ThemenMission und Evangelisation

Versöhnung oder Anpassung

Evangelisation und Gemeindebau in den Trends unserer Zeit

Ich möchte mein Referat mit drei Vorbemerkungen beginnen:

1.1 Evangelisation und Gemeindebau sind die wichtigsten Aufgaben der Gemeinde Jesu aller Zeiten.

Diesen Tatbestand müssen wir uns deutlich vor Augen halten. Es gibt für bibeltreue Christen nichts Wichtigeres als Evangelisation und Gemeindebau. Die missionarischen und gemeindlichen Herausforderungen sind riesig. Einige Zahlen: Auf unserem Planeten leben ca. 6 Milliarden Menschen. Davon müssen ca. 5,4 Milliarden Menschen im biblischen Sinne als Nichtchristen angesprochen werden. Die Zahl der wiedergeborenen Gläubigen wird mit ca. 600 Millionen angegeben. D. h. nur jeder 10. Bewohner auf diesem Planeten kommt in den Himmel! 90% müssen noch evangelisiert und in eine Gemeinde integriert werden. Insbesondere im 10/40 Fenster ist die Zahl der Christen erschreckend gering. Aber auch in der westlichen Welt gibt es ehemals christliche Staaten, in denen der Anteil der gläubigen Christen auf unter ein Prozent gesunken ist. Diese Zahlen sprechen für sich und sollten uns alle aufwecken. Allerdings: Es gibt viel zu wenige Missionare. Wenn wir uns die Weltchristenheit mit der Zahl 10.000 vorstellen, so arbeiten nur 2 Menschen vollzeitlich in der Mission.

In unserer postmodernen Zeit brauchen wir aber nicht nur offensive Evangelisation, sondern auch lebendige und schriftbezogene Gemeinden. Viele Regionen dieser Welt kennen keine neutestamentliche Gemeinde. Die weißen Flecken auf der Gemeindelandkarte sind riesig. Die Aufgaben im Bereich der Gemeindegründung sind groß. Aber auch in bestehenden Gemeinden muss es zu einer Umkehr zu Gott und seinem Wort kommen. Es gibt noch viel zu tun. Die Botschaft von der Versöhnung muss gepredigt werden. Es braucht in unserer Zeit nichts mehr als biblische Gemeinde.

Evangelisation und Gemeindebau sind für Christen Pflichtprogramm. Evangelisation ist nicht ins Belieben der Christen gestellt, sondern ein klares Gebot Jesu für alle Gläubigen (Mt 28,18-20). Christsein ohne Gemeindeengagement ist ebenfalls undenkbar. Darum kommen wir nicht herum. Jeder Christ ist ein Missionar. Jeder Christ ist ein Gemeindemensch. Diese Verantwortung gilt nicht nur für hauptamtliche Evangelisten oder Pastoren. Hier sind alle gefordert. Menschen brauchen die Erlösung in Christus. Christen brauchen eine bibelbezogene Gemeinde.

Gott benutzt in erster Linie uns Gläubige als Werkzeuge, um sein Heil den Verlorenen nahe zu bringen und um Gemeinde nach Gottes Bauplan zu verwirklichen. Deshalb gehen Evangelisation und Gemeindebau uns alle an. Deshalb müssen wir Evangelisation und Gemeindebau auf unsere Fahnen schreiben. Christen sind immer „Pro Evangelisation“ und „Pro Gemeindebau“, sonst haben sie ihr Christsein nicht verstanden. Dieser Impuls soll auch von diesem Kongress ins Land schallen und uns selbst aufrütteln.

1.2 Kontroversen um Evangelisation und Gemeindebau

In Deutschland erleben wir seit einigen Jahren innerhalb des bibeltreuen Lagers einen Kampf um die rechte Art von Evangelisation und Gemeindebau. Die Heftigkeit dieser Auseinandersetzung ist international einmalig. Zwar gibt es auch in anderen Ländern Anfragen an moderne Entwicklungen in Evangelisation und Gemeindebau, die Diskussionen werden dort aber wesentlich emotionsloser geführt, als in unserem Lande. In Deutschland besteht in diesen Fragen die Tendenz, bei nebensächlichen Differenzen gleich den Bekenntnisstand auszurufen und mit kompromissloser Härte Prinzipienfragen aufzurollen.

Was uns deshalb heute Not tut, ist ein kühler Kopf, ein wacher Geist und ein sachliches Prüfen anhand der Schrift. Evangelisation und Gemeindebau dürfen nicht unter die Räder kommen. Die Kritik an ihren modernen Formen darf nicht dazu führen, überhaupt nicht mehr zu evangelisieren oder Gemeindebau aus Sicherheitsgründen nicht zu praktizieren, um ja keine Fehler zu machen. Wer immer nur sagt, wogegen er ist, aber nicht gleichzeitig praktische Auswege aufweist, macht sich schuldig am Volk Gottes.

1.3 Kritik an Evangelisation und Gemeindebau muss möglich sein

Evangelisation und Gemeindebau brauchen die Korrektur durch die Theologie

Wir stehen heute vor einem weiteren Dilemma. Denn auch die Befürworter neuerer Evangelisationspraktiken und Gemeindebaumodellen legen eigentümliche Verhaltensweisen an den Tag. Jede Kritik an diesen Modellen wird als lieblos und unbrüderlich abgetan. Kritikern wird gar verboten, ihre Bedenken öffentlich zu äußern. Maulkörbe werden verteilt. Die Kritik an den Kritikern ist dabei manchmal unbrüderlicher als die Kritik der Kritiker selbst.

