ThemenIslam und Christentum, Mission und Evangelisation

Abraham nach der Bibel und dem Koran

Gern wird heute, vor allem von christlicher Seite, die Einheit der drei Religionen Judentum, Christentum und Islam beschworen, weil sie sich alle auf Abraham und seinen Glauben an den einen Gott berufen. Der Rückgriff auf Abraham soll dazu dienen, den kleinsten gemeinsamen Nenner für alle an Gott gläubigen Menschen zu finden. Man will die Unterschiede im Gottesglauben zwar nicht verwischen, aber doch das Gemeinsame als Basis für das Gespräch und die Zusammenarbeit hervorheben. Dazu ist aber eine genaue Analyse und gute Kenntnis notwendig.

Bei genauem Hinsehen berufen sich jedoch Juden, Christen und Muslime auf einen sehr unterschiedlichen Abraham. Deshalb werden am jeweiligen Abrahamverständnis gerade nicht die Gemeinsamkeiten des Gottesglaubens und der Beziehung des Menschen zu Gott deutlich, sondern vielmehr ihre Unterschiede.

1. Die Quellen unseres Wissens über Abraham

Zur Person Abrahams gibt es Erst­infor­mationen nur im hebräischen Buch Genesis (1. Mose). Alle anderen Erwähnungen Abrahams im Alten Testament, im Neuen Testament, in der jüdischen Tradition und im Koran fußen auf diesen Berichten.

Bis jetzt gibt es m. W. keine außerbiblischen, profanhistorischen Zeugnisse über die Existenz Abrahams, z.B. aus Inschriften. Solche Zeugnisse sind auch kaum zu erwarten, da Abraham Beduinenfürst war und nicht in einem organisierten Staatswesen lebte. Selbst wenn man Inschriften mit dem Namen Abraham fände, würde das noch kein Beleg für die historische Existenz des Urvaters Israels sein. Historiker, die nur an nachweisbare Fakten glauben, werden in der biblischen Abrahamgeschichte unbeweisbare Legenden sehen. Allerdings können Historiker auch nicht beweisen, dass Abraham nicht gelebt hat. Daraus, dass es nur eine Erzählquelle für eine Person gibt, lässt sich nicht beweisen, dass es diese Person nicht gegeben hat.

Wir können davon ausgehen, dass die biblische Abraham-Geschichte zunächst mündlich überliefert und später schriftlich auf­ge­zeichnet wurde. Ich halte es nicht für angemessen, die Abra­ham-­Geschichte eine Legende oder Sage zu nennen. Wir dürfen in der Abraham-Ge­schich­te aber auch keinen modernen his­to­­rischen Bericht sehen. Die biblischen Erzähler haben vielmehr göttliches Heils­handeln bezeugt. Dieses basiert auf einer wirklichen Geschichte. Ich zweifle deshalb nicht daran, dass Abraham gelebt hat.

Wie genau die einzelnen Berichte sind, ist müßig zu fragen. Wir können das mangels Paralleltexten nicht nachprüfen. Wichtig ist, dass in der Geschichte Abrahams Gott selbst handelt und die biblische Erzählung das deutlich machen will. Hier werden nicht irgendwelche historischen Fakten aufgezählt, sondern Gottes Heils­taten bezeugt. Als solches Zeugnis sind die Berichte vom Geist Gottes gewirkt und insofern Offenbarung Gottes und Wort Gottes an uns. Offenbarung geschieht hier im geistgewirkten Bericht von einer lebendigen Geschichte. Offenbarung als Geschichte – das ist das biblische Selbstverständnis von Offenbarung, und das ist sowohl gegenüber einer rein historischen Betrachtungsweise, aber auch gegenüber dem islamischen Verständnis von Offenbarung festzuhalten.

2. Abraham als Vater der biblischen Heilsgeschichte

Ich kann hier nicht die ganze alttestamentliche Abraham-Geschichte (1. Mose 11,26-25,11) entfalten. Die bekanntesten Kerntexte sind 12,1-9 (Berufung und Zug nach Kanaan) und 22,1-19 (Befehl, Isaak zu opfern). In allen Texten stehen Abrahams Gehorsam und sein Vertrauen in Gottes Verheißungen im Mittelpunkt. Abraham bewährt sich auch in Situationen der Anfechtung.

In der Bibel wird vorausgesetzt, dass Abraham eine allgemeine Vorstellung von Gott hatte. Aus schriftlichen Dokumenten ist bekannt, dass die Menschen im Nahen Osten um 2000 v. Chr. neben zahlreichen lokalen und Stammes-Gottheiten einen obersten Gott EL verehrten. Das Besondere und Erstaunliche des biblischen Berichtes besteht darin, dass der oberste Gott EL Abraham persönlich erschien (12,7), ihn ansprach (12,1), ihm Befehle erteilte (ebd.) und sein Leben in eine dramatische Bewegung brachte. Abraham dankte Gott, so gut er es wusste und errichtete ihm zur Ehre einen Altar (12,8). Für den biblischen Erzähler war klar, dass EL kein anderer ist als der HERR (vgl. 12,1), also JAHWE, der Gott Israels; denn Israel hatte inzwischen viele Erfahrungen mit JAHWE gemacht und kannte den einen Gott viel besser als Abraham. Obwohl Abraham den Namen JAHWE noch nicht kannte (vgl. 2. Mose 3,13-15), war man in Israel überzeugt, dass kein anderer als Er zu Abraham gesprochen hatte.

Nach dem biblischen Bericht sollte der im Alter schon fortgeschrittene Abraham seine Sippe und das ihm vertraute Gebiet verlassen und als Nomade in ein fremdes Land ziehen, das Gott ihm nicht einmal näher beschrieb. Trotz dieser unmöglichen Ausgangslage gehorchte Abraham, und Gott gab ihm eine dreifache Verheißung (1. Mose, 12,2f). Erstens sollte seine Nachkommenschaft zu einem großen Volk werden. Dem ganzen Zusammenhang nach war dabei nur an Israel gedacht und nicht an die Nachkommen der anderen Kinder Abrahams, also nicht an Ismael und die sechs Söhne seiner dritten Frau Ketura (1. Mose 25). Man wusste zwar in Israel, dass in den Steppen der syrischen und der arabischen Wüste verwandte Völkerschaften wohnten, aber sie gehörten nicht zum Bundesvolk der zwölf Stämme. In diesem Sinne sagte die zweite Verheißung, dass die Nachkommen Abrahams in Kanaan Heimatrecht haben sollten, wo Abraham als Fremder lebte. Die anderen leiblichen Nachkommen Abrahams wohnten außerhalb des „verheißenen Landes“.

