ThemenIslam und Christentum

Auch Kritik am Islam braucht Wahrheit und Liebe

Der Bibelbund hat seit Jahrzehnten fundiert über die islamische Religion informiert. Dabei wurde Tendenzen zur Vermischung in einer sogenannten abrahamitischen Religion genauso widerstanden, wie die Spur von Gewalt und Krieg im Zusammenhang mit dem politischen Islam aufgezeigt. Einige Autoren haben Glaubensunterschiede aufgezeigt, andere die Struktur des Koran erläutert. Auch in Zeiten islamisch motivierten Terrors müssen Christen mit Wahrheit und Liebe argumentieren und dürfen sich nicht von antiislamischer Hetze anstacheln lassen. Viele Argumente dieser Hetze sind nicht wahr und schaden unserem christlichen Auftrag, das Evangelium von Jesus zu bezeugen.

Spätestens seitdem die erste Welle der Hilfsbereitschaft gegenüber den syrischen und irakischen Flüchtlingen abgeflaut ist, kam es in Deutschland zu einer deutlichen Polarisierung bezüglich neuer Asylbewerber, insbesondere gegenüber Muslimen. Obwohl gewaltbereite islamische Terroristen schon seit Jahrzehnten in vielen Staaten ihr Unwesen treiben (Muslimbrüder, Hamas, Taliban, Boko Haram …), fühlten sich viele Menschen erst aufgeschreckt, als sie plötzlich mit zahlreichen orientalisch aussehenden Männern in ihrer eigenen Stadt konfrontiert wurden.1

Ideologische Sicht des Islam

Berichte über Gräueltaten der Islamisten in Syrien, Afghanistan, dem Irak oder Nigeria wurden nun verstärkt wahrgenommen und unmittelbar auf die fremden Menschen in der eigenen Umgebung übertragen. Verstärkt wurde die Skepsis durch Nachrichten über Ter­ror­­verdächtige in Flüchtlings­unter­künf­ten und krimi­nelle Machen­schaf­ten einzelner Asylbewerber. Außer­­­dem kannte nun scheinbar jeder irgend­ jemanden, der schon mit einem frechen, aufdringlichen oder betrügerischen Aus­länder zu tun gehabt hatte. Diese Gemengelage wurde insbesondere von politischen Gruppen und Parteien benutzt, um auf Stimmenfang zu gehen.

Diffuse Ängste vor den Fremden misch­ten sich mit einer wachsenden Unzufrieden­heit über die offenen Grenzen und verbreitetem Halbwissen über echte und erfundene Grausamkeiten muslimischer Extremisten.

Islamische Terrorgruppen unternahmen ihrerseits alles, um Unruhe zu stiften und um Aggressionen gegen Muslime zu schüren. Damit sie in den weltweiten Medien wahr­genommen und dadurch politisch aufgewertet wurden, lag ihnen sehr viel daran, den aufkommenden Hass zwischen Muslimen und anderen Europäern zu verstärken. Säkularisierte, materialistisch lebende Muslime haben für den Terror islamischer Extremisten zumeist nur wenig übrig. Halbwegs integriert sind sie an einem fundamentalistischen Islam nicht interessiert. Erst wenn sie sich verachtet und verfolgt fühlen, wären sie offen für die Propaganda der Islamisten, wurde spekuliert. Mit nur relativ wenigen Anschlägen waren die Terroristen tatsächlich in der Lage, die öffentliche Stimmung zu kippen. Immer mehr Europäer betrachteten Muslime fortan als gefährliche Feinde, als potentielle Gewalttäter und soziale Schmarotzer.2

Insbesondere durch reißerische Medienberichte, halbgare YouTube-Dokus und politische Hetze lassen sich zwischenzeitlich auch immer mehr Christen von einer diffusen Furcht vor dem Islam und einer pauschalen Verteufelung aller Muslime anstecken. Angestachelt durch antiislamische Ver­öffentlichun­gen bezei­chnen sie trotz eigener, überwiegend positiver Erfah­rungen alle Muslime als potentielle Mörder und Lügner.

Verschwörungstheorien über gewalttätige „Christen“

Islamische Extremisten haben ein Interesse daran, Hass und Unfrieden zwischen Muslimen, Juden und Christen zu stiften.