Hier möchte ich einwenden: Evangelisation und Gemeindebau müssen sich grundsätzlich immer auch der Kritik stellen. Es darf nicht angehen, dass man mundtot gemacht wird, wenn man auch nur die kleinste Kritik an neuzeitlichen Evangelisationsmethoden und Gemeindebaumodellen vorbringt. Evangelisation ist nicht frei von Fehlentwicklungen, wie wir noch sehen werden. Gemeindebau ist keine heilige Kuh, sondern braucht die Korrektur durch die Theologie, sonst wird er zur pragmatischen Seelenfängerei oder zu zeitgeistabhängiger Erfolgsstrategie. Evangelisation ist kein Selbstzweck, keine Plattform zum Ausleben frommer Bedürfnisse. Wahre Evangelisation und wahrer Gemeindebau müssen sich immer messen lassen am Maßstab der Heiligen Schrift. Evangelisation und Gemeindebau ohne Theologie ist sinnlos und gefährlich.

Wer eine Leidenschaft dafür entwickelt, immer nur die Fehler der anderen zu sehen, aber selbst nie einen missionarischen Lebensstil lehrt und praktiziert, macht sich unglaubwürdig

Aber auch das andere gilt: Theologie, die nicht zu Evangelisation und Gemeindebau führt, ist sinnlos und gefährlich. Wer nur in seinem Elfenbeinturm dogmatischen Theorien entwickelt, ohne den Auftrag Jesu an seine Jünger zu praktizieren, mit dessen Theologie stimmt etwas nicht. Wer die Evangelisation unserer Tage nur kritisiert und eine Leidenschaft dafür entwickelt, immer nur die Fehler der anderen zu sehen, aber selbst nie einen missionarischen Lebensstil lehrt und praktiziert, macht sich unglaubwürdig. Wer über Gemeindebaukonzepte schimpft, selbst aber nicht gemeindefähig ist oder gar selbst zu keiner Gemeinde gehört, der kann in seiner Kritik nicht ernst genommen werden.

Ich habe in meinem eigenen Lehrdienst es immer wieder als heilsam empfunden, wenn ich zu Evangelisationen eingeladen wurde. Es bewahrt den Lehrer und Theologen vor manchen Einseitigkeiten. Genauso wichtig halte ich mein eigenes Engagement in der Ortsgemeinde, das mich schon häufiger gelehrt hat, meine Theorie mit der Praxis zu verbinden. In diesem Kontext sollen meine folgenden kritischen Worte verstanden werden.

Evangelisation und Lehre gehören also zusammen. Beide brauchen einander, sind untrennbar miteinander verwoben, ergänzen sich gegenseitig, sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

2. Die Trends unserer Zeit

Ich beschränke mich bei der Darstellung der Trends unserer Zeit auf drei für unser Thema wichtige Entwicklungen in unserer Gesellschaft und ihre Auswirkungen auf Evangelisation und Gemeindebau.

2.1 Pluralismus

Die zunehmende Verweltlichung der westlichen Kultur zeigt sich heute in einem nie da gewesenen Pluralismus der modernen Welt. Unter Pluralismus versteht man philosophisch die Lehre, dass die Vielfalt der Erscheinungen nicht auf ein Urprinzip, sondern auf mehrere zurückzuführen sind. Darüber hinaus beschreibt der Begriff mittlerweile die Überzeugung, dass verschiedene Auffassungen des Lebens gleichwertig nebeneinander stehen können und gleichermaßen als richtig anerkannt werden müssen. Tatsächlich, die Wirklichkeit um uns herum ist geradezu bodenlos pluralistisch geworden. Unsere Gesellschaft kennt keinen allgemeinen Konsens mehr. Die totale Toleranz schwappt über in die totale Gleichgültigkeit. Jeder kann denken, was er will. Jeder kann überzeugt sein von dem, was er für richtig hält. Alles wird relativ, „anything goes“. Freiheit und Autonomie bestimmen unser Leben.

Der Pluralismus der Meinungen zeigt sich beispielhaft in einer „Unmenge“ von literarischen Produkten. Gedeckt durch das Grundrecht der Meinungsfreiheit werden alle möglichen und unmöglichen Meinungen auf den Markt geworfen. Ob Homosexuelle oder Neo-Konservative, ob Nazis oder Links-Liberale, ob Freidenker oder Evangelikale, ob Kommunisten oder Anarchisten – alle stehen scheinbar in einer Reihe. Jeder überschüttet uns mit seinen Parolen. Hörfunk und Fernsehen propagieren alle möglichen und unmöglichen Überzeugungen. Im Meer der Meinungsmacher wird die Orientierung schwieriger.

Pluralismus findet sich aber auch im gesamten Konsumbereich. Die Angebotspalette ist unüberschaubar geworden. Dutzende von Marken machen die Auswahl schwierig. Jeder größere Supermarkt zeigt die Pluralität des Angebotes. Wichtig jedoch: Auch bei den Trends der Gesellschaft gibt es einen großen Pluralismus. Jede gesellschaftliche Gruppe schafft sich ihre eigene Welt. Die „In’s“ und „Out’s“ ändern sich ständig. Heute „Hui“, morgen „Pfui“. Tendenzen sind nicht mehr voraussagbar.

Gemeindebaukonzepte favorisieren nicht mehr biblische Bekenntnisse, sondern dogmenlose Wohlfühlgemeinden

Pluralismus zeigt sich auch im religiösen Bereich. Jeder wählt die Kirche, die zu ihm passt. Das Angebot ist ja groß. Die Kirchen selber öffnen sich für alles Mögliche und Unmögliche. Evangelisation wird längst auch in liberalen Kreisen praktiziert, aber mit völlig anderen Inhalten als bei den Evangelikalen. Die Pluralität der Gesellschaft führt auf kirchlichem Gebiet auch zu sogenannten Szenen-Gemeinden, Kirchen, die nur für bestimmte Gesellschaftsgruppen offen stehen. Zudem hat sich im Pluralismus das Bild von Kirche verändert: Kirche wird heute zum Dienstleistungsunternehmen, ist ein Angebot unter vielen. Innerhalb der Kirche will man in Ruhe gelassen werden. Gleichgültigkeit macht sich vielerorts breit.