Die dritte Verheißung ging zeichenhaft schon zu Abrahams Lebzeiten in Erfül­lung. Er wurde durch irdischen Reichtum sichtbar gesegnet, so dass Menschen sich mit dem Namen Abrahams Segen wünschten. Gemeint ist aber noch wesentlich mehr. An der Stellung zu Abraham sollen sich Segen und Unheil entscheiden. Wer Abraham segnet, den segnet auch Gott. Diese Segensverheißung wird sogar auf die ganze Völkerwelt ausgedehnt: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (V. 3) Darin liegt eine Ver­heißung, die weit über Abraham und Israel hinaus auf den Einen verweist, in dem das endgültige Heil für alle Menschen beschlossen liegt.

Die Dramatik der alttestamentlichen Abrahams-Erzählung liegt darin, dass die drei Verheißungen ständig gefährdet wurden

Die Dra­ma­tik der alt­­­testamentli­chen Abra­hams­-Er­zählung liegt darin, dass die drei Verheißungen stän­dig gefähr­det wurden. In Ägypten ließ Abraham seine Frau Sara prak­tisch im Stich (1. Mose 12, 10ff, vgl. Kap. 20) und gefährdete die Nachkommenschaft. Dennoch wieder­holte Gott die Verheißung und schloss mit Abraham einen Bund (Kap. 15). Dann aber wurde klar, dass Sara keine Kinder mehr bekommen konnte (16,1). Deshalb machte sie den sehr menschlichen Vorschlag, Hagar zur Hilfe zu nehmen (16,2 ff). Dennoch wurde nach diesem Irrweg schließlich Isaak geboren, der Sohn der Verheißung und des Glaubens (21,1-7). Doch nun sollte Abraham ausgerechnet diesen Sohn des göttlichen Wunders opfern (Kap. 22) und damit unbegreiflicherweise die Erfüllung der Verheißungen wieder in Frage stellen.

In all dieser Dramatik blieb Gott seinen Versprechen treu, und Abraham erwies sich trotz viel Versagens als der, der Gott vertraute (15,6).

Das Alte Testament macht deutlich, dass die Verheißungen an Abraham allein über die Linie Isaak, Jakob und Israel erfüllt wurden. Die Segensverheißung für die Völkerwelt wurde wortwörtlich an Isaak wiederholt (1. Mose 26,3f.). Aus Israel erwählte Gott schließlich David und aus seiner Nachkommenschaft den verheißenen Messias, durch den alle Völker gesegnet werden. Als Christen lesen wir die alttestamentlichen Texte im Licht des Evangeliums, also von Jesus Christus, her. Um Jesu willen gilt das Angebot des Segens Abrahams allen Menschen und Völkern, auch den Arabern und den Muslimen.

3. Von wem erhielt Mohammed seine Informationen über Abraham?

Nach muslimischer Überzeugung erhielt Mohammed seine Informationen direkt durch Eingebungen des Engels Gabriel. Muslime sind deshalb der Meinung, dass die koranische Abraham-Geschichte wahr ist und der biblische Bericht falsch sein muss, wenn er vom koranischen Text abweicht. Allerdings geben Muslime zu, dass Mohammed keine Zeugen dafür hatte, dass ein Engel ihm die Abraham-Texte Wort für Wort vorsagte. Außerdem bleibt offen, wer die vermeintliche „Person“ war, auf die sich Mohammed berief. Der Korantext basiert also auf der Aussage eines einzelnen Menschen, während die biblischen Texte sich auf eine lange Kette von Zeugen stützen können.

Wenn wir die koranischen Aussagen über Abraham mit den Aussagen der jüdischen Lehrtradition (dem Talmud) vergleichen, fallen manche Parallelen auf. Deshalb wird der Religionshistoriker zu dem Ergebnis kommen, dass Mohammed sein Wissen über Abraham zum großen Teil von den Juden seiner Umwelt erhielt. Offensichtlich hat Mohammed diese Informationen aber auch in seinem Sinne verändert, indem er sein eigenes Schicksal als Verkündiger Allahs auf Abraham zurück projizierte. Er sah in Abraham einen Boten Allahs, der einen einsamen Kampf gegen die Götzendiener seiner Heimatstadt führte. Die Predigt Abrahams nach dem Korantext ist im Grunde die Predigt Mohammeds in Mekka. Da Mohammed von seinen jüdischen Gewährsleuten wusste, dass Abraham in seinem Kampf gegen den Polytheismus erfolgreich war, wurde die Abraham-Geschich­te für Mohammed eine Bestä­ti­gung dafür, dass auch er schließlich erfolgreich sein werde.

Für Mohammed war Abraham wichtig, weil er begriff, dass er vor Jesus und Mose lebte

Es ist zu vermuten, dass sich das Abraham-Bild Mohammeds Schritt für Schritt entwickelte. Anfangs war ihm Abraham als Zeuge des Schöpfer­gottes wichtig. Im Zuge seiner Auseinandersetzungen mit seinen heidnischen und jüdischen Gegnern wurde Abraham zum Kämpfer für die Einheit Allahs und damit zum vorbildlichen Muslim. Da die Texte in einem längeren Zeitraum verkündigt wurden, enthalten sie manche Ungereimtheiten und Widersprüche. In der Koranwissenschaft muss deshalb jeweils bedacht werden, ob die Aussagen der Predigt Mohammeds in Mekka oder in Medina zuzuordnen sind.Diese Unterscheidung würde allerdings den Rahmen dieses Artikels sprengen. Ich lege deshalb im folgenden Abschnitt den Koran als eine Einheit zu Grunde. Der aufmerksame Leser wird die „Brüche“ selbst feststellen können.

