ThemenKultur und Gesellschaft

Multikultureller Pluralismus und Christlicher Glaube

Was der Pluralismus mit der Gesellschaft macht und wie Christen darauf reagieren sollten

1. Was verstehen wir unter „multikulturellem Pluralismus“?

Unsere Gesellschaft hat in den letzten 50 Jahren dramatische Veränderungen erlebt. Auch der kirchliche oder religiöse Lebensbereich ist davon nicht verschont geblieben. Es scheint so, dass das christliche Abendland sang- und klanglos gestorben und zu Grabe getragen wurde. Manche von uns haben das vielleicht noch gar nicht gemerkt. An die Stelle der einen christlich geprägten abendländischen Kultur treten nun viele unterschiedliche Kulturen. Im nachkonstantinischen Zeitalter unserer modernen Postmoderne treffen wir nun eine multikulturelle, multireligiöse und pluralistische Gesellschaft an.

Was ein Multimillionär ist, wissen wir alle: es ist jemand, der viele Millionen hat. Leider nützt uns dieses Wissen kaum etwas, wenn es um die Bezahlung unserer Rechnungen geht. Multi (von lat. multus) bedeutet demnach: „viele, zahlreich, reichlich, die Menge“. Multikulturell bezeichnet: „aus vielen Kulturen bestehend“. Unsere Gesellschaft hat sich also in eine Vielzahl von Kulturen und Subkulturen aufgespalten. Ich meine damit z. B. nationale und religiöse Kulturen oder die unterschiedlichsten Jugendkulturen (Raver, Hip-hop, Skinheads usw.). Überall herrscht Pluralität vor, eine Vielzahl von Erscheinungsformen und Angeboten.

Unter Pluralismus versteht man die „herrschende ‚Mehrzahl‘ (Plural, lat. pluralis) unterschiedlicher, als gleichberechtigt auftretender und miteinander konkurrierender Anschauungen und Überzeugungen, Werthaltungen und Verhaltensnormen, Praktiken und Theorien, Intentionen und Interessen – und damit die Abwesenheit einer übergeordneten ‚Einzahl‘ (Einheit) . Sie lässt sich für alle Lebensbereiche konstatieren (religiöser P., Wert-R., sozialer P., politischer P., kultureller P., Theorien-P.)“1

Pluralismus ist ein

„der Philosophie entnommenes mod. Kunstwort für das Zusammen-, Neben- oder Auseinanderwirken einer Vielzahl von relig., weltanschaulichen, polit., künstlerischen u. a. Kräften einer vielfältig (nicht ‚monistisch‘) strukturierten Gesellschaft, die sich unter d. Vorzeichen der Toleranz o. Koexistenz miteinander arrangieren sollten.“2

Der Ausdruck Pluralismus wurde von dem Aufklärungsphilosophen Christian Wolff (1679-1754; er schätzte Leibniz’s Monadenlehre und die chinesische Philosophie) geprägt.3

Zu Beginn unseres Jahrhunderts erschien ein wegweisendes Werk des Philosophen und Begründers des amerikanischen Pragmatismus, William James (1842-1910), mit dem Titel: „A Pluralistic Universe“ (1909), zu deutsch: „Das pluralistische Universum“ (1914). Nach James besteht die Wirklichkeit aus vielen selbständigen Bereichen. Sie sei „kein Uni-versum, sondern ein Multi-versum“, zu dem nicht der Monotheismus, sondern nur der Polytheismus passe. Entscheidend seien nur die „cash-values“, „profits“ und „results“ einer Sache. Nützlichkeit und Erfolg wurden so zu den bestimmenden Kennzeichen der Wahrheit.4

Fazit: Wenn wir sagen, dass unsere Gesellschaft von einem multikulturellen Pluralismus geprägt ist, dann meinen wir damit ein mehr oder weniger gleichberechtigtes Nebeneinander der verschiedensten Kulturen in einem Staat (Stichworte: Koexistenz und Toleranz).

2. Wie kam es zu solch einer pluralistischen Gesellschaftsform?

Vor der eigenen Tür werden Moscheen eröffnet, werben Hindus, Esoteriker und Sektenmitglieder um neue Anhänger

Eine pluralistische Gesellschaft hat eine Gesellschaftsstruktur, die der Vielfalt der gesellschaftlichen Gruppen und Wertsysteme Rechnung trägt. Die großen christlichen Institutionen verlieren bei uns immer mehr von ihren bisherigen Privilegien und von ihrer ehemaligen Monopolstellung. Vor der eigenen Tür werden Moscheen eröffnet und werben Hindus, Esoteriker und Sektenmitglieder um neue Anhänger.

Welche Faktoren führten zu dieser pluralistischen Gesellschaftsform? Der holländische Theologe Willem A. Visser’t Hooft nannte in diesem Zusammenhang fünf Hauptfaktoren5:

2.1 Säkularisierung (Verweltlichung)

Unter Säkularisierung versteht man die Loslösung des einzelnen, des Staates und der gesell-schaftlichen Gruppen aus den Bindungen an die Kirche seit dem ausgehenden Mittelalter.6 Zunächst verstaatlichte der Staat Kirchengüter, dann setzte er dem kirchlichen Monopol auf dem Gebiet der Erziehung und Kultur ein Ende. Heute erleben wir Säkularisierung als einen Prozess der Emanzipation von jeder religiösen Autorität und Norm hin zum Pluralismus.

„Säkularisierung bedeutet, dass eine Weltsituation mit einer bestürzenden Fülle neuer Möglichkeiten entsteht, in der sich grundlegende Überzeugungen neu gruppieren“7.

Diese Chance nutzten auch viele Freikirchen; z. B. verdoppelte sich der Bund FEG in der Schweiz in den 70er und 80er Jahren.

2.2 Menschenrechte (Religions-, Gewissens- und Versammlungsfreiheit)

Als Volks- und Kirchenzusammengehörigkeit nicht mehr deckungsgleich waren – und gleichzeitig abweichende Überzeugungen sich stärker manifestierten, wurden die Menschenrechte zum Schutz von Minderheiten eingeführt. Durch die Globalisierung und den Abbau von Grenzen sowie durch die Massenmedien und modernen Verkehrsmittel rückten die Völker der Welt immer mehr zusammen. Beziehungen – aber auch Spannungen zu Menschen anderer Kulturen, Sprachen und Religionen entstehen. Durch die Menschenrechte wurden Minderheiten gestärkt, sie können nun ihren Glauben ausüben und dafür werben. Eine immense Zahl von religiösen Gruppen entstand bei uns – mit allen Vor- und Nachteilen.