Manche Evangelisationsstrategien und Gemeindebaukonzepte scheinen den Pluralismus integriert zu haben. Jede Methode scheint möglich, Hauptsache sie ist erfolgreich und zeitigt gute Ergebnisse. Autoritative Entscheidungen passen nicht ins tolerante Konzept der Moderne. Jeder darf seine eigenen Meinungen haben. Der Alleinvertretungsanspruch Jesu wird längst diskutiert und von vielen abgelehnt. Der Weg zum Heil scheint plural zu sein, nicht mehr singular. Bei Gemeindebaukonzepten geht es häufig gar nicht mehr um biblische Bekenntnisse, sondern um konfessionslose und dogmenlose Wohlfühlgemeinden.

Pluralismus ist zur modernen Ideologie geworden und steckt auch in vielen unserer Kirchen und Gemeinden. Pluralismus paart sich dabei mit totaler Toleranz. Die Wahrheitsfrage wird überdeckt, interessiert heute nicht mehr. Ob Jesus wirklich auferstanden ist, bleibt unwesentlich. Pluralismus lehnt letzte Wahrheiten ab. Er führt zur Verwirrung und Orientierungslosigkeit, weil er nicht in Gottes Offenbarung festgemacht ist. Die Ideologie des Pluralismus ist auch der Tod der Evangelisation, denn in der Evangelisation geht es um ein Entweder-Oder, nicht um ein Sowohl-als-auch.

2.2 Individualismus

Der moderne Mensch ist ein totaler Individualist.

Der amerikanische Philosoph Philip Rieff schrieb in einem Buch Anfang der 90er Jahre:

„Was die Modernität meines Erachtens am meisten kennzeichnet ist die Überzeugung, dass der Mensch sich keiner Macht mehr unterordnen muss, außer seiner eigenen.“1

Diese amerikanische Analyse kann man ohne weiteres auch auf die deutsche Situation übertragen. Die Bedeutung des Einzelnen steht heute im Mittelpunkt der Welt. Er bestimmt über sich selbst, er entscheidet für sich selbst, er verwirklicht sich selbst und er dreht sich ständig um sich selbst.2 Der moderne Mensch ist ein totaler Individualist.

Der Siegeszug des Individualismus begann schon mit dem Humanismus. Die Renaissance stellte das menschliches Abbild in den Mittelpunkt der künstlerischen Ausdrucksweise. In der Aufklärung wurde der autonome und kritische Mensch sich seiner selbst bewusst. Er drückte damit Gott immer mehr aus dem Mittelpunkt allen Seins und setzte sich selbst auf den leergewordenen Thron. Der Mensch nahm nur noch das für wahr an, was ihm selbst als logisch und einsichtig erschien.

Immer mehr dreht man sich heute um sich selbst. Die eigenen Befindlichkeiten stehen im Vordergrund. Selbstverwirklichungstherapien sind „in“. Der Hedonismus, die eigene Glücksbefriedigung nimmt zu. Der Mensch sieht sich als „autonomes“ Wesen. Autonomie heißt jedoch: „Sich selbst Gesetz sein“. Der Mensch wird das Maß aller Dinge. Er sucht das eigene Glück. Er ist in sich selbst verliebt.

Individualismus zeigt sich heute konkret in einer Zunahme der Single-Haushalte. Schon in über 40% aller Haushalte lebt nur eine Person. Auch hier schottet man sich ab, lebt seine Bedürfnisbefriedigung. Individualismus führt in die Einsamkeit, in die Anonymität des Einzelnen. Gemeinschaftsdefizite treten auf, Kommunikationsstörungen und Beziehungskonflikte sind an der Tagesordnung. Auch hier spielen die Medien mit: In Zukunft wird es durch Pay-TV ein individuelles Fernsehprogramm geben, bei dem sich jeder sein eigenes Programm zusammenstellen kann. Der Mensch vereinzelt, wird einsam. Weil er der letzte Sinngeber geworden ist, lasten Unmengen von Verantwortungen auf ihm selbst. Das wiederum führt zu einer weiteren totalen Innenorientierung des Menschen.

Die Souveränität des allmächtigen Gottes passt nicht mehr in das neue Schema des Glaubens

Gibt es einen zunehmenden Individualismus auch in der Gemeinde? Ich glaube ja. Auch hier erkenne ich die Tendenz, dass der Einzelne seine Autonomie fordert. Man lässt sich nicht reinreden. Jeder lebt seinen Glauben nach der eigenen Überzeugung. Man schottet sich ab, bleibt unverbindlich. Individualisten sind lieber Beobachter, Zuschauer in der Gemeinde, leben unverbindlich. Man hockt nur mit den Leuten zusammen, die auf der gleichen Wellenlänge liegen. Je nach Geschmack wird schnell die Gemeinde gewechselt. Den Glauben lebe ich für mich, nach meinem Gutdünken.

