LiteraturBuchbesprechungen

Das Gottesdienst­ver­ständnis der russlanddeutschen Frei­­­kirchen

Derksen, Heinrich. Das Gottesdienst­ver­ständnis der russlanddeutschen Frei­­­kirchen. Leipzig: Evangelische Verlags­anstalt 2016. 361 S. Paperback: 44 Euro. ISBN: 978-3-374-04558-7.

Heinrich Derksen, Schulleiter am Bibel­seminar Bonn, hat 2007 an der University of South-Africa eine Masterarbeit über das Predigtverständnis freikirchlicher Russlanddeutscher geschrieben.Aufbauend auf dieser Untersuchung legt er nun seine an der Freien Universität Amsterdam angefertigte Dissertation vor, die sich mit dem Gottesdienstverständnis der russlanddeutschen Freikirchen baptistischer und mennonitischer Prägung beschäftigt. Derksen ist selbst Russland­deutscher, hat von Kindesbeinen an russlanddeutsche freikirchliche Gemeinden besucht, als (ehrenamtlicher) Co-Pastor viele Jahre in einer russlanddeutschen Baptistengemeinde in Köln mitgearbeitet und in ungezählten Aussiedlergemeinden gepredigt, sowie Vorträge gehalten. Er ist also als Insider mit sämtlichen Eigenheiten und Gepflogenheiten der Russlanddeutschen vertraut, was natürlich ein großer Vorteil für seine deskriptive Arbeit darstellt, zugleich aber auch die Gefahr mangelnder Objektivität in sich birgt.

Derksen beschreibt zunächst kenntnisreich die von viel Leid geprägte Geschichte der Russlanddeutschen und stellt dann die Elemente eines typischen, freikirchlichen, russlanddeutschen Gottesdienstes dar. Er beleuchtet ausführlich das Zentrum jedes russlanddeutschen Gottesdienstes, die Wortverkündigung, die meist aus zwei oder drei Predigten besteht (die oft von Laien gehalten werden, die nie eine theologische Ausbildung durchlaufen haben), geht auf Gebete und freie Beiträge (Gedichte, Zeugnisse, Gruppenlieder etc.) ein, erläutert die Handhabung der Kasualien, beschreibt die starke Stellung des Ältesten bzw. Pastors, skizziert die Rolle der Frau und der Kinder (die oft keinen eigenen Kindergottesdienst haben, sondern den Gottesdienst der Erwachsenen besuchen) und erklärt den hohen Stellenwert eines eigenen Gemeindezentrum, das die Russlanddeutschen jeweils sehr schnell nach ihrer Ankunft in Deutschland gebaut haben.

Im kritisch-analytischen Teil seiner Arbeit stellt der Autor die verschiedenen Traditionen und Einflüsse dar, die den russlanddeutschen Gottesdienst zu dem gemacht haben, was er heute ist. Außerdem weist er auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Gottesdienst von Russlanddeutschen und dem anderer Konfessionen hin, erläutert die Chancen, die sich ergeben, wenn sich hiesige und russlanddeutsche Christen vorurteilsfrei begegnen, und arbeitet schließlich klar heraus, dass sich russlanddeutsche Gottesdienste auch in der zweiten Generation immer noch in der Spannung zwischen Assimilation und Segregation befinden.

Der Autor hat sein Buch lebendig und anschaulich geschrieben. Nicht nur Aussiedler werden sich selbst und ihre Gottesdienstform nach der Lektüre des Buches besser verstehen; auch Christen alteingesessener Kirchen erhalten einen guten Einblick in das gottesdienstliche Leben russlanddeutscher Evangelikaler, zu denen nach Schätzungen von Experten etwa 300.000 Personen gehören und die somit rund ein Viertel der deutschen evangelikalen Bewegung ausmachen.