ThemenWeltanschauungen

Esoteriklehrer für Evangelikale

Ein Einblick in den Lehren des bekannten Benediktinermönches Anselm Grün.

Anselm Grün ist ein Benediktinermönch und leitet die Verwaltung der Benediktinerabtei Münster-Schwarzach. Der Klappentext seines Buches „Herzensruhe“ beschreibt ihn als: „Geistlicher Berater und Kursleiter – für Meditation, tiefenpsychologische Auslegung von Träumen, Fasten und Kontemplation.“1 Seine Bücher stehen in den Esoterik-Abteilungen großer Buchhandlungen und in den Regalen evangelikaler Buchläden. Und die werden viel gekauft. In den Bestsellerlisten von Idea war er schon mehrmals mit einigen Titeln vertreten. Die Zeitschrift „Aufatmen“ wirbt für den Bestseller-Autor und empfiehlt seine Betrachtungen wärmstens. So lächelt sein mildes Konterfei vom Titelbild der Ausgabe Nr. 2/2000.

Unter der Überschrift „Meditation“ erfährt man in „Herzensruhe“:

„Die christliche Meditation, die seit dem 3. Jahrhundert geübt wird, verbindet den Atemrhythmus mit einem Wort. Schon das Achten auf den Atem lenkt das Bewusstsein nach innen und erzeugt Ruhe.“2

Zunächst erfährt man hier, dass diese Meditation der urchristlichen Gemeinde offenbar unbekannt war. Man wird deswegen auch schwerlich Hinweise im Neuen Testament finden. Doch im 3. Jh. begann das Heidentum in die Kirche einzubrechen. So überrascht die obige Erklärung der christlichen Meditation auch nicht sonderlich, denn die damit verbundene spezielle Atemweise erinnert eher an Yoga oder östliche Meditation, als an biblisches Christentum. Beispielsweise hat der Bhagwan Rajneesh – unrühmlich als Sex-Guru von Puna bekannt – diese besondere Atemmeditation empfohlen. Auch er verband mit gewissen gesprochenen Worten eine spezielle Energie.

Anselm Grün schreibt:

„Im Ausatmen können wir uns vorstellen, wie wir all die Gedanken, die immer wieder hochkommen, einfach abfließen lassen. Wenn wir das eine Zeitlang tun, werden wir innerlich ruhig. Dann können wir den Atem mit einem Wort verbinden. Wir können z.B. beim Einatmen still sagen: ‚Siehe‘ und beim Ausatmen ‚Ich bin bei dir‘ … Ich muss mich bei dieser Meditation gar nicht konzentrieren.“3

Hier aber befinden wir uns voll im Trend der New-Age-Mystik. Gott ist nicht mehr eine Person, dem der Mensch im Anruf gegenübersteht, sondern eine Art kosmische Energie, die einen durch Atemtechniken, die noch dazu die ideale Voraussetzung für Passivität sind, immer mehr erfüllen kann.

Dass Anselm Grün diese Methoden von den Mystikern gelernt hat, verschweigt er keineswegs:

„Die Mystiker sind davon überzeugt, dass in uns ein Raum des Schweigens ist, in dem Gott wohnt. Dorthin haben die Gedanken und Gefühle, die Pläne und Überlegungen, die Leidenschaften und die Verletzungen keinen Zutritt … Die Meditation will mich wieder in Berührung bringen mit diesem inneren Ort … Aber tief unten ist es still. Da kann ich mich fallen lassen … Meditation ist das Eintauchen in die innere Ruhe, die auf dem Grund unseres Herzens in uns verborgen ist.“4

„Die Benediktiner möchten diesen Funken Gottes im Menschen zur Flamme anblasen.“

Dies aber erinnert an die Gnosis, die von dem göttlichen Funken spricht, der angeblich in allen Menschen wohnen soll.

„Die Benediktiner möchten diesen Funken Gottes im Menschen zur Flamme anblasen.“5

Im Gegensatz zur Mystik zum Katholizismus, und den schwarmgeistigen Bewegungen glauben wir aber nicht an neue Erkenntnisse und Offenbarungen. Mit „sola scriptura“ steht oder fällt die wahre Kirche (2Joh 8-9; Jud 3).