2.3 Nationalismus (Wiederbelebung nationaler Kulturen)

Genauso, wie das Christentum in ihr Gebiet eingedrungen ist, werden auch sie in traditionell christliche Gebiete eindringen

Der nationale Aufbruch in vielen Ländern der Erde führte zur Wiederentdeckung alter religiöser Traditionen. Visser’t Hooft prophezeite bereits 1965:

„Soviel ist jedoch klar, dass in Zukunft die geschichtlichen Weltreligionen noch lange mächtige Faktoren auf der Weltbühne darstellen und alle in zunehmendem Maße ein Bewusstsein ihrer weltweiten missionarischen Verantwortung entwickeln werden. Und genauso, wie das Christentum in ihr Gebiet eingedrungen ist, werden auch sie in traditionell christliche Gebiete eindringen.“8

2.4 Globalismus (äussere Vereinheitlichung der Welt)

Unsere Welt wird zu einem „global village“ mit einer „offenen Gesellschaft“. Eine Welteinheitskultur mit universalistischer Toleranz entsteht vor unseren Augen.

„Durch die Bevölkerungsbewegung, den Reiseverkehr und den intensiven gegenseitigen Ideenaustausch spielen religiöse und ideologische Einflüsse, die bisher auf bestimmte geographische Gebiete begrenzt waren, nun ihre weltweite Rolle. Die alten Landkarten, die die Welt so sauber in Gebiete mit verschiedenen Farben für jede Religion aufteilten, sind heute überholt. Diese Weltkarten mit schwarzer Farbe für die ‚Heiden‘, gelb für die Moslems, rot für die römischen Katholiken und grün (als Farbe der Hoffnung) für die Protestanten müssten jetzt eher wie ein abstraktes Gemälde aussehen, das sich bemüht, möglichst viele Farben auf engstem Raum anzubringen.“9

In Berlin stehen sich 23.000 evangelikale Christen und 100.000 praktizierende Moslems gegenüber

Als Beispiel sei hier auf eine idea-Umfrage10 verwiesen. Unter der Überschrift: „In Berlin dürfte es schon jetzt mehr praktizierende Muslime als Gottesdienstbesucher in allen Kirchen der Millionenmetropole geben. Wer bestimmt die Hauptstadt geistlich?“ folgen die erschreckenden Zahlen: Unter den 31/2 Millionen Berlinern (Stand 1996) befinden sich ca. 100 000 praktizierende Moslems und nur ca. 23 000 evangelikale Christen. Rechnet man die Gottesdienstbesucher aller christlichen Kirchen zusammen, dann sind es etwa 90 000, immer noch weniger als die Anhänger des Islam.

2.5 Eigener Beitrag der Kirchen

Kirchliche Erneuerungsbewegungen wollten gewöhnlich der Kirche ihren biblischen Platz und Auftrag zurückgeben. Freikirchen kämpften für die Gleichstellung mit den Staats- oder Landeskirchen. So schaffte es z. B. Theodor Schlatter11, Prediger der FEG St. Gallen, dass die Landeskirchen ihr Monopol in Sachen Trauung verloren und die zivile Trauung im Kanton St. Gallen eingeführt wurde. Durch solche und ähnliche Bemühungen wurde jedoch der Weg zu einem umfassenderen Liberalismus und Pluralismus in unserer modernen Gesellschaft frei.

2.6 Fazit

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubte man an eine Welt, die auf dem Wege sei, immer christlicher zu werden. Am Ende des Milleniums machen nichtchristliche, ideologische, religiöse Kräfte in der westlichen Welt größere Fortschritte als das Christentum. Die Tage der Volks-, Staats- oder Landeskirchen sind gezählt. Die Zeit der Privilegien geht zu Ende. Alle Träume eines „corpus christianum“ oder eines christlichen Staates (res publica christiana) sind ausgeträumt. Wir haben vielmehr ein pluralistisches „corpus religiosum permixtum“ mit einer vagabundierenden Erlösungs-Sehnsucht vor uns.12

2.7 Einteilung

Unsere multikulturelle bzw. pluralistische Gesellschaft kann folgendermaßen aufgegliedert werden13:

2.7.1 Christenheit (von Restbeständen der biblischen Überzeugung bestimmt)

  • Praktizierende
  • Randsiedler

2.7.2 Große, vielschichtige Masse der säkularisierten Menschen

  • ehrliche Agnostiker
  • Anhänger moderner Ideologien der kollektiven oder persönlichen Selbstverwirklichung
  • Anhänger einer hedonistischen, vergnügungsorientierten Jugendkultur mit starker Betonung eines sexuellen Libertinismus

2.7.3 Menschen der neuen nachchristlichen Religiosität der Postmoderne

  • Civil Religion (rationalistisch: Gott, Tugend & Unsterblichkeit)
  • Freimaurer (Gnosis, Deismus)
  • hinduistische Guru-Bewegungen
  • New-Age-Welle (Esoteriker)

2.7.4 Anhänger historisch nichtchristlicher Religionen (z. B. Muslime)

3. Welche Hauptmerkmale finden wir in unserer pluralistischen Gesellschaft vor?

3.1 Der Individualismus14

„Wir tendieren immer mehr zu einer Haltung des ‚Individualismus‘. Der andere soll sich aus meinen Angelegenheiten raushalten, dann lasse ich ihn auch in Ruhe. Die Verantwortung anderen und dem Staat gegenüber wird uns zu mühsam. Wir wollen keine Rechenschaft mehr ablegen. Normen geraten ins Wanken, Moralbegriffe wandeln sich, Recht und Unrecht wird verwischt – was vor 50 Jahren undenkbar war, ist bei uns an der Tagesordnung. Das Fatale an der aktuellen Toleranzauffassung ist, dass sie eine völlige Normlosigkeit hervorbringt. Durch das Ziel, alles gelten zu lassen, führt sie in eine Unübersichtlichkeit und Orientierungslosigkeit.

Ihr eigentliches Ziel ist die Ziellosigkeit. Einsamkeit, Haltlosigkeit und ein zunehmendes Maß an Identitätskrisen sind die Folge. Wenn Maßstäbe aufgehoben werden und alles möglich, gut und gewünscht zu sein scheint, verschwimmen die Konturen“15.