Für Mohammed war Abraham noch aus einem ganz anderen Grund wichtig. Er hatte begriffen, dass Abraham vor Jesus und vor Moses lebte und dennoch ein vollkommener Gottgläubiger war. Mohammed schloss daraus, dass er nicht Jude oder Christ werden müsse, um ein guter Gottgläubiger zu sein. Das wäre für ihn schwierig gewesen, da er die gottesdienstlichen Sprachen der Juden und Christen (Hebräisch, Aramäisch, Griechisch usw.) nicht verstand. Deshalb suchte er eine arabische Gottesdienstsprache und eine arabische Gemeinde von Gottgläubigen. Den Beweis für die Richtigkeit dieses Weges fand er in Abraham. In Sure 3,67 heißt es deshalb: „Abraham war weder Jude noch Christ. Er war vielmehr ein (Gott) ergebener Hanîf, und kein Heide.“ (Koranzitate nach Paret 2001)

Als die Juden und Christen seiner Umgebung seine Verkündigung jedoch ablehnten, wurde für Mohammed der Rückgriff auf Abraham zum Anlass, seinen Islam polemisch als die wahre Religion Abrahams zu verkündigen sowie Judentum und Christentum als degenerierte Formen der einen Religion abzulehnen. Er ging sogar noch einen Schritt weiter, indem er Abraham zum Stammvater der Araber machte, der zusammen mit Ismael die Kaaba in Mekka als Heiligtum für den einen Gott Allah errichtete. Mohammed verpflanzte Abraham also nach Zentralarabien, wofür es in der Bibel keinerlei Anhaltspunkte gibt.

Woher hatte Mohammed diesen Gedanken? Gab es jüdische Traditionen, die Abraham auch nach Arabien kommen ließen? Die in Arabien lebenden jüdischen Stämme waren vermutlich teilweise aus dem Heidentum zum Judentum konvertiert. Um ihre Konversion zu rechtfertigen, mögen sich bei ihnen Legenden gebildet haben, nach denen Abraham auf seinen Wanderungen auch nach Zentral­arabien gelangt war. Hier müssen Fragen offen bleiben.

4. Abraham als muslimischer Prediger, Prophet und Gesandter

4.1 Vorbemerkungen

Der Koran kennt keine zusammenhängende Abraham-Geschichte. Er nimmt vielmehr an verschiedenen Stellen und in verschiedenen Zusammenhängen in insgesamt 25 Suren auf Abraham Bezug.1  Ich versuche in der folgenden Darstellung, dem gesamten Textbestand gerecht zu werden, auch wenn das etwas ermüdend erscheint. Hinsichtlich des Stiles ist dabei zu bedenken, dass sich der Koran als Anrede Allahs (mit ihm ist das Subjekt „wir“ gemeint) an Mohammed (vermittelt durch einen Engel) versteht. Allah erinnerte Mohammed gewissermaßen an Abraham und seine Treue zum Eingottglauben in einer heidnischen Umwelt und stellte ihm damit Abraham als großes Vorbild hin. Nach Sure 26,69 soll Mohammed die Geschichte von Abraham „verlesen“. Dabei wird der Eindruck erweckt, dass Mohammeds Hörer die Abrahamgeschichte kannten und durch Mohammed an einzelne Züge erinnert werden.

Ein typischer Text ist Sure 21,51-71. Darin sagte Allah, dass er Abraham zum wahren Gottesglauben geführt habe. Dann wird berichtet, wie Abraham die Götzenbilder seines Vaters und seiner Sippe kritisierte. Diese verteidigten sich mit dem Hinweis auf die Tradition, aber Abraham hielt ihnen ihren Irrtum vor. Daraufhin unterstellten sie Abraham Unaufrichtigkeit, aber dieser bekannte sich zu Allah, dem Schöpfer, und kündigte an, die toten Götzen zu überlisten. Er zerschlug die Götzenbilder bis auf eins, woraufhin sich eine Diskussion zwischen zwei Gruppen der Sippe Abrahams ergab. Man verdächtigte einen jungen Mann(!) namens Abraham des Frevels an den Götzen und stellte ihn zur Rede. Abraham gebrauchte eine Lüge, um die toten Götzen zu verspotten, und verursachte dadurch einen Streit zwischen den beiden Gruppen der Götzendiener. Wieder verkündigte er den Glauben an den einen Gott und erklärte Götzendienst für Dummheit. Daraufhin wollten seine Gegner ihn verbrennen, aber Allah kühlte das Feuer ab und rettete Abraham. Die Gegner wurden dagegen vernichtet.

Der Spott über die toten Götzen erinnert an die Propheten Israels. In der jüdischen Verkündigung des Eingottglaubens spielte die Verspottung der ohnmächtigen Götzen eine erhebliche Rolle. Schon in der jüdischen Literatur erscheint Abraham als Prediger des Eingottglaubens, und das wird Mohammed von Juden erfahren haben. Er nahm diesen Gedanken auf, aber er verkannte die biblische Dramatik der Gefährdung und Erfüllung der Verheißungen. Deshalb gibt es im Koran keinen Text, der 1. Mose 12 entsprechen würde. Lediglich der Untergang Sodoms und Gomorras und die Opferung des Sohnes Abrahams (ohne Namensnennung) werden einigermaßen ausführlich berichtet. Ansonsten erscheint Abraham als Kämpfer für den Eingottglauben, als Muslim, Prophet und Gesandter Allahs.

4.2 Abrahams Kampf gegen den Götzendienst

Allah gab Abraham „seine richtige Einsicht“ (21,51), denn er war von Noahs „Art“ (37,83) und lebte mit „gesundem Herzen“ (37,84). Abraham kritisierte den Götzendienst seines Vaters Azar (6,74; ähnlich 19,42), sagte zu ihm, dass er „Wissen erhalten“ habe, und rief ihn deshalb auf, ihm auf „einen ebenen Weg“ zu folgen (19,43). Er mahnte seinen Vater und dessen „Leute“, nicht Standbildern zu dienen (21,52), fragte ihn und sie kritisch nach dem Götzendienst (26,70, ähnlich 37,85) und bezeichnete diesen als Lüge (37,86). Er bekannte sich zu Allah als dem „Herrn der Menschen in aller Welt“ (37,87), während sich sein Vater und seine „Leute“ zum Götzendienst bekannten (26,71). Abraham argumentierte, dass Götzen Gebete nicht erhören (26,72) und weder nützen noch schaden können (26,73). Er mahnte seinen Vater, nicht Satan zu dienen (19,44) und warnte ihn vor der Strafe Allahs und vor der Freundschaft mit Satan (19,45). Umgekehrt mahnte Azar seinen Sohn, die Götter nicht zu verschmähen, drohte ihm mit Steinigung und wollte ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen (19,46).