Auch Evangelisation und Gemeindebau sind nicht frei von den Einflüssen des Individualismus im Sinne der heute fast überstarken Menschenzentrierung. Die Bedürfnisse des Menschen stehen im Mittelpunkt des Interesses. Er soll sich wohl fühlen. Die Wünsche des Menschen sind auch oft oberste Leitlinie der Gemeindearbeit. Man muss den Menschen da abholen, wo er steht, sich auf seine Ebene herablassen, ihn nur ja nicht zu stark in die Pflicht nehmen. Bekehrung wird als Wahlentscheidung in das Belieben des Einzelnen gestellt. Der freie Wille des Menschen wird gegen die Prädestination ausgespielt. Übergeordnete Normen und Bestimmungen werden nicht mehr akzeptiert. Die Souveränität des allmächtigen Gottes passt nicht mehr in dieses neue Schema des Glaubens.

Dieser Individualismus führt zum Egoismus, zur Rücksichtslosigkeit, zur totalen Selbstverwirklichung, auch im Bereich des Glaubens. Das persönliche Glück beherrscht alle meine Wünsche. Der Mensch nimmt sich selbst zu wichtig und verfehlt so seine gottgewollte Zielvorgabe. Der Mensch macht sich selbst zum kleinen Gott, zur letzten Instanz, und verlernt es, sich unterzuordnen. „Ich und mein Gott“ – so heißt heute schon die Devise mancher Christen.

2.3 Privatreligion

Wir beobachten seit Jahren eine zunehmende Religiosität der Menschen. Wir leben nicht im prophezeiten religionslosen Zeitalter. Im Gegenteil: Der moderne Mensch ist hoffnungslos religiös. Leider geht diese Religiosität aber nicht hin zu den Kirchen. Kirche ist out. Der persönliche Jesus des Einzelnen ist dagegen „in“. Es ist der selbstgemachte Qumran-Jesus oder der New-Age-Jesus: sanft, anhänglich, bestätigend. Die östlichen Religionen schwimmen auf der neuen religiösen Welle mit. Viele Menschen glauben wieder an Wunder. Engel sind „in“ – viele Bestsellerbücher des vergangenen Jahres waren Bücher über Engel. Die Menschen stellen wieder die letzten, großen Fragen. Wer bin ich? Woher komme ich? Der Kult um Prinzessin Diana trug zutiefst religiöse Züge. Tausende hängen sich Kreuze um, auch wenn sie mit dem Christentum nichts am Hut haben. In der modernen Pop-Kultur tauchen überall religiöse Riten und Symbole auf.

Das Christentum hat Konkurrenz bekommen. Vorbei ist die Zeit der Monopole, auch im Bereich der Religion. Wir tun uns noch zu schwer mit dieser neuen Sachlage. Der Islam pocht an die Tür des christlichen Abendlandes.

Buddhismus und Hinduismus offerieren ihre Heilslehre seit den 60ern. Der Dalai Lama passt scheinbar besser zur Toleranzkultur der Moderne als das autoritäre Christentum. Aber auch Reiki und Tai-Chi, Yoga und Irisdiagnose, Love-Parade und der Kult um die Boygroups offenbaren die Sehnsucht nach dem Transzendenten.

Das religiöse Erlebnis tritt an die Stelle der Theologie

Evangelisation und Gemeindebau sind in diesen Sog mit hineingenommen. Zunächst: Die Leute kommen nicht mehr automatisch zu uns in die Kirche. Wir müssen zu ihnen gehen. Damit tun wir uns schwer. Und: Moderner Glaube ist in erster Linie ein Gefühlsglaube geworden, ein emotionales High-Erlebnis mit dem Transzendenten. Er unterscheidet sich nicht mehr wesentlich von religiösen Erfahrungen der Mystiker, der Schamanen oder der Sufis. Die Unterschiede zwischen Christentum und anderen Religionen sind vielen nicht mehr offensichtlich. Die Erfahrungsreligion der Moderne sieht über alle dogmatischen Unterschiede hinweg. Das religiöse Erlebnis tritt an die Stelle der Theologie. Die vagabundierende Religiosität der Moderne hat auch unsere Kreise erreicht. Die Kirche als Institution verschwimmt, die Erfahrung dagegen eint.

Unsere gesellschaftliche Situation eröffnet neue Chancen und Gefahren für den Gemeindebau und die Evangelisation. Chancen, weil der moderne Mensch wieder offener geworden ist für das Religiöse. Er fragt wieder nach Gott. Gefahren, weil diese Offenheit für das Religiöse nur wenig mit biblischem Christentum zu tun hat. Gefahren auch, weil wir alle in der Gefahr stehen, in unseren Frömmigkeitsformen den Zeitgeist zu kopieren.

3. Evangelisation in den Trends unserer Zeit

Die entscheidende Frage ist nun, in welchem Verhältnis sollen Evangelisation und die aktuelle Kultur zueinander stehen. Genauer: Wie können wir die alte Botschaft von Christus in unsere moderne Zeit hineintragen? Gegen die Trends oder mit den Trends? Sind alle Methoden der Evangelisation biblisch legitimiert? Wo liegen Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen? Wo liegen die Freiheiten, die wir uns nehmen können?

3.1 Die eigene kulturelle Gebundenheit

Befürworter und Gegner heutiger Evangelisationspraxis machen sich häufig zu wenig Gedanken über ihre eigene kulturelle Gebundenheit. Wir sind alle Kinder unserer Zeit, ob wir das merken oder nicht.

Zunächst zu den Gegnern moderner Evangelisationstechniken. Ich Evangelisationen, die stark vom kulturellen Hintergrund alter Traditionen geprägt waren. Hier hieß es: Zu jeder Evangelisation gehört eine 50-minütige lautstarke Predigt, ein knappes Vorprogramm, ein gemischter Chor (oder ein Posaunenchor) und vor allem ein klarer Aufruf nach vorne. Wenn von diesem Schema abgewichen wird, gab es Protest. Schon die Einführung eines Anspieles gilt hier manchen als gefährlich, ganz abgesehen von einer Band oder von Pantomime. Vor allen Dingen durfte der Aufruf zur Bekehrung nicht fehlen, der eindringlich und wiederholt den Menschen nahe gebracht wurde.