Die aktuelle Toleranzauffassung bringt eine völlige Normlosigkeit hervor

Friedrich Nietzsche schrieb (in: „Der Wille zur Macht“): „Das Individuum ist das Absolute“, weil es das Absolute, Gott, eben nicht mehr gibt16. Genauso empfinden viele Zeitgenossen: „Nur meine Meinung, nur mein Lustprinzip zählt!“ Madonna drückte das in ihren „Bedtime-Stories“17 so aus: „I’m breaking all the rules, I did not make.“ („Ich breche alle Regeln, die ich nicht gemacht habe.“) Immer wieder hört man folgende Aufforderungen: „Tue, was Du willst!“ „Du bist die Mitte des Universums“18. Wir erleben heute einen noch nie dagewesenen Schub zum Individuellen, verbunden mit dem Abbruch fast aller Traditionen. Eine Lustkultur mit einer autonomen Situationsethik ist entstanden.

3.2 Der Wahrheitspluralismus (Relativismus)

Für die meisten gibt es keine absolute Wahrheit mehr, auf die man sich verlassen könnte

In unserer pluralistischen Gesellschaft herrscht der Relativismus vor. Das heißt: Wir haben uns daran gewöhnt, dass jede Erkenntnis – bedingt durch den Standpunkt des Erkennenden – nur relativ richtig ist und nicht allgemeingültig. Für die meisten von uns gibt es keine absolute Wahrheit mehr, auf die man sich verlassen könnte.

Stellen Sie sich einmal folgendes vor: Zehn Männer werden mit verbundenen Augen zu einem Elefanten geführt. Man lässt jeden von ihnen einen anderen Körperteil des Elefanten berühren – Rüssel, Ohren, Schwanz usw. – ohne ihnen zu sagen, was sie berühren. Die Männer werden weggeführt und man nimmt ihnen die Augenbinden ab. Dann sollen sie beschreiben, was sie berührt haben. Obwohl alle zehn dass elbe Tier berührten, stimmen sie in ihren Beschreibungen doch nicht überein, weil jeder einen anderen Teil des Elefanten berührte. Trotzdem haben alle – von ihrem speziellen Blickwinkel aus gesehen – recht. Dieses relativistische Denken wird nun auf Gott und auf das Gebiet des religiösen Glaubens angewandt: „Die Wahrheit ist in den Wahrheiten verborgen.“ Erfahren nicht alle Menschen – Christen, Moslems, Buddhisten, Hindus, Naturvölker, Esoteriker, Geistheiler usw. denselben Gott? „Hauptsache, ich glaube – ganz egal, was! Hauptsache, es hilft mir!“ Auf dieser subjektiven Ebene betrachten viele Menschen den Glauben an Gott. Dieses Denken ist aber nur dann logisch, wenn ich überall, in allen Religionen, Kulten, Sekten und Kirchen, die unzähligen Teilerfahrungen der Menschen mit dem Göttlichen studiere, um so eine umfassende Vorstellung von Gott zu bekommen. Eine unmöglich zu bewältigende Aufgabe! Und in meinem Studium der verschiedenen Religionen und Kulte merkte ich sehr schnell, dass sich diese nicht ergänzen, sondern widersprechen. Entweder hat der Islam mit seinem Absolutheitsanspruch recht oder das Christentum19. Die verschiedenen Religionen können nicht gleichzeitig wahr sein, da sie vieles lehren, das einander vollkommen entgegengesetzt ist. Außerdem haben viele Religionsstifter oder Sektengründer nachgewiesenermaßen mit Betrug und Verführung gearbeitet. Sie glaubten selber gar nicht an das, was ihre leichtgläubigen Anhänger aus ihrer Lehre machten. Sollen wir nun diesen falschen Glauben als ebenfalls möglichen Weg zu Gott anerkennen, nur um nicht als intolerant bezeichnet zu werden? Der verstorbene Münchner Bischof Hermann Dietzfelbinger prägte folgenden Satz:

„Pluralismus wird zum Tarnwort, mit dem wir unsere Unfähigkeit zur notwendigen Scheidung und Unterscheidung bemänteln.“

Der religiöse Synkretismus (= Vermischung gegensätzlicher religiöser Auffassungen) unserer Zeit zeigt, wie wenig wir wahren und hilfreichen Glauben von falscher und betrügerischer Religiosität auseinanderhalten können. Sätze wie: „Ich glaube an Jesus, doch wenn ich krank bin, gehe ich zu einem Geistheiler oder Guru“, sind leider immer häufiger zu hören.

„Ich glaube an Jesus, doch wenn ich krank bin, gehe ich zu einem Geistheiler oder Guru“

Kein Mensch kann jedoch glauben, dass alle Religionen zu Gott führen und zugleich ein überzeugter Christ sein, der Christi Worte ernst nimmt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ (Joh 14,6). Ist das nicht intolerant? Die Aussagen Jesu Christi in der Heiligen Schrift sind radikal und absolut und nicht relativistisch, wie wir es heute gewöhnt sind. Das Gegenteil von absolut (=uneingeschränkt, unbedingt, rein, schlechthin) ist eben nicht intolerant (unduldsam oder repressiv gegen Andersdenkende), sondern relativ (es gibt keinen objektiven Maßstab für wahr und falsch oder für gut und böse)20.

3.3 Der freie Supermarkt der Religionen (Konkurrenz und Wettbewerb)

Was früher ein Gebot war, wird heute ein Angebot unter vielen

Weitgehend haben christliche Institutionen ihre privilegierten Positionen und ihr weltanschauliches Monopol eingebüßt. Religion wird zur Patchwork-(Flickwerk-)Religiosität. Was früher ein Gebot war, wird heute ein Angebot unter vielen. Der Sozialwissenschaftler, Peter L. Berger, spricht in diesem Zusammenhang von einem „Zwang zur Häresie“:

„… für den modernen Menschen wird Häresie typischerweise zur Notwendigkeit“, denn: „Modernität schafft eine neue Situation, in der Aussuchen zum Imperativ wird.“21

Und so sei Religion kein Schicksal mehr. Man würde nicht mehr als Christ, Buddhist oder Muslim geboren. Die Notwendigkeit zu wählen, sei die Ursache für die Krise der Religion in unserer Zeit.