Während Paulus noch deutlich feststellte, „denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt“ (Röm 7,18), erklärt die Gnosis, die heute in Form von New-Age eine Renaissance auf allen Gebieten erlebt, dass in uns solch ein innerer Ruheort vorhanden ist. Dort findet Anselm Grün seinen Gott.

„Gott im Innersten seines Herzens suchen, das ist der Weg auch zum wahren Selbst, zum eigenen unverfälschten Wesen.“6 „Nur wenn wir uns der eigenen Seele zuwenden, wird Begegnung mit Gott möglich.“7

Dieses oben erwähnte „Sich fallen lassen“8 ist ganz typisch für die Annahme eines passiven Zustandes, wodurch der Mensch, auch der Gläubige, schneller als er es meint zu einem Medium umfunktioniert werden kann. Jedenfalls ist diese Haltung das Gegenteil der von Jesus betonten Wachsamkeit, die er besonders mit der Warnung vor endzeitlichen Verführungen ausspricht (Mk 13,33-37).

„Aber wenn wir sie nicht beachten (gemeint sind die Gedanken, Anm.d.Vf.), wenn wir durch Wort und Atem immer tiefer in den eigenen Seelengrund gelangen, dann kann es sein, dass es für einen Augenblick ganz still ist in uns. Ich spüre dann: Jetzt berühre ich das Eigentliche. Jetzt bin ich ganz da, ganz bei mir, ganz bei Gott.“9

Das ist die klassische „unio mystica“, wie sie von Gnostikern und Schwärmern seit Jahrtausenden praktiziert wird. Sie finden Gott angeblich in ihrem Seelengrund. Um zur Ruhe zu kommen wird folgendes vorgeschlagen:

„Ein anderer Weg, über den Leib zur Ruhe zu kommen, sind autogenes Training oder Eutonie … Das autogene Training arbeitet mit der Methode der Autosuggestion. Ich stelle mir z.B. vor, wie mein rechter Arm warm und schwer wird … Indem ich den Atem an die verspannten Stellen meines Leibes hinfließen lasse, können sich die Spannungen auflösen … Manchmal bin ich beim Sitzen zu unruhig. Auch wenn ich mich auf den Atem konzentriere und mich vom Atem in die Ruhe führen lassen möchte, weicht die Unruhe nicht. Dann hilft es mir, die Hände zu einer Schale zu formen und mit meinem ganzen Bewusstsein in den Händen zu sein. Die Gebärde bringt mich zur Ruhe … In den Händen ist ja mein ganzes Sein versammelt.“10

Dies aber sind Techniken, wie sie die Zauberpriester und Schamanen praktizieren. Es sind Methoden, die einen veränderten Bewusstseinszustand hervorrufen sollen.11

Grün: „Da ist dann keine Spaltung mehr in mir zwischen Himmel und Erde, zwischen Geist und Trieb, zwischen Spiritualität und Sexualität“

Die Auswirkungen dieser Unio mystica werden auch von Anselm Grün folgerichtig ungeschminkt positiv beschrieben.

„Da ist die Gebärde des Kreuzes … dann stelle ich mich manchmal in dieser Kreuzgebärde in die Sonne und die frische Luft des Morgens. Dann fühle ich mich ganz eins, eins mit der Schöpfung, eins mit Gott, eins mit mir selbst, eins mit allen Menschen. Da ist dann keine Spaltung mehr in mir zwischen Himmel und Erde, zwischen Geist und Trieb, zwischen Spiritualität und Sexualität. Da ist alles eins … Aber in dem ich die Arme weit ausbreite, erahne ich manchmal, wie das ist, mit allem eins zu sein, all-eins zu sein.“12

Leider wird hierbei Psyche mit Pneuma, Agape mit Eros, Licht mit Finsternis, Christus mit Belial verwechselt. Man findet diese Phänomene nur zu oft bei den Mystikern und Schwärmern.13

