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Buch: He­­brä­isches Evangelium und synoptische Überliefe­rung

Baltes, Guido. He­­brä­isches Evangelium und synoptische Überliefe­rung. WUNT 312. Tübingen: Mohr Siebeck 2011. 711 S. Paperback: 99,00 €. ISBN 978-3-16-150953-7.

Hebräisches Evangelium und synoptische ÜberlieferungGuido Baltes legt hier die leicht überarbeitete Fassung seiner Dissertationsschrift vor. Sie wurde mit dem Prädikat summa cum laude im Februar 2011 von der Fakultät für Humanwissenschaf­ten und Theologie der Technischen Universität Dortmund angenommen. Die umfang­reiche und sorgfältige Arbeit erschien in der Reihe „Wissenschaftliche Unter­suchungen zum Neuen Testament“. Für die intensive Beschäftigung mit diesem Thema bereitete den Mar­burger Theologen besonders sein Auslands­dienst von 2003-2009 in Jerusalem vor.

Zunächst setzt sich der Verfasser mit den veränderten Rahmenbedingungen für die Frage nach dem „Hebräischen Evangelium“ auseinander. Eine neue Offenheit erkennt er besonders in der synoptischen und linguistischen Frage und der historischen Forschung. Gerade die synoptische Frage sieht er aufgrund der vielen Lösungs­ansätze und Modelle als nicht endgültig beantwortet an. Durch seinen neuen methodischen Zugang der „Rückfrage nach einemmöglichen hebräischen Sprachhintergrund der Evangelientradition und dessen vergleichende Einbettung in den Kontext hebräischer Literatur sowie jüdischen Glaubens und Denkens“ (:14) möchte er in diese Frage neue Anregungen hineinbringen.

Anhand neuerer wissenschaftlicher Er­­kenntnisse und verschiedener archäologischer Funde in Israel beschreibt er die Mehrsprachigkeit und den Sprachkontakt zur Zeit des zweiten Tempels. Dabei liegt sein besonderer Schwerpunkt auf der Verwendung der hebräischen und aramäischen Sprache. Die Mehrsprachigkeit sowie besonders die gelebte Verwendung des Hebräischen und Aramäischen zur Zeit des Neuen Testamentes belegt Baltes unter anderem auch an der Person des Apostel Paulus. Er kann zeigen, dass die hebräische Sprache im Bereich der literarischen Tätigkeit überwog. Auch bei Inschriften und in Alltagsdokumenten blieb die hebräische Sprache weithin in regem Gebrauch.

Eine neue Offenheit für die positive Auseinandersetzung mit dem jüdischen Kontext sieht der Verfasser erst nach der Zeit des Zweiten Weltkrieges gegeben, nachdem die Ergebnisse der langen Geschichte des Antisemitismus und Antijudaismus auch in der christlichen Kirche mit Erschrecken erkannt worden waren. Außerdem führten die zahlreichen archäologischen Funde und die Gründung des Staates Israel zu einer optimalen Ausgangssituation für die Frage nach dem jüdischen Kontext des Neuen Testamentes.

Im zweiten Kapitel setzt sich Baltes mit möglichen Wechselbeziehungen zwischen der hebräischen Sprache und der synoptischen Frage auseinander. Er beginnt wiederum mit einen Blick auf die Wirkungsgeschichte dieser Thematik, wobei es primär um das hebräische Evangelium geht. Dabei wurde das Zeugnis des Papias insgesamt „als mehrdeutig und unzuverlässig, zuweilen schlichtweg als Irrtum eingestuft“ (:202). Die Forschung zur synoptischen Frage und die Auseinandersetzung mit einem semitischen Hintergrund der Evangelien gingen meist getrennte Wege. An dieser Stelle setzt das Buch einen wichtigen und verbindenden Akzent.

In den sich anschließenden Kapiteln stellt Baltes seinen methodischen Zugang an vier verschiedenen Textpassa­gen aus dem Matthäusevangelium dar: das Auftreten Johannes des Täufers (Mt3,1-6), die Beelzebul-Kontroverse (Mt12,22-32), ein Gleichnis von Schuld und Vergebung (Mt18,21-35) sowie die Vorbereitungen zum Passahfest (Mt26,17-20). Dabei steht die sehr detaillierte Einzelunter­suchung der Texte und des jüdischen Kontextes mit dem Ziel der Rückübersetzung in die hebräische Sprache im Vordergrund. Außerdem wird die Auseinandersetzung mit dem Text zu Vergleichen innerhalb der Synoptiker und auch zum Johannesevangelium genutzt. So stellt der Verfasser zum Abschluss der Untersuchung immer eine mögliche Überlieferungsgrafik des entsprechenden Textes zusammen. Die Einzel­untersuchungen enthalten auch Bezüge zur jüdischen Umwelt und dem Alten Testament. Für das Studium der Einzeluntersuchungen ist die Kenntnis der hebräischen und griechischen Sprache notwendig. Ein besonderer Teil der Untersuchungen stellen die Markinischen Konflationen1 im Vergleich mit den anderen Synoptikern dar. Diese bilden für ihn ein wesentliches Argument gegen eine Markuspriorität. Des Weiteren erwähnt er verschiedene jüdische Texte und Beispiele, die einzelne Inhalte der Texte im hebräischen Kontext des zweiten Tempels verständlicher und lebendiger werden lassen.

Zusammenfasend macht er noch einmal deutlich, dass es ihm nicht um einen sicheren Nachweis hebräischer Quellen oder einer genauen Rekonstruktion dieser bzw. der Sprache von Jesus ging. Für ihn bildet die Verwendung der hebräischen Sprache und der jüdischen Literatur ein zusätzliches Instrument für die neutestamentlichen Texte. Für eine abschließende These zur synoptischen Überlieferung sieht er den Umfang der betrachteten Texte als zu gering an. Er nähert sich aber „der traditionellen Annahme einer protomatthäischen Gestalt der vorsynoptischen Evangelienüberlieferung, die möglicherweise in einer frühen Phase auch in hebräischer oder aramäischer Sprache tradiert wurde“ an (:596). Somit wäre die alte These von Papias noch einmal zu überdenken, was insgesamt ein neues Licht auf die Zuverlässigkeit der altkirchlichen Überlieferungen werfen kann.

Dass dies eine wissenschaftliche Arbeit auf hohem Niveau ist, zeigt sich neben den eingehenden Untersuchungen auch an den umfangreichen Registern und Verzeichnissen im Anhang des Buches. Dennoch ist gerade diese Art der Arbeit eine Hürde für interessierte Mitarbeiter in den Kirchen und Gemeinden, denn sie setzt neben altsprachlichen Kenntnissen auch ein umfangreiches Wissen zur synoptischen Thematik und zur jüdischen Umwelt des zweiten Tempels voraus. Es wäre zu wünschen, dass diese die relevanten Inhalte an die Mitarbeiter ihrer Kirche und Gemeinde in einer für alle verständlichen Sprache weitergeben. Wenn dies geschehen würde, wäre die Arbeit von Guido Baltes nicht nur ein hervorragender Beitrag zur neutestamentlichen Forschung, sondern auch eine Förderung für die Mitarbeiter in den einzelnen Kirchen und Gemeinden.


  1. Konflation. Zusammenführung. Damit ist meist die Kombination verschiedener kürzerer Texte zu einem längeren gemeint. D.Red.