In der islamischen Community herrscht eine ganz andere Sicht der Dinge.3 Wie kaum anders zu erwarten, hält man hier nicht die Muslime, sondern die westliche Christenheit für den Hauptschuldigen an dem grausamen Terror in der islamischen Welt. Viele junge Muslime in Europa begannen sich für die Parolen der Islamisten zu öffnen.

Hier wurde ihnen erklärt, dass die „Christen“ alles daran setzen würden, weltweit Muslime zu töten und zu unterdrücken. Entweder würden ihre Armeen grundlos schutzlose muslimische Kinder und Frauen massakrieren oder junge Männer auf bloßen Verdacht hin foltern.

Zur Untermauerung dieser Thesen werden bis heute in islamischen Ländern, aber auch in einzelnen deutschen Moscheen, Filme von amerikanischen Bombardierungen oder Häuserkämpfen gezeigt, Bilder, auf denen islamische Kinder und Frauen nach amerikanischen und europäischen Angriffen tot und verstümmelt am Boden liegen. Erfahrungen mit amerikanischen Soldaten, die Zivilisten belästigen oder sich gar nichts um die kulturellen Gepflogenheiten ihrer islamischen Einsatzländer scheren, unterstützen für viele Muslime dieses Feindbild. Die „Christen“ des industrialisierten Westens hätten die überwiegend armen muslimischen Länder fest in ihrer Gewalt, wird propagiert.

Viele Muslime halten „christliche“ Politiker oder Agenten für die eigentlichen Drahtzieher hinter islamischen Terroristen.

Viele Muslime halten zwischenzeitlich sogar die schlimmsten islamischen Terroristen von IS und Boko Haram für verdeckt arbeitende amerikanische Agenten, die den Auftrag haben, möglichst viele Muslime zu töten. Verschwörungstheorien gibt es über fast alle Anschläge, in denen die eigentlichen Drahtzieher nicht Muslime, sondern angeblich westliche Politiker und Agenten sind.

Und tatsächlich wurden in der Ver­gan­genheit muslimische Fundamen­talisten vom amerikanischen Militär ausge­bildet und ausgerüstet, zum Beispiel die Vorläufer der Taliban in Afghanistan für den Kampf gegen die damals als noch gefährlicher eingeschätzten sowjetischen Feinde. Auch töten islamische Extremisten bei ihren Anschlägen fast überall, wo sie aktiv sind, weit mehr Muslime als Christen oder Juden.

In den meisten islamischen Ländern sind deshalb zwischenzeitlich viele Menschen von der Feindschaft und dem Mord­willen des „christlichen Westens“ fest überzeugt.4 Darum finden die israel- und amerikafeindlichen Parolen islamischer Terroristen in einigen dieser Länder den Beifall der einheimischen Bevölkerung, zumindest solange, bis sich die Gewalt auch gegen sie selbst richtet.

Spaß statt Heiligem Krieg

Ähnlich wie die Bewohner Europas sind die allermeisten Muslime nicht an einer Beteiligung an einem Heiligen Krieg interessiert. Sie wollen viel lieber ihrer Arbeit nachgehen, Geld verdienen, Häuser bauen, Zeit mit ihrer Familie verbringen und friedlich alt werden.

Wenn sie sich allerdings durch amerikanische Militärangriffe bedroht fühlen oder durch islamistische Propaganda aufgehetzt werden, dann entwickeln sie häufig eine gewisse Sympathie für religiös motivierte Gewalt gegen die vorgeblichen Feinde und Unterdrücker. Unabhängig davon stehen die meisten jungen Muslime der arabischen Länder dem islamistischen Terror aber sehr kritisch gegenüber. Sie sind weit mehr an Frieden, Freizeitvergnügen, Bildung und Beruf interessiert als an einem „Heiligen Krieg“der sie das Leben kosten könnte.5

In einer verkürzten antiislamischen Propaganda übernehmen manche Menschen vorschnell den Selbstanspruch islamischer Terroristen. Demnach sei auch heute noch jeder Muslim verpflichtet, wie zu Mohammeds Zeit zu leben und unter anderem mit erbarmungsloser Gewalt gegen Andersgläubige vorzugehen.

Zwar hat Gewalt gegen Andersgläubige eine lange Tradition im Islam, aber sie spielte über Jahrhunderte kaum eine Rolle. Erst im 19. Jhdt. bekam sie in einer radikalen Ideologie eine neue Blüte.

Tatsächlich hat diese Sichtweise schon eine lange Tradition im Islam. Sie ist allerdings nicht die einzige und glücklicherweise auch nicht die verbreitetste unter den heute lebenden Muslimen.