In der Schweiz schlug 1993 das Ergebnis einer Umfrage unter 1.315 Personen im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms22 wie eine Bombe ein. Lediglich 4,4% der Befragten bezeichneten sich als Ungläubige oder Atheisten, die anderen bezeichneten sich durchwegs als religiös. Nur fand inzwischen eine Verlagerung vom institutionalisierten Kirchenglauben zum freien Markt der Religionen hin statt. Nach dem Motto: „Was Gott ist, bestimme ich!“23 stellen sich viele ihre eigene „Patchwork-Religion“ zusammen. Individualisierung, Pluralismus und Synkretismus herrschen vor. Und so entstand ein religiöser Supermarkt ohnegleichen, ein „Mischmasch“ aus traditionellen Glaubenselementen mit fernöstlichen Religionsinhalten und okkultistischen oder esoterischen Elementen. „Im Zerfall der christlich-abendländischen Sinn- und Werteordnung findet also zeitgleich eine religiöse Innovationsphase, eine Erneuerung der Religiosität statt.24 Die „Neureligiösen“ (Esoteriker) stellen dabei die schnellstwachsende Gruppe unter den Religionen dar. Geprägt ist die Mentalität unserer Zeitgenossen durch zwei Befindlichkeiten:

„Eine stark vagabundierende Erlösungssehnsucht, die sich in radikaler Unverbindlichkeit von allen möglichen Heilsanbietern je nach Belieben bedienen lässt. Es ist ein religiöser Supermarkt mit entsprechender Konsummentalität entstanden.“

Sowie:

„Eine religionsfreundliche Gottlosigkeit, welche jenseits aller verbindlichen Dogmen für eine aufgeklärte ‚Polymythie‘ und einen gesellschaftlichen ‚Polytheismus‘ plädiert; das heißt: jeder soll sich seinen Gott bzw. seine Götter und die entsprechenden Geschichten dazu selbst auswählen, um so zur persönlichen Identität und damit zum Lebensinhalt zu kommen.“25

Eine apokalyptische „Religion der Religionen“ entsteht so vor unseren Augen. W. A. Visser’t Hooft warnte uns jedoch in eindringlicher Weise:

„Es ist höchste Zeit, dass die Christen wieder erkennen, dass der Kern ihres Glaubens nicht darin besteht, dass Jesus Christus gekommen ist, einen Beitrag zum religiösen Warenhaus der Menschheit zu leisten, sondern dass in ihm Gott die Welt, die Menschheit, alle versöhnt hat.“26

Religionsfreundliche Gottlosigkeit, jenseits aller verbindlichen Dogmen

Und Prof. Günter Rohrmoser proklamierte:

„Ich bin Christ, weil das Christentum im Verhältnis zu allen anderen Religionen die absolute, einzig wahre Religion ist. Die Alternative ist, wie die Geschichte gezeigt hat, die Barbarei. Sie kann nur aufgehalten werden, wenn sich Christen, Gemeinden und Kirchen auf ihre Quelle zurückbesinnen, wenn es zu einer neuen Reformation kommt, bzw. zu einer Rückbesinnung auf die Reformation, die es bereits gegeben hat. Ein gelebtes Christentum ist das beste, was wir dieser Welt bieten können.“27

3.4 Die Unübersichtlichkeit (die Rastlosigkeit)

Alles ist Plural! Die Vielzahl der Sinnstiftungs-, Erlebnis- und Selbstverwirklichungsangebote führte zu einer ungeheuren Unübersichtlichkeit.

Wir sind zwar frei zu wählen, doch wir haben die unaufhörliche Qual der Wahl.

„Die moderne Schlaflosigkeit rührt aus der Angst, etwas zu verpassen. Schon ein Wochenende, ein freier Tag, ein Abend ohne Fernsehen, ein Frühstück ohne Zeitung – wirft es einen nicht zurück?“28

Der Pluralismus führte zu einer rastlosen Suche nach Erlebnissen29 (zum dionysischen Rausch Nietzsches). Ein Leben genügt einfach nicht, um all die vielen Angebote ausnützen zu können!30

3.5 Die Beliebigkeit

„Wo alles gleich gültig ist, wird schließlich alles gleichgültig“. In einer pluralistischen Gesellschaft fehlen Maßstäbe für gut und böse. Eine religiöse Selbstbedienungsmentalität herrscht vor: „Anything goes!“, „Erlaubt ist, was gefällt!“. Alles wird beliebig. Für jedes Bedürfnis und jeden Geschmack ist etwas dabei. Der Mensch projiziert seine Wünsche an den Himmel und schafft sich seine eigene Religion, die für ihn und für die momentane Situation stimmig ist. Aber ob ein derart selbstgebastelter Glaube in den Krisensituationen des Lebens trägt, ist äußerst fraglich. Wieviel besser ist es doch, auf die Selbstoffenbarung des lebendigen Gottes in der Heiligen Schrift zu hören, anstatt sich ein eigenes Bild von Gott zu machen. Denn:

„Ohne prophetische Weisung wird ein Volk zügellos. Wie glücklich ist jeder, der auf Gottes Gesetz31 hört“ (Sprüche 29,18).

3.6 Die Gefahren: Bildung einer Parallelgesellschaft, Ghettobildung, Ausländerproblematik

Merkwürdig: die Kirchen beteiligen sich an der Propagierung von Multikulti, obwohl sie wissen sollten, dass dies zum Ende all ihrer bisherigen Privilegien führt

Eine multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft bringt einige Gefahren mit sich. Wenn es in unseren Ländern nicht gelingt, Minderheiten zu integrieren und ihnen die Assimilation zu erleichtern, bilden diese eine sich stark abgrenzende Subkultur, ein Ghetto. Die wachsende Ausländerfeindlichkeit sollte diesbezüglich als Alarmsignal dienen. Konflikte wie in Ex-Jugoslawien (Bosnien) zeigen, wie explosiv eine multikulturelle Gesellschaft sein kann. Der deutsche Philosoph Günter Rohrmoser warnt zu Recht:

„… eine solche Gesellschaft hat bisher zu zahllosen Konflikten bis hin zu Kriegen geführt, ist also etwas überhaupt nicht Erstrebenswertes. Merkwürdigerweise beteiligen sich auch die Kirchen an der Propagierung von Multikulti, obwohl sie wissen sollten, dass eine rechtliche und politische Stärkung der immer größeren Zahl der Moslems in unserem Lande zum Ende all ihrer bisherigen Privilegien, vom Kirchensteuereinzug bis hin zu den staatlichen Finanzhilfen, führen würde. In einem multikulturellen Staat wären die Kirchen nur noch ein religiöser Verein unter zahllosen gleichberechtigten anderen. Es ist schon merkwürdig: In der Weimarer Republik und im Dritten Reich wurde von den Kirchen der Nationalismus verherrlicht. Nach dem Krieg will man nur noch multikulturell sein.“32