Ich möchte diese Art der Evangelisation keineswegs prinzipiell in Frage stellen. Tatsächlich ist diese klassische Evangelisationsveranstaltung von Gott reich gesegnet worden – bis in die Gegenwart. Auch heute finden dadurch viele Menschen den Weg zum lebendigen Glauben. Problematisch wird die Sache nur, wenn Vertreter dieser Evangelisationsmethode meinen, diese Form der Evangelisation sei die allein biblische. Unterschwellig liegt hier die Überzeugung zu Grunde, diese Form der Evangelisation sei schon von den Aposteln im Neuen Testament angewandt worden und sei deshalb über jeden Fortschritt erhaben.

Ein Blick in die Bibel würde jedoch schnell zeigen, dass die Apostel keineswegs mit Zelt und gemischtem Chor unterwegs waren, nirgendwo von einem Aufruf nach vorne die Rede ist, überhaupt Evangelisation als eigene Veranstaltungsart in der Bibel nicht vorkommt. Die uns überlieferten Predigten waren keineswegs 45 Minuten lang, sondern von erstaunlicher Kürze.

Manche Evangelisationskonzepte scheinen in den Rang von unfehlbaren Glaubenserkenntnissen erhoben

Damit sage ich nicht umgekehrt, dass eine solche Form deshalb abzulehnen wäre, weil sie nicht in der Bibel vorkommt. Ich möchte damit etwas anderes sagen: Dieser Zusammenhang zeigt, dass wir nicht zeitgebundene Evangelisationskonzepte der Vergangenheit zum Schibboleth für alle heutigen Evangelisationen machen dürfen. Auch die klassischen Evangelisationskonzepte eines Elias Schrenk, Jakob Vetter, Gerhard Bergmann, des Janz-Teams oder der Barmer Zeltmission sind nicht direkt aus der Bibel abgeleitet, sondern sind immer Ausdruck einer bestimmten gesellschaftlichen Disposition, die zeitbedingt ist und war.

Andererseits muss man genauso darauf hinweisen, dass moderne Evangelisationsformen natürlich erst recht zeit- und kulturgebunden sind, genauso wie die eben dargestellten traditionellen Konzepte. Ihre kulturelle Abhängigkeit ist zwar nicht die des späten 19. Jahrhunderts, sondern des späten 20. Jahrhunderts. Aber auch diese Vertreter machen sich über die kulturellen Prägungen ihrer Konzepte viel zu wenig Gedanken. Auf dieser Seite glaubt man sogar, dass die Anpassung an die gesellschaftlichen Formen der Gegenwart eine Voraussetzung für echte Evangelisation sei. Auch manche dieser Vertreter sehen in ihren Evangelisationskonzepten das „non plus ultra“ und erheben sie in den Rang von unfehlbaren Glaubenserkenntnissen. Wenn nicht in jeder Evangelisation ein mindestens 45minütiges Vorprogramm mit Band, Pantomime, Anspiel, Clownerie, Interviews, Showeinlagen und Lebensberichten vorkommt, dann stimmt etwas nicht. Wenn nicht in jeder Evangelisation nach den Bedürfnissen der heutigen Menschen gefragt wird, kann das alles nicht funktionieren.

Beide Seiten müssen erkennen: Evangelisation findet in Raum und Zeit statt und ist deshalb zwangsläufig verknüpft mit kulturellen Prägungen und Traditionen. Diese grundsätzlich zu verdammen, wäre unsinnig. Sobald irgendein Mensch auftritt, sobald irgendwelche Gebäude im Spiel sind, werden aus Evangelisation und Gemeindebau zeitbezogene Dinge. Sich dieser Prägungen bewusst zu werden und ihnen immer wieder selbstkritisch gegenüber zu stehen, ist die eigentliche Herausforderung unserer Zeit. Evangelisation und Gemeindebau verbinden sich formal immer mit der Kultur, können und dürfen deshalb nie eine exakte Kopie der neutestamentlichen Verhältnisse sein und müssen sich angesichts der kulturellen Verflechtungen immer wieder kritische Rückfragen gefallen lassen. Die Form darf den Inhalt nicht korrumpieren. In dieser Herausforderung stehen wir in unserer Zeit.

3.2 Die inhaltliche Gebundenheit von Evangelisation und Gemeindebau

Die Zuhörer verlassen die Evangelisation und wissen nicht, was sie tun sollen

Trotz der unumgänglichen kulturellen Verflechtungen unseres Tun gibt es eine unwandelbare Konstante, das ist die inhaltliche Botschaft, wie sie uns im untrüglichen Wort Gottes nahegebracht wurde. Die Bibel hat uns viel über Evangelisation und Gemeindebau zu sagen. Ihre Aussagen gelten für alle Zeiten und sind absolute Autorität für alle Zeiten. Sie sind die Mitte und das Zentrum unseres Handelns. Alle unsere Konzepte, ob traditionell oder modernistisch, müssen sich an diesem ewig gültigen Maßstab messen lassen.