Anselm Grün: „Das Beten für die Verstorbenen hat natürlich immer Sinn … es wird dann oft … zu einer Bitte an ihn, mich zu begleiten und mich zu bewahren vor einem Verfehlen meines Lebens“

Amseln Grün ist ein typischer Repräsentant katholischer Frömmigkeit. So schreibt er z. B. „Mir hilft das Rosenkranzbeten, um einzuschlafen“.14 Auch in der Aussage, „es ist gut und sinnvoll, für die Verstorbenen zu beten“15 wird offensichtlich, wessen Geistes Kind er ist.

„Aber soll einer nach 20 Jahren noch dafür beten, dass sein verstorbener Vater aus dem Fegefeuer in dem Himmel kommen möge? … Das Beten für die Verstorbenen hat natürlich immer Sinn. Aber es verwandelt sich. Zu Beginn ist das Beten Fürbitte, dass der Verstorbene sich für Gott entscheidet, dass er den Sprung in die Liebe Gottes schafft. Dann wird es zu einem Gebet, das mich mit dem Verstorbenen verbindet, zu einem Gebet, in dem mich der Verstorbene auf das eigentliche Ziel meines Lebens hinweist. Und es wird dann oft auch zu einem Gespräch mit dem Verstorbenen und zu einer Bitte an ihn, mich zu begleiten und mich zu bewahren vor einem Verfehlen meines Lebens.“16

Hier ist unzweideutig erkennbar, wie Mystiker bewusst oder unbewusst (hier offenbar sehr bewusst), unter der Leitung von Totengeistern stehen. Es bestätigt auch, dass die Kehrseite der Gnosis der Spiritismus ist und Rom hier wegen seines starken Bezugs zu den Verstorbenen – von Heiligen bis ins Fegefeuer hinein – besonders anfällig ist. Wie will man aus solch einer Quelle noch Brauchbares für die Gläubigen schöpfen?

Der offenkundige Bezug zu den Verstorbenen erklärt auch, warum dieser Benediktinermönch so sehr von C. G. Jung angetan ist.

Der offenkundige Bezug zu den Verstorbenen erklärt auch, warum dieser Benediktinermönch so sehr von C. G. Jung angetan ist. Arne Völkel, der Autor des Artikels über Anselm Grün schreibt in „Aufatmen“:

„Die Bibelauslegung Grüns ist teilweise stark durch die Einflüsse von C.G. Jung geprägt. Dieser betrachtete ‚archetypische Bilder‘ als Hinweis auf das menschliche Phänomen der Gottessuche … Für Grün bietet die Sprache und das Gedankensystem C.G. Jungs beste Voraussetzungen, das im christlichen Glauben auf dem Weg der Selbsterforschung Angestrebte in eine für Nichtchristen verständliche Sprache zu kleiden“.17

Es würde auch folgendes erklären:

„… wenngleich auch Grün (ähnlich wie Drewermann) faszinierend griechische Mythen auslegt – ganz so, wie er das auch mit biblischen Texten tun kann“.18

Kaum jemand hat so intensiv von spiritistischen Quellen getrunken, wie dieser Vater der Tiefenpsychologie. Seine ganze Karriere begann mit spiritistischen Sitzungen. C. G. Jungs Kontrollgeist Philemon war für ihn so real wie ein Wesen aus Fleisch und Blut.

„Er berichtet in seiner Selbstbiographie, wie ihn eigene Traumerfahrungen und visionäre Erlebnisse auf das Studium visionärer und spiritistischer Literatur führten, und wie er gerade in der spiritistischen Literatur überraschende Hinweise auf eine systematische Erfassung und Kontrolle seelischer Vorgänge fand, die ihm für die Entwicklung seiner eigenen Psychologie und seine Archetypenlehre wegweisend waren.“19

Völkel schreibt über Grün:

„Die Texte klagen nicht an und sie fordern nicht. Aber sie fördern ungemein, weil der Pater Gutes für seine Leser will … Er begleitet, indem er lehrt, leitet, tröstet und aufbaut. Nach einem Buch von Anselm ist man ein Stück reicher.“20 „Die eingehende Bildersprache Grüns fasziniert in seinen Büchern.“21

In derselben Nummer von „Aufatmen“ berichtet Birgit Schilling, wie sie vom pietistischen Erbe zur „charismatischen Bereicherung“ und zur Versöhnung von „Vielfalt und Unterschiedlichkeit“ kommt:

„Autoren wie Anselm Grün, Joyce Huggett und Henri Nouwen begleiteten uns in den kommenden Jahren.“22

Es ist die typische Mischung unsrer Tage: Etwas Psychologie, bevorzugt Tiefenpsychologie, etwas Mystizismus, etwas charismatische und ökumenische Frömmigkeit, gemäßigte Bibelkritik, New-Age in entsprechender Verdünnung und das Ganze mit so viel Bibelsprüchen garniert, dass es unsere Neoevangelikalen unter dem Deckmantel der Liebe anstandslos schlucken.

Wir sind tatsächlich Augenzeugen eines Aufbruchs und Einbruchs falscher und verführerischer Geister (2Thess 2,9-11). Es ist der Einbruch des Totenreiches (Offb 6,8) – nicht des Gottesreiches, obwohl es als solches verkauft wird.

Man möge mir die deutlichen Worte nachsehen, aber ich kenne diese Frömmigkeit nur zu gut. Ich bin selber im katholischen Kindergarten aufgewachsen und halbintern in der Klosterschule erzogen worden. Für mich ist es ein doppelter Schock, nun all das im frommen Gewand zurückkehren zu sehen, aus dem mich die Gnade Gottes herausgeführt hat.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen, die solche Bücher verbreiten und diesen Autor empfehlen, vom Heiligen Geist geleitet werden.

„Das Jesusgebet bringt mich immer und überall mit mir selbst in Berührung und lässt mich die Einheit mit Gott … erfahren“

Anselm Grün stellt auch Betrachtungen über Joh 17 an. Hier formuliert er ansprechende Gedanken, die sehr fromm und einleuchtend formuliert sind. Allerdings stellt sich spätestens dann die Ernüchterung ein, wenn man einige Zeilen danach erfährt, wodurch diese Einheit bewirkt werden soll:

„Der Ort, an dem wir bei Christus sind, ist das Gebet. Für die Ostkirche ist es das Jesusgebet, das sie mehr und mehr mit dem Geist Jesu Christi erfüllt. Die Ostkirche versteht das Jesusgebet als Zusammenfassung das ganzen Evangeliums. Für sie ist es der Weg, den Geist an Christus zu binden und durch Christus eins zu werden mit dem Vater. Für mich persönlich ist das Jesusgebet seit etwa dreißig Jahren mein Meditationsweg geworden. Ich übe es nicht nur bei der morgendlichen Meditation, sondern es begleitet mich auch tagsüber immer wieder, wenn ich durch die Gänge gehe, wenn ich irgendwo warte, wenn eine kleine Pause entsteht. Das Jesusgebet bringt mich immer und überall mit mir selbst in Berührung und lässt mich die Einheit mit Gott mitten in der Unruhe des Alltags erfahren. Wenn ich mit dem Einatmen die Worte spreche ‚Herr Jesus Christus‘ und beim Ausatmen ‚Sohn Gottes, erbarme dich meiner‘ dann bin ich dort, wo Christus ist. Dann erlebe ich, dass Christus hinabsteigt in alle Abgründe meiner Seele.“23

Dieses so genannte Jesusgebet, das nur darin besteht, rhythmisch den Namen des HERRN auszusprechen, ist auch im evangelikalen Umfeld nichts Neues. Schon vor ca. 30 Jahren hat es Wilhard Becker praktiziert und propagiert. Was damals noch aus einer offiziellen evangelischen Freikirche kam, empfangen die Evangelikalen heute zu Füßen eines Benediktinermönches. In der postmodernen Generation gibt es so gut wie keinen Berührungsängste mehr.