Die vielen Kulturen, die in den USA zusammenleben, werden dadurch geeint, dass alle geradezu fanatische Amerikaner sind. Auch für die Schweiz mit ihren vier Landessprachen gilt: Weil alle die Schweiz als ihre Heimat ansehen und kein Landesteil unterdrückt wird, sondern eine gewisse Souveränität herrscht, gestaltet sich das (zugegebenermaßen in Regionen aufgeteilte) Zusammenleben recht unproblematisch. Doch ich weiß nicht, wie wir mit der Situation zurecht kämen, wenn wir in unseren Städten stark anwachsende Ausländerghettos hätten. Die Toleranzgrenze wäre wohl dann schnell erreicht.33

Der Zuzug von Ausländern stellt eine enorme missionarische Chance dar

Gleichzeitig stellt der Zuzug von Ausländern eine enorme missionarische Chance dar. Wir brauchen nicht mehr bis an das Ende der Welt zu reisen, um Asiaten und Afrikanern das Evangelium von Jesus Christus weiterzugeben.

Sie kommen zu uns, wohnen in unserer Nachbarschaft und können so viel leichter mit der Guten Nachricht erreicht werden. In unserer Gemeinde bekehrten sich in den vergangenen Jahren nur wenig Schweizer aber recht viele Ausländer. Sie wurden nicht wie „Menschen zweiter Klasse“ behandelt, sondern persönlich nach Hause und zu internationalen Feiern mit Abendessen und evangelistischer Predigt eingeladen. Nutzen wir doch die Chancen unserer multikulturellen Gesellschaft für eine glaubwürdige Weitergabe des Evangeliums!

4. Wie soll sich ein Christ in dieser veränderten Situation verhalten?

Und: Welche Rolle spielt der christliche Glaube in der multikulturellen und pluralistischen Gesellschaft?

Wir befinden uns nicht in einer total neuen Situation. Ganz ähnliche Zustände herrschten zur Zeit des Alten Testaments (Gefahr der Vermischung mit heidnischen Kulten und Religionen) und im römischen Reich vor. Lehrreich ist, wie Paulus z. B. auf dem Areopag mit dem damaligen Supermarkt der Religionen umging (Apg 17): Er knüpfte an der multireligiösen Pluralität der Athener an und konfrontierte sie dann mit dem Evangelium des auferstandenen Christus, durch den Gott zur Umkehr rufe und den Glauben anbiete. Ein solches Vorgehen ist auch heute sinnvoll.

4.1 Folgende Reaktionen auf den multikulturellen Pluralismus werden vorgeschlagen (die dritte Variante stellt jeweils die Lösung dar):

4.1.1 Friedemann Walldorf34:

  • Isolation (Zeugnis ohne Toleranz)
  • Indifferenter Pluralismus (Toleranz ohne Zeugnis)
  • Missionarisches Zeugnis in Pluralität (Zeugnis und Toleranz)

4.1.2 Francis Schaeffer35:

  • Lieblose Konfrontation
  • Keine Konfrontation
  • liebevolle Konfrontation („die Wahrheit fordert liebevolle Konfrontation, aber Konfrontation.“)

4.1.3 Stephan Holthaus36:

  • Die große Anpassung (Fehler des Liberalismus)37
  • Destruktive Ablehnung (Fehler der Exklusiven, Gesetzlichen)
  • Konstruktive Ablehnung: Aufruf zur Gegenkultur!

4.1.4 Visser’t Hooft38:

  • Traum vom christlichen Abendland, Neigung zur Introvertiertheit und zur Weltflucht
  • Relativismus und Synkretismus
  • Friedliche Koexistenz, aber gewaltloses Ringen um die Wahrheit: Der Missionsbefehl gilt auch heute noch!

4.1.5 Heinzpeter Hempelmann39:

  • „Alle haben recht!“
  • Wahrheitsallerlei als Allheilmittel für alle Konflikte?
  • Christen sind gefordert: Eine Wahrheit, die nicht tolerant ist aber tolerant macht.

4.2 Toleranz und Wahrheit – wie Hund und Katze?40

Wie soll sich nun ein Christ in einer multikulturellen und pluralistischen Gesellschaft verhalten? Er darf weder von der einen noch von der anderen Seite vom Ross fallen. Also: Für ihn darf es keine Toleranz unter Ausschluss der Wahrheit, aber auch keine Wahrheit ohne Toleranz und Liebe geben. Paulus drückt dies in einem Satz aus: „Lasst uns aber die Wahrheit bekennen in Liebe“ (Eph 4,15; REÜ).

Lasst uns aber die Wahrheit bekennen in Liebe

Dabei ist es sehr hilfreich, zwischen Personentoleranz und Sachtoleranz zu unterscheiden. Es geht also um eine Wahrheit, die nicht tolerant ist aber tolerant macht. In der Sache dürfen wir bezüglich der Wahrheit des Evangeliums keine Kompromisse machen, sonst machen wir uns schuldig.41 W. A. Visser’t Hooft berichtet, dass ein marxistischer Professor aus Prag in einer Diskussion in Deutschland erklärte:

„Ich nehme nur solche Christen ernst, die mich zu bekehren versuchen.“ „Dieser Marxist hat das Wesen der Wahrheit besser verstanden als viele Christen, für die ihr Glaube nur einer der vielen möglichen Wege ist, um im Leben einen Sinn zu finden.“42

Bezüglich den Anhängern anderer Glaubensrichtungen oder Religionen sollten wir Berührungsängste verlieren und mit ihnen Kontakte pflegen.43 Ausländerfeindlichkeit, Fanatismus, lieblose Polemik gegen Anhänger anderer Religionen oder Rassismus44 widersprechen einem glaubhaften Zeugnis der Liebe Jesu.

Echtes Erbarmen, nicht überhebliche Rechthaberei sollte unsere Gesinnung Andersgläubigen gegenüber prägen. In diesem Sinne sollten wir tolerant, also duldsam, verständnisvoll, weitherzig und entgegenkommend sein. Wie Paulus auf dem Areopag sollten wir die Denk- und Glaubensweise unserer Mitmenschen kennenlernen, um mit ihnen effektive Glaubensgespräche führen zu können.

Das lateinische Wort legt aber auch nahe, dass Christen um ihres Glaubens willen zuweilen leiden und Hass und Spott (er)dulden müssen. In vielen Ländern der Erde herrscht keine solche Religionsfreiheit wie bei uns. Und so werden manche Christen in intoleranten Christenverfolgungen zu Märtyrern. Wenn nur Christen nie mehr Kreuzzüge und Ketzerverbrennungen veranstalten!