Der Ausdruck „Leute Abrahams“ (nach anderen Übersetzungen „Volk Abrahams“) zeigt, dass Mohammed die Abraham-Erzählung geschichtlich nicht einordnen konnte. Alles bleibt vage, wie so vieles im Koran. Nach 21,53 beriefen sich die Leute Abrahams beim Götzendienst auf ihre Väter (ähnlich 26,74). Abraham hielt ihnen und ihren Vätern Irrtum vor (21,54). Sie fragten kritisch zurück, ob Abraham ihnen die Wahrheit sage oder sie nur narren wolle (21,55). Nach 22,43 wurde Abraham von seinen Leuten Lüge vorgeworfen. Er aber verspottete die Götzen, weil sie weder essen noch sprechen können (37,91-92).

In der Auseinandersetzung mit den Götzendienern bezeugte Abraham den Glauben an den Schöpfer (21,56) und kündigte an, die Götzen zu „überlisten“ (21,57). Er zerschlug die Götzenstatuen bis auf eine große (21,58; vgl. 37,93, wo Abraham mit seiner Rechten auf die Götzen einschlug). Als die Leute den Schaden entdeckten, fragten sie nach dem Urheber (21,59, vgl. 37,94) und äußerten Verdacht gegen den „Burschen namens Abraham“ (21,60). Ein Verhör Abrahams wurde angeordnet (21,61) und durchgeführt (21,62). Darin behauptete dieser spöttisch, dass der größte Götze die anderen zertrümmert hätte und man ihn fragen sollte (21,63).

Diese List Abrahams entzweite die Götzendiener, die sich gegenseitig des Frevels bezichtigten (21,64). Sofort aber besannen sie sich, kritisierten Abraham und sagten, dass die Götzen doch gar nicht reden könnten (21,65) – womit sie ihre Torheit zugaben! Das nützte Abraham aus, um gegen den Götzendienst zu argumentieren (21,66, vgl. 37,95f: die Götzen sind Menschenwerk, Allah dagegen ist der Schöpfer) und die Götzendiener zu tadeln (21,67). Daraufhin ertönte der Aufruf, Abraham zu verbrennen (21,68; vgl. 29,24: Abraham sollte wegen seiner Predigt getötet und verbrannt werden, aber Allah errettete ihn; nach 37,97 wollte man ihn in einem eigens dafür errichteten Bau verbrennen. Das Thema erinnert an Dan. 3). Nach Sure 21,69 konnte das Feuer auf Allahs Befehl hin Abraham nicht schaden. Die List der Götzendiener nützte ihnen nichts, vielmehr schadete Allah ihnen (21,70; so auch 37,98). Allah rettete Abraham (und Lot, der hier unvermittelt auftaucht) „in das Land, das wir für die Menschen in aller Welt gesegnet haben“ (21,71). Es ist unklar, ob Mohammed unter diesem „gesegneten Land“ das biblische Land Kanaan oder Mekka als Stadt der Kaaba verstand. Solche vagen Aussagen können darauf hindeuten, dass sich der Verkünder des Korans gegenüber seinen Kritikern keine Blöße im Blick auf seine mangelhaften Kenntnisse geben wollte.

Das Thema der Auseinandersetzung mit dem Götzendienst erscheint im Koran in vielen Variationen. Nach 26,75-77 stellte Abraham „seine Leute“ im Blick auf die Götzen zur Rede, die „ihm feind“ sind. Nach 29,25 sagte er zu den Götzendienern, dass sie jetzt untereinander Freunde sind, sich am Tag der Auferstehung aber streiten und verfluchen werden. Sie kommen in die Hölle, wo ihnen niemand hilft. Nach 9,114 war Abrahams Vater ein Feind Allahs. Abraham hätte Allah deshalb nicht um Vergebung für seinen Vater bitten dürfen, was er nach 19,47 angekündigt hatte und nach 26,86 auch tat, weil jener irrte (vgl. auch 14,41). Die unterschiedlichen Aussagen des Korans zur Fürbitte für irrende Angehörige sind auffällig.

Abraham selbst hielt sich vom Götzen­dienst fern, betete allein zu Allah und vertraute auf seinen Beistand (19,48). Allah zeigte ihm seine Herrschaft, und Abraham ließ sich überzeugen (6,75). Dies geschah durch eine Beobachtung der Gestirne. Ein vergehender Stern kann nicht Allah sein (6,76; vgl. 37,88-90: Abraham warf einen Blick auf die Sterne und erkannte, dass sie ihn nicht von Krankheit heilen können). Ebenso lehnte Abraham den Mond als seinen Herrn ab, und bat vielmehr Allah um „Rechtleitung“ (6,77). In gleicher Weise verhielt sich Abraham im Blick auf die Sonne (6,78). Er wandte sich vielmehr dem Schöpfer zu und erwies sich damit als „Gottgläubiger“ (Hanîf) und nicht als Heide (6,79). Er bekannte sich vor den Heiden als von Allah „geleitet“ (6,80) und gegen deren Götzendienst, weil Allah ihm Sicherheit gibt (6,81).

Nach 2,258 bekannte sich Abraham im Streit mit einem anmaßenden Heiden zu Allah, der lebendig macht, sterben lässt und die Sonne aufgehen lässt. Er bat Allah um einen Beweis dafür, dass er Tote lebendig machen kann. Daraufhin machte Allah vier von Abraham geschlachtete und in Stücken verteilte Vögel wieder lebendig (2,260). Abraham mahnte seine Leute, Allah zu dienen (29,16), weil Götzendienst Lüge ist und Götzen im Gegensatz zu Allah keinen „Lebensunterhalt“ geben können. Deshalb gebührt Allah der Dank. Schließlich werden alle Menschen zu Allah „zurückgebracht“ und müssen sich vor ihm verantworten (29,17).

Hinter all diesen Aussagen ist im Hintergrund jüdische Predigt zu hören. Mohammed passte diese Informationen aber an seine eigene Situation an und machte Abraham zum Gewährsmann für seine eigene Predigt. Wie Mohammed konnte offensichtlich auch Abraham seine Sippe für den Allah-Glauben gewinnen, denn nach 3,33 war die „Sippe Abrahams“ von Allah erwählt worden.

4.3 Die Verheißung von Nachkommenschaft

Etliche Korantexte nehmen vage darauf Bezug, dass Allah dem Abraham Nachkommen ankündigte. Es sind Anspielungen, die fragen lassen, ob Mohammed die Geschichte und ihre Zusammenhänge verstanden hatte. Die „Erzählfetzen“ erscheinen beliebig kombiniert. Inhaltlich wird die Macht Allahs betont. Insofern haben die Texte mahnenden und tröstenden Charakter – für Mohammed wichtige Züge.