Für die Evangelisation heißt das, dass der Inhalt der Botschaft nicht verwässert werden darf. Das Wort vom Kreuz, d. h. die Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders durch den stellvertretenden Kreuzestod Christi, muss der Kern aller Verkündigung bleiben, sonst ist alles verloren. Es geht um „sola gratia“ und „sola fide“, um Sünde, ewige Verdammnis und ewige Seligkeit, um Buße und Umkehr, um Bekehrung und Wiedergeburt. Evangelium, die Siegesbotschaft vom Reich Gottes, muss inhaltlich klar durchkommen, sonst haben wir versagt. In der Evangelisation muss deutlich werden, dass wir nicht aufgrund unserer menschlichen Leistungen gerettet werden, sondern allein durch die Gnade Gottes.

Diese inhaltlichen Zusammenhänge sind alles andere als klar. Moderne Evangelisationen stehen z.B. in der Gefahr, mit Andeutungen zu arbeiten und die Dinge nicht klar auf den Punkt zu bringen. Die Zuhörer verlassen die Evangelisation und wissen nicht, was sie tun sollen. Der Sack wird nicht zugebunden, der Mensch wird auf halbem Wege stehen gelassen. In starker Rücksichtnahme auf den modernen Zuhörer, dem man nichts Unangenehmes zumuten möchte, erschöpft man sich in der Darstellung der Sonnenseite des Christentums. Man spricht nicht mehr von ewiger Verdammnis, Hölle, Sünde und Gericht, sondern lieber vom Sinn und Ziel des Lebens. Die irdische Dimension der Erlösung wird stärker herausgestellt als die himmlische. „Komm zu Jesus und alles wird gut“ – lautet die Parole. Die Grausamkeit des Kreuzes ist natürlich nichts für den harmoniegeprägten Zeitgenossen der Moderne. Man will es jedem Recht machen, verliert dabei aber alles. Am Ende weiß der Zuhörer gar nicht, warum und wofür er eigentlich umkehren soll.

Unangenehme Dinge wie Verlorenheit, Strafe, Hölle und Gericht wurden von den Gemeindegründern der Bibel nicht geschickt umgangen, sondern deutlich und offen formuliert

Eine ähnliche Tendenz finden wir in der Gemeindearbeit. Die Bibel spricht davon, dass nur Gläubige zur Gemeinde gehören sollen, dass Gemeindezucht geübt werden muss, dass nicht jeder in der Gemeinde so leben kann, wie es ihm gefällt. Die biblischen Vorgaben der „ecclesia“ Christi sind heute jedoch bedroht. Wir beobachten die Tendenz, dass der Mensch im Mittelpunkt der Gemeindearbeit steht, nicht mehr der allmächtige Gott. Erfolgreiche Gemeinde definiert sich oft über die Zahl der Gottesdienstbesucher, nicht an dem Maß der geistlichen Festigung der Gemeinde. Äußerlichkeiten werden wichtiger als theologische Grundlagen. Die angenehme Persönlichkeit des Predigers scheint mittlerweile das wichtigste Kriterium für die Gemeindewahl zu werden. Die Predigten sind zwar unterhaltsam, aber inhaltsleer. Gemeindezucht tritt dagegen in vielen Gemeinden zurück.

Anders dagegen die Evangelisten und Gemeindegründer der Bibel. In der Mitte ihrer Verkündigung stand Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene. Erst danach kam die Sorge um den Menschen. Ihre Evangelisationspredigt enthielt alle wichtigen Punkte: Sünde, Kreuz, Umkehr. Unangenehme Dinge wie Verlorenheit, Strafe, Hölle und Gericht wurden nicht geschickt umgangen, sondern deutlich und offen formuliert. Ihre Gemeindearbeit umfasste alle Gläubigen, aus allen gesellschaftlichen Gruppen. Auf Lehrunterweisung wurde großer Wert gelegt, damit die neuen Gläubigen fest und unumstößlich wurden. Gemeindezucht war kein Fremdwort. Das Wohl der Gesamtgemeinde stand über dem Wohl des Einzelnen. Unverbindlichkeit wurde nicht geduldet. Das allgemeine Priestertum aller Gläubigen widerstand dem Ein-Mann-System. Nicht die schmeichelnde Rede überzeugte, sondern die Wahrheit des Wortes Gottes. Es ging nicht um Sympathie, sondern um Wahrheit. Der Gottesdienst war in erster Linie nicht eine emotionale High-Erfahrung, sondern Ausdruck der Anbetung Gottes in Wort und Wahrheit.

Wer diese Kernstücke der biblischen Botschaft auf dem Altar der Moderne opfert, verliert alles. Zusammenfassend möchte ich die warnende Stimme eines Soziologen erwähnen. Peter Berger, der wohl gerade weil er kein Theologe ist Dinge klar auf den Punkt bringen kann, schreibt in seinem Buch „Sehnsucht nach Sinn“:

„Wenn die Kirche die ‚Torheit‘ [des Evangeliums] preisgibt, verliert sie ihre Existenzberechtigung, gibt sie sich selbst auf… Wenn die Kirche (oder in diesem Fall einzelne Christen) den transzendenten Kern der christlichen Lehre preisgeben, um sich mit dem Zeitgeist zu arrangieren, dann geht dabei die wertvollste Wahrheit verloren, die der Kirche anvertraut ist – die Wahrheit von der Erlösung der Menschen durch Christus, in welchem Gott in die Welt kam.“3

3.3 Die formale Freiheit

Niemals stellte er sich selbst als Star in den Mittelpunkt, sondern wies die Menschen weg von sich hin auf Christus

In unseren gegenwärtigen Debatten dürfen wir jedoch nicht auf der anderen Seite des Pferdes herunterfallen. Die Heilige Schrift macht deutlich, dass in der Form der Evangelisation Gott den Gläubigen gewisse Freiheiten einräumt. Sie zu leugnen wäre ein verhängnisvoller Fehler.