Arne Völkel erwähnt diese Gebetsform in seinem Bericht über Anselm Grün offensichtlich im positiven Kontext:

„Doch auch bei der Arbeit, in Pausen, beim Essen bleibt Gott durch das Jesusgebet gegenwärtig: ‚Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner‘“.24

Ähnlich harmlos heißt es von seiner persönlichen Meditation: „Dabei hilft ihm die Ikonenbetrachtung“.25

Zwar setzt der Autor bei anderen Passagen ein paar sachte Fragezeichen, doch der Gesamtartikel in „Aufatmen“ ist ein Lobeshymnus auf Anslem Grün im besonderen und das benediktinische Mönchtum im allgemeinen. Irgendwie hat man den Eindruck, dass die Unterscheidungsgabe zur Mangelware geworden ist. Die Klage des Apostels Paulus, dass „man einen anderen Jesus, einen anderen Geist und ein anders Evangelium gerne annimmt“ (2Kor 11,4), ist – man verzeihe die deutliche Aussprache – bald zum Markenzeichen dieser auch evangelikalen, postmodernen Generation geworden.

Und das ist nun die tragische Folgerung: Wir sind heute Augenzeugen eines esoterischen Dammbruches, der so ziemlich alle Bereiche erfasst hat. Mit „Aufatmen“ als Flaggschiff dringt dieser mystische Zeitgeist zum Teil gut getarnt, zum Teil kaum versteckt, in die Reihen einer evangelikalen Generation ein, die es leider immer mehr verlernt hat, vom Wort her zu leben (Mt 4,4).

Es soll hier nicht über die Motive von Ulrich Eggers, dem Redaktionsleiter von „Aufatmen“, geurteilt werden. Sicherlich sehnt er sich nach einer Erweckung, beseelt von dem großen Wunsch, Evangelikale und Charismatiker endlich zusammenzuführen. Dass er aber von dem christlichen „New Age-Guru“ Anselm Grün sehr angetan ist, kommt nicht überraschend. Schon vor Jahren hat unter seiner Ägide Ulrich Schaffer, dessen mystische Betrachtungen den Ausführungen eines Anselm Grün nicht unähnlich sind, im damaligen „Punkt“ eine einflussreiche Plattform erhalten. Übrigens findet man ähnliche Meditationstechniken auch bei Roger Schütz, dem Gründer von Taizé.

Der Absolutheitsanspruch Jesu Christi wird von Grün offen oder verdeckt preisgegeben.

Im Prinzip können sich über diesen Geist alle Religionen und Kulte finden. Die Mystik kann sich mit jeder Irrlehre oder falschen Religion verbinden. Das zeigt auch Grüns Aussage:

„Jeder Weg, der mich tiefer in die Gemeinschaft mit Gott führt, führt mich auch in die Ruhe. Für den einen ist es die Meditation, für einen anderen die Eucharistie, für einen dritten ein Spaziergang.“26.

Auch das passt genau in das moderne pluralistische Denken. Damit wird aber der Absolutheitsanspruch Jesu Christi von Grün mehr oder weniger offen preisgegeben:

„Gott ist für alle Religionen immer auch der erlösende Gott. Glaube ist in allen Religionen wesentlich der Glaube an das rettende und befreiende Wirken Gottes. Jesus Christus ist Gipfel und Vollendung der Erlösung. Aber wir dürfen nicht so tun, als ob Erlösung erst mit Jesus Christus anfange. Gott ist schon immer der erlösende Gott. Und er wirkt Erlösung auch in anderen Religionen.“27

„Aber zugleich dürfen wir hoffen, dass die Hölle leer ist.“

Wie dieser Sog dann alle Aspekte erfassen kann, zeigt auch die folgende Feststellung:

„Das Einssein ist auch die Bedingung für die wahre Ruhe. Wenn die Gegensätze in mir sich nicht mehr bekämpfen, wenn alles in mir eins ist, wenn Gott und Mensch, Geist und Trieb, Leicht und Dunkelheit, Stärke und Schwäche, animus und anima miteinander eins werden, dann bin ich tief in meiner Seele ruhig geworden.“28