Nach 11,69 kamen Allahs Abgesandte zu ihm mit „froher Botschaft“ (so auch 29,31) und wurden von ihm bewirtet (so auch 51,26f). 15,51 spricht von einer „Kunde von den Gästen Abrahams“, 51,24 von der „Geschichte von den ehrenvoll aufgenommenen Gästen Abrahams“. Nach 11,70 hatte er Angst vor ihnen (vgl. 15,52; 51,25 u. 28). Sie sagten ihm, dass sie wegen Lot gekommen sind. Nach 51,28 verkündigten sie Abraham „einen klugen Jungen“ (ähnlich 15,53). Als seine Frau lachte, habe Allah ihr den Isaak und den Jakob angekündigt (11,71). Abraham solle keine Angst vor seinen Gästen haben (15,53). Nach 51,29 schrie Abrahams Frau auf und wies auf ihre Unfruchtbarkeit hin. 11,72 berichtet von der Verwunderung angesichts ihres und ihres Mannes Alter (vgl. 15,54). Dem gegenüber betont 11,73, dass Allah nichts Merkwürdiges tut, vielmehr Abraham und die „Leute des Hauses“ (ist die Kaaba in Mekka gemeint?) segnet. Das Angekündigte ist Wahrheit (15,55; vgl. 51.30), weshalb Abraham die Hoffnung nicht aufgeben soll.

Nach 19,49 schenkte Allah dem Abra­ham Isaak und Jakob (ähnlich 21,72; 29,27), wobei die beiden eher als Brüder erscheinen. Nach 14,39 lobte Abraham Allah jedoch für das Geschenk von Ismael und Isaak – trotz seines hohen Alters. Denn „mein Herr hört es, wenn man betet.“ Nach 14,40 bat Abraham Allah, dass er und seine Nachkommenschaft beten können (das muslimische Ritualgebet?) und dass Allah das Gebet „annimmt“.

4.4 Das Gericht über „Lots Leute“

Ähnlich wie im biblischen Bericht (1. Mose 18), steht im Koran die Fürbitte Abrahams für Lot in Verbindung mit der Ankündigung von Nachkommenschaft. Nach 11,74 wich das Erschrecken von Abraham, nachdem er die „frohe Botschaft“ (von der Nachkommenschaft) gehört hatte, und setzte sich nun zugunsten der „Leute von Lot“ ein. Er gab die „Hoffnung auf die Barmherzigkeit seines Herrn“ nicht auf (15,56) und fragte nach dem Anliegen der Gesandten (15,57, ähnlich 51,31). Nach 15,58 waren sie zu einem sündigen Volk gesandt worden (ähnlich 51,32), um das Gericht über „die Einwohner dieser Stadt“ (29,31) anzukündigen. In 51,33ff wird dieses geschildert.

Nach 11,75 war Abraham mild, empfindsam und bußfertig, aber seine Fürsprache war dennoch vergeblich (11,76). Nur Lots Familie wurde gerettet (15,59), seine Frau allerdings nicht (15,60; ähnlich 29,32).

4.5 Abrahams Opfergang

2,124 deutet an, dass Abraham von Allah „auf die Probe gestellt“ wurde. Ausführlicher nimmt der Koran in 37,99-113 umrisshaft auf die Bereitschaft Abrahams Bezug, seinen Sohn zu opfern. Abraham hatte Allah um einen „rechtschaffenen“ Erben gebeten (100). Daraufhin verkündigte Allah ihm die Geburt eines „braven“ Jungen (101). Weder wird die Geburt berichtet noch ein Name des Sohnes genannt. Als er „so weit war“, dass er mit seinem Vater „den Lauf machen“ konnte (manche Ausleger wollen darin den zur Wallfahrt gehörenden Lauf zwischen Al-Safâ und Al-Marwa in Mekka sehen!), eröffnete Abraham seinem Sohn, dass er in einem Traum gesehen habe, dass er ihn „schlachten werde“. Der Sohn soll sich dazu äußern. Dieser fügt sich in den Willen Allahs (102).

Die ganze Dramatik der Gefährdung der Verheißung großer Nachkommenschaft spielt im Koran keine Rolle. Abraham selbst nimmt die Spannung heraus, indem er den Sohn über sein Vorhaben aufklärt und ihn fragt, ob er bereit sei. Der Sohn erweist sich als Allah ergebener Muslim. Daraufhin ergab sich auch Abraham in Allahs Willen und setzte zur Schlachtung des Sohnes an (103), doch Allah griff ein und sagte Abraham, dass er durch seine Bereitschaft den Traum bereits wahr gemacht habe und Allah ihm seine Frömmigkeit ver­gelte (104f). Abra­ham hatte die Prüfung bestanden (106), und Allah löste den Sohn „mit einem gewaltigen Schlachtopfer“ aus (107). Deshalb sagte man später „Heil sei über Abraham!“ (108f). Ihm wurde von Allah bestätigt, dass er Muslim ist („gläubiger Diener Allahs“, 111).

Abraham hatte die Prüfung bestanden und Allah löste den Sohn „mit einem gewaltigen Schlachtopfer“ aus

Es fällt auf, dass in V. 112 ein Nachtrag erfolgt, der auf V. 101 Bezug nimmt und dem Abraham jetzt überraschend „Isaak“ verkündigen lässt, der als ein „rechtschaffener Prophet“ bezeichnet wird. Abraham und Isaak werden gesegnet (113a). Dafür könnte es zwei Erklärungen geben: Entweder nahm Mohammed einen jüdischen Einwand auf und sagte, dass Isaak der zu opfernde Sohn gewesen sei, oder er wollte nachträglich Isaak als den zweiten Sohn Abrahams von dem ersten (Ismael), nicht mit Namen Genannten, abheben. In diesem Sinne wird im Islam gelehrt, dass Ismael der zu opfernde Sohn gewesen sei, und in diesem Sinne erscheint in V. 113b eine kritische Bemerkung über die Juden als den Nachkommen Abrahams und Isaaks, unter denen es fromme und frevelhafte Menschen gibt. Auf jeden Fall dürften die Verse 112f. eine Auseinandersetzung mit jüdischen Gesprächspartnern Mohammeds wider­spiegeln und damit auch ein Licht auf die komplizierte Entstehungsgeschichte der koranischen Texte werfen. Inhaltlich ist entscheidend, dass auch die Verse 37,99 ff Abraham als frommen Muslim darstellen.