4.2.1 Was ist überhaupt Toleranz?

Ohne eigene Ansicht ist es ein Leichtes, den anderen mit seiner Meinung stehenzulassen

Was uns heute unter dem Deckmantel: „Ich bin tolerant“ entgegenkommt, ist letztlich eine große Gleichgültigkeit in Bezug auf Gott, den Glauben und die Wahrheitsfrage. Ein arabischer Kadi (Richter) wurde einmal von zwei Beduinenstämmen aufgesucht, die wollten, dass er in ihrem Streitfall Recht sprechen sollte. Zuerst hörte er sich die Schilderung der Vertreter des einen Stammes an. Als diese damit fertig waren, schlussfolgerte er: „Ihr habt recht!“ Danach lieh er den Vertretern des zweiten Stammes sein Ohr und sagte wiederum: „Ihr habt recht!“ Als nun seine Besucher davon geritten waren, trat sein Sohn in das Zelt und stellte seinen Vater zur Rede: „Vater, ich habe alles mitgehört. Wie kannst du denn zu allen sagen: ‚Ihr habt recht‘? Der alte Kadi entgegnete ruhig: „Mein Sohn, du hast auch recht!“45

„Ohne eigene Ansicht ist es ein Leichtes, den anderen mit seiner Meinung stehenzulassen, denn sie tangiert mich ja in keinster Weise. Meinungslosigkeit aber ist nicht Toleranz.“46

Der Wahrheitspluralismus unserer Tage funktioniert einfach nicht.47 Er stellt lediglich eine Problemverschiebung und keine Problemlösung dar, denn die Sachgegensätze und Interessenkonflikte bestehen weiterhin. Wo Gegensätze einfach stehengelassen werden, wird jede Verständigung verunmöglicht. Außerdem ist keine Integration von überzeugten Glaubensvertretern möglich.

Wer das „alle haben recht“ bezweifelt, wird als intoleranter Fanatiker oder als gefährlicher Fundamentalist gebrandmarkt. Wie tolerant sind die „Toleranten“ in Wirklichkeit?

„Auf jeder Party können Sie Stunden diskutieren über Buddha, Hinduismus, Yogakurse und Meditationsformen, und Ihr Beitrag wird für sehr bereichernd gehalten. Sobald Sie aber an die Reihe kommen und erzählen, dass Jesus der einzige Weg zu Gott ist, dann spätestens ist die gute Laune vorbei. Mit so einer intoleranten Person wie Ihnen will es bald keiner mehr zu tun haben.“48

Man fordert im Namen der Toleranz von uns Christen: „Verzichtet auf die Mitte eures Glaubens!“

Man fordert im Namen der Toleranz von uns Christen: „Verzichtet auf die Mitte eures Glaubens (Joh 14,6; Apg 4,12)!“. Dann wären wir jedoch keine Christen mehr! Der Wahrheitspluralismus geht auch von einem unumstößlichen Dogma aus, nämlich:

„Die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt. Wahrheit gibt es nur im Plural!“49

Diesen Glaubenssatz kann man annehmen oder auch nicht.

Ich lehne ihn ab, denn die Antwort des oben geschilderten Kadis: „Ihr habt (alle) recht!“ ist in der Sache nichts anders als „Ihr habt (alle) unrecht!“ Lediglich der Richter, der sich und seine Interessen durchsetzt, kommt hier zu seinem Recht und hat endlich seine Ruhe wieder. Ich frage mich auch, ob wir nicht einen Etikettenschwindel betreiben, wenn wir so schnell wechselnde und subjektive Wahrnehmungen „Wahrheit“ nennen. Dann verweigern wir unseren Mitmenschen jegliche Orientierung („Es gibt keine Antwort!“) und liefern sie an sich selbst und ihre Lebenswahrheiten bzw. -lügen aus: „Du bist der letzte Horizont! Ist das nicht lieblos überfordernd und zu billig? Wo aber alles gleich gültig ist, wird jedoch auch bald alles gleichgültig. Gut ist dann, was mir nützt. Der Stärkere setzt sich dann brutal durch; Ellbogen, Geld, Macht und Einfluss sind dann einzig bestimmend. Und statt um die Wahrheit zu ringen, kämpfen heute immer mehr Menschen gegen Menschen – und das auch in christlichen Gemeinden! Der Wahrheitspluralismus ist in sich widersprüchlich und in Glaubensfragen alles andere als adäquat.50 Wie sollen wir dann auf unsere multikulturelle und pluralistische Gesellschaft reagieren? Indem wir die Wahrheit in Liebe festhalten!51

4.2.2 Eine Wahrheit, die nicht tolerant ist aber tolerant macht.52

Gegenargument Nr. 1: „Fanatisiert nicht jedes Festhalten an ‚der Wahrheit‘?“
Nein! Die biblische Wahrheit macht bescheiden, denn sie weiß, dass ein großer Unterschied zwischen der Wahrheit des christlichen Glaubens und meinem Verständnis dieser Wahrheit besteht. Jesus Christus als Person ist „die Wahrheit“ (Joh 14,6).

Die biblische Wahrheit macht frei – auch von Rechthaberei, Egoismus und der Angst, in der Diskussion mit Andersgläubigen das Gesicht zu verlieren

Gegenargument Nr. 2: „Macht Wahrheit nicht intolerant und rechthaberisch?“
Nein! Wer gelernt hat, zwischen Toleranz gegenüber der Person und Toleranz gegenüber der Sache zu unterscheiden, wird seinen Mitmenschen mit der nötigen Demut und Nächstenliebe begegnen. Die biblische Wahrheit macht nämlich frei (Joh 18,32), frei – auch von Rechthaberei, Egoismus und der Angst, in der Diskussion mit Andersgläubigen das Gesicht zu verlieren. Diese Wahrheit schenkt Boden unter die Füße und eröffnet uns einen weiten Horizont.

Gegenargument Nr. 3: „Kann man diese Wahrheit überhaupt beweisen?“
Diese personifizierte Wahrheit, Jesus, der Sohn Gottes, kann von uns Menschen nur bezeugt und nicht bewiesen werden. Er wird sich aufrichtig suchenden Menschen in unserer multikulturellen und pluralistischen Gesellschaft selber offenbaren. Jesus verspricht:

„Meine Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen, ob diese Lehre von Gott stammt oder ob ich in meinem eigenen Namen spreche“ (Joh 7,16-17).