Jahrhundertelang regierten Muslime über Länder mit überwiegend hinduistischer oder christlicher Bevölkerung (z.B. Mogul-Reich in Indien und Umayyaden-Kalifat in Spanien) ohne daran zu gehen, ihre Untertanen flächendeckend zu ermorden. Über Jahrhunderte hinweg lebten Christen und Muslime beispielsweise im Osma­nischen Reich ver­hältnismäßig fried­lich zusammen.

Erst während einer tiefen Krise des Islam im 19. Jahrhundert entstand eine militante Erneuerungs­bewegung. Vor allem die ägyptischen Muslimbrüder erfanden den ideologischen Überbau, nach dem sich bis heute die meisten islamischen Radikalen richten. Demnach bräuchte es eine Rückkehr der Muslime zu den glücklichen Urzeiten des Islam. Erst dann könnten sich die Muslime von der Kolonialisierung des Westens befreien und zu einer geachteten Weltmacht werden.

Nicht alle Muslime wollen morden

Ausgangspunkt der Argumentation um islamisch motivierte Gewalt ist die Feststellung, dass Muslime im Koran aufgefordert werden, Andersgläubige zu unterdrücken und unter bestimmten Umständen auch zu töten.

„Wahrlich in die Herzen der Ungläubigen werfe ich Schrecken. So haut ein auf ihre Hälse und haut ihnen jeden Finger ab“ (Sure 8, 12).

„Und tötet sie, wo ihr sie zu fassen bekommt, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben!“ (Sure 2, 191).6

Ähnlich wie in der christlichen Kirchengeschichte gibt es aber auch im Islam verschiedene Formen der Koran­interpretation und unterschiedliche konfessionelle Gruppen, die untereinander zum Teil tiefgehend verfeindet sind. Für Christen ist klar, dass sie die alttestamentlichen Aufforderungen, Zauberer oder feindliche Kanaaniter zu töten (2Mose 22, 17; 4Mose 31, 1-10; Jos 8, 22-28), nicht mehr auf sich und ihre eigene Zeit beziehen. Ähnliche Interpretationen gibt es auch in einigen islamischen Gruppen für die entsprechenden Koranstellen.

Auch in dem Teil des Dschihad, der den gewaltsamen Kampf gegen die Feinde Allahs umfasst, gibt es für Muslime klare Regeln und Grenzen.

Gemeinhin spricht man bei der islamisch motivierten Gewalt vom Dschihad (arab jihâd جهاد ), dem Heiligen Krieg, zu dem prinzipiell jeder Muslim verpflichtet ist. Dabei übersehen viele Deutsche allerdings bereitwillig einige entscheidende Einzel­heiten. Zum einen gibt es den großen und den kleinen Dschihad.7 Im großen Krieg soll der Muslim gegen seine eigene Sünde und Versu­chung kämpfen.8 Im kleinen Dschihad ist er aufgefordert, mit Gewalt gegen die Feinde Allahs vorzugehen. Auch dazu ist jeder Muslim allerdings fest verpflichtet.9 Nach überwiegender Meinung islamischer Gelehrter kann jeder islamische Herrscher zu einem Heiligen Krieg aufrufen; vor allem aber ist das die Aufgabe des rechtgeleiteten Kalifen, des Führers aller Muslime.10

Mit dieser Regelung soll verhindert werden, dass nicht irgendein islamischer Stammes­führer unter dem Deckmantel des Heiligen Krieges gegen andere Muslime vorgehen kann. Vor den eigentlichen Kriegs­hand­lungen sollen die „Ungläu­bigen“ zur Unter­­werfung bzw. zur Zahlung der islamischen Kopfsteuer (arab. dschizya) aufgefordert werden. Uneinigkeit besteht unter den islamischen Gelehrten darüber, wer heutzutage konkret unter „den Ungläu­bigen“ zu verstehen ist, Mitglieder indigener Völker, Christen, nicht religiöse Muslime oder islamische Fanatiker.11 Prinzipiell kann ein Heiliger Krieg auch gegen abtrünnige oder sektiererische Muslime geführt werden oder gegen Atheisten.