4.6 Abraham als Muslim

Viele Koranstellen sagen, dass Abraham sich als Muslim bekannte (z.B. 2,131), der seine Söhne ermahnte, ebenfalls Muslime zu sein (2,132). Bezeichnend ist die Auf­zählung in 26,77ff: Abraham glaubte an den „Herrn der Menschen in aller Welt“ (77), d.h. an Allah, der ihn geschaffen hat und „recht leitet“ (78), ihm zu essen und zu trinken gibt (79), von Krankheit heilt (80) sowie sterben lässt und auferwecken wird (81). Abraham hoffte, dass Allah ihm am Tag der Auferstehung seine Sünden vergeben wird (82), bat Allah um Urteilskraft und Aufnahme unter die Rechtschaffenen (83) und um einen „guten Ruf unter den späteren“ Menschen (84). Er erbat sich von Allah, „Erbe des Gartens der Wonne“ (des Paradieses) zu sein (85), bat um Gnade am Tag der Auferstehung (87) und erkannte, dass am Tag des Gerichtes weder Vermögen noch Söhne etwas nützen (88), sondern nur ein „gesundes Herz“ (89).

Nach dem Koran war Abraham ein „einsichtiger Diener“ Allahs (38,45), der die Menschen an die jenseitige „Behausung“ erinnerte (38,46) und deshalb im Jenseits zu „den Auserwählten und Frommen“ gehört (38,47). Denn er distanzierte sich vom Götzendienst seines Vaters (43,26) und bekannte sich zum Schöpfer und dessen Recht­leitung (43,27) sowie zu seiner Allwissenheit (14,38). Sein Bekenntnis zu Allah hatte unter seiner Nachkommenschaft Bestand (43,28). Abraham war ein Vorbild (arab. imâm) als Diener Allahs, leitete die Seinen nach Allahs Befehl, tat gute Werke, verrichtete das (rituelle) Gebet und entrichtete die Armenabgabe (21,73). Nach 60,4 war er ein „schönes Beispiel“ für die Muslime (so auch V. 6), weil er und die Seinen sich vom Götzendienst ihrer Landsleute lossagten. Dadurch kam es allerdings zu „Feindschaft und Hass“ zwischen ihnen „für alle Zeiten“, sofern sie sich nicht bekehren. Abraham bat Allah, nicht zu einer „Versuchung für die Ungläubigen“ zu werden, sondern bat um Vergebung (60,5). Abraham diente Allah in einem Maße, dass Allah als der „Gott Abrahams“ bezeichnet werden konnte (2,133).

In Variationen spricht der Koran von „Abrahams Leuten“ und seiner Nachkommenschaft. Er bildete eine vorbildliche Ge­meinschaft (arab. um­­ma), war Allah demütig ergeben, ein Gottgläubiger (arab. hanîf) und kein Götzendiener (16,120, ähnlich 3,67), dankbar für Allahs Wohltaten, von Allah erwählt und auf einen „geraden Weg“ geführt (16,121). Allah gab ihm im Diesseits Gutes (nach 29,27 „Lohn“), und im Jenseits gehört er zu den „Rechtschaffenen“ (16,122; ähnlich 29,27 und 21,72, wo Abraham mit Isaak und Jakob zu den Rechtschaffenen gezählt wird). Nach 14,41 bat Abraham Allah um Vergebung für sich, seine Eltern und die Gläubigen am „Tag der Abrechnung“. Nach 19,58 kamen aus seiner Nachkommenschaft Propheten, die rechtgeleitet und erwählt waren und in Anbetung weinend niederfielen, wenn sie die „Verse des Barmherzigen“ (Allah) hörten. Nach 29,27 machte Allah in der Nachkommenschaft Abrahams „die Prophetie und „die Schrift“ (die Thorah oder auch Psalmen und Evangelium?) heimisch.

Mohammed hatte verstanden, dass Abraham zeitlich vor Mose und Jesus einzuordnen war. Deshalb betont der Koran polemisch, dass Abraham weder Jude noch Christ war (2,140). Aus diesem Grunde sei ein Streit über Abraham überflüssig; Thora und Evangelium seien erst nach ihm offenbart worden (3,65). Abraham sei wahrhaftig „Prophet“ gewesen und „in der Schrift“ (welcher?) angekündigt worden (19,41).

4.7 Der Islam als die „Religion Abrahams“

In der Auseinandersetzung mit Juden und Christen behauptete Mohammed nach Sure 2,135, dass die Glaubensgemeinschaft (arab. milla) Abrahams die wahre Religion sei, weil er ein Gottgläubiger (arab. hanîf) und kein Heide war (ähnlich 3,95; 6,161 und 16,129). Folglich müssen die Araber nicht Juden oder Christen werden, sondern Muslime, die der Glaubensgemeinschaft Abrahams folgen (3,95, so auch 16,123). Denn die Religion Abrahams ist die „bessere Religion (arab. dîn)“ (4,125). Der Islam entstand nicht durch Mohammed, sondern war bereits die dem Abraham „anbefohlene“ Religion (42,13). Nach 22,78 verkündigte Mohammed den Arabern, dass die Religionsgemeinschaft „eures Vaters Abraham“ eine nicht bedrückende Religion sei. Nur Toren würden die milla Abrahams, des von Allah Auserwählten, verschmähen (2,130). In diesem Sinne bekannte sich nach 12,38 Joseph zur Religion seiner Väter Abraham, Isaak und Jakob, weil die Absage an den Götzendienst (Allah „nichts beigesellen“) Huld von Allah ist.

4.8 Abraham als Offenbarungsempfänger und „Schriftprophet“

Abraham hatte einen „höheren Rang“ als seine Zeitgenossen (6,83). In verschiedenen Zusammenhängen sagt der Koran, dass Abraham ein prophetischer Gesandter für seine Sippe war (9,70) und göttliche Offenbarungen erhielt (2,136; 3,84, 4,163), die als „Blätter von Abraham sogar schriftlich festgehalten wurden (87,19; vgl. 53,36f: „Texte Abrahams“). Nach 4,54 erhielt die „Sippe Abrahams“ „Schrift und Weisheit“ von Allah. Er war Gesandter und machte „die Schrift“ in seiner Nachkommenschaft heimisch (57,26). Genau wie später Mohammed sollte Abraham als Gesandter Allahs nur die göttliche Botschaft ausrichten, auch wenn sie von den Zeitgenossen „für Lüge erklärt“ wurde (29,18); denn Allah nahm auch von dem Propheten Abraham „eine feste Verpflichtung“ entgegen (33,7).