  1. Jean-Marie Charpentier, in: Fahlbusch, Lochmann, Mbiti, Pelikan, Vischer (Hrsg.): Evangelisches Kirchenlexikon – Internationale theologische Enzyklopädie. Bd. 3, 3. Auflage, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1992, Sp. 1234. 

  2. Alfred Bertholet, Kurt Goldammer, Lexikon der Religionen. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 1976, Stichwort: Pluralismus. 

  3. Vgl. Schmidt / Schischkoff, Philosophisches Wörterbuch. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 1974, Stichwort: Pluralismus; sowie: Hans Joachim Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Bd. 2. Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag, 1961, Frankfurt am Main / Hamburg: Fischer Bücherei, 1971, S. 49. 

  4. Hans Joachim Störig, a.a.O., S. 241-243. 

  5. Der ehemalige Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (1938-1966) hielt 1965 in den USA einen Vortrag mit dem Titel „Pluralismus – Chance oder Gefahr?“, der auch uns Evangelikalen wertvolle Hinweise geben kann. 

  6. Vgl.: Duden, Band 5, Fremdwörterbuch. Mannheim/Wien/Zürich: Dudenverlag, 1974, S. 647. 

  7. Visser’t Hooft, a.a.O., S.19. 

  8. Visser’t Hooft, a.a.O., S. 20-21. 

  9. Ebd. 

  10. Veröffentlicht in: „idea spektrum“ 8/1998, S. 14-15. 

  11. Theodor Schlatter war der Vater des berühmten Tübinger Theologieprofessors, Adolf Schlatter. 

  12. Vgl. dazu: Peter Henning, Der ERF zwischen Anpassung und Konfrontation. Vortrag anläßlich der Mitgliederversammlung des ERF-International am 6.5.96 in Wetzlar. 

  13. Vgl. Peter Beyerhaus, Das Zeugnis vom Heil in Jesus Christus in unserer multikulturellen Gesellschaft. Vortrag am 6. Europäischen Bekenntniskongreß in Drogeham 1996, veröffentlicht in: Diakrisis 4 / Dezember 1996, S. 200-214. 

  14. Vgl. dazu auch: Stephan Holthaus, Trends 2000. Der Zeitgeist und die Christen. Basel und Gießen: Brunnen Verlag 1998, S. 53ff. 

  15. Toleranz und Wahrheit. Zeitschrift ethos Nr. 5, Mai 1996, S. 10. 

  16. Zitiert nach: Heinzpeter Hempelmann, Glauben wir alle an denselben Gott? Christlicher Glaube in einer nachchristlichen Gesellschaft. Wuppertal: Brockhaus Verlag, 1997, S. 11-12. 

  17. Titel des Songs: Human Nature; vgl. Heinzpeter Hempelmann, a.a.O., S. 13. 

  18. Auf dem Cover des Nachrichtenmagazins FOCUS, Nr. 27, 3. Juli 1995, war zu lesen: „ICH! Große Umfrage enthüllt: Ein Volk auf dem Ego-Trip. ICH! Warum wir uns immer mehr ins Private flüchten. ICH!“ 

  19. Roland Werner machte z. B. auf S. 11 in „idea spektrum“ 37/90 auf „fundamentale Unterschiede“ zwischen Islam und Christentum aufmerksam. Vgl. auch: Werner Gitt, Und die anderen Religionen? Bielefeld: CLV, 1991. 

  20. In der Praemoderne (Mittelalter) hieß es: Es gibt Wahrheit. Es gibt nur eine Wahrheit. Man kann im Prinzip genau sagen, was Wahrheit ist. In der Moderne (Neuzeit) hieß es dann: Es gibt Wahrheit. Es gibt selbstverständlich nur eine Wahrheit, aber was diese Wahrheit ist, darüber müssen wir streiten. In unserer postmodernen (nachmodernen) Zeit heißt es nun: Es gibt zwar Wahrheit, aber es gibt nicht nur eine, sondern viele Wahrheiten. Jeder Mensch hat seine Wahrheit, jede Religion ihre Wahrheit. Es gibt kein Ringen mehr um die Wahrheit. Es kann und soll keinen Streit um die Wahrheit geben. Vgl. Hempelmann, a.a.O., S. 56-57 und auch die „Ringparabel“ (3. Aufzug, 7. Auftritt) in: Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise. Stuttgart: Reclam, 1972. 

  21. Peter L. Berger, Der Zwang zur Häresie. Religion in einer pluralistischen Gesellschaft. Freiburg/Basel/Wien: Herder, 1992, S. 41. 

  22. Alfred Dubach / Roland J. Campiche (Hrsg.), Jede(r) ein Sonderfall? Religion in der Schweiz. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung. Zürich: NZN-Buchverlag, Basel: Friedrich-Reinhard-Verlag, 1993. 

  23. Covertext von „Psychologie heute“, Heft 7 (Juli) 1995; vgl. dazu idea spektrum 29/30/95, S. 12. 

  24. Peter Henning, in: „Gehet hin!“ – Ich bin gefragt. Christus im Brennpunkt (Zeitschrift der VFMG), Dezember 1996, S. 11. 

  25. Ebd. 

  26. Zitiert in: Jürgen Neidhart, Auf der Suche nach Wahrheit. Das Wort zum Wochenende. Davoser Zeitung vom 9. Juli 1993. 

  27. Interview mit Günter Rohrmoser unter der Überschrift „Christen, was nun?“ in: „idea spektrum“ 42/1996, S. 19. 

  28. Peter Gross, Die Multioptionsgesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1994, S. 32. 

  29. Vgl. Holthaus, a.a.O., S. 189ff. und Gerhard Schultze, Die Erlebnisgesellschaft: Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt: Campus, 1992. 

  30. Peter Gross, a.a.O., S. 81, schreibt: „Mit dem Verlust der religiösen Rahmenerzählungen haben wir auch die Ewigkeit verloren, die Weltzeit ist geschrumpft auf die individuelle Lebenszeit. Wir suchen uns Ewigkeitssubstitute in den Kindern, dem Laub der Erde, aber das Diesseits erfährt eine enorme Verdichtung, ein einziges Leben muß genügen, um die Träume vom Jenseits im Diesseits zu realisieren.“ 

  31. Die Zehn Gebote gewinnen in einer zerfallenden Gesellschaft wieder enorm an Bedeutung. Nur durch gemeinsame ethische Normen kann der moralische Zerfall einer Gesellschaft aufgehalten werden. Einige Politiker haben auf diesen Sachverhalt in den vergangenen Jahren immer wieder aufmerksam gemacht – zu spät? 