Während des Dschihad darf eigentlich nicht gegen die wehrlose Zivilbevölkerung gekämpft werden, auch nicht wenn sie jüdisch oder christlich ist.12 Ausnahmen können gemacht werden, wenn Zivilisten die bewaffneten Kämpfer aktiv unterstützen oder wenn die Gegner hoffnungslos überlegen sind. Nur falls keine andere Option mehr zur Verfügung steht, die Feinde des Islam zurückzuschlagen, dann dürfen auch unschuldige Zivilisten angegriffen und getötet werden.

Vollkommen uneinig sind die islamischen Gelehrten darüber, ob man sich in der gegenwärtigen politischen Lage auf eine solche Ausnahmeregelung berufen darf oder nicht. Vergessen werden darf natürlich auch nicht, dass es sich nach islamischer Auffassung nur um einen echten Heiligen Krieg handelt, wenn dieser aus reiner Motivation für die Sache Allahs geführt wird. Spielen eigensüchtige Motive, Macht, Ansehen, Geld oder Freude an der Gewalt eine größere Rolle, dann muss der Terrorist auch nach islamischer Vorstellung als normaler Verbrecher und nicht als heiliger Kämpfer betrachtet werden.13

Muslime sind unterschiedlich

Die Deutung der Aufforderung zur Gewalt im Koran war unter Muslimen immer umstritten und ist es weiterhin.

In der Beurteilung religiöser Gewalt und der Interpretation koranischer Anweisungen für das Alltagsleben gibt es große Unterschiede zwischen den verschiedenen islamischen Gruppen.14 Manche Muslime interpretieren die Gewaltaufforderungen an Mohammeds Zeitgenossen vor allem als historische Aussagen an die damals lebenden Menschen. Obwohl sie sich auf den Koran berufen, sehen sie keine Verpflichtung, solche Aussagen in ihrem eigenen Leben anzuwenden oder sie beziehen diese auf notwendige politische Veränderungen in der Gesellschaft.15

Andere, jahr­hun­derte­alte mus­li­mische Gruppen (z.B. der Sufismusverstehen die gewaltverherrlichenden Aussagen des Korans in erster Linie symbolisch, ähnlich wie auch Christen von einem „geistlichen Kampf“ mit dem „Schwert des Geistes“ sprechen (Eph 6,10ff.).16

Wieder andere islamische Gruppen halten die Aufforderung zum Heiligen Krieg zwar weiterhin für relevant, bezweifeln aber, dass die Voraussetzungen für diesen vorliegen. Ihrer Einschätzung nach geht es den islamischen Terroristen nämlich nicht so sehr um den wahren Glauben, sondern vor allem um Macht und Geld. Außerdem können die Islamisten nur als Privatpersonen und nicht als anerkannte Führer aller Muslime sprechen.

Noch andere Muslime leiten ihre Auffassung vom Heiligen Krieg stärker aus der mündlichen Überlieferung des Islam (Hadith) ab und halten deshalb den Kampf der Terroristen ebenfalls für keinen echten „Heiligen Krieg“.

Nicht alle Muslime lügen immer

Wenn Muslime beteuern, Gewalt gegen Andersgläubige abzulehnen, wird ihnen gelegentlich vorgeworfen, bewusst zu lügen, um den Islam zu verteidigen. Vorgeblich soll die religiös motivierte Lüge (arab. Taqiya) zum normalen Repertoire des frommen Muslim gehören. Demnach dürfe, bzw. müsse jeder Muslim lügen, wenn es der Verteidigung oder Verbreitung des Islam diene.

In Wirklichkeit ist Taqiya aber ein vorwiegend in schiitischen Gruppen geltendes Prinzip, wonach es bei Zwang oder Gefahr für Leib und Besitz erlaubt ist, rituelle Pflichten zu missachten und den eigenen Glauben zu verheimlichen. Ganz ähnlich wird in der katholischen und evangelischen Ethik die Notlüge eingeordnet. Mit einem Hinweis auf die lügenden hebräischen Hebammen im alten Ägypten (2Mose 1) und Davids Falschaussagen bei den Priestern von Nob (1Sam 21) wird eine unter starkem äußerem Druck ausgesprochene Lüge als verständlich bzw. legitim betrachtet. Wenn ein Mensch direkt bedroht wird und nicht allein zum eigenen Vorteil die Unwahrheit sagt, halten auch viele christliche Ethiker eine solche Notlüge für zulässig.17

Schiitische Muslime begründen die Legitimität der Taqiya insbesondere mit Sure 3, 28, wo es heißt:

„Die Gläubigen sollen sich nicht die Ungläubigen anstatt der Gläubigen zu Freunden nehmen. Wer das tut, hat keine Gemeinschaft (mehr) mit Gott. Anders ist es, wenn ihr euch vor ihnen wirklich fürchtet.“

Kein islamischer Theologe befürwortet willkürliches Lügen gegenüber Andersgläubigen.