Nach 12,6 vollendete Allah seine Gnade an Abraham. In 2,124 wird er sogar als „Imam“ (Vorbild, Vorbeter) für die Menschen bezeichnet, jedoch – und das ist auffällig – bezog sich nach der gleichen Stelle der Bund Allahs mit Abraham nicht unbedingt auf seine Nachkommen. Das könnte eine kritische Bemerkung an die Adresse der Juden sein.

4.9 Abraham in Mekka

Nach dem Koran war Abraham der Begründer des Allah-Kults an der Kaaba in Mekka

Nach dem Koran war Abraham der Begründer des Allah-Kultus an der Kaaba in Mekka. Eine Zusammenfassung findet sich in der späten Sure 2. Nach V. 125 war „das Haus“ (d.h. die Kaaba) eine Stätte der Einkehr für die Menschen, ein Ort der Sicherheit und als Gebets­stätte ein „Platz Abrahams“ – ein Haus, das Abraham und Ismael(!) für die Wallfahrer reinigen sollten. Abraham bat Allah um Segen für die Muslime Mekkas (V. 126), nachdem Abraham und Ismael „die Mauern des Hauses“ errichtet hatten (V. 127). Abraham bat Allah, dass er und Ismael sowie ihre Nachkommen als gute Muslime leben und ihnen ihre „Riten“ (Wallfahrt, Fasten, rituelles Gebet) gezeigt werden (V. 128). Nach V. 129 bat Abraham Allah sogar um einen „Gesandten aus ihren eigenen Reihen“, womit wahrscheinlich Mohammed gemeint ist. Damit verknüpfte Mohammed Abraham mit sich selbst.

Bereits frühere Texte zeigen Abraham als Beter an der Kaaba. Er bat Allah, er möge Mekka sicher machen und ihn sowie seine Söhne vor dem Götzendienst bewahren (14,35). Der folgende Vers (14,36) richtet sich polemisch gegen die Irreleitung durch die Götzen Mekkas. Wer dagegen Abraham folgt, gehört zu ihm. Vers 14,37 sagt, dass Nachfahren von Abraham im unfruchtbaren Tal (Mekka) bei „deinem geheiligten Haus“ (der Kaaba) siedelten und Allah um Gunst bei den Einwohnern und um Früchte baten. Nach 22,26f wies Allah Abraham „die Stätte des Hauses als Wohnung“ an, warnte ihn vor dem Götzendienst und ermahnte ihn, das Haus für die Wallfahrer und Beter zu reinigen und die Menschen zur Wallfahrt aufzurufen.

4.10 Zusammenfassung

Durch den Koran wird Abraham „den Juden weggenommen“ und den Muslimen gegeben

Durch Mohammed und den Koran wird Abraham gewissermaßen „den Juden weggenommen“ und den Muslimen als ihr großer Ahnherr zugeeignet, denn nach Sure 3,68 stehen die Muslime und Mohammed Abraham am nächsten. Im Grunde deutete Mohammed damit die ganze göttliche Heilsgeschichte, wie sie die Heilige Schrift Alten und Neuen Testamentes bezeugt, in seinem Sinne um, indem er sich selbst zum Zielpunkt dieser Heilsgeschichte machte. Darin sehe ich das eigentlich Dämonische hinter Mohammed und dem Koran. Leider scheinen viele Christen im Westen diese Täuschung nicht zu erkennen bzw. um der religiösen Harmonie willen zu verdrängen. Das führt uns zu der nächsten Frage.

5. Vereint Abraham Juden, Christen und Muslime?

5.1 Abraham in jüdischer Sicht

Für das Judentum ist Abraham vor allem der Stammvater Israels und der Juden. „Wir haben Abraham zum Vater“ (Matth. 3,9; vgl. Joh. 8,33) – so rechtfertigen sich die zeitgenössischen Juden gegenüber Johannes dem Täufer und gegenüber Jesus. Mit dem Hinweis auf ihr Kindschafts­verhältnis zu Abraham lehnten sie sowohl den Bußruf des Täufers als den Jesu ab. Die leibliche Abstammung von Abraham machte sie selbstsicher gegenüber dem Anspruch Gottes auf ihr Leben. Jesus sagte ihnen: „Wenn ihr Abrahams Kinder wärt, so tätet ihr Abrahams Werke.“ (Joh. 8,39). Sowohl Johannes als auch Jesus sagten deutlich, dass eine leibliche Abstammung von Abraham nicht ausreicht.

5.2 Abraham bei Paulus

Paulus führte in seinen Briefen an die Römer (Kap. 4 und 9) und an die Galater (Kap. 3 und 4) aus, dass der wesentliche Zug an Abraham sein Vertrauen in Gottes Zusagen war: Abraham „wusste aufs allergewisseste: Was Gott verheißt, das kann er auch tun. Darum ist es ihm auch ‚zur Gerechtigkeit gerechnet worden.’“ (Röm. 4,21f.). Durch dieses Vertrauen lebte Abraham in der rechten Gottesbeziehung. Paulus hat sowohl den Abraham des 1. Mose-Buches richtig verstanden als auch im Sinne des Täufers und Jesu gedacht.

Wie für Johannes und Jesus hatte dieses Verständnis Abrahams für Paulus eine besondere Bedeutung in seiner Auseinandersetzung mit den gesetzestreuen Juden seiner Zeit. Für ihn war derjenige, der Gott bedingungslos vertraut, Kind Abrahams (Gal. 3,7). Die leibliche Abstammung war für ihn nicht entscheidend. Paulus machte das daran deutlich, dass Abraham ja viele leibliche Kinder hatte (außer Isaak auch Ismael und die Söhne der Ketura), aber nur Isaak, der im Vertrauen auf Gott gezeugte Sohn, Träger der Bundesverheißung war.