Schauen wir in die Schrift hinein. Paulus, der große Missionar, hatte kein „Schema F“ für die Evangelisation. Mal diskutierte er mit den Philosophen auf dem heidnischen Areopag (Apg 17,16ff.), d. h. er ging in die weltliche Akademie und trieb Evangelisation als Apologetik. Dann wiederum predigt er in der Synagoge, d. h. im Versammlungssaal einer anderen religiösen Gemeinschaft, indem er den Zuhörern das Alte Testament eröffnete (Apg 17,3 u.a.). Dann finden wir ihn als evangelisierenden Zeltmacher (Apg 18,3), der auch während der Arbeit das Glaubensgespräch suchte. Mal predigt er zu einzelnen (Apg 24,10ff.), mal zu größeren Gruppen oder ganzen Familien (Apg 16,32 u.a.). Immer wieder versuchte er auch die Aufmerksamkeit der Menschen zu wecken (z. B. Apg 22,2). Niemals stellte er sich selbst als Star in den Mittelpunkt, sondern wies die Menschen weg von sich hin auf Christus. Evangelisation war für ihn kein Sonderprogramm, sondern alltägliche Aufgabe. Inhaltlich benutzte er Schriftlesungen und Auslegungen alttestamentlicher Texte, Gespräche und Disputationen, Beweisführungen und Apologien. Seine Methode waren vielfältig, den Zuhörern angemessen, auf jeden Fall nicht schematisch.

Gleiches beobachten wir bei unserem Herrn. Er gesellte sich zu den Zöllnern und Sündern, zu den Huren und Ausgestoßenen, d. h. er evangelisierte unter Randgruppen (Mt 9,10f.), was heute in manchen unserer Kreisen Stirnrunzeln hervorrufen würde. Dann wiederum finden wir ihn in der Synagoge in Nazareth (Lk 4,16), bei den heidnischen Völkern in Galiläa (Mk 6,21), bei der Mischbevölkerung in Samaria (Joh 4,4). Er evangelisierte zu jeder Stunde: in der Mittagshitze die Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4), in der Nacht den Juden Nikodemus (Joh 3). Er kannte Massenauftritte (Mt 5-7) und Einzelgespräche (Joh 3-4).

Anknüpfungspunkte waren ihm keineswegs fremd (Lk 13,4: Turm von Siloah). Christus war ein Meister der Illustration: Er benutzte Gegenstandslektionen und Sprachbilder, Gleichnisse und viele andere kunstvolle Stilfiguren. Seine Predigten waren kurz und prägnant, holten die Leute dort ab, wo sie waren. Er verschwieg keine unangenehmen Dinge und konnte auch recht handfest zur Sache gehen. Sein Reden in Vollmacht löste mehrmals bei den Zuhörern großes Erstaunen und Betroffenheit aus (Lk 4,32.36).

In gewisser Weise kann man auch das Alte Testament heranziehen. Auch hier sind die Methoden der Verkündigung vielfältig. Die Propheten predigten nicht nur durch Worte, sondern auch durch Gesten und Zeichen. Hesekiel ist nur ein Beispiel unter vielen: Auf einen Ziegelstein malt er ein Bild des belagerten Jerusalems (4,1-3), bestimmte Liegepositionen sollten die Aufmerksamkeit des Volkes wecken (4,4-8), durch die Darstellung der Belagerungsspeise wurde die Not Jerusalems vorausgesagt (4,9-17), das Abschneiden der Haare war Ausdruck der Trauer (5,1-4) usw. Die Propheten schreckten auch vor Provokationen nicht zurück, um das Volk aufzurütteln. Gott sprach im Alten Testament durch Gedenksteine, Opfer, durch Personennamen und durch zeichenhaftes Handeln usw. Die Bibel gebraucht auf der sprachlichen Ebene Hunderte von zeitbedingten Stilfiguren, um geistliche Wahrheiten zu verdeutlichen.

Deshalb ist auch heute Kreativität angesagt. Ich plädiere dafür, dass auch wir konservative Christen uns mehr über die neuen Möglichkeiten der Evangelisation Gedanken machen. Welche riesigen Chancen gibt uns z. B. das Internet, oder auch Radio und Fernsehen! Warum nicht pfiffige Plakate kreieren, ansprechende Traktate gestalten? Warum haben wir nicht mehr Mut, mit Evangelisationen auf den Marktplatz der Moderne zu gehen, statt damit in den hinteren Winkeln zu verharren?

Die Botschaft von Christus muss immer so formuliert sein, dass der Mensch sie in seinem kulturellen Kontext versteht

Die formale Vielfalt in Evangelisation und Gemeindebau zeigt sich auch in dem Tatbestand, dass Gott dazu menschliche Mittler benutzt. Das Evangelium erschallt nicht direkt vom Himmel, sondern durch den Mund von Menschen. Gemeindebau geschieht ebenfalls nicht ohne Menschen. In seiner großen Gnade gebraucht Gott uns Menschen dazu. Wir Christen vermitteln zwar nicht das Heil – das ist wichtig zu betonen –, aber wir vermitteln die Verkündigung des Heils. Dadurch wird klar, dass Gemeindebau und Evangelisation immer eine zeitbezogene Dimension besitzen, wenn der Faktor Mensch ins Spiel kommt. Es wäre töricht, dies zu übersehen.