In einer Unterdrückungssituation sei es demnach erlaubt, Freundschaften mit Andersgläubigen einzugehen oder die eigene Religionszugehörigkeit zu verschweigen, meinen einige Korangelehrte. Kein islamischer Theologe allerdings befürwortet willkürliches Lügen, selbst dann nicht, wenn es dem Muslim oder dem Islam einen Vorteil böte. Strenge sunnitische Theologen hoben immer wieder hervor, dass es ehrenvoller sei, Qualen zu ertragen, als seinen Glauben oder eine koranische Wahrheit zu verleumden.18

Mehr Volksislam als Koranstudium

Im real existierenden Islam ist die Beziehung zum Koran eine weitgehend andere als im christlichen Glauben. Insbesondere seit Beginn der Neuzeit werden Christen herausgefordert, sich an den ursprünglichen Quellen des Glaubens zu orientieren. Viele ernsthafte Christen lesen deshalb bis heute regelmäßig in der Bibel und wollen ihr Leben weitgehend nach den Aussagen Jesu und der Apostel gestalten.

Im Islam wird der Koran zwar als außerordentlich heilig verehrt und teilweise auswendig gelernt, nicht aber von den Laien systematisch studiert. In den meisten muslimischen Ländern dominiert der mit magischen und abergläubischen Riten angereicherte Volksislam. ((Vgl. Kornelius Hentschel: Geister, Magier und Muslime. Dämonenwelt und Geisteraustreibung im Islam, München: Diederichs Verlag, 1997)) Man macht sich mehr Gedanken über eine Gefährdung durch Geister (arab. dschinn) oder den Teufel (arab. iblis) als über die Verfolgung von Andersgläubigen oder die Analyse des Korans.

Auch in der frommen islamischen Bevölkerung vieler Länder sind einzelne Aussprüche aus den Hadithen, Aussagen von heute lebenden Imamen und die lokale Tradition weit wichtiger als die tatsächlichen, historischen Angaben des Korans. ((Vgl. Ignaz Goldziher: Die Richtungen der islamischen Koranauslegung, Leiden: Brill, 1920))

Der tatsächlich gelebte Islam der meisten Muslime orientiert sich kaum am Koran, sondern eher an Überlieferungen, Aussagen von Imamen und lokalen Traditionen.

In dieser Hinsicht kann man die Grund­züge evangelikaler Bibelfrömmigkeit nicht einfach auf den Islam übertragen. Schon gar nicht sollte man die sehr selektive, und nur vorgeblich auf die ursprüngliche Tradition des Islam bezogene Interpretation islamischer Extremisten, für die einzig wahre oder ursprüngliche Form muslimischen Lebens und Denkens erklären. In Wahrheit beachten diese Terroristen nur die koranischen und islamischen Aussagen, die in ihr gewalttätiges Konzept passen. Alles andere, insbesondere Aussagen, die ihrem Handeln nicht entsprechen, verdrängen sie in ihren Reden für die weitgehend unwissende Bevölkerung wohlweislich.

Jesus ist einzigartig

Wer diese Unterschiedlichkeit des realen Islam ignoriert oder bewusst verschweigt, ist weniger an der Wahrheit interessiert als an einem schönen Feindbild, das den Gesprächspartner von vornherein erniedrigt und sich selbst besser dastehen lässt. Christen aber sollten wahrhaftig sein, auch was ihre geistlichen Gegner angeht und das sogar, wenn diese offen feindselig sind.

Aus christlicher Sicht gibt es nur einen Weg zu Gott und der geht einzig und allein über den Tod Jesu Christi (Joh 14,6; Apg 4, 12). Nur wer seine Schuld einsieht und Gott um Vergebung bittet, kann den stellvertretenden Tod des Messias in Anspruch nehmen und sich der göttlichen Versöhnung gewiss sein (Röm 5, 12-14; Eph 2, 1-7). Einen Weg zu Gott über frommes Leben oder eigene Leistung kann es nach biblischer Auskunft nicht geben (Röm 3, 21-31; Röm 10,9f.). Dabei entspricht der im Koran beschriebene Allah ganz offensichtlich nicht dem Gott, der sich in der Bibel und in Jesus Christus offenbart hat. Der im Islam aufgezeigte Weg zu Gott stimmt nicht mit dem überein, was in der Bibel zu lesen ist. Diese Wahrheit darf natürlich auch in der Begegnung mit Muslimen nicht vergessen oder vernachlässigt werden.