Paulus folgerte daraus, dass auch Menschen aus den Völkern der Welt (Gal. 3,8), Kinder Abrahams werden können, wenn sie Gott vertrauen. „So sollte er ein Vater werden aller, die glauben…“ (Röm. 4,11). Paulus begründete auf diese Weise, dass es nicht nötig sei, das mosaische Gesetz zu halten, um in die richtige Gottesbeziehung zu kommen. Das Gesetz sei wohl gut, aber es könne keinen Menschen in das rechte Gottesverhältnis bringen. Nur im Glauben an die durch Jesus Christus gewährte Sündenvergebung könne ein Mensch zum Frieden mit Gott gelangen.

5.3 Der Abraham des Koran

Mohammed argumentierte anfangs ähnlich wie Paulus, doch ist der Unterschied nicht zu übersehen. Denn anders als Paulus kannte Mohammed den im ersten Mose-Buch geschilderten Abraham nicht. Vielmehr projizierte er seine eigene Vorstellung von einem wahrhaften Gottgläubigen in Abraham hinein. Der Koran verkündigt also einen islamisierten Abraham, der gegen die Vielgötterei kämpfte wie Mohammed selbst.

Mit dem Rückgriff auf Abra­ham entzog sich Mohammed sowohl dem Anspruch des mosaischen Gesetzes als auch dem durch Jesus Christus bewirkten Heil. Mit Hilfe der Abraham-Projektion machte Mohammed die biblische Heils­geschichte von Abraham bis Jesus bedeutungslos. In der Bibel läuft die Linie des göttlichen Heils bekanntlich von Abraham über Isaak, Jakob und Mose zu Jesus Christus hin. Im Islam dagegen ist statt Isaak Ismael zum entscheidenden Sohn Abrahams geworden. Statt Isaak machte Mohammed Ismael zum wahren Erben des Glaubens Abrahams. Im Islam geht man davon aus, dass Ismael zum Stammvater der Araber und damit der Muslime geworden ist. Diese eigenmächtige Konstruktion ist jedoch historisch nicht nachweisbar, und auch in der Bibel gibt es dafür keine Anhaltspunkte.

5.4 Konsequenzen

Die Islamisierung Abrahams kann keine gemeinsame Plattform für den Gottesglauben von Juden, Christen und Muslimen sein. Sie ist vielmehr eine Abkehr von dem in der Bibel bezeugten Gott Israels und Vaters Jesu Christi. Das koranische und das biblische Zeugnis von Gott lassen sich nicht auf einen Nenner bringen, sind vielmehr trotz mancher Ähnlichkeiten im Kern unterschiedlich und gegensätzlich. Der Koran denkt zwar bei seinen Aussagen über Allah an den „einen Gott“, außer dem es keinen gibt, verkündigt aber einen „anderen Gott“ als die Bibel. Das macht jedes Gespräch zwischen Christen und Muslimen so schwierig. Mit den gleichen Begriffen meinen Christen, die der Bibel treu bleiben, etwas anderes als Muslime. Das gilt auch für das Wort „Allah“, das von arabischen Christen für „Gott“ benutzt wird. Arabische Christen und Muslime füllen das Wort „Allah“ mit unterschiedlichem Inhalt. Für arabische Christen ist klar, dass „Allah“ der in der Heiligen Schrift bezeugte HERR (JAHWE) Israels und Vater von Jesus Christus ist. Dieses Bekenntnis ist eine Absage an den „Allah“ des Islam.

Für uns ist wichtig, dass wir die biblische Botschaft von Abraham im Gedächtnis behalten. Weil Abraham erfuhr, dass Gott seine Versprechen wahr macht, werden wir ermutigt, uns in allen Lebenssituationen an den treuen Bundesgott zu klammern. Auch wenn Gott uns manchmal lange warten lässt wie Abraham mit der Geburt Isaaks; auch wenn scheinbar alles gegen die Erfüllung spricht; auch wenn wir in Kurzschluss­panik geraten wie Sara und Gott nicht vertrauen; auch wenn Gott uns auf die Probe stellt wie Abraham bei der Opferung Isaaks – Gott bleibt Herr der Lage und kennt unsere Anfechtungen.

Der biblische Abraham war kein Werber für den Monotheismus

Der biblische Abraham war kein Werber für den Monotheismus, sondern erlebte, dass Gott eine lebendige Wirk­lichkeit ist. Das ist doch auch für uns das Entscheidende! Was nützt uns die theoretische Erkenntnis, dass es nur den einen Gott gibt, wenn wir ihn nicht lieben und ihm nicht gehorchen? Der eine Gott will unser Herr, aber auch unser liebender himmlischer Vater sein, der unser Leben zum Ziel bringt. Das ist die biblische Botschaft der Geschichte Abrahams.

Literaturhinweise

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H. Speyer, Die biblischen Erzählungen im Qoran, Gräfenhainichen o. J. (um 1936).

Johan Bouman, Das Wort vom Kreuz und das Bekenntnis zu Allah. Die Grundlehren des Korans als einer nachbiblischen Religion, Frankfurt/M., 1980.

Heribert Busse, Die theologischen Bezieh­ungen des Islams zu Judentum und Christentum, Darmstadt 1988.

Johann-Dietrich Thyen, Bibel und Koran. Eine Synopse gemeinsamer Über­liefe­rungen, Köln 1989.

Johan Bouman, Der Koran und die Juden. Die Geschichte einer Tragödie. Darmstadt 1990.

Johan Bouman, Christen und Moslems. Glauben sie an einen Gott? Gemeinsam­keiten und Unterschiede. Giessen 1993 (S. 62ff: Abraham im Koran).

Friedmann Eißler, Gibt es eine abrahamische Ökumene? Zur Konstitution eines Begriffs und seinen religionstheolo­g­ischen Implikationen, in: Ralph Pechmann/Dietmar Kamlah (Hg.), So weit die Worte tragen. Wie tragfähig ist der Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen? Gießen 2005, 261-287.

Chr. Böttrich, B. Ego, F. Eißler, Abraham in Judentum, Christentum und Islam, Göttingen 2009.


  1. 2,124-133.135f.140.258.260; 3,33.65.84. 95; 4,54.125.163; 6,74ff.161; 9,70.114; 11,69-76; 12,6.38; 14 (sie trägt den Titel ‚Abraham’), 35ff; 15,51ff; 16,120-123; 19,41-49.58; 21,51-73; 22,26.27.43.78; 26,69-89; 29,16-18.24.25.27.31.32¸33,7; 37,83-98.99-113; 38,45-47; 42,13; 43,26-28; 51,24-31; 53,37; 57,26; 60,4-6; 87,19.