Die Botschaft von Christus muss immer kontextualisiert werden, d. h. so formuliert sein, dass der Mensch sie in seinem kulturellen Kontext versteht. Nichts anderes tut übrigens die Außenmission seit Jahrhunderten. Dafür können unterschiedliche Formen verwendet werden, wie wir sie auch in der Heiligen Schrift finden. Diese Kontextualisierung ist jedoch immer das Sekundäre und darf nicht das Skandalon des Kreuzes verdecken. Die Botschaft von Christus darf durch die Herabneigung in die Kultur nicht so verdreht herauskommen, dass ihr die Spitze gebrochen wird. Deshalb müssen sich alle Formen an der Frage messen lassen, ob sie zur Botschaft hinführen und selbst eine klare Aussage über den Glauben vermitteln. Eine Rockband im Vorprogramm, die so laute Musik macht, dass man den Text nicht versteht, verfehlt ihr Ziel. Ein Entertainer im Vorprogramm, der die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht und damit die Predigt zur Nebensächlichkeit degradiert, dient nicht dem Zweck der Evangelisation. Genauso wenig darf ein Evangelist die Menschen manipulieren oder an sich binden.

D. h. in der Form der Evangelisation dürfen wir kreative neue Ideen entwickeln, die aber immer zum Inhalt passen müssen und die Botschaft nicht verdecken dürfen. Gerade an diesem Punkt stehen wir heute vor einer Wende. Immer mehr wird der gute Inhalt der Evangelisation überdeckt durch eine Vielzahl von Begleitprogrammen, die mehr auf die Unterhaltungsschiene abzielen, als auf den Aufruf in die Nachfolge. Noch einmal: Kreative und zeitgemäße Verkündigung ist nötig und biblisch geboten. Aber die Hauptsache muss die Hauptsache bleiben.

4. Ausblick

Evangelisation und Gemeindebau sollen zeitgemäß aber nicht zeitgebunden sein

Ich möchte meine Ausführungen mit einem Leitsatz zusammenfassen: Evangelisation und Gemeindebau müssen heute zeitgemäß aber nicht zeitgebunden sein.

Sie müssen zeitgemäß sein, weil die Botschaft von der Versöhnung nur in menschlicher Sprache weitergegeben werden kann und damit auf zeitgemäße Verständigung angewiesen ist. Genau aus diesem Grund predigen wir übrigens heute nicht in Griechisch und Hebräisch, obwohl dies die Sprachen der Bibel sind, sondern in Deutsch. Genau aus diesem Grund ist es keineswegs als weltlich zu verteufeln, wenn sich zur Predigt auch ein Anspiel gesellt. Die Botschaft muss zeitgemäß sein, weil schon die Evangelisten der Bibel das kulturelle Umfeld der Verkündigung berücksichtigt haben und weil auch Christus bei seinem Kommen in die Kultur einging.

Was heute aber zum Problem wird ist das zweite: Die Botschaft darf nicht zeitgebunden sein, so als ob in unserer Zeit das Evangelium anders gefüllt werden müsste, als vor 2000 Jahren. So als ob wir der Botschaft heute nachhelfen müssten, um sie zur Wirkung zu bringen. Das Kommen Christi in Raum und Zeit geschah zwar in der Kultur, war aber gleichzeitig eine totale Infragestellung aller Kultur. So wie Christus sündlos im Fleisch war, so müssen auch wir die überkulturelle und ewig-gültige Botschaft vom Heil kulturell relevant machen. Dies gelingt uns nur, wenn wir die Botschaft klar und deutlich erklingen lassen und nicht verflüssigen. Es geht nicht darum, die Botschaft umzubiegen, damit sie ins Schema der Moderne passt. Es geht vielmehr darum, Steine aus dem Weg zu räumen, damit unsere Zeitgenossen die klare Botschaft hören können.

Unsere Aufgabe ist es nicht, Säure über die noch nicht Gläubigen auszugießen, sondern sie Liebe spüren lassen

Ich möchte schließen mit einigen Worten von Charles Haddon Spurgeon, der vielleicht wie kein anderer Evangelisation und biblische Lehre in seinem Dienst vorbildlich zusammengebunden hat. Er schrieb einmal:

„Wir dürfen auf die Wahrheit nicht verzichten! … Es ist gut, ernstlich für den Glauben einzutreten, der einmal den Heiligen übergeben ist, wie die Bibel sagt. Aber ich wäre beschämt, wenn ich vor dem Richterstuhl Christi einmal nur dies eine sagen könnte: Herr, ich habe gelebt, um gegen die Irrlehrer und gegen Verführer und gegen Ungläubige zu kämpfen! Gut, wir wollen den guten Kampf des Glaubens kämpfen, wo er gekämpft werden muss. Aber das Gewinnen von Menschen für Jesus ist eine noch größere, eine noch wichtigere Sache … Unsere Aufgabe als Christen ist es nicht, Säure über die noch nicht Gläubigen auszugießen. Sondern der gute Same des Wortes Gottes muss wachsen dadurch, dass wir Menschen Liebe spüren lassen.“

In diesem Sinne wünsche ich uns allen die Liebe zu unserem Herrn, die sich in der Liebe zu den verlorenen Seelen in unserer Zeit niederschlagen wird. Evangelisation und Gemeindebau sollten wir nicht den neo-liberalen Zeitgenossen überlassen, sondern sie sollten Kennzeichen der bibeltreuen Bewegung unserer Zeit sein. Das möge Gott in seiner Gnade schenken


  1. Philip Rieff, The Feeling Intellect, Chicago: University of Chicago Press, 1990, S. 280. 

  2. Zum Individualismus vgl. die aufrüttelnde wenn auch nicht unumstrittene Studie von Meinhard Miegel/ Stefanie Wahl, Das Ende des Individualismus: Die Kultur des Westens zerstört sich selbst, 2. Aufl. München: mvg, 1994. 

  3. Peter L. Berger, Sehnsucht nach Sinn: Glauben in einer Zeit der Leichtgläubigkeit, Frankfurt: Campus, 1995, S. 20-21.