Auf der anderen Seite ist es aber vollkommen sinnlos, die real existierenden Muslime gesamtheitlich zu potentiellen Gewalttätern und religiös motivierten Lügnern zu erklären. Auch ist es weder weiterführend noch nimmt es den Gesprächspartner wirklich ernst, wenn man einem friedlich sein wollendenden Muslim unterstellt, er könne kein richtiger Muslim sein, weil er sonst verpflichtet sei, alle Andersgläubigen zu hassen und töten zu wollen.

So ein Vorgehen ist nicht nur kontraproduktiv, weil es eventuell ernsthaft gläubig sein wollende Muslime zur Gewalt hintreibt. Es ist auch insofern eine Lüge, da es die Vielfältigkeit islamischer Theologie und Tradition bewusst ausklammert.

Muslimen pauschal zu unterstellen, sie seien lügnerische Extremisten, schürt Hass und verunehrt Gott.

Christen sollten mit ihren geistlichen Gegnern aber ehrlich und wahrhaftig umgehen. Es hilft ihnen nicht, Anders­gläubige schlechter dastehen zu lassen, als sie in Wirklichkeit sind. So ein Verhalten schürt vollkommen unnötig den wechselseitigen Hass aufeinander und verunehrt Gott. In islamischen Ländern führt es zu einer verstärkten Verfolgung von Christen, weil man sie zunehmend als Feinde betrachtet und sich nun auch von europäischen Gläubigen dazu aufgefordert fühlt, sie als echte Muslime unterdrücken zu müssen. Natürlich kann es andererseits auch nicht geraten sein, den eigenen Glauben zu verschweigen oder vorschnell an die Wünsche muslimischer Flüchtlinge anzupassen.19

Christen sind anders

Für Christen gilt es, sich nicht in eine Spirale der Verdächtigungen und Ablehnungen ziehen zu lassen oder vorschnell politisch motivierte Parolen zu übernehmen. Wichtig ist es, den Menschen zu beachten, mit dem man konkret zu tun hat, und nicht den hypothetischen islamischen Terroristen aus den Medien. Dem begegnet man glücklicherweise weder am Dönerstand noch bei der Arbeit oder in der direkten Nachbarschaft.

Statt mit falschen Vorwürfen sollen wir Muslimen mit dem unverkürzten Evangelium begegnen.

Vor allem sollten Christen die tiefgreifenden Unterschiede zwischen Islam und christlichem Glauben nicht vergessen. Es gilt, Muslimen gerade ganz andersartig zu begegnen, nicht mit Hass und Aggression, sondern mit Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Liebe. Wie Jesus Christus selbst sollen auch seine Nachfolger das Böse mit Gutem überwinden, die Feinde lieben, für sie beten und ihnen helfen, wenn sie sich in einer Notlage befinden (vgl. Mt 5, 43-48; Röm 12, 14.17-21).

Es ist weder wahrhaftig noch christlich, Muslimen vor allem mit Gewalt­vorwürfen zu begegnen, die in der alltäglichen Realität nur teilweise der Wahrheit entsprechen. Weit eher sollten Christen bei Muslimen dafür ­bekannt sein, dass sie ihren Gesprächspartner ernst nehmen und selbst den Menschen helfen, die diese Hilfe eigentlich nicht verdienen. Christen sollten auch sehr darauf achten, die Aufgaben des Staates nicht mit ihrem Auftrag als Gläubige zu verwechseln oder zu vermischen. Da wo der Staat die öffentliche Ordnung, die Bestrafung von Verbrechern und die Freiheit des Glaubens gewährleisten soll (Vgl. Röm 13, 1-7), müssen Christen mit allem, was sie sagen und machen, auf Jesus Christus und seine bedingungslose Liebe hinweisen, auch gegenüber Fremden, die möglicherweise die Unwahrheit sagen, um in einem wohlhabenden Land wie der Bundesrepublik leben zu können.


  1. Christina Hebel / Christina Elmer: Muslime integrieren sich, Deutsche schotten sich ab, in: Spiegel online vom 8.1.2015; http://www.spiegel.de/politik/deutschland/islam-studie-muslime-integrieren-sich-deutsche-schotten-sich-ab-a-1011640.html. 