  32. Interview mit Günter Rohrmoser unter der Überschrift „Christen, was nun?“ in: „idea spektrum“ 42/1996, S. 19. 

  33. Zur Vertiefung des Themas empfehle ich: Johan Bouman, Leben mit fremden Nachbarn. Die Rolle von Ethik, Kultur und Religion in einer multikulturellen Gesellschaft. Gießen/Basel: Brunnen Verlag, 1995. 

  34. Friedemann Walldorf, Zeugnis und Toleranz im multikulturellen Europa. Vortrag an der AfeM-Tagung im Januar 1998 in Korntal. 

  35. Francis A. Schaeffer, Die große Anpassung. Der Zeitgeist und die Evangelikalen. Asslar: Verlag Schulte & Gerth, 1988, S. 181. 

  36. Holthaus, a.a.O., S. 235ff. 

  37. Heute besteht die Anpassung jedoch vor allem darin, evangelikale Gemeinden bedürfnisorientiert zu gestalten. „Das Problem ist nur: Die Erlösung steht nicht mehr auf der Wunschliste heutiger Menschen. Man will sich vor allem ‚wohl fühlen‘, gleichgültig wie kurzlebig das persönliche Wohlgefühl auch sein mag. Und unsere Gemeinden stellen sich darauf ein.“ David F. Wells, Die Not der evangelikalen Gemeinde. Beatenberger Perspektiven Nr. 2/98, S. 6. 

  38. Visser’t Hooft, a.a.O., S. 23ff. 

  39. Heinzpeter Hempelmann, Glauben wir alle an denselben Gott? Christlicher Glaube in einer nachchristlichen Welt. Wuppertal: Brockhaus Verlag, 1997, S. 52ff. 

  40. Vgl. zum Thema Toleranz und Wahrheit: Ebd., sowie: Heinzpeter Hempelmann, Wahrheit ohne Toleranz – Toleranz ohne Wahrheit? Chancen und Grenzen des Dialogs mit Andersgläubigen. Wuppertal: Brockhaus Verlag, 1995; Heinzpeter Hempelmann, Wenn Toleranz zum Maßstab wird – Streiten für den Streit um die Wahrheit? Das Fundament 7/96, S. 12-28; Willi Höpfner (Hrsg.), Toleranz und Absolutheitsanspruch. Christentum und Islam Heft 6, Wiesbaden: Verlag der Evang. Mission in Oberägypten, 1975; Siegfried Kettling, Toleranz und Wahrheit, wie Hund und Katze? Wuppertal: Brockhaus, 1981; Andrew Kirk, Wahrheit im Angebot. Religion als Droge und als Befreiung. Gießen: Brunnen Verlag, 1995; Dennis McCallum (Ed.), The Death of Truth. Minneapolis: Bethany House Publishers, 1996; Josh McDowell & Bob Hostettler, Glaube ohne Werte – Jugend am Abgrund. Bielefeld: CLV, 1997; Alister E. McGrath, A Passion for Truth. Leicester: Appollos, 1996: Gustav Mensching, Toleranz und Wahrheit in der Religion. München und Hamburg: Siebenstern Taschenbuch Verlag, 1966; Schweizerische Evangelische Allianz: Religionsfreiheit und die Frage der Toleranz. Resolution der SEA, Zürich 1998; Jürgen Spieß, Aus gutem Grund. Wuppertal: Brockhaus Verlag, 1998; Bodo Volkmann, Was ist Wahrheit? Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1990; David F. Wells, No Place for Truth. Whatever Happened to Evangelical Theology? Grand Rapids: W. B. Eerdmans, 1993; Toleranz und Wahrheit. „ethos“ Nr. 5, Mai 1996, S. 6-13. 

  41. Vgl. Gal 1,8; Offb 22,18-18! 

  42. Visser’t Hooft, a.a.O., S. 29. 

  43. Sicherlich darf man sich dabei nicht überfordern. Es kann sein, dass ein Christ noch nicht genug im Glauben gefestigt ist, um mit Esoterikern oder Anhängern anderer Religionen Kontakte zu pflegen. Wer selbst unsicher wird oder starke Anfechtungen erfährt, sollte sich fragen, ob der Kontakt wirklich sein Auftrag ist oder ob nicht zuerst ein Gebetskreis hinter ihm stehen sollte. 

  44. In der Schweiz gibt es ein Antirassismusgesetz; für antirassistische Aussagen in der Öffentlichkeit kann man daher verurteilt werden. 

  45. Eine ähnliche Geschichte findet man bei, Kettling, a.a.O., und bei Hempelmann, Glauben wir alle an denselben Gott, S. 52-53. 

  46. Toleranz und Wahrheit, a.a.O., S. 8. 

  47. Vgl. zum Folgenden: Hempelmann, Glauben wir alle an denselben Gott? S. 58-67. 

  48. Toleranz und Wahrheit, a.a.O., S.11. Der ehemalige Präsident der Europäischen Evangelischen Allianz, Pfr. Willi Sartorius, sagte einmal, er hätte aufgrund seiner ablehnenden Haltung bezüglich einer ökumenischen Versammlung zu „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ in Basel von Pfarrerkollegen derart polemische und verletzende Briefe bekommen, wie er das zuvor noch nie erlebt hätte. Wo blieb da die viel gerühmte Toleranz Andersdenkenden gegenüber? 

  49. „Man kann nicht folgern, dass der Hinduismus oder der Pluralismus tolerant wären. Sie sind nur tolerant gegenüber sich selbst, gegen andere pluralistische Auffassungen oder auch gegenüber anderen hinduistischen Auffassungen. Sie sind intolerant gegenüber allen Offenbarungsreligionen und gegenüber allen Ansprüchen, jemand wisse die allein gültige Wahrheit. Gerade das können sie nicht in ihren Pluralismus-Gedanken integrieren.“ (Spieß, a.a.O., S. 37). 

  50. Bertholet/Goldammer, a.a.O., S. 600, betonen, dass Toleranz kein Schlüssel zur Wahrheitsfrage sei; es ginge dabei um die Koexistenz, um das Zusammenleben verschiedener Religionsgemeinschaften (also: Personentoleranz!). 

  51. Vgl. Eph 4,15.25 und 1.Kor 13,6 mit 2.Thess 2,9-13! 

  52. Vgl. zum Folgenden: Hempelmann, Wenn Toleranz zum Maßstab wird, S. 23-28.