Die „universelle Liebe“ soll schließlich alles umfassen. So kommt Grün zu dem Ergebnis:

„Aber zugleich dürfen wir hoffen, dass die Hölle leer ist. Wir dürfen der Liebe Gottes vertrauen, dass sie stärker ist als der Hass und die Selbstverschließung der Menschen.“29

Natürlich sagt Anselm Grün ebenso wie andere Mystiker manch Richtiges und zu Beherzigendes. Doch das steigert nur die Gefahr, dass seine Leser auch das Unbiblische seiner Lehren in sich aufnehmen. Evangelische Verlage, Buchhandlungen und Zeitschriften sollten sich gut überlegen, was sie tun, wenn sie die Schriften des Benediktinerpaters verbreiten.


  1. Herzensruhe – Im Einklang mit sich selber sein, Herder: Freiburg, Basel, Wien 1998. 

  2. Ebd., S. 112. 

  3. Ebd. 

  4. Ebd., S. 113. 

  5. Aufatmen 2/2000, S. 43. 

  6. Aufatmen 2/2000 S. 42. 

  7. Ebd., S. 43. 

  8. Herzensruhe, S. 113. 

  9. Ebd., S. 114. 

  10. Ebd., S. 116-117. 

  11. Es ist bedenkenswert, dass Michael Dieterich in seinem Buch „Wir brauchen Entspannung“, im Prinzip das gleiche empfiehlt. Nicht nur wird autogenes Training vorgeschlagen (S. 124), sondern auch die Meditationstechniken des Ignatius von Loyola. „Hier besitzen die römisch-katholische und die Kirche des Ostens einen reichen Schatz, den es für den stressgeplagten Christen unserer Tage zu heben lohnt. Bereits im Mittelalter hatten die Mönche immer wieder auf „drei Wege“ zur Ruhefindung in Christus hingewiesen. Ignatius von Loyola plante sie ganz bewusst in seine Exerzitien ein. Der Weg führt von der Reinigung über die Erleuchtung zur Einigung“ (Wir brauchen Entspannung, Brunnen Verlag, S. 40). Dies entspricht wiederum so sehr dem heute mystisch wie magisch gesättigten Zeitgeist, dass Dieterichs Buch in der Okkult-Zeitschrift Esotera mitten zwischen Uri Geller, Joseph Murphy, Elisabeth Kübler-Ross und anderen Spiritisten empfohlen wird (Esotera 12/1988). Zufall ist dies sicherlich nicht.Hier sei auch noch vermerkt, wie der ehemalige Jesuit Fred Ritzhaupt zeugnishaft davon berichtet, wie er seine Umkehr bei den ignatianischen Exerzitien erlebte. Ignatius von Loyola war der Gründer des Jesuitenordens, des Ordens, der die meisten protestantischen Gläubigen verfolgt, bekämpft und umgebracht hat. So erklärt Fred Ritzhaupt: „Durch viele Kontakte, vor allem im Ausland, wurde mir bewusst, dass sich meine Exerzitienerfahrung lückenlos in das einfügen lässt, was weltweit heute als ein geistgewirkter Aufbruch (gemeint ist die charismatische Erneuerungsbewegung, Anm.) innerhalb der Christenheit festzustellen ist“ (Charisma, Jesus-Haus Düsseldorf, Sonderausgabe, S. 206). 