  2. Vgl. Freia Peters: Ablehnung des Islam in Deutschland wächst, in: Welt vom 8.1.2015; https://www.welt.de/politik/deutschland/article136137605/Ablehnung-des-Islam-in-Deutschland-waechst.html 

  3. Vgl. Tamim Ansary: Die unbekannte Mitte der Welt. Globalgeschichte aus islamischer Sicht, Frankfurt: Campus Verlag, 2010, S. 217-241; 319ff 

  4. So vermutete eine große türkische Zeitung eine deutsche Beteiligung an einem Anschlag in Istanbul. http://www.spiegel.de/politik/ausland/attentat-in-istanbul-tuerkische-zeitung-macht-deutschland-verantwortlich-a-1096517.html 

  5. Vgl. Christian Meier: Arabische Jugend lehnt den „Islamischen Staat“ ab, in: FAZ vom 13.4.2016, http://www.faz.net/aktuell/politik/kampf-gegen-den-terror/junge-araber-gegen-terror-vereinigung-islamischer-staat-14174922.html 

  6. Vgl. auch: „Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlagt die Götzendiener, wo ihr sie findet und packt sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf. So sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten und die Armensteuer zahlen, so lasst sie ihres Weges ziehen.“ (Sure 9, 5) – „Ziehet aus, leicht und schwer bewaffnet, und eifert mit Gut und Blut in Allahs Weg“ (Sure 9, 41) – „Oh ihr Gläubigen, kämpft wider die Ungläubigen an euren Grenzen und lasst sie die Härte in euch verspüren.“ (Sure 9, 123). 

  7. Vgl. Bernard Lewis: Die politische Sprache des Islam, Berlin: Rotbuch Verlag, 1991, S. 125 

  8. Vgl. Majid Khadduri: War and Peace in the Law of Islam, Baltimore: John Hopkins Press, 1955, S. 56 f. 

  9. Vgl. Rudolph Peters: Jihad in Classical and Modern Islam, Princeton: Markus Wiener Publishing Inc., 2005. S. 3.

    Vgl. auch den Beitrag von Chr. Schirrmacher https://www.igfm.de/themen/scharia/jihad/das-bemuehen-auf-dem-weg-gottes-der-jihad-im-islam 

  10. Vgl. Rudolph Peters: Jihad in Medieval and Modern Islam, Leiden: Brill, 1977, S. 19 ff 

  11. Vgl. Christine Schirrmacher: Wie Muslime Christen sehen, Institut für Islamfragen; http://www.islaminstitut.de/Artikelanzeige.41+M5126d54c620.0.html, 10.9.2014 

  12. Vgl. Muhammad Hamidullah: The Muslim Conduct of State, Lahore: Ashraf Printing Press, 1987, S. 205 ff. 

  13. Vgl. Wulf Schmiese: Warum konservative Muslime unsere Verbündeten sind, in: Cicero, 23.3.2016; http://www.cicero.de/weltbuehne/terror-bruessel-der-islam-hat-damit-nichts-zu-tun/60674 

  14. Vgl. Bassam Tibi: „Wir Muslime sind doch normale Menschen“ in: Cicero vom 25.9.2016, http://www.cicero.de/salon/deutschland-und-der-islam-wir-muslime-sind-doch-normale-menschen 

  15. Vgl. Fazlur Rahman: Vom Koran zum Leben und wieder zum Koran, in: Katajun Amirpur: Den Islam neu denken: Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte, München: C.H.Beck Verlag, 2013, S. 91-116 

  16. Vgl. Thomas Hildebrandt: Neo-Mu‘tazilismus?. Intention und Kontext im modernen arabischen Umgang mit dem rationalistischen Erbe des Islam, Leiden: Brill, 2007, S. 354ff 

  17. Vgl. Theda Rehbock: Sprache und Moral: Ist das Lügenverbot sprachphilosophisch begründbar?“, Deutsche Zeitschrift für Philosophie 58 (2010), S. 105-125 

  18. Vgl. Ignaz Goldziher: Das Prinzip der Taķijja im Islam, in: Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft 59 (1906), S. 219f 

  19. Vgl. Kristin Helberg: Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns. Von Ängsten, Missverständnissen und einem veränderten Land, Freiburg: Herder Verlag, 2016, S. 72-79; 126-159; 185ff.