremden Zuschauer kann man so beeindrucken und überzeugen. Ist das der An­spruch, den wir an eine wissenschaftliche Erklärung stellen?

Skelett eines Wals mit freiem Bauchknochen ©123rf.com andreoleynik

Eine Beweisaufnahme im Gericht muss bekanntermaßen so vollständig wie möglich sein. Pickt man nur anscheinend passende Indizien und Befunde heraus und ignoriert einen Großteil anderer Daten, könnte so mancher Unschuldige des Mordes überführt werden.

Ein bisschen Theologie

Nach der Beweisaufnahme wird es noch ein bisschen theologisch. Es kommt, was kommen muss: Gott sei nur noch ein Lückenbüßer, der nur noch dort sei, wo man keine Erklärung findet, nicht mehr das Größte, über das hinaus nichts mehr gedacht werden könne. Warum das so sein soll, wird von Lesch nicht einmal ansatzweise erklärt, es wird einfach behauptet.

Früher sei das Lückenbüßer-Verständnis noch entschuldbar gewesen, denn da musste man an die Götter appellieren, weil man irgendwelche Naturphänomene wissenschaftlich nicht erklären konnte – zum Beispiel, wie ein Gewitter funktioniert (ein abgegriffeneres Beispiel war wohl nicht zu finden). Heute wüssten wir, dass da nichts Göttliches im Spiel ist. Man brauche weder den Gott Donar noch den Blitze schleudernden Zeus. Und so sei es die letzten 400 Jahre gegangen: Gott wurde immer weniger benötigt.

Die Theologie habe aber darauf bestanden, dass Gott da sei, wo die Wissenschaft nicht ist bzw. noch nicht ist. Wissenschaft sei absolut „gottfrei“ und suche nicht nach übernatürlichen Erklärungen. Es gebe in physikalischen Gleichungen keine Integrale von Null bis Gott. Also ist Gott offenbar überflüssig, sollte man meinen – aber nein: Zum Abschluss beruhigt Lesch seine Zuschauer mithilfe eines irrationalen Sprungs durch eine Art Beruhigungspille: „Trotzdem muss es [Wissen­schaft] keine gottlose Veranstaltung sein.“ Was immer das dann noch heißen soll.

An diesen letzten zwei Minuten des Beitrags ist so ziemlich alles falsch, was nur falsch sein kann. Gott kann natürlich nur an seinen Spuren erkannt werden. Diese Spuren zeigen sich in dem, was man erforschen kann, nicht in dem, was man nicht weiß. Das wusste die Theologie schon immer – ganz im Gegensatz zu dem Strohmann-Argument, das Lesch und viele andere erfinden, wonach Gott in den Lücken empirischer Forschung gesucht werde. Es geht gar nicht um Lücken, sondern um die Frage, wie die ursprüngliche Entstehung eines Naturgegenstandes hinreichend erklärt werden kann. Von „Lücken“ kann man nur sprechen, wenn ein Ganzes vorhanden ist, in dem das eine oder andere fehlt. Als dieses Ganze gilt heute üblicherweise der Naturalismus. Das ist die Sicht von der Welt, wonach alles, was existiert, allein durch Innerweltliches, Natur­gesetz­mäßigkeiten, Zufall und weitere Randbedingungen zu erklären sei. Diese Sichtweise ist aber weder bewiesen noch beweisbar und zudem sehr wenig plausibel.4 Die massiven Defizite des Naturalismus werden also nebenbei beschönigend als Lücken kleingeredet.

Die christliche Theologie hat Gott im Hinblick auf die Natur nie als Lückenbüßer verstanden, der nur für das zuständig ist, was der Mensch (noch) nicht erklären kann.

Harald Lesch vermischt zudem die Frage des Funktionierens von Naturerscheinungen mit der Frage ihrer Entstehung bzw. den Forschungsansatz einer empirischen Naturwissenschaft mit der Frage nach dem Ursprung, also der naturhistorischen Forschung. Dass das methodisch unsinnig und irreführend ist, kann man sich durch Vergleiche leicht klar machen: Empirisch naturwissenschaftlich kann man z.B. den Urheber eines Gemäldes oder eines Musikstücks nicht erfassen, indem man z.B. die Farben chemisch analysiert oder die Tonhöhen und -längen. Man kann aber Indizien finden, die unmissverständlich auf den Urheber hinweisen, indem man Kennzeichen oder charakteristische Formen eines bekannten Künstlers entdeckt. Dabei wird nicht anhand irgendwelcher Lücken des Kunstwerks auf die Existenz eines Künstlers geschlossen, sondern von den besonderen Merkmalen dessen, was er geschaffen hat, abgeleitet.5


  1. https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/videos/lesch-und-co-kreationismus-102.html 

  2. Überzählige Brustwarzen, die gehäuft entlang der sog. „Milchleiste“ vorkommen, sind nach Erich Blechschmidt (1985) sog. „Grenzfälle des Normalen“, da diese Warzen bevorzugt an Gewebeverdichtungen auftreten, und diese sind entlang der Milchleiste vergleichsweise wahrscheinlich. Sie können damit aus den ontogenetischen Bedin­gungen vollständig verstanden werden. Überzählige Warzen kommen seltener aber auch an anderen Stellen (z.B. am Arm) vor und können dann definitiv nicht als evolutionäre Rückschläge (sog. Atavismen) gedeutet werden. 

  3. [Z.B. hat der Wal eine von Landsäugetieren verschiedene Knochen­struktur, die hinteren Rippenpaare sind als „Fleischrippen“ nicht mit der Wirbelsäule verbunden, sein „Nasenloch“ hat er oben auf dem Kopf, er besitzt spezielle Unterwasser­­ohren.] 

  4. vgl. Widenmeyer, M. (2015) Welt ohne Gott? Eine kritische Analyse des Naturalismus. Holzgerlingen, 2. Auflage. 

  5. Zum angeblichen Lückenbüßerargument sei auf folgende Artikel hingewiesen: Fachwissenschaftliche und philosophische Aspekte: „Das Design-Argument in der Biologie – ein Lückenbüßer?“, www.wort-und-wissen.de/artikel/a19/a19.pdf; theologische Aspekte: „Das Design-Argument und der Bastler-Lückenbüßer-Gott“, www.wort-und-wissen.de/artikel/a07/a07.pdf