  12. Herzensruhe, S. 117. 

  13. So ist eine Voraussetzung für ähnliche Erfahrungen die so genannte Geistestaufe. Als Beispiel sei das Zeugnis von einem katholischen Charismatiker angeführt: „… andere ums Gebet und die Handauflegung und wieder andere um die Geistestaufe baten. Ich erhielt die Geistestaufe. Ich glaube, dass die Sakramente dieselbe Wirkung haben können … Immerhin erkannte ich durch die Pfingstbewegung die Parallelen zwischen Zen-Satori und christlicher Bekehrung oder Metanoia“ (William Johnston, Zen – ein Weg für Christen, Topos Taschenbücher, S. 118 und 120) . In unseren evangelikalen Kreisen bewirkt die Geistestaufe sehr oft einen deutlichen Zug nach Rom. Die katholische Kirche wird auf einmal zu einer Quelle für Spiritualität und tiefgreifende mystische Erfahrungen. So musste ein Beobachter der Explo 2000 in Lausanne feststellen: „Nie vorher wie hier ist mir so deutlich geworden, dass der Geist der charismatischen Bewegung in die katholische Kirche führt.“ Ähnliches spielte sich bei dem charismatischen Kongress „Jesus 2000“ im Mai 1999 in Nürnberg ab. Starredner war Raniero Cantalamessa, der zur katholischen Erneuerungsbewegung gehört. Auf diesem Kongress war er ein vielbeklatschter Katholik, der von den Charismatikern als „unser Bruder im Vatikan“ bezeichnet wurde. Die Zuhörer waren so angetan, dass es zu einem symbolischen Versöhnungsakt zwischen den einzelnen Konfessionen, besonders mit Rom, kam. Als prophetische Handlung salbte nun jeder seinen Nachbarn mit Öl in Form eines Kreuzzeichens, was typisch ist für die magische Vorstellung, die innerhalb dieser Strömungen herrscht. Die Botschaften von Cantalamessa waren so überzeugend, dass ihm praktisch die ganze Zuhörerschaft zu Füßen lag und auch viele Evangelikale meinen, hier handelt es sich offensichtlich um einen bibeltreuen Bruder in Christo. Wir wollen uns miteinander versöhnen, so lautet die neue Toleranz. Die Liebe eint, die Lehre trennt! Doch wer ist dieser Mann wirklich?In seinem Buch Maria – ein Spiegel der Kirche, Adamas Verlag 1994, kann man lesen: „Als ich diese Seiten schrieb, war es mir eine große Hilfe, einige Ikonen der Gottesmutter zu betrachten (S. 15). Die Gnaden, um derentwillen man zur Gottesmutter betet, Kerzen aufstellt, Gelübde ablegt … Welche Freude machen wir Maria im Himmel und welchen Fortschritt bedeutet es in ihrer Verehrung… (S. 48). Wie Christus, ‚der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat‘ (Hebr. 4,15), so erging es auch Maria, auch sie hat nicht gesündigt! (S. 62). Von Jesus heißt es in der Schrift, dass er ‚sich selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses Opfer dargebracht hat.‘ Auch Maria bringt sich Gott im Heiligen Geist dar, …‘ (S. 58). Schon diesem frühen Schüler des Johannes (Meliton von Sardes) erscheint Maria unter dem Kreuz als das reine Lamm, das neben dem geopferten Lamm steht; sie, die das österliche Opfer geboren hat, und sich nun selber, gemeinsam mit ihm, darbringt‘ (S. 139). (Maria) ist nun die Tür, durch die hindurch wir in den Himmel eingehen: Ianua coeli, die Himmelstür … Ich zeige euch einen Weg, der alles übersteigt: Maria!“ (S. 282). 

  14. Herzensruhe, S. 128. 

  15. Wenn ich in Gott hineinhorche, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz, 2. Auflage 1997, S. 42. 

  16. Ebd. 

  17. Aufatmen 2/2000, S. 43. 

  18. Ebd., S. 44. 

  19. Ernst Benz, Die Vision, Ernst Klett Verlag, S. 11. 

  20. Aufatmen 2/2000, S. 40-41. 

  21. Ebd., S. 44. 

  22. Ebd., S. 64. 

  23. Herzensruhe, S. 145-146. 

  24. Aufatmen 2/2000, S. 43. 

  25. Ebd. 

  26. Herzensruhe, S. 147. 

  27. Mit Herz und allen Sinnen, Jahreslesebuch, Herder Freiburg 1999, S. 200. 

  28. Herzensruhe, S. 144-145. 

  29. Wenn ich in Gott hineinhorche, S. 40-41.